- Bulletin 62-87
- 23. Juni 1987
prof. dr. fritz stern von der columbia universitaet new york
hielt zum gedenken an den 17. juni 1953 in der
sitzung des deutschen bundestages am 17. juni 1987
folgende ansprache:
herr praesident, meine damen und herren!
ich bin mir der ehre dieser einladung bewusst, und ich danke
ihnen. vor drei jahren sprach bundesminister gerhard
schroeder bei dieser gedenkstunde von einer "verstaendlichen
scheu, an diesem tag offen und unbefangen zu
sprechen". "es gab" - so sagte er - bei den eingeladenen
"bereitwillige zusagen, es gab viele absagen, denen halbe
zusagen vorausgegangen waren." auch ich empfinde diese
scheu. der feiertag erinnert an opfer der deutschen
geschichte, an opfer, die weder vergessen noch
missbraucht werden duerfen. im zuge der zeit wird jedes grosse
ereignis neu gedeutet: unsere historische perspektive
aendert sich und somit unser verstaendnis. das gilt auch fuer
den 17. juni, dessen beurteilung in der deutschen
nachkriegsgeschichte sich grundlegend geaendert hat.
dieser feiertag ruehrt an tabus, an denen die deutsche
geschichte reich ist, an noch unklare oder verdraengte
prozesse der geschichte. er wurde festgelegt zur zeit des
kalten krieges, heute ehrt er die opfer und deren verlangen
und erinnert an wandel im bewusstsein und in der politik,
aber auch an die kraft und dauer des rein provisorischen.
auch gedenken sie heute eines geteilten deutschlands. ich
komme aus einem deutschland, das nicht mehr existiert und
nie wieder existieren wird. im herbst 1938 - ich war zwoelf -
verliessen meine eltern und ich ihre alte heimat breslau,
nicht freiwillig, sondern gezwungen und in letzter minute.
meine politische erziehung begann in den fuenf jahren, die
ich unter dem nationalsozialismus gelebt habe, in einem
freien amerika wurde sie fortgesetzt. verfolgung und
verlust, gluecks- und schuldgefuehle des zufaellig ueberlebenden
sind mir nicht fremd. jugenderfahrungen, die in unserer zeit
nicht ungewoehnlich waren, haben doch mein leben, auch
mein berufsleben, weitgehend gepraegt.
ich habe einen teil der einzigartigen vielfaeltigkeit der
deutschen geschichte miterlebt, und als historiker versuche ich,
diese vielfaeltigkeit zu verstehen, in dem rahmen, in dem sie
stattgefunden hat, d. h. in dem kontext der
gesamteuropaeischen entwicklung. in ihrer einladung und in meiner
anwesenheit bleibt vieles unausgesprochen, es kann nicht anders
sein.
aus breslau vertrieben - am anfang einer damals
unvorstellbaren geschichte von vertreibungen -, hatte ich wohl
viele traeume und hoffnungen, aber ich glaube kaum, dass
ich je auf den gedanken gekommen bin, dass ich einmal vor
einem deutschen parlament sprechen wuerde, und gerade
vor diesem hohen haus: es ist eine der ueberragenden
leistungen der bundesrepublik, dass der alte deutsche
antiparlamentarismus ueberwunden worden ist, dass heute - zum
ersten mal in der deutschen geschichte - allgemein
anerkannt wird, dass - bei aller kritik praktischer art - ein frei
gewaehltes parlament ein unentbehrlicher bestandteil einer
freien staatsgemeinschaft ist. auch darauf kann die
bundesrepublik stolz sein: sie hat eine politische
lebensnotwendigkeit zur selbstverstaendlichkeit erhoben.
der heutige tag ist kein leichter feiertag - wie es wohl in der
deutschen geschichte kaum je einen unproblematischen
nationalen feiertag gegeben hat. sie gedenken heute der
opfer jenes tages, an dem hunderttausende von arbeitern
sich gegen staendig schaerfere ausbeutung durch ein
verunsichertes und verarmtes stalinistisches regime wehrten. in
seiner rede am 1. juli 1953, als die begruendung dieses
feiertages in diesem hohen hause diskutiert wurde, sagte
herbert wehner:
ich fand es erschuetternd, dass immer wieder der ruf
erklang: wir sind arbeiter und keine sklavenue
welches bewusstsein der menschlichen wuerde, ihrer
schichtue
vielleicht gedenken manche von ihnen auch der tatsache,
dass die menschen der ddr ein sehr viel schwereres leben
gehabt haben als ihre gluecklicheren landsleute im westen.
der damalige aufstand muss in die deutsche geschichte
eingereiht werden als einer jener grossen momente, an
denen menschen sich gegen gewalt und unmenschlichkeit
gewehrt haben.
