- Bulletin 72-88
- 31. Mai 1988
der bundesminister fuer ernaehrung, landwirtschaft und
forsten, ignaz kiechle, hielt auf dem bayerischen
agrarhandelstag 1988 am 28. mai 1988 in schliersee
zum thema "aktuelle probleme in der deutschen land-
wirtschaft und der vermarktung ihrer produkte" folgende
rede:
waehrend die gesamtwirtschaftliche entwicklung in der
bundesrepublik deutschland ein durchaus erfreuliches bild
zeigt - das wirtschaftswachstum setzt sich fort, die
konjunktur ist robust, die preise sind stabil, - ist die
deutsche landwirtschaft wahrlich nicht auf rosen gebettet.
die einkommen unserer bauern verharren im durchschnitt
mit gewissen schwankungen schon seit mitte der siebziger
jahre auf einem niveau von etwa 26 000 dm je arbeitskraft.
im gleichen zeitraum ist der gewerbliche vergleichslohn um
mehr als 50 prozent auf 37 200 dm im letzten
wirtschaftsjahr gestiegen.
was aber noch mehr bedrueckt, ist die tatsache, dass ein
ende der einkommensprobleme in der landwirtschaft nicht
abzusehen ist. davon ist nicht nur die landwirtschaft selbst
betroffen.
in unserer hochindustrialisierten und arbeitsteiligen
volkswirtschaft sind die verflechtungen zwischen der
landwirtschaft und den uebrigen wirtschaftsbereichen immer
enger geworden. heute werden rund 90 prozent der
landwirtschaftlichen erzeugnisse weiter verarbeitet.
jeder sechste arbeitsplatz hat bei uns mehr oder weniger
mit der erzeugung oder verarbeitung landwirtschaftlicher
produkte zu tun. agrarhandel, lieferindustrien,
ernaehrungsindustrie und -handwerk sowie lebensmittelhandel
erwirtschaften zusammen mit der landwirtschaft 8,5 prozent
oder rund 160 mrd. dm der gesamten volkswirtschaftlichen
leistung.
wenn es der landwirtschaft als ganzes nicht gutgeht, wirkt
sich dies ohne zweifel auch negativ auf die vor- und
nachgelagerten bereiche im laendlichen raum aus: die
nachfrage nach guetern und dienstleistungen, nach
handwerklichen leistungen nimmt ab, der kauf von maschinen
wird zurueckgestellt, es wird insgesamt in den betrieben und
damit im laendlichen raum weniger investiert.
die zahlen sagen folgendes: im wirtschaftsjahr 1986/87
lagen mit rund 30 mrd. dm die von der landwirtschaft
eingekauften waren und dienstleistungen - in erster linie
allerdings preisbedingt - um 8,4 prozent oder 2,7 mrd. dm
unter dem vorjahreswert. bei den eigentlichen investitionen
hat sich die landwirtschaft im wirtschaftsjahr 1986/87
deutlich zurueckgehalten. real, das heisst in konstanten preisen
von 1980, ging das investitionsvolumen um 16,3 prozent auf
6,6 mrd. dm zurueck und erreichte sein niedrigstes niveau
seit jahren.
die landwirtschaft ist trotz des ruecklaeufigen
investitionsvolumens ein bedeutender wirtschaftsfaktor im
laendlichen raum geblieben. ob dies auch zukuenftig so sein
wird ist eine offene, sehr berechtigte frage, zumal ein
weiterrer deutlicher rueckgang an landwirtschaftlichen
betrieben prognostiziert wird.
"haben unsere bauern noch eine zukunft und - wenn ja -
unter welchen bedingungen?", fragen sich mit recht viele
unternehmen, die wirtschaftlich eng mit der landwirtschaft
verknuepft sind. die antworten sind eher von skepsis
gepraegt. kritik an der heutigen agrarpolitik ist dabei nicht
zu ueberhoeren.
lassen sie mich dazu folgendes sagen: mit steigenden
agrarueberschuessen und immer hoeheren
marktordnungskosten ist der spielraum der agrarpolitik immer
enger geworden. nicht der wille der agrarpolitiker - die leeren
egkassen haben die eg-agrarpolitik in den letzten jahren
entscheidend mitbestimmt.
aber auch jetzt, nachdem durch die beschluesse der
egregierungschefs vom 12./13. februar dieses jahres die
finanzierung der eg-agrarpolitik wieder auf eine stabilere
grundlage gestellt ist, werden wir nicht aus dem vollen
schoepfen und - wie immer wieder gefordert - generell eine
aktive preispolitik betreiben koennen, also die preise fuer
landwirtschaftliche erzeugnisse durch ratsbeschluesse
einfach heraufsetzen koennen.
