Rede des Bundesministers für Digitales und Staatsmodernisierung, Dr. Karsten Wildberger,

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Sehr geehrte Gäste, insbesondere aus dem diesjährigen Messe-Partnerland Brasilien,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden und Unternehmen,
meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich freue mich, heute hier bei Ihnen zu sein – auf der wichtigsten Industriemesse der Welt, mit unserem diesjährigen Partnerland Brasilien.

Ich komme gerade vom Rundgang durch diese Messe zurück. Und ich möchte Ihnen zwei Momente mitgeben, die mich heute beeindruckt haben. Diese Momente erzählen etwas, das in unserer Zeit leicht verloren geht. Denn wir leben in einer Zeit voller Krisen: Kriege, Handelskonflikte, technologische Umbrüche, die die Weltordnung verschieben. Die Schlagzeilen sind laut. Und sie verstellen uns den Blick – den Blick auf das, was unser Land ausmacht, was trotz der Herausforderungen möglich ist; auf das, was unser Land kann; auf das, was in diesem Land wächst.

Dabei – und das ist meine tiefe Überzeugung – haben wir unser Fortkommen, unser Schicksal, unsere Zukunft selbst in der Hand. Und wir werden sie gestalten. Mut. Tempo. Machen. Darum geht es heute.

Das ist kein Zweckoptimismus. Das sind Zahlen. Nehmen Sie unser Fundament: rund 24.500 europäische Patentanmeldungen aus Deutschland im vergangenen Jahr – Platz zwei weltweit. Nur die USA liegen vor uns, dahinter China, Japan, Südkorea. Deutsche Ingenieurskunst – weiterhin sichtbar in der Welt.

Ein starkes Fundament haben wir. Jetzt müssen wir das Haus bauen – schneller, höher, moderner. Und auch da bewegt sich etwas: fast 3.600 neue Start-ups im vergangenen Jahr. Plus 29 Prozent – mehr als im bisherigen Rekordjahr 2021. Und mit besonderer Dynamik in der zweiten Jahreshälfte.

Software ist dabei der stärkste Gründungssektor. Und knapp ein Drittel aller Neugründungen baut auf künstlicher Intelligenz (KI). Eine neue Generation, die nicht mehr fragt, ob sie KI einsetzt, nur noch: wie schnell – und wie groß.

Ich will mit Ihnen ehrlich sein: Das ist keine Weltspitze. Das ist noch keine Garantie für irgendetwas. Das ist aber eine Entwicklung, die uns Zuversicht geben sollte, auf der wir aufbauen müssen. Und unsere Aufgabe – die der Politik, die der Wirtschaft, die auch Ihre ist – ist es, Momentum zu befeuern, aus Innovationen skalierbare Geschäftsmodelle zu machen, aus Innovationen Wachstum, aus Wachstum Wohlstand.

Denn an Erfindungskraft fehlt es uns nicht; die Patente zeigen das. An Unternehmergeist fehlt es uns nicht; die Start-ups zeigen das. Woran es fehlt, ist etwas anderes: Wir erfinden Weltklasse, aber wir skalieren Mittelmaß. Aus Patenten werden zu selten Plattformen. Aus Start-ups zu selten Weltmarktführer. Das ist die Aufgabe dieses Jahrzehnts. Denn seien wir ehrlich: Die großen Wellen der letzten Jahre sind an uns vorbeigerollt. Software, Chips, Plattformgeschäfte, Cloud, KI – die Wertschöpfung ist woanders entstanden.

Die Marktkapitalisierung des gesamten US-Aktienmarktes ist in den letzten zehn Jahren von rund 25 auf fast 70 Billionen Dollar gewachsen – fast verdreifacht. Und Deutschland? Rund 1,8 Billionen Euro damals, rund 2 Billionen heute – zehn Jahre kaum Bewegung. Ein einziger US-Tech-Konzern ist heute mehr wert als unser gesamter DAX.

Das ist keine Börsenlaune. Das ist die Bilanz der letzten Dekade, die wir nicht für neue Geschäftsmodelle, für Wachstum genutzt haben. Aber diese Dekade ist vorbei. Die nächste gehört dem, der jetzt handelt. Jetzt beginnen die Jahre des Aufholens. Und wir haben dafür einen Hebel, der alles verändert: künstliche Intelligenz. KI erlaubt uns, Entwicklungsstufen zu überspringen. KI multipliziert, was wir ohnehin können. KI ist kein Werkzeug unter vielen. KI ist der Hebel dieser Dekade. Deswegen heißt die Aufgabe für dieses Land jetzt: Mehr Mut. Mehr Tempo. Mehr Machen.