dieser aufstand war zukunftsweisend, wenn auch manche
unmittelbare interpretation in die irre fuehrte. es war kein
aufstand fuer die wiedervereinigung. aus der heutigen sicht
kann man sehen, dass die damaligen kaempfer mehr erreicht
haben - sowohl erstrebtes wie ungeahntes -, als man nach
ihrer niederlage vor sowjetischen panzern haette erwarten
koennen. der 17. juni wurde zu einem vorboten von
aufstaenden und reformen. die menschen der nachbarlaender der
ddr, die polen, die ungarn, die tschechen, haben auf ihre
eigene grossartige weise versucht, ihre forderungen
durchzusetzen. der alte preussische spruch: "gegen demokraten
helfen nur soldaten" hat sich als falsch erwiesen, eher hat
sich talleyrands satz bewaehrt: "mit bajonetten kann man
alles machen, nur nicht auf ihnen sitzen."
der 17. juni hat einen prozess eingeleitet, in dem immer
erneute forderungen reformen erzwungen haben. das
verlangen nach gerechtigkeit und volkssouveraenitaet ist
unloeschbar. bereits der historiker thukydides hat gesagt:
aber es scheint, dass erlittenes unrecht die menschen
mehr empoert als gewalttat, jenes empfinden sie als
uebergriff eines gleichgestellten, dieses als hinzunehmenden
zwang eines staerkeren.
das ungeteilte deutschland hat unsagbares unglueck fuer
andere voelker und fuer sich selbst gebracht. kurz nach dem
zweiten weltkrieg hat der deutsche historiker ludwig dehio
geschrieben:
die voraussetzung zu jeder schoepferischen reaktion
deutschlands auf die epoche der weltkriege ist die
ruecksichtslose erkenntnis unserer furchtbaren rolle in ihr -
als der letzten und also der hoechst-daemonisierten
hegemonialmacht des absinkenden alten europa.
wir wissen um die grausamkeiten, die in jener epoche von
deutschen und an deutschen begangen worden sind,
die erinnerung an diese opfer hat bundespraesident von
weizsaecker in seiner rede am 8. mai 1985 in
unuebertrefflicher weise dargelegt. ich glaube, dass das gesamte
ausland diese rede mit bewunderung und dankbarkeit
aufgenommen hat, und viele von uns hofften, dass seine worte die
authentische stimme der bundesrepublik, vielleicht sogar
der stillen ueberstaatlichen nation seien. es waere vermessen
dieser wuerdigung an diesem tage etwas
hinzuzufuegen, nur dank aussprechen, auch von jemandem, der nahe
verwandte in auschwitz verloren hat.
der aufstand gehoert zu den immer wiederkehrenden
verlangen von deutschen nach freiheit. in der ersten haelfte des
19. jahrhunderts waren es grosse dichter und schriftsteller,
die diesen aufruf zur freiheit in die oeffentlichkeit trugen und
sie dafuer begeistern konnten. im geschichtsbewusstsein ist
dieser kampf vernachlaessigt worden, und es ist ein bis jetzt,
glaube ich, unbemerkter und daher fuer mich desto
willkommenerer zufall, dass gerade an diesem 17. juni im jahre
1810 jener dichter geboren wurde - ferdinand freiligrath -,
der als erster die klasse ansprach, die am 17. juni 1953 den
mut zum aufstand hatte:
wir sind die kraftue wir haemmern jung das alte morsche
ding, den staat,
die wir von gottes zorne sind bis jetzt das proletariat.
das leben freiligraths erinnert auch daran, dass es fuer beide
deutsche staaten eine deutsche vergangenheit gibt, die,
wenn nicht verzerrt durch offizielle dogmen, zum
gemeinsamen selbstverstaendnis beitragen koennte. freiligraths werk
hat eine einzigartige bedeutung im deutschen kampf um die
freiheit. in der heute geteilten nation, die auch in seiner zeit
geteilt war, wird er in beiden deutschen staaten gerne zitiert
und selten gelesen. wie kaum einen anderen kann man ihn
als zeugen fuer die bedeutung des 17. juni betrachten. den
wichtigsten teil seines lebens widmete er den opfern
seiner zeit. sein lebensweg erzaehlt mehr als die geschichte
seiner zeit. in seinem wirken begegnen wir themen, die
uns noch heute beschaeftigen.
in den dreissiger und vierziger jahren, als sich die grossen
dichter heinrich heine, ludwig boerne und georg buechner
zu einer radikalen ablehnung des reaktionaeren regimes
bekannten, hat auch freiligrath den weg zum politischen
engagement gefunden. die spannung zwischen geist und
politik, zwischen der notwendigen ungebundenheit des
denkers und poeten und den gemeinsamen kampf um die
freiheit - all das finden wir bei freiligrath, ebenso wie wir es
viel spaeter bei thomas mann, bertolt brecht und anderen
finden. mit aller problematik war er eine repraesentative figur
der deutschen geschichte mit einer besonderen relevanz
fuer die gegenwart.
aus armen verhaeltnissen stammend, musste freiligrath
seine hoffnung auf ein akademisches studium aufgeben
und eine kaufmaennische lehre aufnehmen. aber als junger
mensch entdeckte er bereits sein dichterisches verlangen.
schon die ersten traditionellen gedichte waren erfolgreich.
