besuch in berlin

  • Bundesregierung | Startseite
  • Bundeskanzler

  • Schwerpunkte 

  • Bundesregierung

  • Aktuelles

  • Mediathek 

  • Service   

der regierende buergermeister von berlin, eberhard
diepgen, hielt bei der eintragung des israelischen
staatspraesidenten chaim herzog in das goldene buch
von berlin am 9. april 1987 folgende ansprache:

ich heisse sie mit grosser freude in berlin willkommen! wir
sind gluecklich, dass sie im rahmen ihres historischen
besuches in der bundesrepublik deutschland mit ihrer
delegation nach berlin gekommen sind. ich persoenlich habe mich
auf den heutigen tag besonders gefreut. denn er gibt uns
gelegenheit, die gespraeche fortzufuehren und zu vertiefen,
die wir bei meinem besuch in israel ende 1984 begonnen
haben. - sie sind das erste israelische staatsoberhaupt,
das berlin besucht. fuer uns berliner symbolisiert dieser tag
die besondere verbundenheit zwischen unserem land und
speziell unserer stadt und israel. und ihr besuch setzt auch
zeichen fuer die zukunft. darauf haben sie in einem
interview vor ihrer abreise hingewiesen. sie sagten: "die
zukunft fordert ein starkes israel und gute beziehungen mit
laendern wie deutschland." wir sind mit ihnen in dieser
frage einer meinung.
ihr besuch steht im engen zeitlichen zusammenhang mit
der 750-jahr-feier der stadt berlin. uns geht es bei diesem
jubilaeum um die genaue betrachtung unserer gesamten
geschichte und darum, aus der geschichte die oft bitteren
lehren zu ziehen und mass, aber auch zuversicht und mut
fuer gegenwart und zukunft zu schoepfen. zu den quellen
dieses mutes zur zukunft gehoert die lange, reiche und
erschuetternde geschichte der juden in berlin. eine
ausstellung in spandau wird darauf hinweisen, dass sie mindestens
650 jahre zurueckreicht. eine ausstellung ueber den grossen
theatermann max reinhardt, ein vortrag des grossen
filmregisseurs billy wilder oder die juedischen kulturtage im juni
beispielsweise werden nur andeuten koennen, welchen
hervorragenden beitrag die juden berlins fuer unsere stadt
geleistet haben und leisten.
wir sind stolz auf den beitrag der juden zur entwicklung
und zur vielfalt berlins. wir sind stolz darauf, dass moses
mendelssohn als junger mann hierhergezogen ist, weil
diese stadt offener und toleranter war als die provinz, aus
der er kam. wir sind stolz auf den beitrag der ullsteins zu
einer freien presse in deutschland, ebenso wie wir stolz
sind auf menschen wie heinz galinski und den
unvergessenen hans rosenthal, die sich nach 1945 dem
wiederaufbau des juedischen lebens in unserer stadt und in
unserem land gewidmet haben.
wir sehen aber nicht nur das glaenzende und das grosse. so
schwierig es auch fuer uns alle immer wieder ist, so sehr
bekennen wir uns zu unserer gesamten geschichte. denn
wir wissen, dass es ohne erinnerung, ohne die
auseinandersetzung mit der gesamten vergangenheit und ohne die
konfrontation auch mit zerstoerung und verlust von leben
und kultur nicht nur in unserem land keine identitaet geben
kann. die identitaet ist die antwort auf die frage, wer wir sind,
woher wir kommen und wer wir sein koennen. diese identitaet
ist das fundament, auf dem wir eine tolerante und freie
gesellschaft bauen. das fundament, auf dem wir das
bauen, was shimon peres bei seinem besuch "das neue,
andere deutschland" genannt hat.
zu diesem deutschland gehoert, dass wir jungen menschen
die moeglichkeit geben, sich mit den taetern des dritten
reiches auseinanderzusetzen und sich den opfern zu
naehern. in wannsee, in der villa, in der die sogenannte
endloesung bei einer konferenz der staatssekretaere und
ss-fuehrer verwaltungsmaessig umgesetzt wurde, entsteht
eine lehr- und begegnungsstaette fuer junge menschen.
denn letzten endes liegt, sie sie gesagt haben, "die zukunft
in den haenden der jugend". und wie sie auch betont
haben, "wenn wir es sichern wollen, dass die tragoedien in
der vergangenheit sich nicht wiederholen, dann muessen wir
dafuer sorgen, dass ein starkes, gemeinsames fundament fuer
die zukunft gelegt wird".
wir in berlin lassen uns dabei von einem gedanken leiten,
den sie in ihrem bereits erwaehnten interview auf den punkt
gebracht haben. sie haben gesagt: "wir koennen nicht die
vergangenheit vergessen, und niemand will sie vergessen,
zumindest wir nicht, aber wir wagen es auch nicht, die
zukunft zu vergessen." fuer uns berliner ist ihr besuch in
unserer stadt und insbesondere ihre ehrung des deutschen
und nichtdeutschen widerstandes gegen den
nationalsozialismus mit einer kranzniederlegung in ploetzensee ein
bedeutendes stueck gestaltung dieser zukunft. sie haben
mit dieser kranzniederlegung uns - vertretern meiner
generation - geholfen, sich auseinanderzusetzen mit der
vergangenheit und auch ein stueck identitaet zu finden und
sich national auseinandersetzen zu koennen. sie haben
die menschen geehrt, die uns ein stueck selbstachtung
erhalten haben in der auseinandersetzung mit der
geschichte. diese zusammenarbeit im klaren bewusstsein
unserer geschichte erhaelt in den naechsten monaten
wichtige neue impulse durch die starke beteiligung israels an der
750-jahr-feier berlins.
zum internationalen treffen der oberbuergermeister
erwarten wir aus tel aviv shlomo lahat und aus jerusalem teddy
kollek, der zum thema "integration und identitaet" sprechen
wird. fuer september freuen wir uns auf die auffuehrungen
des nationaltheaters habimah, und vor allem auf die
jerusalem symphony orchestra.
zwischen ihrem persoenlichen werdegang, verehrter herr
staatspraesident, und der historischen entwicklung
deutschlands hat es in den vergangenen fast 50 jahren immer
wieder beruehrungspunkte gegeben. sie gehoeren zu denen,
die aus der ueberzeugung der historischen erfahrung
massgeblich zur gestaltung der partnerschaft zwischen der
bundesrepublik deutschland und israel beigetragen haben und
heute noch beitragen. das war fuer sie gewiss nicht immer
ganz einfach. gerade deshalb geniessen sie in unserem land
und insbesondere in berlin hohes ansehen. es ist uns deshalb
eine grosse ehre und eine besondere freude, sie zu bitten,
sich in das goldene buch der stadt berlin einzutragen.