KI ist die reale Chance für Deutschlands Comeback. Und sie ist auch in der Industrie, im Mittelstand ein Riesenthema. In der Softwareentwicklung: Mit agentischen Systemen sind Effizienzsprünge um den Faktor 10 real. Im Maschinenbau: Modelle sagen Ausfälle voraus, bevor sie passieren.

Und hier auf der Messe zeigen der Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten und der brasilianische IoT-Verband Brazilian Internet of Things Association (ABINC) einen Datenraumdemonstrator: Prozessdaten aus Brasilien und Europa in Echtzeit verknüpft – zu einem digitalen Produktpass nach europäischen Standards, etwa bei Seltenen Erden. Ein Bild dafür, wie industrielle Zusammenarbeit der Zukunft aussehen kann.

Energie, Logistik, Planung – überall derselbe Befund. Der Trend ist klar: KI kann ein Game-Changer sein, und zwar für jedes einzelne Unternehmen und in vielen verschiedenen Geschäftsfeldern!

Damit sie zu diesem Gamechanger wird, müssen wir sie aber auch selbst entwickeln – basierend auf unseren Werten. Und deswegen hat KI auch in der Bundesregierung absolute Priorität. Wir verfolgen drei konkrete Handlungsfelder:

  • Nationale Rechenzentrumsstrategie: Verdopplung der Kapazitäten von drei auf sechs Gigawatt, über 2.000 Rechenzentren, Vervierfachung der KI-Rechenleistung. Ich habe die Strategie gerade letzte Woche im Bundestag vorgestellt.
  • Agentische KI für die Verwaltung: Wir setzen agentische KI-Lösungen bereits zur automatisierten Prozessunterstützung bei der Genehmigung von komplexen Infrastrukturgenehmigungen ein. Und arbeiten an einer nachnutzbaren und skalierbaren agentischen KI-Lösung für viele weitere Genehmigungsverfahren.
  • Basismodelle und Startup-Ökosystem: Von Large Language Models über Vision-Modelle bis zu Welt-Modellen – wir stärken die eigene KI-Wertschöpfung und verbessern die Bedingungen für Gründer.

Und zum regulatorischen Rahmen für KI vielleicht so viel: Wir haben das Durchführungsgesetz für die KI-Verordnung vor Kurzem in den Bundestag eingebracht, EU-Recht 1:1 umgesetzt, ohne Sonderlocken und ohne die existierenden Zuständigkeiten bei der Produktaufsicht zusätzlich zu verkomplizieren.

Beim KI-Omnibus haben wir uns von Beginn an engagiert. Und wir bleiben dran. Aber der Vorschlag des Rates geht nicht weit genug. Europa braucht weniger Regulierungs-Kaskaden und mehr Produkt-Releases: mehr Raum für Produktentwicklung und Innovation und keine doppelten Anforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme – gerade in bereits regulierten Industrien.

Wir wissen es alle: Nicht die Technologie ist die größte Bremse, sondern die Komplexität, die wir uns selbst aufgebaut haben. Was wir, nein, was Sie erleben, sind Regulierungsschichten, Verwaltungsebenen, Prozessschleifen – und damit ein System, das sich selbst nicht nur verlangsamt, sondern ausbremst. Sie sind beschäftigt mit überflüssigen Pflichten, die Sie vom Kerngeschäft abhalten. Wer skalieren will, scheitert oft nicht am Markt, sondern am Amt. Viele von Ihnen kennen das aus eigener leidvoller Erfahrung. An diese Über-Komplexität gehen wir jetzt ran.

Was haben wir schon erreicht?

  • Acht Milliarden Euro Entlastung – in Umsetzung. Jetzt muss es im Alltag ankommen.
  • Abschaffung von 123.000 Sicherheitsbeauftragten in den Unternehmen, vor allem Entlastung von kleinen und mittleren Unternehmen – am 26. März im Bundestag beschlossen.
  • EU-Omnibus I: Lieferkettenrichtlinie und Nachhaltigkeitsberichterstattung entschärft (CSDDD, CSRD)! Konkret bei Nachhaltigkeitsberichterstattung – ca. 90 Prozent weniger betroffene Unternehmen, von 15.250 auf 1.430 betroffene Firmen!
  • Generell Berichtspflichten runter – gemeinsam mit den Ländern einig: mindestens ein Drittel weniger; wir arbeiten jetzt dran. Insgesamt echte Trendwende bei den Berichtspflichten!
  • Digitaler Fahrzeugschein – über eine Million Downloads. Digitale Ummeldung – für über 55 Millionen Bürgerinnen und Bürger verfügbar.