es folgten seine uebersetzungen aus der franzoesischen und
anglo-amerikanischen literatur. seine vorliebe fuer victor
hugo und alfred de lamartine, robert burns, walter scott
und walt whitman waren vorzeichen seiner eigenen
entwicklung. die uebersetzungen zeugten von der damals noch
selbstverstaendlichen zusammengehoerigkeit der
europaeischen kultur und nahmen voraus, dass auch die
amerikanische kultur mit dem europaeischen leben immer verbunden
bleibe.
in jenen jahren gab es zwar ein nationales bewusstsein,
aber noch keinen engstirnigen nationalismus. die grenzen
waren offen - sowohl die geistigen wie die politischen. fuer
radikale denker hatte gerade frankreich eine besondere
anziehungskraft, nicht mehr das nachahmen franzoesischer
formen, wie das noch bei friedrich dem grossen der fall
war, sondern begeisterung fuer das sich befreiende
frankreich, und fuer viele gab es eine besondere begeisterung fuer
napoleon, fuer das selbstgekroente genie des 19.
jahrhunderts. jedenfalls hatte heine recht, dass in diesen jahren
nicht nationale gegensaetze, sondern parteien und soziale
ideale die wirkliche kluft darstellten.
im jahre 1842 erteilte friedrich wielm iv. freiligrath, auf
vorschlag von alexander von humboldt, eine jaehrliche
pension. man setzte grosse hoffnungen auf den neuen
monarchen. es war aber auch die zeit der politisierung
des deutschen geistes, liberale und radikale parteien und
journale griffen unfreiheit und soziale missstaende an.
vorerst verwarf freiligrath den gedanken der politischen
bindung mit worten, die ihm damals einen heftigen streit mit
radikalen dichtern eintrugen, die aber fuer eine bleibende
haltung in deutschland repraesentativ sind:
der dichter
- so schrieb freiligrath -
steht auf einer hoeheren warte
als auf den zinnen der partei.
aber fortschreitende reaktion und persoenliche erfahrung
mit unterdrueckung erschuetterten freiligraths apolitische
einstellung. die zensur war die waffe, mit der das regime das
radikal-emanzipatorische aufbegehren zu bekaempfen
versuchte. zwei seiner eigenen gedichte wurden aus
politischen gruenden verboten, aus einem dritten musste er zwei
zeilen streichen, die sich mit dem damals gepeinigten polen
befassten und die als ein angriff auf das mit preussen
befreundete russland betrachtet wurden:
vom steppengeier war die rose polen
vor unseren augen wild und grimm zerpflueckt.
im jahre 1844 konnte freiligrath sich dem politischen
engagement nicht laenger entziehen: der dichter stellte sich in
den dienst radikaler ideen. er konnte nicht mehr ueber den
parteien schweben. er wies die koenigliche pension zurueck,
veroeffentlichte sein "glaubensbekenntnis", eine darstellung
der "uebergangsepoche meiner poetischen und politischen
bildung". hoffnungsvoll fuehlte er,
dass die ganze schule, die ich soeben als individuum vor
den augen der nation durchgemacht habe, doch am
ende nur die naemliche ist, welche der nation in ihrem
ringen nach politischem bewusstsein und nach politischer
durchbildung, als gesamtheit selbst durchlaufen musste
und zum teil noch durchlaeuft . . . fest und
unerschuetterlich trete ich auf die seite derer, die mit stirn und
brust der reaktion sich entgegenstemmenue kein leben mehr fuer
mich ohne freiheit.
rueckblickend sehen wir, dass freiligraths "glaubens-
bekenntnis" in einem historischen bedeutsamen jahr
erschien: kurz vorher versuchten die schlesischen weber
einen aufstand, um ihrem elend ein ende zu bereiten. im
januar erschien heines "deutschland - ein
wintermaerchen", ein gedicht von enttaeuschter heimatliebe und
verachtung fuer verlogene unfreiheit. und wie er den
preussischen staat und gerade seine zensur geisselte, die
preussischen douaniers an der grenze, an der damaligen mauer
zwischen freiheit und obrigkeitsangst,
beschnueffelten alles, kramten herum
in hemden, hosen, schnupftuechern,
sie suchten nach spitzen, nach bijouterien,
auch nach verbotenen buechern.
ihr thoren, die ihr im koffer suchtue
hier werdet ihr nichts entdeckenue
die contrebande, die mit mir reist,
die hab ich im kopfe stecken.
hier hab ich spitzen, die feiner sind
als die von bruessel und mecheln,
und pack ich einst meine spitzen aus,
sie werden euch sticheln und hecheln.
und noch:
gedankenfreiheit genoss das volk,
sie war fuer die grossen massen,
beschraenkung traf nur die geringe zahl
derjenigen, die drucken lassen.
heines und freiligraths buecher wurden sofort verboten. im
selben jahr schrieb karl marx seine oekonomisch-philosophischen
manuskripte mit den beruehmten worten:
setze den menschen als menschen und sein
verhaeltnis zur welt als ein menschliches voraus, so kannst du
liebe nur gegen liebe austauschen, vertrauen nur gegen
vertrauen etc.