dagegen spricht alleine schon, dass 1988 in der
europaeischen gemeinschaft nicht mehr als rund 57 mrd. dm fuer
die stuetzung der landwirtschaftlichen marktordnungen zur
verfuegung stehen - und wir uns sehr wohl ueberlegen muessen,
wie wir das geld am sinnvollsten ausgeben.
ein weiteres kommt hinzu: in bruessel geht es jedes jahr um
nichts mehr - aber auch nichts weniger - als um die
festlegung von richt- und interventionspreisen bei einzelnen
marktordnungsprodukten. welche preise und einkommen
die bauern schliesslich fuer ihre produkte erzielen,
entscheidet sich jedoch am markt, haengt letztlich von angebot
und nachfrage ab.
eines ist ganz klar: solange von einem produkt zuviel
erzeugt wird, kann kein guter preis erwartet werden, koennen
die einkommen der bauern sich nicht erholen, ganz gleich,
welche stuetzpreise wir in bruessel beschliessen. im gegenteil.
irgendwann muessen die gelagerten ueberschuesse wieder auf
den markt gebracht werden.
werden sie mit teurem geld auf dem weltmarkt abgesetzt,
untergraben wir selbst die sogenannten weltmarktpreise,
muessen wir immer mehr geld einsetzen, um ueberhaupt noch
etwas abzusetzen, kommen wir zunehmend in konflikt mit
unseren handelspartnern.
waelzen wir die gelagerten ueberschuesse auf den
binnenmarkt, so behindern wir den geordneten absatz der
laufenden produktion (siehe zum beispiel private lagerhaltung
bei schweinefleisch).
beide wege - also der absatz von ueberschuessen auf dem
weltmarkt sowie auf dem binnenmarkt - erweisen sich als
wenig erfolgreich.
der einzig richtige weg ist, die produktion dem bedarf auf
dem binnenmarkt anzupassen. dies zu wissen, ist jedoch
nur ein teil der loesung. sie zu verwirklichen, der wichtigere,
fuer alle beteiligten allerdings mit opfern verbundene schritt.
es gibt ein sprichwort, das da lautet: "man kann das
morgige nicht erkennen, wenn man das heutige nicht sehen
will". oder anders ausgedrueckt: wollen wir uns fuer die
zukunft ruesten, duerfen wir nicht vor den agrarpolitischen
tatsachen die augen verschliessen.
tatsache sind einmal die unterschiedlichen agrarpolitischen
interessen in der europaeischen gemeinschaft. sie gehen
zurueck auf die unterschiedlichen agrarstrukturen und
wirtschaftspolitischen ziele der einzelnen mitgliedstaaten.
tatsache ist auch, dass die durchschnittlichen tierbestands-
und betriebsgroessen in anderen eg-laendern unseren
teilweise deutlich ueberlegen sind.
ein beispiel: prozentanteil mastschweine in bestaenden
ueber 400: bundesrepublik deutschland: 33 prozent,
frankreich: 63 prozent, niederlande: 72 prozent.
wenn man weiss, dass in groesseren bestaenden
kostenguenstiger produziert werden kann, ist es da ein wunder,
wenn einige mitgliedstaaten, insbesondere die niederlande und
das vereinigte koenigreich den preissenkungskurs der
egkommission voll mitmachen koennen?
auch mit frankreich sind wir uns nicht in jeder hinsicht einig.
ich erinnere nur an den frueheren staendigen druck
frankreichs auf den abbau des deutschen waehrungsausgleichs.
wegen der standortvorteile franzoesischer bauern in der
getreideproduktion und der ausgepraegten
agrarexportinteressen ist eine differenzierte haltung frankreichs
auch zu getreidepreissenkungen zu erkennen.
tatsache nummer drei ist: bei unseren bemuehungen in
bruessel um preissicherung bei den sogenannten "noerd-
lichen" produkten wie getreide, oelsaaten, milch und zucker
haben wir im kreise der eg-partner keinen leichten stand.
dies zeigt erneut die derzeitige diskussion im agrarrat ueber
die preisvorschlaege der eg-kommission fuer das
wirtschaftsjahr 1988/89. sie wissen, in dem preispaket der
kommission stecken einige fuer unsere bauern
unangenehme vorschlaege.
das gilt zum beispiel fuer die halbierung der monatlichen
zuschlaege fuer lagerkosten bei getreide (reports) und auch
fuer die sicherung des aus unserer sicht notwendigen,
zulaessigen feuchtigkeitshoechstgehaltes von 15,5 prozent
bei getreide (sofern kein vorschlag der kommission,
automatisch 14,5 v. h.).
