- Bulletin 98-97
- 9. Dezember 1997
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der
Verleihung des Wieland-Übersetzerpreises in Biberach am
18. November 1997 folgende Rede:
Meine Damen und Herren,
ich freue mich, daß ich heute bei Ihnen bin. Aus mehreren Gründen bin ich
gerne mit Übersetzern zusammen: Zum einen gibt es wenig intellektuelle Arbeit,
die mir mehr Achtung abverlangt als das literarische Übersetzen. Texte sind ja
mehr als die Addition von Wörtern. Hinter jedem stehen eine ganze Kultur, eine
ganze Geschichte, die gesamten Erfahrungen einer Sprachgemeinschaft. Zum
anderen aber möchte ich meine Bekanntheit als Bundespräsident einsetzen, um
für einen in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig beachteten Berufsstand
Werbung zu machen. Sie haben es verdient.
Als ich vor einigen Monaten im Europäischen Übersetzerkolleg in Straelen war,
lernte ich, mir ein noch besseres Bild von Ihrem Beruf zu machen. Ich war und
bin beeindruckt von dem Engagement, das Sie für Ihre Sache zeigen - und ich
bin noch mehr davon beeindruckt, wenn ich mir die Schwierigkeiten, ja die
Entbehrungen vor Augen halte, die Sie auf sich nehmen.
Übersetzen hat viele Motive: beispielsweise die Neugier, die Leidenschaft für
das Fremde und die Herausforderung, das eigentlich Unmögliche möglich zu
machen. Im Innersten aber liegt dem Übersetzen auch so etwas wie ein
moralischer Impuls zugrunde: Man möchte sich das Fremde vertraut machen. Man
will das Fremde verstehen können.
Die Grundfrage allen Übersetzens - die Frage, die sich jeder stellt, der
diesem entsagungsvollen Beruf nachgeht - ist wohl: Können wir einander
verstehen? Jede Art von Übersetzerarbeit ist der Versuch, diese Frage mit Ja
zu beantworten. Damit wird zugleich die doppelte Bedeutung des Wortes
"Übersetzung" klar: Übersetzen ist einerseits ein Handwerk, und zwar ein
schwieriges, das langer Übung bedarf; andererseits antwortet es aber auf eine
intellektuelle und ethische Herausforderung. Wer übersetzt, leistet
Verständigungsarbeit. Das ist die humane Botschaft des Übersetzerberufs:
Nichts, kein Gedanke, keine Grammatik, keine Tradition, keine Erfahrung, in
welcher Sprache auch immer sie sich ausdrücken, muß uns letztlich fremd
bleiben.
Daß man mit einem der wichtigsten Berufe, die unser Geistesleben kennt,
seinen Lebensunterhalt in der Regel nicht bestreiten kann, ist im Grunde
skandalös. Die prekäre finanzielle Situation, in der die allermeisten von
Ihnen leben, kann einen nur traurig stimmen. Wahrscheinlich gibt es im
gesamten kulturellen Leben kaum einen Beruf, der sich so unterbezahlt
vorkommen muß. Sie wissen und akzeptieren wohl auch, daß ich Ihnen dabei nicht
direkt helfen kann. Es ist aber meine Absicht, sowohl durch meinen Besuch
damals in Straelen als auch durch meine Anwesenheit heute, die große und
wichtige kulturelle Leistung der Übersetzer ins Licht der Öffentlichkeit zu
setzen - und den unzureichenden Lohn, den Sie dafür bekommen. Hier stehen das
Verdienst und der Verdienst, den Sie dafür erhalten, in keinem gerechten
Verhältnis zueinander.
Um so mehr freue ich mich, daß es wenigstens einige Anzeichen einer leichten
Besserung gibt. Ich denke hier natürlich an die gerade bekanntgegebene
Gründung des Deutschen Übersetzerfonds. Immerhin gibt es dadurch eine
kompetente Stelle, durch die gezielt Projekte gefördert oder geleistete
Arbeiten prämiiert werden können. Außerdem hoffe ich, daß durch seine Gründung
auch ein Stück öffentliche Wirksamkeit erzielt wird.