all das war noch ein zeichen von zuversicht, von
universaleuropaeischer hoffnung auf emanzipation. noch glaubte
man an die kraft des geistes, die die hoffnungen der
unterdrueckten erfuellen wuerden. frauen, arbeiter, juden, alle
sollten befreit und emanzipiert werden: "setze den
menschen als menschen . . . voraus . . ."
der kampf zwischen reaktion und opposition war hart.
eine grossartige radikale und liberale presse existierte,
bedroht, aber nie voellig besiegt von staatlicher gewalt. 1844
verliess freiligrath deutschland, gab pension und
geborgenheit auf und waehlte das exil, zuerst in belgien. im februar
1845 traf er marx, eine zeitweise enge duz-freundschaft
begann. von belgien wanderte er in die schweiz, dann nach
england, von england beinah nach amerika.
fuer viele grosse deutsche in den dreissiger und vierziger
jahren war exil nichts ungewoehnliches. es war eine oft
schmerzhafte, aber auch inspirierende flucht nach freiheit.
exil ist meist ungewissheit, grenzsituation zwischen fremde
und heimat - wie es paul tillich einmal definiert hat -, liebe
und groll dem vaterland gegenueber, auch immer neue
sorgen, verlust von muttersprache und gemeinschaft, oft
auch zwist mit schicksalsgenossen. heine, boerne, marx,
freiligrath und viele andere: in einem gewissen sinne waren
sie alle bedraengte fremdarbeiter.
aber die emigration zu jener zeit war auch etwas herrliches,
etwas ganz europaeisches. das recht auf freizuegigkeit, das
recht auf asyl, obwohl nie absolut, gehoerte damals noch zu
den minimalen erwartungen oppositioneller menschen.
ohne diese beinahe selbstverstaendliche freizuegigkeit haette
marx sich nie so entfalten koennen, wie es ihm im exil gelang.
auch dieses erbe aus dem marxschen leben sollte man
heute in erinnerung halten.
in der emigration, besonders in paris, herrschten aber auch
eine beinahe rauschartige hoffnung auf freiheit, soziale
gerechtigkeit, ein gluehender hass gegen alle unfreiheit,
gegen jedes bollwerk der menschlichen unmuendigkeit,
heisse es staat, adel, kirche oder zensur. diese emigration
pflegte einen reinen patriotismus. als heine damals - wie
auch spaeter - als nestbeschmutzer beschimpft wurde,
konnte er mit recht schreiben:
beruhigt euch, ich liebe das vaterland ebenso sehr wie
ihr. wegen dieser liebe habe ich dreizehn lebensjahre
im exile verlebt, und wegen eben dieser liebe kehre ich
wieder zurueck ins exil, vielleicht fuer immer, jedenfalls
ohne zu flennen oder eine schiefmaeulige duldergrimasse
zu schneiden.
diese emigranten fanden einen sonderweg, in der
hoffnung, dass ihr eigenes land sich den liberalen staaten
westeuropas anpassen wuerde.
im exil wurde freiligrath stets radikaler. er war wohl der
erste dichter, der ohne rituelle bekundung den arbeiter
ganz aus eigenem empfinden verklaerte. 1846 erschien sein
gedicht "von unten auf". es beschrieb das schiff, das den
preussischen koenig zu seiner rheinburg trug, und dessen
kraft allein von unten kommt:
da schafft in russ und feuersglut, der dieses glanzes
seele ist,
da steht und schuert und ordnet er - der
proletariermachinist.
fuer freiligrath wie fuer viele andere war die revolution von
1848 - auch sie ein europaeisches ereignis - ein
unwiderstehliches gebot zur rueckkehr. seine besten gedichte
stammen aus dieser zeit, in der die hoffnung auf freiheit die
gesamte opposition befluegelte. es war eine zeit, wo der
dichter den ursprung seines genius erkannte: "die
geschichte dichtet - der demos dichtet."
im juli 1848 erschien sein bekanntestes gedicht "die toten
an die lebenden", eine art mahnung, die zeitlos ist, die eine
unueberhoerbare resonanz fuer den 17. juni hat:
euch muss der grimm geblieben sein - oh glaubt
es uns, den toten!
er blieb euch! ja, und er erwacht! der wird
und muss erwachen!
die halbe revolution zur ganzen wieder machen!
er wartet nur des augenblickes: dann springt er
auf allmaechtig: . . .
die throne gehn in flammen auf, die fuersten
fliehn zum meere!
die adler fliehn, die loewen fliehn, die klauen
und die zaehne! -
und seine zukunft bildet selbst das volk, das
souveraene!
den opfern rief er zu: "ihr siegenden geschlagnen!" der
kampf um die freiheit war nicht vergebens 1848, er war
nicht vergebens 1953, warnung und mahnung zugleich:
warnung an die unterdrueckende gewalt, mahnung an die
ueberlebenden. das pathos mag uns verleidet sein, der
gedanke an die "siegenden geschlagnen" verpflichtet
weiter.
