- Bulletin 33-87
- 8. April 1987
der bundesminister der verteidigung, dr. manfred
woerner, hielt anlaesslich eines empfangs zum 30.
jahrestag der einfuehrung der wehrpflicht am 1. april 1987
in bonn folgende rede:
meine herren wehrpflichtige der ersten stunde
und wehrpflichtige von heute!
ich habe sie heute stellvertretend fuer all die vielen
wehrpflichtigen in der geschichte der bundeswehr und der
bundesrepublik deutschland hierher gebeten, die ihren
wehrdienst geleistet haben und ihn noch leisten: ich will
ihnen nicht nur als bundesminister der verteidigung,
sondern auch im auftrag des bundeskanzlers und der ganzen
bundesregierung dank sagen fuer diesen dienst.
die anwesenheit von vertretern des bundestages, des
vorsitzenden des verteidigungsausschusses, des
generalinspekteurs der bundeswehr und vieler hoher offiziere und
beamter soll ihnen deutlich machen, dass wir das nicht als
selbstverstaendlich betrachten, was sie tun. allerdings: sie
leisten diesen wehrdienst ja nicht etwa uns zuliebe, sondern
fuer sich selbst, fuer ihre familien und fuer unser volk. denn
sie wollen in freiheit leben und dafuer sorgen, dass andere in
freiheit leben - heute und auch in zukunft.
heute vor 30 jahren, am 1. april 1957, wurden die ersten
wehrpflichtigen in die bundeswehr einberufen. hier stehen
etliche von diesen ersten wehrpflichtigen: solche, die
soldaten geblieben sind, solche, die laengst aus der
bundeswehr ausgeschieden sind - sie alle sind uns sehr
willkommen. auch der generalinspekteur der bundeswehr und
mein parlamentarischer staatssekretaer gehoeren zu denen,
die an diesem 1. april 1957 eingerueckt sind und damit seit
30 jahren in der bundeswehr dienen. 5,2 millionen buerger
haben bisher ihren persoenlichen beitrag dazu geleistet, dass
wir sicher und frei leben konnten. sie haben sich der
verteidigung des vaterlandes verschrieben.
in der allgemeinen wehrpflicht findet ein gedanke seinen
lebendigen ausdruck: der gedanke der wehrhaften demokratie.
es ist die an sich selbstverstaendliche einsicht, dass
man freiheit nur so lange besitzt, wie man bereit ist, sich
auch fuer sie einzusetzen, sie auch zu verteidigen. dieser
ganz einfache und vor allem einsichtige gedanke hat den
ersten bundespraesidenten der bundesrepublik
deutschland, theodor heuss, einmal veranlasst zu sagen, die
allgemeine wehrpflicht sei das legitime kind der demokratie. ich
schaetze die arbeit unserer berufs- und zeitsoldaten sehr -
ihr dienst ist natuerlich fuer uns alle wertvoll und wichtig.
aber die verteidigung unserer demokratie, die verteidigung
unseres staates, unserer rechtsordnung ist nicht nur die
sache von berufs- und zeitsoldaten, von, wenn sie so
wollen, "bezahlten spezialisten". verteidigung ist die sache
aller buerger, und das wird im gedanken der allgemeinen
wehrpflicht besonders deutlich. ausserdem sichert die
allgemeine wehrpflicht den staendigen austausch zwischen
unserer gesellschaft, zwischen den buergerinnen und buergern
und unserer armee.
die bundeswehr ist, trotz mancher auch berechtigter kritik,
in unserem volk geachtet. und sie ist vor allen dingen in ost
wie in west wegen ihrer leistungsfaehigkeit anerkannt. das
danken wir nicht zuletzt ihnen und ihren kameraden, den
wehrpflichtigen wie den zeit- und berufssoldaten. das
grundgesetz stellt die freiheit des einzelgewissens unter
besonderen schutz. es ermoeglicht wehrdienstverweigerung
ich sage hier aber ganz deutlich, dass damit kein
wahlrecht begruendet wird. der ersatzdienst ist keine frei
waehlbare alternative. er ist ein grundrecht, das niemand
bestreitet, das niemand in frage stellt. es gibt eine
staatsbuergerliche pflicht, wehrdienst zu leisten, es gibt
aber keine pflicht, wehrdienst zu verweigern. und jeder
wehrdienstverweigerer, so sehr man seine gewissensentscheidung
achten muss, so sehr sie schuetzenswert ist, sollte bedenken,
dass sein recht auf wehrdienstverweigerung nur so lange
sicher ist, wie die wehrpflichtigen, und zwar die
ueberwaeltigende mehrheit unserer wehrpflichtigen, die uniform
des soldaten anziehen und damit diese rechtsordnung
verteidigen.
