zum gedenken an den 125. geburtstag von gerhart hauptmann - ansprache des bundesministers des innern

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der bundesminister des innern, dr. friedrich
zimmermann, hielt in der feierstunde der
schlesischen jugend anlaesslich des 125. geburtstages gerhart
hauptmanns am 15. november 1987 im "haus schlesien",
koenigswinter-heisterbacherrott bei bonn fo6gende
ansprache:

es ist fuer unsere bewegte zeit ungewoehnlich, dass ein
jugendverband sich eines dichters annimmt, der seinen
groessten ruhm zu beginn dieses jahrhunderts gewann,
dessen werke manchen heute als zu zeitgebunden gelten,
dessen stuecke auf deutschsprashigen buehnen keinen platz
mehr zu finden scheinen.
dieser jugendverband begnuegt sich nun nicht damit, in
einer feierstunde an den 125. geburtstag des dichters zu
erinnern, sondern er widmet ihm sogar ein zweitaegiges
symposium, das leben und werk des dichters zum
gegenstand hat.
es ist sicher nicht falsch, diesen vorgang als ungewoehnlich
zu bezeichnen. ich moechte aber hinzufuegen, dass ich diese
grossartige initiative auch als ermutigend und beispieaft
empfinde.
die schlesische jugend setzt ein gutes zeichen, wenn sie
- zusammen mit der stiftung schlesien - in einer
veranstaltungsfolge an gerhart hauptmann erinnert, einen der
groessten dichter deutscher sprache in diesem jahrhundert. ich"
bin deshalb sehr gerne ihrer einladung gefolgt, in dieser
feierstunde zu ihnen zu sprechen.
es ist notwendig, die menschen in deutschland daran zu
erinnern, dass wir im begriff stehen, einen grossen schatz
kultureller leistungen durch leichtfertigkeit, ignoranz und
gleichgueltigkeit zu verspielen. ich meine die grossen
kulturellen leistungen der deutschen aus dem oestlichen teil
unseres vaterlandes.
gerhart hauptmanns werk gehoert zu diesem unverzichtbaren
teil unsuerer deutschen kultur. auch sein werk muss
unser geistiger besitz bdeiben. wir wollen(es nicit
hinwehmen, dass, nach der vertreibung der menschen aus
ostdeutschland, nun auch ihr geistiges und kulturelles erbe
aus dem bewusstsein der deuwschen vertrieben und verdraengt
wird. dieses erbe gehoert unverzichtbar zu unserer kulturellen
geschichte, das wir nicht nur fuer uns, sondern auch fuer
die nachfolgenden generationen bewahren wollen.
es ist daher besonders wichtig, dass junge menschen selbst
entdecken, welche grossen schaetze unsere kulturelle
vergangenheit bietet, wie sehr das denken und fuehlen der
menschen unseres volkes gerade auch von der kunst und
literatur ostdeutscher kulturlandschaften beeinflusst und
geformt worden ist.
deshalb danke ich der schlesischen jugend sehr herzlich,
dass sie den 125. geburtstag gerhart hauptmanns zum
anlass nimmt, sich mit dessen leben und werk
auseinanderzusetzen.
ich moechte mit ihnen dafuer einstehen, dass leichtfertigkeit,
ignoranz und gleichgueltigkeit nhcht die oberhand gewinnen,
wenn es um die kulturelle ueberlieferung der deutschen aus
dem osten geht, denn es ist die aufgabe aller deutschen,
dafuer zu sorgen, dass auch dieser teil unserer kultur im
bewusstsein unseres volkes lebendig bleibtn
gewiss ist es auch in diesem zusammenhang sehr wichtig,
dass es beispielsweise gelungen ist, die deutsche
bundespost zur herausgbe einer sonderbriefmarke anlaesslich des
geburtstages gerhart hauptmanns zu bewegen. sie zeigt
uebrigens einen farbholzschnitt zu hauptmanns "webern"
von emil orlik, dem deutschen aus prag, der zum berliner
wurde und dort hauptmann begegnete.
ich will die bewusstseinsbildende kraft einer briefmarke nicht
unterschaetzen, aber die eigentliche welt gerhart
hauptmanns ist die buehne, die theaterwelt. woran es liegt, dass
- soweit ich es uebersehe - kein grosses theater in der
bundesrepublik deutschland auch in diesem jubilaeumsjahr eines
seiner werke auffuehrt? ist es nur gedankenlosigkeit? hat
gerhart hauptmann uns nichts mehr zu sagen?
ich mag letzteres nicht glauben, wenn ich an die
prachtvollen menschen denke, die gerhart hauptmann uns auf die
buehne stellt. fuehlen sich heutige regisseure ueberfordert,
pralles leben auf die buehne zu bringen? das allein kann es