das gedicht wurde zur sensation, und der dichter, nicht
mehr freischwebend, wurde mitglied der "neuen
rheinischen zeitung" und des bundes der kommunisten. nur
langsam gab er die hoffnung auf. als in wien die
entscheidenden stunden der revolution gekommen waren, schrieb
er:
wenn wir noch knieen koennten, wir laegen auf den knien,
wenn wir noch beten koennten, wir beteten fuer wienue
aber die reaktion triumphierte ueberall, und freiligrath,
beruechtigt als "trompeter der revolution", geriet fuer einen
monat in untersuchungshaft wegen "aufreizung zum
umsturz". in dem ersten politischen prozess vor einem
geschworenengericht - und durch den druck der fuer ihn
eingenommenen oeffentlichkeit - wurde er freigesprochen.
ein jahr spaeter musste er mit erneuter verhaftung rechnen
und floh nach holland, dort aber nicht aufgenommen, ging
er zurueck nach preussen, verkleidet als matrose, und in
einem fuer heutige verhaeltnisse noch milden klima war es
ihm moeglich, sowohl innerhalb wie ausserhalb des
politischen untergrundes zu wirken.
im jahre 1851, verfolgt von zwei preussischen steckbriefen,
entschloss er sich, endgueltig ins exil zurueckzukehren. er floh
nach england, wo er erst langsam eine neue karriere
aufbauen konnte. im anfang hielt seine freundschaft mit marx,
und er half dem immer in finanzieller not steckenden marx
mit den verschiedensten mitteln. es war kein leichtes brot
fuer freiligrath. er beklagte sein "unertraegliches
amphibienleben, halb comptorist und halb schriftsteller".
das emigrantentum in den fuenfziger jahren war noch
zerstrittener als das des vormaerz. innerlich brach marx mit
freiligrath im jahre 1858 wegen eines gedichtes, das jener
zum begraebnis von gottfried kinkels frau schrieb:
du liegst auf diesem fremden rain
wie jaeh vom feind erschossen,
ein schlachtfeld auch ist das exil -
auf dem bist du gefallen,
im festen aug das eine ziel,
das eine mit uns allen!
das exil war allerdings ein schlachtfeld. marx hasste den
dichter kinkel, obwohl dieser als liberaler kaempfer in der
revolution zum tode verurteilt wurde und aus dem
gefaengnis gerettet werden musste. in seinen briefen an engels
beschimpfte marx kinkel, freiligrath und deren kreis von
"vulgaerdemokraten" in ordinaersten toenen.
marx war ein kompromissloser dogmatiker, und seine
polemische intoleranz hat in den bewegungen, die heute
noch seinen namen in anspruch nehmen, viel unheil
gestiftet.
1860, als marx in verschiedene prozesse verwickelt war,
gab es einen neuen streit mit freiligrath. marx versuchte,
ihn mit zuckerbrot und peitsche zu hantieren. so drohte er
ihm mit kaum verhuellter erpressung, "andererseits", so
schrieb er, "sage ich dir unumwunden, dass ich mich nicht
entschliessen kann, einen der wenigen maenner, die ich im
eminenten sinn des wortes als freunde geliebt habe,
wegen irrelevanter missverstaendnisse zu verlieren".
der bruch war unheilbar - und bestaetigt durch die letzte
phase in freiligraths leben. als freiligrath 1865,
inzwischen englaender geworden, seinen posten verlor,
sammelten deutsche, englaender und amerikaner eine dotation fuer
den dichter, und zwar die erhebliche summe von 60 000
talern. manche zeitgenossen verglichen diese freiwillige
dotation mit der gleichzeitig vom preussischen landtag
bewilligten dotation von 400 000 talern fuer bismarck, den
bezwinger des parlaments.
so kehrte freiligrath zurueck nach deutschland, machte zwar
nie seinen frieden mit bismarck, konnte sich aber doch dem
siegestaumel nicht verschliessen. ende juli 1870 schrieb er
"hurra, germania", und diesem folgten noch ein paar
andere patriotische erguesse. der rausch war allerdings
bald vergangen, und nach kuerzester zeit beschwor er einen
froehlich-chauvinistischen dichter: "ueber den patriotismus
die menschlichkeitue" am 18. maerz 1876, dem jahrestag der
von ihm gefeierten berliner revolution, starb er.
der 17. juni 1953 hat keinen freiligrath hervorgebracht, nur
der oft vieldeutige bertolt brecht schrieb unter dem titel
"die loesung":
nach dem aufstand des 17. juni liess der sekretaer des
schriftstellerverbands in der stalinallee flugblaetter
verteilen, auf denen zu lesen war, dass das volk das vertrauen
der regierung verscherzt habe und es nur durch
verdoppelte arbeit zurueckerobern koenne. waere es da nicht doch
einfacher, die regierung loeste das volk auf und waehlte ein
anderes?