ich weiss aus vielen gespraechen in der truppe, mit
wehrpflichtigen, mit vorgesetzten, dass der dienst in unserer
bundeswehr nicht immer leicht ist - und natuerlich auch nicht
immer interessant ist. es ist fuer sie, die sie als junge
wehrpflichtige aus einer ganz anderen umgebung kommen,
schwierig, sich in eine voellig neue und ungewohnte
umgebung einzupassen, noch dazu in eine umgebung, die von
befehl und gehorsam gepraegt ist, die sie gewissen
zwaengen aussetzt. sie muessen sich orientieren, sie muessen
leistungen bringen, die ihnen bis dahin nicht abgefordert
wurden. die anforderungen, die an sie gestellt werden, sind
vielfaeltig, wenngleich nicht immer interessant. sie
beherrschen einerseits moderne technik, aber natuerlich erleben
sie, um es einmal schwaebisch zu sagen, "stinklangweiligen"
reinigungs- und pflegedienst. sie leisten besonderes bei
uebungen, aber sie stehen auch wache bei wind und
wetter. und wachdienst ist weiss gott nicht der interessanteste
dienst, wenngleich er wichtig ist. sie werden gefordert,
koerperlich und auch geistig, aber sie muessen gelegentlich
auch warten und einfach dasein, und das fuehrt da und dort
zu leerlauf oder kann zumindest so erscheinen. wir
versuchen zwar, wartezeiten und leerlauf zu vermeiden oder zu
verkuerzen, aber sie sind nicht immer ganz zu umgehen.
lassen sie mich allerdings gleich hinzufuegen: das werden
sie spaeter im berufsleben auch in anderen bereichen
kennenlernen. jeder beruf besteht auch zu einem guten stueck
aus routine und hat nicht nur interessante seiten.
dieser dienst ist sicher nicht nur eine belastung fuer sie, er
ist auch eine chance fuer ihre persoenliche entwicklung. ich
habe das schon mit vielen wehrpflichtigen besprochen, die
zu mir gekommen sind - gelegentlich mit klagen, gelegentlich
um erfreuliches zu berichten. ich sage ihnen: auch das,
was sie dort an besonderen problemen finden, muessen sie
als eine herausforderung begreifen, mit der sie fertig
werden muessen. akzeptieren sie die unbequemlichkeiten und
probleme, meistern sie sie und lernen sie dabei, dass das
leben zu guten teilen daraus besteht, dass man mit
schwierigkeiten fertig werden muss, und dass man nicht
immer nur dinge tun kann, die einem passen und spass
machen.
von vielen ehemaligen und heutigen wehrpflichtigen weiss
ich, dass sie besonders das erlebnis der gemeinschaft
und der kameradschaft als neu, wichtig und erfuellend
betrachten. deshalb meine bitte an alle wehrpflichtigen,
die im augenblick dienst tun: versuchen sie kameradschaft
schaft nicht nur zu fordern, sondern auch kameradschaft
zu geben.
sie haben als soldat in der demokratie nicht nur pflichten.
sie haben als staatsbuerger auch anspruch darauf, demokratie
im dienstlichen alltag zu erleben. ich weiss genau, dass
das schwierig ist. es ist auch nicht in erster linie eine frage
des gesetzes, sondern haengt zunaechst einmal von ihnen
selbst ab. ein muendiger staatsbuerger spricht offen aus, was
ihn drueckt, und wenn er etwas zu beanstanden hat, dann
geht er hin und spricht mit seinem vorgesetzten. von den
vorgesetzten erwarte ich selbstverstaendlich, dass sie sich
nicht nur zur aussprache bereit finden, sondern, soweit die
beschwerde berechtigt ist, ihr abhelfen.
und eine weitere herzliche bitte: bedienen sie sich auch
ihres vertrauensmannes. diese institution hat sich bewaehrt,
aber sie muss genuetzt werden. seien sie auch aktiv - man
kann nicht nur sitzen und warten, dass einem irgend etwas
abgenommen wird -, man muss selbst anpacken und die
initiative ergreifen. auf die zivilcourage muendiger
staatsbuerger koennen wir nicht verzichten, also auf staatsbuerger,
die den mut besitzen, aufzutreten und etwas zu tun - auch auf
das risiko hin, dass es ihnen da und dort vielleicht nicht nur
nuetzt.
zu diesem muendigen staatsbuerger gehoert der mut, sich
auch zu wehren, wenn seine rechte verletzt werden.