Niemand ist heute für den so dringend erforderlichen interkulturellen Dialog
geeigneter als jemand, der es gelernt hat, in anderen Sprachen zu Hause zu
sein. Dazu gehören übrigens auch die fälschlicherweise sogenannten "toten"
Sprachen. Interkultureller Dialog bedeutet ja nicht, sich auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner zu einigen oder, um bei unserem Thema zu bleiben, sich auf
eine möglichst einfache lingua franca zu einigen. Mehr denn je müssen wir uns
alle in anderen Sprachen bewegen.
Da wir das selber nicht für jede Sprache leisten können, sind wir auf gute
und verläßliche Übersetzer angewiesen. Inzwischen werden auf dem deutschen
Buchmarkt allein in der Belletristik zur Hälfte Bücher aufgelegt, die aus
anderen Sprachen übersetzt sind. Schlechte Übersetzungen sollten wir uns dabei
nicht leisten, jedenfalls nicht auf Dauer. Damit wird nicht nur dem fremden
Text Unrecht getan und der Autor gleichsam verraten. Auch unsere eigene
Sprache wird dadurch auf die Dauer verdorben.
Um so mehr ist die beharrliche, gewissenhafte Arbeit der guten und genauen
Übersetzer zu loben. Dabei ist das Paradox unvermeidlich, daß Ihre Arbeit, je
besser sie ist, um so weniger auffällt. Deswegen ist es gut, daß es Preise wie
den Wieland-Übersetzerpreis gibt, die ausdrücklich auf exzellente Leistungen
und möglicherweise verborgene Meisterwerke aufmerksam machen.
Der besondere Reiz dieses Preises, der ja für die Übersetzung eines
klassischen Werkes verliehen wird, besteht darin, daß gleichsam eine doppelte
Übersetzung ausgezeichnet wird. Hier wird nicht nur eine andere Kultur in
unsere eigene Sprache übersetzt, sondern auch eine andere Zeit ins Heute
geholt.
Ich freue mich, daß mit dem Werk von Frau Schuenke heute eine Übersetzung aus
dem Werk Shakespeares gewürdigt wird. Damit wird an die große Tradition der
deutschen Shakespeare-Übersetzungen erinnert, auf die wir alle sehr stolz sein können.
Ich gratuliere Ihnen, Frau Schuenke, herzlich zu diesem Preis.
Zu solchen Preisen gehört es auch, daß sie angemessen dotiert sind. Deswegen
danke ich dem Land Baden-Württemberg, daß es, trotz der bekannten Lage der
öffentlichen Finanzen, die Preissumme aufgestockt hat. Das ist zwar ein
kleines, aber wichtiges Zeichen.
Ich habe oben kurz angedeutet, wie sehr durch schlechte Übersetzungen auch
die eigene Sprache lädiert werden kann. Wie andererseits durch eine gute
Übersetzung die eigene Sprache bereichert wird, zeigt für uns in Deutschland
bis heute das klassische Beispiel der Bibelübersetzung Martin Luthers. Er hat
uns in seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" auch sein Erfolgsgeheimnis
hinterlassen:
Denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprachen fragen, wie
man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im
Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen
und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen. So
verstehen sie es denn und merken, daß man Deutsch mit ihnen redet.
Beides ist also wichtig: Radikale Selbstvergessenheit - um ganz in das andere
Denken eintauchen zu können - und radikales Selbstbewußtsein - um der eigenen
Sprache das andere ganz anverwandeln zu können.
Am Ende der Arbeit, als Ergebnis oft mühevollen Versuchens, als Summe großen
Fleißes in vielen einsamen Stunden, steht eine Botschaft von großer
menschlicher Bedeutung - eine Botschaft, an der Sie, die Übersetzer,
tagtäglich arbeiten: Wir Menschen können einander verstehen. Über alle
Grenzen, auch über alle Zeiten hinweg. Für diese Arbeit danke ich Ihnen allen.