wir versuchen, verbesserungen am vorschlagspaket der
kommission zu erreichen. wie erfolgreich diese
bemuehungen auch sein werden, nach den grundsatzbeschluessen
beim eg-gipfel der regierungschefs vom 12./13. februar
sind von der diesjaehrigen agrarpreisrunde
preisanhebungen nicht zu erwarten.
die eg-kommission ist in einer starken stellung, solange
sie nachweisen kann, dass nur bei annahme ihrer
vorschlaege die haushaltsleitlinie, das heisst der vom
europaeischen rat festgeschriebene finanzielle gesamtrahmen,
eingehalten werden kann.
machen wir verbesserungsvorschlaege, muessen wir
gleichzeitig zeigen, woher das geld dafuer genommen werden soll.
sie koennen sich vorstellen, dass dies nicht so einfach ist,
zumal beim alljaehrlichen preiskompromiss ja nicht nur die
noerdlichen, sondern auch die suedlichen produkte bedacht
werden wollen.
ich komme nun zu einzelnen produktbereichen. das im
februar von den eg-regierungschefs beschlossene
gesamtpaket zu den pflanzlichen produkten weist fuer die
produktion von getreide, oelsaaten und huelsenfruechten
obergrenzen, genauer "garantieschwellen", aus.
wir haben uns bemueht, realitaetsnahe obergrenzen zu
vereinbaren, die finanzierbar sind, den inlandsverbrauch
abdecken und traditionelle exporte der gemeinschaft
weiterhin sicherstellen.
fuer die vier wirtschaftsjahre 88/89 bis 91/92 wurde bei
getreide eine garantieschwelle von 160 mill. t festgelegt.
sie hat folgende wirkung:
ab beginn eines jeden wirtschaftsjahres wird provisorisch
eine zusaetzliche mitveranwortungsabgabe von 3 prozent
erhoben, um die ausgaben bei der verwaltung der maerkte
innerhalb des haushaltsvolumens zu halten.
stellt sich am ende eines wirtschaftsjahres heraus, dass die
garantiemenge nicht oder um weniger als 3 prozent
ueberschritten wurde, wird die zusaetzliche
mitverantwortungsabgabe ganz oder anteilig zurueckerstattet.
wurde die garantiemenge ueberschritten, wird zu beginn
des folgenden jahres der interventionspreis um 3 prozent
gesenkt.
um die auswirkungen dieser automatischen regelungen zu
begrenzen, hat sich die bundesregierung von anfang an fuer
die gleichzeitige herausnahme von kapazitaeten aus der
produktion - im ergebnis aehnlich wie bei milch - eingesetzt.
wie sie wissen, konnte schliesslich nach langen, zaehen
verhandlungen uebereinstimmung erzielt werden, eg-weit
flaechen ganz stillzulegen oder extensiver zu bewirtschaften.
die landwirte, die mitmachen, erhalten dafuer ein entgelt,
das bei uns durch die europaeische gemeinschaft, den bund
und die laender finanziert wird. zusaetzlich kann aelteren
landwirten ein angebot gemacht werden, ihren betrieb vorzeitig
aufzugeben. in den naechsten
fuenf jahren sollen durch die flaechenstilllegung
in der europaeischen gemeinschaft rund 1 mill. ha
ackerflaeche oder rund 3 bis 3,5 mill. t getreide aus der
produktion genommen werden (bundesrepublik
deutschland: rund 350 000 ha oder rund 1,2 mill. t).
es geht die furcht um, dass flaechenstillegung,
extensivierung und umstellung der produktion nicht ausreichen,
um bei pflanzlichen produkten eine preisstabilisierende
wirkung moeglich zu machen. allein die mengensteigerungen
auf grund des technischen fortschritts seien unter
umstaenden groesser als das, was ueber die flaechenstillegung
an mengen aus der produktion genommen werde. dies koennte
sein.
alle kritiker und besserwisser darf ich aber einmal fragen:
welche anderen moeglichkeiten der mengenbegrenzung bei
pflanzlichen produkten haetten wir aber dann? etwa eine
quotenregelung? etwa die verhinderung des technischen
fortschritts ueberhaupt?
fuer quotenregelungen insbesondere bei getreide fehlen die
schleusen, die gesamte produktion zu kontrollieren. auch
gibt es fuer weitere quotenregelungen neben milch und
zucker derzeit eg-weit keine zustimmung.
und den technischen fortschritt nur fuer unsere bauern zu
verbieten - die anderen mitgliedstaaten haben daran
keinerlei interesse - kann man von keiner bundesregierung
verlangen, die weiss, dass wir auch in zukunft
wettbewerbsfaehige betriebe brauchen.