rechtliche moeglichkeiten haben sie, bis hin zum
wehrbeauftragten, in grosser zahl. ich appelliere immer wieder
an die vorgesetzten, in ihren einheiten und verbaenden ein
menschliches klima zu schaffen. ich erwarte von ihnen, dass
sie den wehrpflichtigen als das kostbarste gut sehen, das
uns anvertraut ist. wehrpflichtige sind keine nummern, sie
sind junge staatsbuerger, die ihre pflicht tun, und wir muessen
sie als solche respektieren und ernst nehmen. auch sie, die
wehrpflichtigen, bitte ich darum, nicht nur ihren kameraden
gegenueber, sondern auch ihren vorgesetzten gegenueber
kameradschaft zu zeigen. sie muessen auch versuchen zu
verstehen, dass ihre vorgesetzten menschen sind, dass sie,
wie sie selbst auch - und wie ich -, schwaechen haben,
fehler machen. das heisst nicht, dass man darueber
hinweggehen darf, aber es heisst, dass man das persoenliche
gespraech auch als wehrpflichtiger suchen kann und muss
und dass man versuchen muss, ein verhaeltnis
wechselseitigen vertrauens zu gewinnen.
und ein weiteres: die bundesregierung, ich selbst als
bundesminister der verteidigung, zusammen mit den damen
und herren des parlaments und des verteidigungsausschusses
wir alle versuchen, fuer mehr gerechtigkeit zu
sorgen. wir muessen um unserer freien und friedlichen
zukunft willen unseren jungen buergern diesen dienst, der
kuenftig ja laenger ist als bisher, abverlangen - aber wir
muessen ihn wirklich allen abverlangen.
das haben wir in den zurueckliegenden jahren nicht immer
geschafft, weil die zahl der wehrpflichtigen groesser war als
die zahl derer, die wir in der bundeswehr aufnehmen
konnten. das wird kuenftig anders werden - allein schon
deswegen, weil die zahlen der wehrpflichtigen zurueckgehen. wir
koennen und wollen fuer den wehrdienst keinen lohn
bezahlen - das sage ich in aller klarheit. wehrdienst ist keine
berufstaetigkeit, sondern ein dienst, den sie sich letztlich
selbst leisten. aber wir sorgen dafuer, dass soziale haerten
vermieden und besondere belastungen honoriert werden.
mit der verbesserung der wehrgerechtigkeit, mit der
wehrsolderhoehung, der erhoehung des entlassungsgeldes, der
verbesserung der unterhaltssicherung, der verdoppelung
des verpflegungsgeldes - um nur einiges zu nennen -
haben wir diesen willen zur gerechtigkeit unter beweis
gestellt, und wir werden dies weiterhin tun.
ein letztes - aber in meinen augen mit das wichtigste:
gelegentlich wird ja dahergeredet, die wehrpflichtigen seien
die dummen. sie seien dumm genug, ihren wehrdienst
geleistet zu haben, und eben nicht schlau genug gewesen,
um die sache herumzukommen. bitte schenken sie einem
so toerichten gerede keinen glauben. keine demokratie
koennte existieren, wenn nicht die ueberwaeltigende mehrheit
der staatsbuerger ihre pflicht auf sich naehme. diejenigen, die
ihre pflicht auf sich nehmen, die dienen, das sind diejenigen,
die man als die gescheiten bezeichnen muss, weil sie dafuer
sorgen, dass diese demokratie lebensfaehig bleibt.
und es gibt andere, die den wehrdienst moralisch abwerten
wollen, die so tun, als ob die wehrdienstverweigerung die
moralische hoeherwertige und die wehrdienstleistung die
moralisch minderwertige erfuellung staatsbuergerlicher
pflichten waere. dem widerspreche ich energisch. ohne den
dienst der soldaten und der zivilen mitarbeiter der
bundeswehr, ohne ihren ganz persoenlichen dienst haette unser
volk nicht jahrzehnte des friedens erlebt. und der teil unseres
volkes, der in freiheit lebt, haette diese freiheit nicht
erhalten und gesichert.
das gilt auch fuer die zukunft. ohne ihren persoenlichen
dienst, ohne den dienst unserer wehrpflichtigen, unserer
zeit- und berufssoldaten, gibt es auch kuenftig keinen
frieden und keine freiheit. deswegen sage ich aus
ueberzeugung und guten gewissens: wer den wehrdienst leistet,
leistet friedensdienst und ehrendienst, wie der
bundeskanzler in seiner regierungserklaerung unterstrichen hat.
er leistet seinen dienst fuer die gemeinschaft freier menschen,
in der wir leben duerfen. deshalb koennen sie diesen dienst
guten gewissens verrichten, heute und auch in der zukunft.
fuer diesen dienst fuer unser land und unsere buerger, fuer
den frieden in freiheit, spreche ich ihnen dank und
anerkennung aus.