in der Aktuellen Stunde zum deutschen Raketenstart Isar Aerospace vor dem Deutschen Bundestag am 24. September 2026 in Berlin:
- Bulletin 89-3
- 24. September 2026
Sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Anfang September hat Europa Raumfahrtgeschichte geschrieben. Am 5. September hat das deutsche Start-up Isar Aerospace erfolgreich mit seiner Spectrum-Rakete den Erdorbit erreicht.
Kurz danach, vier Tage später, begann der International Space Summit in Paris unter der Federführung von Frankreich und Deutschland mit Gästen aus aller Welt. Und jeder wollte selbstverständlich den Chef von Isar Aerospace treffen. Daniel Metzler war der absolute Superstar auf dem Summit. Denn was er mit seinem Team geschafft hat, das ist nicht nur ein Raketenstart wie aus dem Bilderbuch, sondern das ist nichts weniger als der Beginn einer neuen Ära in der europäischen Raumfahrt. Auch von dieser Stelle noch einmal herzlichen Glückwunsch dazu!
Ich finde es großartig und bin den Kolleginnen und Kollegen der Koalitionsfraktionen sehr dankbar, dass wir uns heute diese Bedeutung im Deutschen Bundestag noch mal vor Augen führen können. Denn ehrlicherweise habe ich bislang fast mehr Glückwünsche aus dem Ausland bekommen als aus dem Inland, was sicherlich auch daran liegt, dass wir uns so gerne in dieser schlechten Laune vergraben. Das ist aber gar nicht notwendig.
Ich war gestern Abend auf einer Veranstaltung, bei der eine der bekanntesten deutschen Verlegerinnen gesagt hat: Wir brauchen wieder mehr Optimismus in diesem Land. – Ja, den brauchen wir. Aber den können wir auch haben, weil die Erfolgsgeschichten einfach da sind.
Um noch mal auf diesen aktuellen Anlass zurückzukommen: Es war das erste Mal, dass eine private Rakete aus Europa den Orbit erreicht hat, dass sie gleichzeitig auch noch fünf Satelliten ausgesetzt und damit die Mission erfüllt hat. Das war das erste Mal überhaupt von Kontinentaleuropa aus. All die Jahre wurde immer gesagt: Klappt nicht, geht nicht, machen wir nicht, funktioniert nicht. Das ist eine Schwarzmalerei, in der sich viele gefallen. Das Schöne ist, dass es eben doch geklappt hat und dass auch alle Mitbewerber sagen: Jetzt können wir es den ganzen Unkenrufern zeigen. Es funktioniert, und wir werden es schaffen. Das heißt, Deutschland kann Raumfahrt, Europa kann Raumfahrt. Und genau darum geht es. Was mich besonders freut, ist, dass nicht nur der deutsche Bundeskanzler gratuliert hat. Auch Staatspräsident Emmanuel Macron hat gesagt: „Europa nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, auch im Weltraum.“
Dafür ist natürlich der souveräne Zugang zum All entscheidend. Startdienstleistungen dürfen auf keinen Fall zum limitierenden Faktor werden, nicht für die Wissenschaft, nicht für die Wirtschaft, und vor allem dann nicht, wenn es um unsere Sicherheit geht. Klar, wir haben die Ariane 6 und die Vega-C für unseren europäischen Zugang; aber die alleine reichen natürlich nicht. Wir brauchen viel, viel mehr Starts, wir brauchen insgesamt eine viel höhere Flexibilität. Und an alle Mitglieder des Haushaltsausschusses, die heute hier anwesend sind: Die gute Nachricht ist: Das wird in Zukunft auch zu viel geringeren Kosten führen. Das ist doch hervorragend.
Das Motto ist: Do more with less. Und dafür brauchen wir ganz dringend kommerzielle Lösungen. Die European Launcher Challenge zum Beispiel ist ein zentraler Baustein hierfür, weil hier tatsächlich der Paradigmenwechsel vollzogen wurde: hin zum Wettbewerb, hin zu kommerziellen Trägerraketen. Die Bundesregierung hat sich auf europäischer Ebene vehement für diesen Weg eingesetzt. Wir sind froh, dass die ESA ihn entschlossen mitgeht. Auch auf dem International Space Summit haben wir noch mal Geschlossenheit demonstriert mit der ganz klaren Haltung, dass die Zukunft der Raumfahrt selbstverständlich auch in Europa in die Hand der Unternehmen gehört. Und dafür steht unter anderem Isar Aerospace.
Wir müssen uns vielleicht auch noch mal auf der Zunge zergehen lassen, dass es durch die Challenge auch gelungen ist, mit recht kleinen öffentlichen Anreizen ein Trägersystem privat zu finanzieren, dass Kapitalgeber motiviert werden können, auch in Deutschland in die Raumfahrt zu investieren. Das ist ein Lehrstück der Innovationsförderung.
Aber das Beispiel Isar Aerospace zeigt noch was anderes. Wir reden ja sehr oft davon, dass der Transfer besser klappen muss: raus aus den Unis, raus aus den Forschungsinstituten, rein in die Unternehmen. Ich war diese Woche an der Technischen Universität München bei der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt, kurz WARR, einem Studentenverein, den es übrigens schon seit Beginn der 1960er Jahre gibt.