flaechenstillegung und produktionsaufgaberente fuer aeltere
landwirte sind wahrlich keine allheilmittel. mit diesen
instrumenten schaffen wir uns jedoch zumindest entlastung
angesichts einer weiterhin ungebrochenen zunahme der
pflanzlichen produktion mit sonst weitaus drastischeren
preissenkungen, als wir sie bisher schon hatten.
die bauern in der europaeischen gemeinschaft haben es
jedenfalls nun in der hand, durch ihre reaktion auf die
angebotenen stillegungsmassnahmen die weitere markt-
und preisentwicklung bei pflanzlichen produkten selbst mit
zu beeinflussen.
spaetestens bis zur herbstaussaat sollen unsere landwirte
wissen, was sie vom stillegungsprogramm erwarten
koennen, damit sie sich entscheiden koennen. bund und laender
werden rund 350 mill. dm fuer ausgleichszahlungen zur
verfuegung stellen. rund 350 000 ha koennen damit aus der
produktion genommen werden, wenn man pro ha eine
ausgleichszahlung von durchschnittlich 1000 dm unterstellt,
kosten fuer die pflege der flaechen eingeschlossen.
verteilt auf die bundesrepublik deutschland ist von diesen
350 000 ha keine veroedung der landschaft zu erwarten,
zumal in problemregionen der umfang der flaechenstill-
legung beschraenkt werden kann. die auswirkungen auf die
landschaft sind jedenfalls geringer, als wenn man dem
massiven preisdruck freien raum gelassen haette. im
uebrigen kommt das geld, das sonst fuer die marktordnung
benoetigt wuerde, nunmehr direkt den bauern zugute.
ein problem bei der vermarktung von getreide bleibt der
sinkende eigenverbrauch in der europaeischen
gemeinschaft. seit 1984/85 ist der einsatz von getreide in
futtermitteln deutlich zugunsten der getreidesubstitute
zurueckgegangen. rund 9 mill. t getreide werden heute weniger
verfuettert als vor drei jahren. (verfuetterung 1984/85:
92 mill. t., 1987/88: voraussichtlich 83 mill. t.)
der europaeische rat hat die kommission aufgefordert, sich
bei den laufenden gatt-verhandlungen nachdruecklich fuer
eine begrenzung der substituteeinfuhren einzusetzen. was
dabei herauskommt, ist nicht vorherzusagen. eines ist
jedoch sicher: geschenkt werden wir nichts bekommen.
die kommission wurde vom europaeischen rat ausserdem
aufgefordert, vorschlaege fuer eine mehrverwendung von
getreide in futtermitteln zu machen. dem hat die
kommission im rahmen ihrer diesjaehrigen preisvorschlaege
entsprochen. was dazu an ueberlegungen auf dem tisch liegt,
bedarf allerdings noch der vertieften diskussionen.
voraussichtlich werden wir es nicht schaffen, schon bei
dieser preisrunde zu einer loesung zu kommen.
wir brauchen ja nicht nur eine eg-weite loesung. wir
brauchen eine praktikable loesung. zudem muss die massnahme
mit den gatt-regeln vereinbar sein.
soweit zum markt fuer pflanzliche produkte. kommen wir nun
zu den maerkten fuer rind- und schweinefleisch. zunaechst zur
rindfleischerzeugung.
die marktpreise fuer weibliche rinder haben sich zwar wegen
des ruecklaeufigen angebots ueberwiegend gefestigt und
liegen im durchschnitt bayerns 0,5 prozent ueber dem niveau
des vorjahres (6,07 dm/kg). die preise fuer geschlachtete
bullen sind dagegen weiter gesunken und haben ende april
dieses jahres einen neuen tiefstand erreicht. sie liegen um
rund 5,5 prozent unter dem schon niedrigen vorjahresniveau
(6,25 dm/kg). hauptursache fuer den preisrueckgang
sind absatzprobleme im export - sowohl in andere
mitgliedstaaten als auch in drittlaender - bei weiterhin hohem
angebot.
die exporterstattungen der europaeischen gemeinschaft
wurden auf unser draengen hin mitte maerz dieses jahres um
rund 18 prozent erhoeht (beispiel bullenhaelften
laendergruppe a von 128,5 auf 152,5 ecu je 100 kg = 306,49
auf 360,07 dm je 100 kg). trotzdem sind wegen der
unguenstigen absatzlage die interventionsangebote laufend
gestiegen.
zur zeit lagern in der gemeinschaft rund 670 000 t
rindfleisch, davon fast 200 000 t in der bundesrepublik
deutschland. der abbau dieser interventionsbestaende ist dringend
erforderlich, wird aber hohe kosten verursachen, eg-weit
muss mit verwertungsverlusten von ca. 5 mrd. dm gerechnet
werden. da jedoch grossabnehmer fehlen, werden wir 1988
auf einem grossteil der vorhandenen interventionsbestaende
sitzenbleiben.