freiligrath erscheint mir als ein massstab fuer menschlichen
protest gegen ungerechtigkeit. zugleich erscheint er mir als
ein spiegel deutscher geschichte, als ein zeuge fuer die
entwicklung dieses landes, das gerade zu seiner zeit so
offen, so hoffnungsvoll, ja, so europaeisch erschien. im
anfang gehoerte er ganz der europaeisch-romantischen welt
an, als dichter der natur und als grosser uebersetzer begann
er, er schuf sich seinen eigenen weg zur politik - aus
gruenden und empfindungen, die noch der aufklaerung
entlehnt waren, die ihn aber in den sozialen missstaenden der
vormaerz-zeit zu dem bewusstsein fuehrten, dass geist sich mit
politischer kraft vereinigen muss, um ein neues deutschland
zu schaffen. freiligrath gehoerte zu jener generation von
dichtern und schriftstellern, von denen der englische dichter
shelley mit recht gesagt hat: "die dichter sind die
heimlichen gesetzgeber der welt."
im vormaerz hatten dichter und schriftsteller eine
begeisternde ausstrahlung, sie setzten ziele der menschlichkeit.
der niederlage von 1848 folgte eine ernuechterung, ein
verunsicherter rueckzug des geistes aus der politik und der
anfang eines neuen stiles, der sogenannten realpolitik -
mit einer voellig willkuerlichen unterschaetzung des geistigen,
die bei einem so brillianten, geistvollen mann wie bismarck
nur aus taktischen gruenden erklaert werden kann.
der liberal-buergerliche beitrag zur reichsgruendung wurde
bewusst von bejubeltem militaertriumph und militaerprestige
ueberdeckt. nach bismarck wurde realpolitik zur macht-
und, schlimmer noch, zur prestige-politik, und der deutsche
geist, so ueberragend auf so vielen gebieten, zog sich immer
mehr aus der politik zurueck. das apolitische wurde
geradezu verehrt und war doch ein beitrag zu einer unkritischen,
oft klassenbedingten staatsfroemmigkeit, die das geeinigte
land belastete - ein land, das uebrigens noch unter
bismarck durch neue gegensaetze gespalten wurde. man
denke an den kulturkampf und an die sozialisten-gesetze,
an das misstrauen katholiken gegenueber, an das
schimpfwort von den "vaterlandslosen gesellen". aus der
kulturnation wurde eine gefaehrliche und gefaehrdete macht.
im dezember 1870 bereits, zur zeit eines verstaendlichen
siegesrauschs in der frueher so oft besiegten nation, spuerte
nietzsche die innere gefahr:
fuer den jetzigen deutschen eroberungskrieg nehmen
meine sympathien allmaehlich ab. die zukunft unserer
deutschen cultur scheint mir mehr als je gefaehrdet.
carlo schmid bemerkte einmal, dass in den grossen
momenten der geschichte das politische immer "verlaengerung
oder abspiegelung der grossen ideenkaempfe gewesen
waere". es gab aber regimes, und es gibt heute noch
regimes, wo diese ideenkaempfe nur in groesster not
ausgefuehrt werden koennen. zur zeit des dritten reiches sprachen
viele von der "inneren emigration", von einem zurueckziehen
aus dem oeffentlichen, vergifteten leben, einem
zurueckziehen, das oft mit materiellen nachteilen und auch mit
persoenlichen gefahren verbunden war.
in einem freien staat wie der bundesrepublik ist diese art
von emigration, wenn sie zur kategorischen ablehnung
fuehrt, gefaehrlich: der geist kann nicht prinzipiell und stets
apolitisch sein, er muss auch buerger sein und eine
herausfordernde, kritische, unbequeme rolle spielen. man muss
dankbar sein, dass das grundgesetz - in anlehnung an viel aeltere
verfassungen - allen meinungen, also gerade auch jenen,
die man manchmal als oeffentliche aergernisse empfindet,
einen gesicherten raum verspricht.
wenn man an die ersten jahre der bundesrepublik
zurueckdenkt - an theodor heuss zum beispiel - sieht man, wie
stark der geistige einfluss, der moralische ton auf die
politische entwicklung wirkte. heute sind viele laender von der
gefahr des provinzialismus bedroht, von einer geistigen
engstirnigkeit, die schliesslich auch eine gefaehrliche
langeweile oder staatsverdrossenheit hervorrufen kann.
zeiten nationaler begeisterung sind bedrohlich, das hat die
deutsche geschichte 1914 und 1933 bewiesen. aber eine
gesellschaft, die nur im wohlstand lebt, lebt nicht
angenehm, dazu gibt es zu viele missstaende im heutigen leben.
man braucht den geist, um ungerechtigkeiten,
scheinheiligkeit und korruption zu geisseln, um neue hoffnungen zu
erwecken. die politik ist zu ernst, um sie den nur-politikern
zu ueberlassen, ganz egal, in welchem land oder unter
welchem system.
es ist ein verstaendliches paradoxon menschlicher natur,
dass in unfreien staaten die freiheit und die menschenrechte
oft mehr geschaetzt werden als in staaten, wo diese rechte
durch verfassung und freie justiz verankert sind.
