Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Wenn man ein neues Haus bezieht und sich einigermaßen eingerichtet hat, kann man es in der Regel nicht abwarten, eine Einweihungsparty zu feiern. Die soll dann nach Möglichkeit einen gewissen Stil, einen Charakter haben, etwas darüber aussagen, was das neue Haus für die Bewohner bedeutet, wie man hier miteinander leben will und kann – und wer hier künftig als Gast willkommen ist.

Ganz genauso geht es auch mir und meiner Frau mit diesem Amtssitz am Spreebogen. Natürlich: Der Abschied vom Schloss war mit viel Wehmut verbunden und fiel nicht leicht, gibt es doch so schöne Erinnerungen an so viele Gesprächsrunden, Begegnungen, Feiern, kulturelle Veranstaltungen der verschiedensten Art.

Aber jetzt ein Neuanfang: ein ebenso buntes wie schlichtes Haus, das eine ruhige Würde ausstrahlt, sich selber nicht wichtigmacht und so den richtigen Rahmen bietet für kulturelle und republikanische Veranstaltungen, wie sie unserer Zeit gemäß sind. Oder, wie es der Architekt Matthias Sauerbruch bei der Schlüsselübergabe gesagt hat: eine Balance aus Ernst und Freude, aus Disziplin und Unkonventionellem, aus Einigkeit und Diversität.

Zum Amtssitz des Bundespräsidenten gehörte es und soll es auch weiter gehören, dass er ein offenes Haus der Begegnung ist – auch eines, in dem immer wieder um das Selbstverständnis unserer Gesellschaft und unseres Landes gerungen wird. So haben wir dieses neue Haus vor ein paar Tagen ganz bewusst mit einer Veranstaltung eröffnet: „Zuhause in Deutschland. Wie wir miteinander leben.“

In gewisser Weise schließt dieses Konzert heute daran an und soll ebenso ein Signal sein für den Geist dieses neuen Hauses, und zwar in zweierlei Hinsicht: als Haus der Kultur und als Haus der Begegnung.

Wenn wir danach fragen, wie wir miteinander leben wollen, was uns verbindet oder was uns Orientierung geben kann, dann denken wir zu Recht besonders an Kultur. Was wir darunter verstehen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verwandelt. Kaum noch jemand assoziiert damit automatisch sonntägliches Klaviertrio im bürgerlichen Haushalt oder stummes Staunen vor Alten Meistern in schwach belüfteten Museen. Das sind zum Glück nur noch Klischees.

Darum können wir mit dem Begriff Kultur neu und unbefangen umgehen, ihn sozusagen entlüften, entgrenzen, ihn leichter und umfassender machen: „Klassik, Pop et cetera“, um den selber schon klassischen Titel einer Radiosendung zu zitieren. Dann können wir sagen: Ja, Kultur ist uns wichtig, und Teilhabe möglichst aller an Kultur sollte Kennzeichen unserer Gesellschaft sein – aktive, schöpferische Teilhabe genauso wie hörende, anschauende und genießende.

Musik ist besonders geeignet, einen Zugang zur Kultur zu finden. Niemand ist ganz unmusikalisch, jeder kann – sicher auf verschiedenen Levels, wie man so sagt – Spaß haben am Musikmachen und Musikhören. Auf drei verschiedene Arten erleben wir das heute Abend hier.

Da ist zuerst die „Hangarmusik“. Damit fangen wir auch deswegen an, weil dieses Projekt ebenfalls von einem Umzug beziehungsweise einem Auszug profitiert: In den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof gegründet, lernen hier geflüchtete Kinder und Jugendliche aus den verschiedensten Ländern und Kulturen ohne musikalische Vorbildung das Musizieren klassischer Orchestermusik. Wie immer sie das mit ihren Leitern Leila Weber und Andreas Knapp auch bewerkstelligen, sie haben alle nicht nur Riesenspaß, sie sind auch einfach gut – so gut, dass sie unser Land in Paris vertreten haben, als wir dort vor drei Jahren 60 Jahre Élysée-Verträge gefeiert haben.

Dann kommt eine Präsentation von Studierenden des Jazz-Instituts Berlin, das zu den renommiertesten Ausbildungsstätten in Europa gehört. Hier studieren Musikerinnen und Musiker aus allen Teilen der Welt. Manche sind nicht nur wegen der herausragenden musikalischen Möglichkeiten dort zum Studium – das auch. Viele allerdings auch wegen der politischen Lage in ihren Heimatländern und weil Berlin ein Ort der Freiheit und der Weltoffenheit ist. Ich bin froh, dass gerade sie heute dabei sind – Bandleaderin ist Mia Cerno.

Und zum Schluss hören wir, vorgetragen von Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie unter der Leitung von Professor Stephan Frucht, das Konzert für Cello und Blasorchester von Friedrich Gulda, mit Camille Thomas als Solistin. Friedrich Gulda, eines jener „Wunderkinder“, die es in der Musik immer wieder gibt, war ein Grenzgänger. Wie nur wenige zu Hause in der Klassik, konnte er doch auch melancholische Lieder seiner Heimatstadt Wien spielen und singen. Und er war nicht zuletzt ein großer Jazzmusiker – eben „The Complete Musician“, wie einmal eine Gulda-Sammlung hieß.

Also Musik als Sprache über die Grenzen hinweg, als ein Treffpunkt der verschiedenen Lebens- und Musikkulturen, als ein lebendiges Gespräch ohne Worte, aus Tönen, aus Rhythmus und aus Klang, in den jede und jeder leicht einschwingen kann. Und Musik als Angebot, sich selber auszudrücken, als eine Herausforderung an vielleicht noch unentdeckte Talente oder, wer weiß, sogar hier und da ein Wunderkind? Darum verbinde ich gleich mit dem ersten musikalischen Abend hier im neuen Amtssitz ein großes Plädoyer für die musikalische Bildung. Ob in den öffentlichen Schulen, in Musikvereinen, in Bands und Orchestern, in privaten Musikschulen oder wie auch immer: Musikalische Bildung ist mit das Beste, womit junge Menschen gefördert werden können.

Jetzt aber wünsche ich Ihnen erst einmal viel Freude, als den ersten Hörerinnen und Hörern eines Konzertes hier im neuen Amtssitz. Eine Art historischer Stunde – und, wie Goethe, den wir natürlich heute einmal nennen müssen, zudem ausgerechnet heute sein Geburtstag ist, wie Goethe also zu einer historischen Stunde einst gesagt hat: „Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Viel Vergnügen!