die eg-kommission hat deshalb in ihren preisvorschlaegen
fuer das wirtschaftsjahr 1988/89 dem agrarrat korrekturen
bei der berechnung der ankaufspreise vorgeschlagen. ab
1989 will sie fuer die interventionskaeufe im rindfleischsektor
- ebenso wie bei butter - ein ausschreibungsverfahren
einfuehren.
gewisse korrekturen bei der berechnung der ankaufspreise
sind sicherlich vertretbar. in der ablehnung eines
ausschreibungsverfahrens sind wir uns mit den betroffenen
wirtschaftskreisen - sicher auch mit ihnen - einig.
bereits in der ersten diskussion des kommissionspapiers
haben wir unmissverstaendlich zum ausdruck gebracht, dass
die markt- und preisverhaeltnisse im rindfleischsektor nicht
mit dem buttersektor vergleichbar sind und von deutscher
seite ein ausschreibungsverfahren im rahmen der
rindfleischintervention nicht akzeptiert werden kann.
wir gehen davon aus, dass auch die mehrzahl der uebrigen
mitgliedsaaten schliesslich einem ausschreibungsverfahren
ablehnend gegenuebersteht. wir teilen allerdings die
auffassung der eg-kommission, dass die mit sehr hohen kosten
verbundenen interventionskaeufe im rindfleischsektor weiter
eingeschraenkt werden muessen.
nach unserer auffassung sollte dieses ziel jedoch eher
durch eine mengenmaessige und saisonale beschraenkung der
kaeufe erreicht werden. gleichzeitig streben wir eine
erhoehung der bestehenden sonderpraemie fuer maennlichetiere an.
wie wird sich die rindfleischproduktion in diesem jahr
entwickeln? die rindfleischproduktion insgesamt wird 1988
bei uns und auch auf eg-ebene ruecklaeufig sein. im
bundesgebiet werden rinderschlachtungen im umfang von 5
millionen stueck erwartet, das waeren 4,7 prozent oder 250 000
stueck weniger als 1987. der rueckgang bezieht sich
allerdings ausschliesslich auf weibliche tiere. die
bullenschlachtungen duerften nach den vorliegenden
viehzaehlungsergebnissen sowohl 1988 als auch 1989 nahezu
gleich hoch sein wie 1987.
die eg-kommission rechnet fuer die europaeische
gemeinschaft mit einem durchschnittlichen rueckgang der
schlachtungen von 4,5 prozent oder 1,4 millionen stueck,
ebenfalls weitgehend beschraenkt auf weibliche rinder. bei dieser
marktsituation ist auf dem deutschen markt ein anstieg der
erzeugerpreise fuer weibliche rinder zu erwarten, waehrend
sich die bullenpreise im jahresdurchschnitt kaum
verbessern duerften.
eine durchgreifende besserung der preise fuer maennliche
schlachtrinder wird erst dann eintreten, wenn bei uns und
in der gemeinschaft das angebot an maennlichen
schlachtrindern merklich zurueckgeht.
zur marktentlastung soll ein bereits beschlossens, eg-
weites extensivierungsprogramm fuer rindfleisch beitragen.
danach soll den rindfleischerzeugern ein angebot gemacht
werden, gegen einen noch festzulegenden betrag ihre
bullen- oder ochsenhaltung fuer mindestens fuenf jahre
aufzugeben oder auf mutterkuhhaltung umzustellen. das programm
wird voraussichtlich anfang 1989 anlaufen.
auch auf dem schweinefleischmarkt sieht es zur zeit fuer die
bauern nicht gut aus. die bauern klagen zur recht ueber
voellig unzureichende schlachtschweine- und ferkelpreise.
die wirtschaftliche lage der schweinehalter hat sich bis in
den april dieses jahres hinein nochmals verschlechtert .erst
jetzt im mai sind erste zaghafte preisverbesserungen zu
erkennen. die hauptursache dieses preisverfalls ist auch
hier das anhaltende ueberangebot. es wird ganz einfach zu
viel produziert.
die bruttoeigenerzeugung der eg erhoehte sich 1987 trotz
niedriger preise nochmals um 1,5 prozent auf 12,71 mill. t.
auch bei uns lag trotz der starken preisrueckgaenge die
bruttoeigenerzeugung 1987 mit 3,286 mill. t noch auf dem
niveau von 1986 (3,288 mill. t). in der bundesrepublik
deutschland hat der preisdruck dazu gefuehrt, dass 1987
jeder zehnte schweinehalter die ferkel- und
mastschweineproduktion eingestellt hat. in diesem jahr rechnen
wir bei uns mit einem rueckgang der bruttoeigenerzeugung um
rund 4 prozent auf 3,15 mill. t.
