abschied von heinz-werner meyer - ansprache des bundeskanzlers in recklinghausen

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
trauerfeier fuer den verstorbenen dgb-vorsitzenden
heinz-werner meyer am 16. mai 1994 in recklinghausen
folgende ansprache:

herr bundespraesident,
liebe frau meyer, sehr geehrte familie meyer,
meine sehr verehrten damen und herren,

wir nehmen heute abschied von heinz-werner meyer,
einem hervorragenden repraesentanten der deutschen
und europaeischen gewerkschaftsbewegung. in dieser
stunde gilt vor allem unser tiefes mitgefuehl ihnen,
liebe frau meyer, und ihren kindern. gemeinsam mit
ihnen trauern wir um ihren mann. und wir danken
ihnen sehr herzlich, dass sie ihm in vielen jahren
kraft, zuhause und menschliche waerme geschenkt haben.
wir wuenschen ihnen von herzen in diesen schweren
tagen des abschieds trost und gottes hilfe.
ich bin heinz-werner meyer in ueber zwei jahrzehnten
bei vielen gespraechen und diskussionen begegnet.
wir waren uns oft einig, und wir haben oft auch
gegensaetze miteinander ausgetragen. seine menschlichkeit,
seine natuerlichkeit, seine nachdenklichkeit und
sein buergersinn haben mich immer wieder tief beeindruckt.
er zeichnete sich durch kenntnisreichtum, durch
geradlinigkeit und nicht zuletzt auch durch die
faehigkeit zu vernuenftigen kompromissen aus. mit
seinem wirken, mit der kraft seiner persoenlichkeit
hat er sich weit ueber die grenzen der gewerkschaftsbewegung
hinaus in deutschland, in europa hochachtung, respekt
und sympathie erworben.
er war kein theoretiker. als vorsitzender des deutschen
gewerkschaftsbundes konnte er vor allem aus seiner
grossen lebenserfahrung schoepfen. er hat sich diese
erfahrung hart erarbeitet. mit 16 jahren war er
berglehrling auf der schachtanlage monopol, dann
hauer. die erfahrung haertester koerperlicher arbeit
unter tage in den entbehrungsreichen ersten nachkriegsjahren
hat ihn ein leben lang gepraegt. er hat oft davon
gesprochen. trotz der belastungen seines berufs
fand er die kraft zum besuch des abendgymnasiums,
das ihm anschliessend das studium der volkswirtschaft
in seiner heimatstadt hamburg ermoeglichte.
fuer ihn als bergmann war gewerkschaftliche taetigkeit
selbstverstaendlich. sie war ihm eine kameradschaftliche
pflicht. es gibt wohl keinen bereich in der wirtschaft,
in dem die beschaeftigten und ihre gewerkschaft
eine aehnliche einheit bilden wie bei den bergleuten.
und es gab in den letzten jahrzehnten
keinen bereich, der das leben einer ganzen region
so intensiv beeinflusste wie der bergbau das ruhrgebiet.
heinz-werner meyer hat den dramatischen anpassungsprozess
im deutschen steinkohlebergbau engagiert mitgestaltet,
vor allem ab 1985 als vorsitzender der ig bergbau
und energie. die zahl der im bergbau beschaeftigten
ist in nur drei jahrzehnten auf ein viertel zurueckgegangen.
er gehoert zu den maennern und frauen, denen es vor
allem zu verdanken ist, dass diese fuer die betroffenen
und ihre familien so schwierige entwicklung
einigermassen ertraeglich gestaltet werden
konnte.
heinz-werner meyer war ein engagierter sozialdemokrat.
aber er war immer zugleich auch ein leidenschaftlicher
vertreter der idee der einheitsgewerkschaft. in
seiner ig bergbau und energie war das miteinander
von sozialdemokraten und christlichen demokraten
nie ein streitthema.
er hielt sich nie lange auf mit der blossen beschreibung
von problemen. er versuchte loesungen aufzuzeigen,
indem er einen gangbaren weg wies, fuer den er mit
grosser ueberzeugungskraft und mit kluger beharrlichkeit
immer wieder verbuendete suchte. bei seinen partnern
in der wirtschaft, die naturgemaess oft auch seine
gegenspieler waren, hat er sich damit grosse achtung
und respekt verschafft. er war kein mann der lauten
toene und schon gar nicht des klassenkampfs. doch
gerade darin lag auch das geheimnis seiner erfolge,
jener erfolge, die er fuer die ihm anvertrauten arbeitnehmer
immer wieder erzielen konnte.
heinz-werner meyer hat seine aufgabe nie nur darin
gesehen, so wichtig ihm das war, die interessen
einer bestimmten gesellschaftlichen gruppe zu vertreten.
er war ein ueberzeugter patriot, gepraegt vom bewusstsein
seiner verantwortung fuer das wohl des ganzen. ich
habe es oft erlebt in den gespraechen mit ihm. er
hat die deutsche einheit als ein geschenk empfunden.
die dadurch bedingten schwierigen veraenderungsprozesse
hat er als vorsitzender des deutschen gewerkschaftsbundes
in einer fuer den dgb nicht einfachen zeit mit grossem
einsatz und mit grosser hingabe gestaltet.
es waren und sind aufgaben, fuer die es in unserer
geschichte kein beispiel gibt: der gewerkschaftliche
neubeginn in den neuen laendern musste geschafft,
eine wirkungsvolle gewerkschaftsorganisation aufgebaut
werden. mit vorbildlichem engagement leistete heinz-werner
meyer seinen beitrag zur inneren einheit deutschlands.
und unermuedlich warb er um solidaritaet in den alten
bundeslaendern.
und dies alles, meine damen und herren, geschah
vor dem hintergrund grosser innerer herausforderungen
fuer den dgb und seine mitgliedsgewerkschaften. angesichts
dieser gewaltigen aufgaben tat heinz-werner meyer
mehr als nur seine pflicht. von ihm war ein kraeftezehrender
einsatz gefordert, den er ohne wenn und aber, tag
fuer tag geleistet hat.
heinz-werner meyer war fuer die bundesregierung und
auch fuer mich kein bequemer gespraechspartner, und
das musste auch so sein. und dennoch empfinde ich
in dieser stunde neben trauer und bestuerzung vor
allem auch grosse dankbarkeit fuer manchen klugen
rat. fuer ihn stand die sache, die er vertrat, im
mittelpunkt. mehr noch: es ging ihm um die menschen,
um ihre sorgen, um ihre hoffnungen. er strebte nie
nach der billigen schlagzeile des tages. auch darin
ist er ein vorbild.
wir verneigen uns in dieser abschiedsstunde mit
respekt und dankbarkeit vor ihm. wir verneigen uns
vor einem grossen deutschen patrioten. heinz-werner
meyer hat sich um das vaterland verdient gemacht.