an diesem tage soll man der klaren, mutigen stimmen aus
dem anderen deutschen staate gedenken, die
menschenwuerde und menschenrechte fordern. diese stimmen
kommen oft aus der kirche, einer kirche, fuer die die lehre und
das beispiel dietrich bonhoeffers noch sehr lebendig sind,
und allein dieser name erinnert an die opfer eines anderen
unvergesslichen moments deutschen widerstandes. es gibt
in laendern der unterdrueckung, der offiziellen unfreiheit eine
art persoenlicher und auch politischer solidaritaet, die mit
gefahren verbunden ist, die aber auch etwas menschlich
bereicherndes an sich hat. ich glaube, es gibt in der ddr
manche, die ohne viel geraeusch den sinn des aufstandes
vom 17. juni am leben halten. sie verdienen unsere
achtung.
es steht einem auslaender nicht zu, die jetzt bestehenden
beziehungen zwischen den beiden deutschen staaten zu
beurteilen. das abtasten von moeglichkeiten der
annaeherung, der groesseren gemeinsamkeit, ist ein
unueberschaubarer prozess, nicht nur abhaengig von dem willen
der beiden staaten. man darf hoffen, dass die bundesrepublik nie
vergisst, dass sie verurteilt ist, eine art vorbild freiheitlicher
entwicklung zu sein: um sich selbst zu erhalten, um die
opfer der vergangenheit zu wuerdigen, um den menschen im
anderen deutschland hoffnung zu geben.
die bundesrepublik hat wohl auch die stille verantwortung,
alles zu tun, um das los der anderen zu erleichtern, um
menschenrechte zu verteidigen und zu staerken.
selbsterkenntnis ist nie leicht, weder fuer ein volk noch fuer
den einzelnen. im politischen leben muss man auch mit den
grundeinstellungen anderer rechnen. vorstellungen ueber
die deutsche vergangenheit spielen auch im ausland eine
gewisse rolle, und man betrachtet die innerhalb der
bundesrepublik gefuehrte auseinandersetzung mit der
deutschen vergangenheit als eine art seismograph fuer das
deutsche bewusstsein ueberhaupt. die vergangenheit
verblasst, aber sie vergeht nicht und soll auch nicht vergehen.
die versuchung, sich zu entlasten, ist gross und wurde
bereits von nietzsche erkannt:
"das habe ich getan" sagt mein gedaechtnis. "das kann
ich nicht getan haben" sagt mein stolz - und bleibt
unerbittlih. endlich - gibt das gedaechtnis nach.
andere laender haben ihre eigenen erinnerungen, mit denen
sie die bundesrepublik weder belasten noch - wie es in
diesem haus einmal gesagt worden ist - erpressen wollen.
aber sie wuerden besorgt sein ob jedes versuches, die
vergangenheit zu verleugnen oder durch falsche
relativierung zu verniedlichen.
die aussenwelt betrachtet die bundesrepublik mit
hochachtung, ja, mit einer etwas furchtsamen bewunderung: die
entwicklungen der letzten vierzig jahre haben die
hochachtung alter zeiten wieder hervorgerufen, bewunderung
deutscher leistungen in kultur, wissenschaft, technik, und
doch, bei aller standhaftigkeit und allem geschick der
bundesrepublik bleibt ein hauch von sorge um dieses land, um
seine macht und seine politische verantwortung. "ruhelose
deutsche" beunruhigen die welt, wie eine besorgte welt,
die sich nie ganz von erinnerungen an die pervertierung
grosser leistungen durch technisch organisierte barbarei
befreien kann, sorge, misstrauen und ungeduld in manchen
von ihnen erweckt.
diese unsicherheit ob der politischen faehigkeiten der
deutschen wird uebrigens nicht nur von auslaendern gehegt.
nietzsche schon erwaehnte "das tiefe, eisige misstrauen, das
der deutsche erregt, sobald er zur macht kommt . . ."
bismarck war voller misstrauen seinem volk gegenueber,
konrad adenauer war nicht gerade erfuellt vom glauben an
die politische vernunft oder muendigkeit des deutschen, und
helmut schmidt warnte in seiner abschiedsrede vor diesem
haus:
wir deutschen bleiben ein gefaehrdetes volk, das der
politischen orientierung bedarf. das leiden der teilung
bringt immer wieder die gefahr, dass die ohnehin
gegebene deutsche neigung zum gefuehlsmaessigen
ueberschwang gefaehrlich durchbricht. deshalb beduerfen wir
deutsche der abwaegenden vernunft . . .
es gaebe noch viele andere deutsche zeugen, die sich um
die politische faehigkeit ihres volkes sorgen machten, man
mag an max weber oder thomas mann denken. respekt
vor deutscher tuechtigkeit und leistung, ein leicht
aktivierbares unbehaben ueber deutsche macht: das sind eindruecke,
die man weder deutschen patrioten noch auslaendern
veruebeln darf.
der aufstand vom 17. juni war ein aufstand fuer ein
besseres, ein freieres leben. aus unserer sicht, glaube ich, waere
es falsch zu behaupten, dass dieser aufstand erfolglos
geblieben ist. auch die bundesrepublik hat ihren beitrag
dazu geleistet, dass das leben fuer die menschen in der ddr
etwas leichter geworden ist, und sie wird dieser
verpflichtung weiter nachkommen, die wichtigsten erleichterungen
haben mit der sicherheit von menschenrechten zu tun, mit
freizuegigkeit, mit wirklicher offenheit.