auf eg-ebene wird die produktion voraussichtlich erst im
zweiten halbjahr 1988 einen knick nach unten machen.
diese entwicklung koennte in der zweiten jahreshaelfte
preisanhebungen auf der erzeugerstufe zulassen.
vor allzu grossen hoffnungen moechte ich jedoch warnen. die
schweinepreise werden das alte niveau vor der talfahrt
vorlaeufig nicht wieder erreichen. inzwischen sind naemlich
die futterkosten nachhaltig gesunken. hinzu kommt, dass im
bundesgebiet nicht mehr mit einem nennenswerten
verbrauchszuwachs bei schweinefleisch gerechnet werden
kann.
denn wir muessen bedenken, dass sich die altersstruktur der
deutschen bevoelkerung aendert, dass die niedrigen
fleischpreise in den letzten jahren das noch vorhandene
nachfragepotential weitgehend ausgeschoepft haben und dass in
der oeffentlichkeit immer wieder vorbehalte gegen einen zu
hohen fleischverzehr geaeussert werden.
unsere strategie sollte deshalb mehr auf die sicherung des
gegenwaertigen verbrauchsniveaus gerichtet sein. eine
stagnierende nachfrage bedeutet fuer jeden, der anbietet,
dass sich der wettbewerb verschaerft, dass der qualitaet eine
groessere bedeutung zukommt und strukturelle
anpassungsprozesse in der erzeugung und vermarktung
unvermeidlich sind.
lassen sie mich deshalb kurz auf einige interessante
details bei der vermarktung von vieh und fleisch eingehen.
es liegen jetzt die zahlen ueber die vermarktungswege von
schlachtrindern und -schweinen in der bundesrepublik
deutschland im jahr 1987 vor.
danach zeigt sich: auf bundesebene hat der anteil der
lebendviehauftriebe auf den schlachtviehgrossmaerkten eine
weiter fallende tendenz. 1987 wurden bei rindern nur noch
knapp 6 prozent oder 300 000 stueck lebend vermarktet
gegenueber 30 prozent im jahr 1965. bei schweinen gab es
seit 1965 einen rueckgang von rund 19 prozent auf jetzt nur
noch 0,5 prozent oder 190 000 stueck (von fast 38 millionen).
die abnehmende tendenz der lebendviehauftriebe ist also
ungebrochen. demgegenueber ist die vermarktung von
schlachtrindern und -schweinen ueber
versandschlachtereien und fleischwarenfabriken 1987 nicht weiter
- wie seit 1975 - gewachsen, sondern sogar etwas zurueckgegangen.
der anteil der versandschlachtereien an der vermarktung
betraegt jetzt rund 64 prozent bei den rindern (= 3,24
millionen tiere) und knapp 70 prozent bei den schweinen
(= 26,24 millionen tiere).
vermutlich haben das niedrige preisniveau sowie die
marktnaehe und anpassungsfaehigkeit des privaten handels und
des mittelstaendischen schlachtbetriebes mit dazu
beigetragen, dass sich die uebrigen vermarktungswege, deren
vertreter hier ja zum teil versammelt sind, halten konnten.
eine gefestigte stellung der privaten handelsunternehmen
und schlachtbetriebe ist aus wettbewerbs- und
gesellschaftspolitischen erwaegungen zu begruessen, sie liegt
zweifellos auch im interesse der erzeuger. nach wie vor gilt, dass
sich konkurrenz auf der abnehmerseite langfristig fuer die
landwirte auszahlt. ich bin ganz sicher, dass auch in zukunft
schlagkraeftige private vermarktungsunternehmen, die
flexibel reagieren, ihren platz im markt behaupten und
ausbauen koennen.
zurueck zu den vermarktungsproblemen bei schweinen. die
umstellung der klassifizierung von schweinehaelften auf die
apparative schaetzung des muskelfleischanteils im april
1987 ist nicht ganz reibungslos verlaufen. die verwendung
von drei verschiedenen einstufungsverfahren mit
unterschiedlichen messstellen am schlachtkoerper hat zu
uneinheitlichen schlachtkoerperbewertungen gefuehrt. dies ist auf
dauer nicht vertretbar. die bundesanstalt fuer fleischforschung
in kulmbach hat deshalb in den letzten monaten
umfangreiche untersuchungen zur vereinheitlichung der
messstellen durchgefuehrt. die ergebnisse liegen seit
vierzehn tagen vor.