Was die jungen Menschen dort draufhaben, ist ein Wahnsinn. Beispielsweise haben sie ein pumpengespeistes Triebwerk selbst gebaut und gezündet. Das ist weltweit das allererste Mal, dass Studentinnen und Studenten so etwas gelungen ist. Sie werden mit der Rakete bei der European Rocketry Challenge in Portugal antreten, die im Oktober zwei Wochen lang stattfindet. Ich drücke nicht nur diesem Studententeam beide Daumen, sondern allen deutschen Studententeams, die da antreten. Wir brauchen viel mehr Vertrauen in unsere Studentinnen und Studenten und in unsere Start-ups. Also: Ganz großes Daumendrücken, dass sie es auch in Portugal allen zeigen können.
Aus genau dieser besagten Arbeitsgemeinschaft ist Isar Aerospace als Ausgründung hervorgegangen; das ist noch nicht mal zehn Jahre her. Auch das ist natürlich sensationell, was den Speed betrifft. Wir haben immer mehr solcher Start-ups, auch in anderen Branchen. Die Zahl der Neugründungen hat sich zuletzt verdoppelt. Das ist also ein klares Signal, dass es mit dem Transfer besser als je zuvor klappt. Ich bin mir sicher: Wir können uns noch auf viele Durchbrüche freuen, auf deutsche Start-ups, die es ganz hoch hinaus schaffen. Gerade in der Raumfahrt ist eine irre Dynamik.
Ich darf neben Isar Aerospace unbedingt auch noch die Rocket Factory Augsburg erwähnen. Ich muss noch HyImpulse aus Baden-Württemberg erwähnen oder, auch sensationell, The Exploration Company, ein deutsch-französisches Unternehmen mit einer großartigen Frau an der Spitze, Hélène Huby, das an einer wiederverwendbaren Schwerlastrakete arbeitet. Das Thema Nachhaltigkeit beziehungsweise Wiederverwendbarkeit spielt eine ganz große Rolle, auch in einem erheblichen Maß durch private Investitionen finanziert.
Was diese Start-ups alle verbindet, ist einfach dieser unbändige Wille, diese Freude daran, die Ideen in die Tat umzusetzen, von Anfang an groß zu denken. Man muss sich mal überlegen: Isar Aerospace hat für die Serienproduktion die größte Raketenfabrik Europas gebaut, bevor überhaupt der Beweis erbracht war, dass es jemals klappen wird. Wenn einem von 1.000 Leuten 999 sagen: „Ihr schafft es sowieso nie“, dann ist es doch toll, wenn einer sagt: „Na ja, gut, dann klappt es halt doch“. Ich glaube, das ist der Spirit, den wir dringend brauchen. Recht so! Wir brauchen noch viel mehr Mut, große Dinge anzupacken und dann durchzuziehen.
Und weil wir immer mehr private Unternehmen haben, die im All unterwegs sind, brauchen wir dringend ein Weltraumgesetz. Dabei geht es im Kern auch um die Sicherheit bei all unseren Aktivitäten. Der Entwurf meines Hauses liegt bereits auf dem Tisch der anderen Ministerien. Ich hoffe sehr, dass wir ihn bald hier vorstellen können. Dabei spielen natürlich viele Punkte eine Rolle, wie zum Beispiel das Thema Weltraumschrott. Aber das ist nicht nur eine regulatorische Herausforderung, sondern auch eine technologische. Mein Ministerium gibt dafür den nötigen Rückenwind, weil wir ja auch die Luft- und Raumfahrt als strategisches Forschungsfeld ganz fest in der Hightech-Agenda verankert haben. Wir stecken hohe Ziele, um Deutschland als Forschungsnation und vor allem auch als Wirtschaftsnation voranzubringen.
Ich bin jetzt sehr gespannt auf die anderen Reden heute. Ich würde mich freuen, wenn man einfach mal etwas stehen lassen kann, wenn man sich auch mal unbändig freuen darf. Das ist deswegen so wichtig, weil wir von diesen „Ja, aber“-Sagern einfach viel zu viele in diesem Land haben.
Und es wäre einfach schön, wenn wir auch mal die Erfolge zumindest eine Zeit lang ins Schaufenster stellen können. Andere Länder machen das ganz anders. Da wird sich bei viel kleineren Erfolgen viel, viel mehr gebrüstet. Ich wünsche mir, dass wir unsere Start-ups, dass wir unsere Mittelständler, dass wir unsere Industrie nicht immer nur als sogenannte Hidden Champions bezeichnen. Verstecken wir sie nicht! Stellen wir sie wirklich ins Schaufenster!
Die Welt schaut ganz anders auf uns, als wir manchmal selber auf uns schauen. Es ist nicht so, dass immer die Politik versagt hat, wenn etwas nicht funktioniert, und es mit der Politik gar nichts zu tun hat, wenn etwas klappt. Der Weg in den letzten acht Jahren ist nicht erst durch das neue Raumfahrtministerium eingeschlagen worden, wir hatten auch schon viele gute Vorgänger in der Bundesregierung. Ich darf an Anna Christmann erinnern, ich darf aber auch ganz besonders an Thomas Jarzombek erinnern. Es geht immer um diejenigen, die seit vielen, vielen Jahren daran glauben und vor allem den Weg nicht als Sprint, sondern eben als Marathon sehen. Aber acht Jahre in der Raumfahrt bis zu einem erfolgreichen Raketenstart: Das war tatsächlich ein Sprint. Lieber Daniel Metzler, an dich und dein Team herzlichen Glückwunsch!