die bundesrepublik hat auch in anderer weise die
verpflichtung des 17. juni wahrgenommen. diesen aufstand fuer
mehr menschlichkeit muss man im grossen zusammenhang
unserer zeit sehen, ja als eine art auftakt zur schrittweisen
befreiung verschiedener voelker von diktatorischen
regimes. hier denke ich an die befreiung spaniens, portugals
und griechenlands. bei dem gluecklichen, nicht
vorauszusehenden uebergang von diktatur zur demokratie in diesen
laendern hat die bundesrepublik eine hilfreiche rolle
gespielt. gerade auch die ereignisse in spanien haben ein
echo in den befreiungsbestrebungen in polen gehabt. bei
allem unserem berechtigten krisenbewusstsein sollte man
sich erinnern, dass europa heute mehr freiheit hat als seit
langer zeit - und freiheit ist wunderbar verfuehrerischue
und doch gibt es zeichen von unlust und misstrauen, gerade
auch in der bundesrepublik. ein verlockender ostwind
kommt zu einer zeit von desillusionierung mit dem westen,
die fuer einige sogar zu einer art entzauberung geworden ist.
die usa, die in aller oeffentlichkeit durch eine neue krise
gehen, werden jetzt unterschaetzt - wie oder auch weil sie
frueher ueberschaetzt worden waren. es handelt sich nicht um
pflichtbekenntnisse zur allianz, um beziehungen zwischen
regierungen, die weiter ihre bestaendigkeit haben. es
handelt sich meiner meinung nach um das politische
bewusstsein in der bundesrepublik, um das spontane gefuehl der
zusammengehoerigkeit mit dem westen.
eine gesamteuropaeische kultur besteht und ist gerade auch
aus amerikanischer perspektive immer schon klar erkannt
worden. diese gesamteuropaeische kultur - so darf man
hoffen - wird zur ueberwindung von politisch bedingter
entfremdung innerhalb europas beitragen.
es gibt aber auch eine gemeinsame politische kultur des
westens, wo werte einer freien pluralistischen gesellschaft
in verfassungsmaessiger weise verankert sind. diese
politische kultur, die sich bereits im 18. jahrhundert in amerika
durchgesetzt hat, ist weit entfernt von vollkommenheit, die
gefahren und bestehenden ungerechtigkeiten sind
bedrueckend. aber in ihrer offenheit fuer reformen, fuer wandel
innerhalb anerkannter demokratischer spielregeln ist diese
politische kultur lebensfaehiger als jenes system, das glaubt,
dass vollkommenheit auf grund von dogma und
parteiueberlegenheit zu erreichen ist. es ist im westen - nach
ungeheuren opfern -, dass die hoffnungen eines jungen marx am
ehesten verwirklicht worden sind, verwirklicht werden
koennen. ich glaube, dass die antiwestlichen affekte, die frueher
so tief in der deutschen seele und politik genistet haben, zum
groessten teil verschwunden sind. sie koennten in der jetzigen
lage einen neuen reiz bekommen - wenn auch in voellig
neuer verkleidung. es gibt enttaeuschungen und auch neue
verlockungen, staendige selbstgruebelei, auch traeumereien
an fremden kaminen.
ich glaube, es ist die pflicht gerade auch der politischen
fuehrung dieses landes - wie in allen anderen laendern -,
die politische erziehung, das verstehen von politischen
grundwerten zu vertiefen. die geschichte der bundesrepublik
ist vielleicht die erfolgreichste periode der modernen
geschichte deutschlands, in dieser geschichte hat die
bekehrung zu europa und die versoehnung mit dem westen
- und hier denke ich nicht nur an das vertrauen auf
militaerischen beistand - eine lebenswichtige rolle gespielt.
es ist ein gebot der friedenserhaltung und der zukuenftigen
entwicklung, auch geade der deutschen frage, dass diese
versoehnung aufrechterhalten wird.
die letzten worte sollen noch einmal - und ich hoffe,
treffend - von freiligrath stammen, sie sind mit der bedeutung
des heutigen tages eng verbunden: im februar 1860
schrieb er an marx:
auch die partei ist ein kaefig, und es singt sich, selbst fuer
die partei - besser draus als drin. ich bin dichter des
proletariats und der revolution gewesen, lange bevor ich
mitglied des bundes . . . warue so will ich denn auch ferner
auf eigenen fuessen stehen, will nur mir selbst gehoeren und
will selbst ueber mich disponierenue
und am tage vor seiner ermordung zitierte karl liebknecht
noch einmal das von deutschen arbeitern besonders
geliebte freiligrathsche lied, umgedichtet von dem
schottischen dichter robert burns:
trotz alledem und alledem,
trotz dummheit, list und alledem,
wir wissen doch: die menschlichkeit
behaelt den sieg trotz alledem.
(die anwesenden erheben sich und singen die nationaymne)