zusammengefasst ist deutlich geworden, dass die im
schlachtkoerperinnern genommenen masse (sondenmasse)
die wirklichkeit am besten wiedergeben. es ist vorgesehen,
mit den betroffenen wirtschaftskreisen und den
bundeslaendern daraus nun moeglichst schnell schlussfolgerungen
fuer eine vereinheitlichung der messverfahren zu ziehen.
gleichzeitig mit der ueberpruefung der
handelsklassenverordnung fuer schlachtkoerper von schweinen soll
auch der aussagewert der amtlichen preisfeststellung verbessert
werden. die bundeslaender sollen vorschreiben koennen, dass bei
preismeldungen nicht nur die handelsklassen, sondern
auch bestimmte muskelfleischprozente als preisbasis
beruecksichtigt werden. dies erfordert eine aenderung des
vieh- und fleischgesetzes und der dazugehoerigen vierten
durchfuehrungsverordnung. entsprechende
verordnungsvorschlaege des bundesministerium fuer ernaehrung,
landwirtschaft und forsten werden den bundeslaendern und dem
bundesmarktverband fuer vieh und fleisch uebermittelt
werden.
diskussionsstoff liefern immer wieder die unterschiedlichen,
wettbewerbsverzerrenden gebuehren fuer die
fleischbeschau. ziel waere die festlegung einheitlicher
veterinaergebuehren in der europaeischen gemeinschaft.
die bundesregierung bemueht sich mit nachdruck um eine
loesung noch waehrend der deutschen praesidentschaft.
beraten wird zur zeit eine einheitliche leitgebuehr fuer die
schlachttier- und fleischbeschau von etwa 2,70 dm je
schwein. davon soll dann in den mitgliedstaaten nach oben
und unten abgewichen werden koennen.
fuer abweichungen muessten der eg-kommission unterlagen
vorgelegt werden, die das kostendeckungsprinzip nachpruefen
lassen. ein solcher kompromiss - wuerde er schliesslich
von den eg-partnern akzeptiert - duerfte sie sicherlich
nicht ganz zufriedenstellen.
damit koennte aber immerhin die in einzelnen
mitgliedstaaten praktizierte voellige uebernahme der
veterinaergebuehren durch den staat unterbunden werden.
wie bereits dargestellt, hat die geschlachtetvermarktung
zunehmende bedeutung erlangt. aus wettbewerbsgruenden
muss dem vor allem in ueberschussregionen durch eine
effiziente schlachthofstruktur rechnung getragen werden. in
zuschussregionen, also nahe am markt und am verbraucher,
haben auch kleinere schlachthoefe weiterhin gute chancen.
es liegt bei den bundeslaendern, programme zur
verbesserung der regionalen schlachthofstruktur zu erarbeiten.
derartige programme koennen dann die grundlage fuer
foerdermassnahmen sein. die foerderung erfolgt aus mitteln
der gemeinschaftsaufgabe "verbesserung der agrarstruktur
und des kuestenschutzes" sowie aus mitteln des
"europaeischen ausrichtungs- und garantiefonds fuer die
landwirtschaft".
im harten konkurrenzkampf um die gunst der verbraucher
kommt es auf jede mark an, die bei den kosten fuer die
vermarktung eingespart werden kann. deshalb sollten alle
moeglichkeiten ausgeschoepft werden, durch rationalisierung
vermarktungskosten zu senken.
eines sollte jedoch nicht uebersehen werden: da die
schlachthofstruktur im bundesgebiet weiterhin sehr
unterschiedlich ist, kann es keine einheitlichen schlachtkosten
geben. schlachtbetriebe mit hoher kapazitaetsauslastung
werden auch kuenftig in der regel kostenvorteile gegenueber
betrieben mit niedrigerer kapazitaetsauslastung haben.
soweit zu den aktuellen problemen der deutschen
landwirtschaft und der vermarktung ihrer produkte. was wird
nun die zukunft bringen?
waeren wir bei der loesung der probleme doch schon ueberall
so weit wie bei milch. mit hilfe der garantiemengenregelung
milch und der den bauern honorierten stillegung und
aussetzung von quoten ist es gelungen, die
produktionsmengen soweit hinunterzufahren, dass der milchpreis
wieder wesentlich vom markt bestimmt wird - und dies zum
vorteil unserer bauern. denn der milchpreis tendiert fest,
die ehemals hohen butter- und magermilchberge sind soweit
abgebaut, dass sie nicht mehr auf den preis druecken. vor
eineinhalb jahren sassen wir noch auf einem butterberg von rund
1,5 mill. t, zur zeit liegen die butterbestaende um 500 000 t.