Und was kommt als Nächstes?

  • Die digitale Brieftasche – die EUDI-Wallet – ab Anfang 2027: sichere digitale Identitäten, die Verträge, Geschäftsprozesse und völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen.
  • Schneller Gründen – Unternehmensgründung muss digital, einheitlich und in Tagen funktionieren. Gründen muss in Deutschland leichter werden als Parken.
  • KI für Genehmigungen – eine automatisierte Planungs- und Genehmigungsplattform für ganz Deutschland.

Identifizieren, gründen, genehmigen – drei Verfahren, die wir digital und in Tagen statt in Monaten ermöglichen. Aber gehen wir einen Schritt weiter. Meine Überzeugung: Deutschland hat kein Innovationsproblem – Deutschland hat ein Skalierungsproblem. Der Maßstab heißt nicht mehr Kreisverwaltung. Der Maßstab heißt Weltmarkt. Wir haben die Talente. Wir haben exzellente Forschung. Wir können erfinden. Damit hatten wir nie Schwierigkeiten. Wer wüsste das besser als Sie?

Aber wir tun uns schwer mit dem Vervielfachen. Vom Pilotprojekt zum Flächenstandard: Genau da verlieren wir den Anschluss. Milliarden fließen in Forschung und Entwicklung. Es entstehen brillante Prototypen, aber zu selten Plattformen.

Genau deswegen bauen wir den Deutschland-Stack: ein digitales Fundament für Bund, Länder und Kommunen – offen, EU-anschlussfähig, mit klaren Schnittstellen für Unternehmen. Das ist die Skalierungsmaschine, die Deutschland bisher gefehlt hat. Eine gemeinsame Basis, auf der alle aufbauen – statt 11.000 Kommunen, die jeweils das Rad neu erfinden. Die Hebel, die wir dafür umlegen:

  • Vom Projektdenken zum Produktdenken: Projekte verwaisen – Produkte wachsen.
  • Standards in Code, nicht auf Papier: API-First als Voraussetzung.
  • Perfektion durch Iteration ersetzen: Fehler als Lernquelle, nicht als Makel. Perfektion ist der Feind von Tempo.
  • Die Kapitalfrage lösen: Damit aus Ideen auch skalierbare Unternehmen werden.

Made in Germany war das Gütesiegel des 20. Jahrhunderts. Built in Germany, scaled to the world – das ist der Anspruch des 21. Jahrhunderts.

Ich möchte zum Schluss mit Ihnen teilen, warum ich zuversichtlich bin, dass wir Tempo aufnehmen und dass auch Deutschland wieder vorne mitspielt. Die Zukunft unseres Landes wird von seinen Menschen bestimmt und selbst gebaut – und zwar tagtäglich: in Werkstätten und Büros, in Laboren und auf Baustellen, in Industrie- und Familienbetrieben, in Start-ups. Sie entsteht dort, wo Menschen Mut aufbringen, wo sie den Schritt ins Unbekannte wagen, wo Bereitschaft zum Scheitern vorhanden und wo das Übernehmen von Verantwortung kein Fremdwort ist.

Ja, wir leben in einer schnelllebigen Zeit der Kollisionen: Handelskonflikte, Krieg in Europa und am Golf, technologische Umbrüche. Aber wir haben trotzdem allen Grund, optimistisch nach vorne zu blicken:

Die Schwarz-Gruppe baut bei Lübbenau eines der größten Rechenzentren Europas. Der erste europäische Exascale-Rechner, Jupiter in Jülich, gehört nicht nur zu den leistungsfähigsten, sondern zu den effizientesten der Welt. In München haben Telekom und NVIDIA gemeinsam mit Siemens und SAP in Rekordzeit eine industrielle KI-Factory errichtet. Im Rheinischen Revier entsteht eine ganz neue digitale Infrastruktur.

Wir haben die Talente, die Wissenschaft, die Industrie. Wir sind eine der größten Volkswirtschaften der Welt – mit Weltmarktführern und exzellenter Forschung. Wir sehen es gerade hier, auf der Hannover Messe! Nutzen wir unsere Stärken! Kommen wir also gemeinsam ins Machen! Arbeiten wir gemeinsam für unseren Wohlstand, für unsere Zukunft!

Mehr Mut. Mehr Tempo. Mehr Machen – nicht als Slogan, als Arbeitsauftrag für uns alle. 

Vielen Dank.