beim Internationalen Veteranenforum am 24. August 2026 in Kyjiw:
- Bulletin 78-3
- 25. August 2026
Für Soldaten und Diplomaten haben Flaggen eine ganz besondere Bedeutung: Sie stehen für unsere Werte und symbolisieren diejenigen, in deren Dienst wir stehen. An den meisten Orten, die ich besuche, steht in der Regel eine deutsche und natürlich eine europäische Flagge. Diese Flaggen werden oft schnell von Assistenten, Protokollreferenten und lokalen Beamten aufgestellt und kurz darauf wieder abgehängt.
Es gibt jedoch eine Flagge, die ich selbst aufgehängt und seitdem nicht wieder abgenommen habe! Sie hängt in meinem Büro, direkt gegenüber von meinem Schreibtisch. Diese Flagge ist Ihre – die Flagge der Ukraine. Genauer gesagt: Es ist die Flagge des Ersten Separaten Sturmregiments.
Ihre Kameraden haben sie mir vor ein paar Monaten gegeben. Diese Kommandeure kamen direkt von der Front, an der sie seit über vier Jahren kämpfen, nach Berlin und kehrten unmittelbar nach ihrem Deutschlandbesuch zu ihrer Einheit zurück.
Was mich dabei am meisten bewegt hat, ist für Sie alle offensichtlich: Vor Russlands Angriffskrieg waren diese Männer keine Soldaten. Einer war Student. Einer Hausarzt. Einer Sozialarbeiter. Einer Historiker und einer Theaterregisseur. Nicht sie haben sich diesen Krieg ausgesucht, sondern der Kreml. Dennoch haben sie sich dazu entschieden, ihr Land, ihre Liebsten und ihre Lebensweise zu verteidigen. Wenn die Alternative klar ist, gibt es keine andere Wahl.
Sollte Russland die Ukraine ihrer Freiheit, ihrer staatlichen Souveränität und ihrer europäischen Zukunft berauben, würde dies eine besorgniserregende Botschaft an Autokraten auf der ganzen Welt senden: Es gilt das Recht des Stärkeren. Die Flagge in meinem Büro steht daher auch für unsere Solidarität: Wir stehen an der Seite der Ukraine – bei der Verteidigung unserer gemeinsamen Werte und im Kampf gegen die Gewaltherrschaft.
Liebe Freundinnen und Freunde, an dieser Stelle möchte ich etwas Persönliches sagen. Heute spreche ich nicht nur als deutscher Außenminister zu Ihnen, sondern auch als Soldat und Reserveoffizier. Ich habe als Zeitsoldat in der Bundeswehr gedient und bin nun Oberstleutnant der Reserve. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, Verantwortung für andere zu tragen und sich auf seine Kameraden zu verlassen.
Ich weiß aber auch, dass sich meine Erfahrungen nicht mit Ihren vergleichen lassen. Sie haben in einem realen und brutalen Krieg gekämpft. Sie haben außerordentlichen Mut gezeigt. Sie haben unglaubliche Widerstandsfähigkeit bewiesen und unter schwierigsten Bedingungen Verantwortung übernommen. Sie sind ein zentraler Bestandteil der ukrainischen Gesellschaft.
Viele von Ihnen sind von den Narben dieses Kriegs gezeichnet. Und für Soldatinnen und Soldaten enden die Folgen eines Krieges nicht mit dem Ende der Kampfhandlungen. Nach dem Einsatz heimzukehren, sich an das zivile Leben anzupassen und berufliche Karrieren und persönliche Beziehungen wiederaufzubauen sind ganz eigene, große Herausforderungen.
Für mich und für mein Land ist klar, dass wir Sie unterstützen werden. Dabei ist es einerseits wichtig, dass ukrainische Strukturen bei der Bereitstellung umfassender Unterstützung für Veteraninnen und Veteranen im Zentrum stehen. Die Unterstützung muss die ganze Bandbreite an Bedürfnissen der Veteraninnen und Veteranen abdecken und von den eigenen Strukturen und Institutionen der Ukraine getragen werden.
Genauso wichtig ist aber auch die Abstimmung mit den vielen anderen Akteuren und Organisationen, die Hilfe für Veteraninnen und Veteranen leisten. Es gibt viele ausgezeichnete Initiativen, darunter auch mit deutscher Hilfe errichtete Veteranenzentren, und zahlreiche engagierte Organisationen. Diese Bemühungen müssen wir bündeln und effektiv koordinieren, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen.
Ich kann Ihnen versichern, dass Deutschland dieser Sache verpflichtet bleibt. Und unsere Zusage ist konkret: Wir werden zusätzlich drei Millionen Euro zur Unterstützung der Veteraninnen und Veteranen bereitstellen. Denn die Veteraninnen und Veteranen und der Dienst, den sie leisten, verdienen unseren größten Respekt!
Wir unterstützen nachdrücklich einen umfassenden Ansatz, der gewährleistet, dass den Bedürfnissen der Veteraninnen und Veteranen im Rahmen des bestehenden Sozialsystems der Ukraine Rechnung getragen wird. Das bedeutet, sicherzustellen, dass Veteraninnen und Veteranen die Fürsorge erhalten, die sie brauchen, und dass sie ins zivile Leben zurückkehren, ihre Fähigkeiten ins Arbeitsleben einbringen und ihr Land stärken können.
Liebe Freundinnen und Freunde, Sie und alle Veteraninnen und Veteranen sollten ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Strukturen sein und sich nicht außerhalb dieser Strukturen befinden. Sie sind extrem wertvoll für die Ukraine. Wir müssen sicherstellen, dass die Ukraine aus diesem Potenzial schöpfen kann. In der Zeit nach dem Krieg werden die Veteraninnen und Veteranen in der Ukraine gebraucht werden: als Teil der Arbeitskräfte, die das Land wiederaufbauen, als Teil der militärischen Reserve und als Säulen der demokratischen Resilienz.
Daher lauten die Fragen, die wir uns als Deutsche und Europäer selbst stellen müssen: Wie können wir die Ukraine dabei unterstützen, dieses Potenzial bestmöglich zu nutzen? Wie können wir Veteraninnen und Veteranen dabei helfen, ins zivile Leben zurückzukehren, und dabei gleichzeitig gewährleisten, dass ihre Erfahrungen, ihre Fähigkeiten und ihr Engagement wertvoll für ihr Land bleiben?
Ich bin überzeugt, dass unser gemeinsames Ziel nicht nur darin bestehen muss, Sie nach Beendigung Ihres Dienstes zu unterstützen, sondern Ihnen auch die Möglichkeit zu geben, die Zukunft der Ukraine gestalten. Sie haben die Ukraine mit großem Mut verteidigt. Sie sollten nun jede erdenkliche Chance bekommen, beim Aufbau der Ukraine mitzuhelfen, für die Sie gekämpft haben.
Vielen Dank! Slawa Ukrajini!
(Übersetzung aus dem Englischen)