bei magermilchpulver sind die laeger sozusagen leergefegt
(ende april 1987 noch rund 760 000 t). natuerlich stehen uns
auch bei milch noch eine reihe von aufgaben bevor, so die
saldierung zwischen unter- und ueberlieferungen in den
betrieben und die einfuehrung einer begrenzten handelbarkeit
von quoten. voraussetzung dazu ist, dass wir die bei uns
anfangs zuviel verteilten referenzmengen endlich
loswerden. dazu muessen wir im verlaufe dieses jahres eine
loesung finden.
trotz garantiemengenregelung wird im milchsektor, wie
ganz allgemein in der landwirtschaft, der strukturwandel
weitergehen. angesichts der schwierigen produktions- und
wirtschaftsverhaeltnisse in vielen baeuerlichen betrieben
wird sich der strukturwandel in der generationenfolge
voraussichtlich sogar verstaerken.
der staat kann keinem betrieb auf dauer eine
einkommens- und existenzgarantie geben. es hat daher auch
keinen zweck, die augen davor zu verschliessen, dass
zukuenftig noch mehr baeuerliche familien auf zusaetzliche
einkommen von ausserhalb ihrer betriebe angewiesen sind.
der strukturwandel in der landwirtschaft sowie der zwang,
ueberkapazitaeten in der landwirtschaft abzubauen, macht
auch anpassungen in den bereichen erforderlich, die mit
der landwirtschaft eng zusammenarbeiten.
was aber bleibt? das ziel eines landwirtschaftlichen
unternehmers wird auch zukuenftig darin liegen, bei der
erzeugung von nahrungsmitteln - und in den neunziger jahren
verstaerkt von nachwachsenden rohstoffen -
wettbewerbsfaehig zu sein und zu bleiben.
da er als einzelner nicht die menge beeinflussen kann, die
auf den markt draengt, wird er versuchen muessen, - mit
weniger arbeit und kapital je produkteinheit als andere
auszukommen, - durch preisguenstigen bezug und gezielten
einsatz von produktionsmitteln moeglichst kostenguenstig zu
produzieren - und sich - statt durch menge - durch qualitaet
und spezialprodukte von den konkurrenten abzusetzen.
alle handelspartner der landwirtschaft sind schon aus
eigeninteresse dazu aufgerufen, der deutschen
landwirtschaft bei ihrem bemuehen um eine sicherung und
verbesserung ihrer konkurrenzfaehigkeit zu helfen.
landwirtschaftliche produkte zu verarbeiten oder zu vermarkten,
muss auch das interesse umfassen, dauerhaft die nachlieferung
dieser produkte zu sichern. wie koennte man dies besser als aus
heimischer produktion?
wenn die zahl der landwirtschaftlichen betriebe weiter sinkt
und gleichzeitig die leistungsfaehigkeit der uebrigen betriebe
zunimmt, verbleibt dem agrarhandel auch zukuenftig ein
grosses aufgabengebiet. mit dem trend zu groesseren
produktionseinheiten werden sich allerdings die wuensche an den
agrarhandel aendern. groessere betriebe werden eher als
kleinere betriebe zum beispiel getreide selbst trocknen und
einlagern.
dafuer werden die beratungsaufgaben des agrarhandels
zunehmend wichtiger werden, vor allem wenn es um die
sicherung unseres anteils an der nahrungsmittelversorgung
von 320 millionen verbrauchern in der europaeischen
gemeinschaft geht. zukuenftig geht es nicht mehr darum,
moeglichst viel von allem zu produzieren.
angesichts einer stagnierenden bevoelkerung, die sich nicht
mehr als satt essen kann, werden eg-weit die ansprueche
der verbraucher an vielfalt und qualitaet der agrarprodukte
weiter wachsen.
auf den europaeischen binnenmarkt, den wir bis 1992 stueck
fuer stueck verwirklichen wollen, muessen wir uns nicht erst
morgen, sondern schon heute einstellen:
die bauern, indem sie sich von einer reinen
ablieferungsmentalitaet loesen,
der berufsstand als ganzes, indem er unter anderem auf
neue marktmoeglichkeiten aufmerksam macht,
der agrarhandel, der rechtzeitig auf ein sich aenderndes
nachfrageverhalten in der bevoelkerung reagieren muss,
der staat, der sich fuer gleiche rahmenbedingungen und
fuer faire wettbewerbsverhaeltnisse in der europaeischen
gemeinschaft einzusetzen hat.
nehmen wir die herausforderung eines gemeinsamen
binnenmarktes mit rund 320 millionen verbrauchern anue wir
haben dazu im grunde auch keine alternative. denn der
weg nach europa wird stetig weiter ausgebaut. wir wuerden
unserer landwirtschaft keinen gefallen tun, sie von dieser
entwicklung einfach abzukoppeln.