8. Mai – 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa – Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages – Ansprache des Bundesratspräsidenten Volker Bouffier:

Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts!
Exzellenzen!
Werte Abgeordnete!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Und vor allen Dingen meine sehr geehrten Damen und Herren, die Sie das Ende des Zweiten Weltkrieges als Zeitzeugen noch miterlebt haben!

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Winkler, der Beifall des Hauses – und ich bin sicher: vieler Menschen in unserem Land und weit darüber hinaus – hat deutlich gemacht, in welch herausragend beeindruckender Weise Sie den langen Weg unseres Landes nach Westen beschrieben haben. Sie haben deutlich gemacht, was es auch nach 70 Jahren bedeutet, diesen 8. Mai angemessen zu würdigen. Ich danke Ihnen von Herzen für diese außergewöhnlich großartige Rede.

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll hat zur Bedeutung des Endes des Zweiten Weltkrieges wie folgt bemerkt:

„Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“

Dieser Krieg hat unendlich viele Wunden geschlagen, Wunden, die uns mahnen, und Wunden, die uns verpflichten: Wunden, die uns verpflichten, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken, und Wunden, die uns mahnen, aktiv für Frieden, Völkerverständigung, für Weltoffenheit und Toleranz einzutreten.

Sie haben es erwähnt: Der 30. Januar 1933 war der Anfang und der 8. Mai 1945 der Endpunkt einer menschenverachtenden Diktatur, der Millionen Menschen zum Opfer fielen und die mit systematischem Völkermord einen Tiefpunkt in der Geschichte unseres Landes erreichte. Ich will ausdrücklich festhalten: Ja, Herr Professor Dr. Winkler, Sie haben recht: Die Einzigartigkeit dieses Geschehens erlaubt es auch 70 Jahre nach Ende des Krieges nicht, einen Schlussstrich zu ziehen oder gar zu relativieren.

Sich der eigenen Geschichte zu stellen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ist die Grundvoraussetzung für gelingende Zukunft. Der 8. Mai verpflichtet uns aber nicht nur, der Opfer der Nazidiktatur im In- und Ausland zu gedenken. Er verpflichtet uns auch, entschieden für Frieden, für Freiheit und Demokratie einzutreten. Er verpflichtet uns, den Anfängen zu wehren und immer wieder deutlich zu machen, dass in Deutschland kein Platz ist für diejenigen, die die Demokratie bekämpfen oder die Menschenrechte missachten. Das gilt für Extremisten aller Art, und es gilt besonders für diejenigen, die als ewig Gestrige oder als neue Anhänger des nationalsozialistischen Ungeistes ihr Unwesen treiben. Diesem Treiben muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats und einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung entschieden entgegengetreten werden.

Mit dem größeren Abstand zum Kriegsende – Sie haben es beschrieben – ist das Diktum des verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung immer deutlicher hervorgetreten. In dieser historischen Rede hat Richard von Weizsäcker aber auch die Empfindungen der Erlebnisgeneration beschrieben.

Wenn diejenigen, für die auf den Tag der Befreiung keine Befreiung folgte, weil sie als Kriegsgefangene unendlich litten, als Vertriebene ihre Heimat verloren oder als spätere Bürger der DDR und in den anderen Ländern im ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion von einer Diktatur in die andere gerieten, das Diktum von dem „Tag der Befreiung“ zuweilen als zu einseitig empfunden haben mögen und vielleicht noch empfinden, ist dies erklärbar. Entscheidend ist aber etwas anderes. Entscheidend ist: Die Befreiung von der Nazidiktatur war die Grundlage für ein neues und demokratisches Deutschland und die Rückkehr unseres Landes in den Kreis der zivilisierten Welt.

Sie haben es beschrieben: Das ist uns nicht selbst gelungen. Der von Ihnen bereits zitierte Thomas Mann hat in einem seiner Briefe 1945 geschrieben: Sie mussten „durch äußere Mächte zur Menschheit zurückgeführt werden“. Es ist mir ein Bedürfnis, diesen äußeren Mächten nicht nur Respekt zu erweisen, sondern sehr deutlich zu sagen, dass sie uns von diesem furchtbaren Inferno und dieser Diktatur befreit haben. Ich will denjenigen, die diese Diktatur unter unvorstellbaren Opfern beendet und unserem Land einen neuen, demokratischen Aufbruch ermöglicht haben, ausdrücklich unseren Dank dafür bekunden.

Den Alliierten ging es zunächst natürlich darum, zu verhindern, dass von deutschem Boden jemals wieder ein Krieg ausgehen könnte. Sie haben aber auch das Fundament, den Grundstein für eine erfolgreiche und funktionierende Demokratie gelegt. Das föderale Prinzip, das eine jahrhundertealte Tradition in Deutschland aufgriff, hat sich ebenso als Glücksfall erwiesen wie die marktwirtschaftliche und sozialstaatliche Ordnung.

Der 8. Mai 1945 war aber nicht nur ein Epochenwechsel für Deutschland, sondern für ganz Europa. Über Jahrhunderte hinweg standen sich die europäischen Großmächte in unterschiedlicher Konstellation rivalisierend gegenüber. Die Durchsetzung von Machtinteressen mit militärischen Mitteln, das territoriale Expansionsstreben und die nationalstaatliche Überheblichkeit waren alltägliche Mittel der Politikgestaltung. Dies alles hatte sich am 8. Mai 1945 erschöpft. Die Zukunft Europas musste auf der Grundlage der für Demokratie und Menschenrechte prägenden Werte errichtet werden, wenn dieses Europa nicht erneut scheitern sollte.

Es ist deshalb meine tiefe Überzeugung: Das vereinte Europa und die Europäische Union waren und sind die richtige Antwort auf das Inferno zweier Weltkriege. Grenzen zu überwinden, ohne Kriege gegensätzliche Interessen auszugleichen und gemeinsame Interessen wahrzunehmen, darin liegt die fundamentale Bedeutung des vereinten Europas.

Daran zu erinnern, ist angesichts der vielfältigen Herausforderungen, die dieses vereinte Europa in einer globalisierten Welt bewältigen muss, notwendig. Sie, Herr Professor Winkler, haben es angesprochen. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, das Ringen um eine bessere und nicht nur ökonomisch bessere Zukunft in allen Ländern dieser europäischen Gemeinschaft oder die Bekämpfung der Fluchtursachen und nicht der Flüchtlinge, die zu uns nach Europa kommen, mögen als Beispiele für diese Herausforderungen genügen. Dieses vereinte Europa ist nicht das Paradies. Aber ich kenne keine andere Staatengemeinschaft, in der die Menschenrechte, der Frieden, die Freiheit und das Recht besser gewahrt würden.

Das Gedenken an die Ereignisse von 1945 und davor ist und bleibt eine Kernaufgabe deutscher Politik. Die Bedeutung des 8. Mai hat dabei viele Facetten. Nach meinem Verständnis gibt er eine Grundbotschaft, die für uns alle gelten kann – heute und in Zukunft, in unserem eigenen Land und überall auf der Welt. Der 8. Mai verlangt eine Haltung, die unser Tun bestimmen sollte. Es geht um gegenseitigen Respekt, es geht um Toleranz, und es geht um Zivilcourage – nicht nur am 8. Mai, sondern jeden Tag und immer wieder aufs Neue.

Ich danke Ihnen und bitte Sie, sich für die europäische Hymne zu erheben.