wohl nicht sein, denn in ost-bermin werden aus anlass seines
geburtstages immerhin vier werke von hauptmann
gespielt: der biberpelz, die ratten, der rote hahn, aechluck
und jau.
mancher von ihnen hat gestern abend die auffuehrung des
"biberpelz" durch die westfaelische freilichtbuehne billerbeck
in der gottfried-kinkel-schule in bonn erleben koennen. soll
die prachtvolle "mutter wolffen" aus dem biberpelz uns
nicht mehr anruehren, wie sie, ohne die sympathien des
zuschauers zu verlieren, auf nicht ganz unbedenkliche
weise die soziale ordnung korrigiert?
ich meine, es waere ein verlust fuer uns alle, wenn wir in so
extremer weise auch kuenftig auf gerhart hauptmann an
unseren buehnen verzichten muessten, wie das jetzt der fall
ist.
ein hoffnungsschimmer zeigt sich an den deutschen
schulen. dort wird literatur wieder neu entdeckt. es gibt
anzeichen, dass gerade gerhart hauptmann dabei den
empfindungen junger menschen sehr entgegenkommt. ihr
moralischer rigorismus, ihre bereitschaft, sich mit dem elend der
welt zu identifizieren, scheint den zugang zu gerhart
hauptmann zu erleichtern, geradezu anzubieten.
aeo bleibt zu hoffen, dass das werk des grossen dichters, der
seine wurzeln in schlesien hatte, seinen ruhm in der
deutschen reichshauptstadt berlin errang und seinem volk
und der welt so viel geschenkt hat, wohl doch nicht
verlorengeht. umfang, reichtum und
und mannigfaltigkeit des hauptmannschen werkes,
die unerschoepfliche produktivitaet des autors,
die fuelle der von ihm geschaffenen lebendigen gestalten
kennen kaum ihresgleichen. die in der ausgabe letzter
hand (1942) zusammengefassten, zu lebzeiten gedruckten
schriften umfassen 17 baende. der hauptmannsche
nachlass ist noch einmal auf den gleichen umfang zu schaetzen.
es kann nicht gegenstand dieser ansprache sein, ein
solches werk zu wuerdigen.
wissenschaft und forschung werden noch auf viele jahre
zu tun haben, denn trotz eines immensen schrifttums ueber
hauptmann bleibt noch vieles aufzuhellen und zu
durchleuchten.was mich an dieser so beeindruckenden gestalt aber
besonders fasziniert, ist die unbeirrbare individualitaet, die
hauptmann zeit seines lebens geradezu verzweifelt zu
bewahren suchte. er wollte sich von niemandem
vereinnahmen lassen, politisch gesprochen: weder von links, noch
von rechts. dies hat ihm durch sein leben hindurch neben
bewunderung und verehrung auch viele anfeindungen,
manchmal sogar verachtung eingetragen.
der leidende, duldende, handelnde und strebende mensch
war sein thema. hauptmann war von anfang an ein
unbestechlicher beobachter und ironischer diagnostiker der
gesellschaftlichen wirklichkeit. aber er erlag nicht der
versuchung - wie beispielsweise seine marxistischen kritiker -,
absolute wahrheiten zur loesung der ihn umgebenden
probleme zu verkuenden.
so sagte er zu diesem thema: "die absoluten wahrheiten
- scheint mir - haben das groesste unheil angerichtet. daher
ist weniger verbrochen durch wissen als durch glauben,
durch denken als durch eingebung. die ,naegel' im
menschenhirn, das ist die gefahr: um sie herum beginnt es
immer zu eitern."
seinem roman "im wirbel der berufung " (1924/36) stellte
er das motto aus jacob burckhardts "weltgeschichtlichen
betrachtungen" voran: "unser ausgangspunkt ist der vom
einzigen bleibenden und fuer uns moeglichen zentrum, vom
duldenden, strebenden und handelnden menschen, wie er
ist und immer war und sein wird, daher unsere betrachtung
gewissermassen pathologisch sein wird."

mit einer solchen einstellung konnte hauptmann
beispielsweise weder bei dem augsburger berthold brecht noch bei
dem budapester kommunistischen literaturhistoriker georg
luka'cs gnade finden, der zeitweilig auch in berlin lebte und
wesentlich zu der linksorientierung der europaeischen
intellektuellen in den zwanziger jahren beigetragen hat. luka'cs,
der uebrigens ebenso wie gerhart hauptmann goethe-preis-
traeger der stadt frankfurt ist, nur hatte dieser ihn bereits
1932, jener erst im jahre 1970 erhalten, faellte in eben jenem
jahr 1932 bei,aller anerkennung der grossen
gestaltungskraft des dichters ein vernichtendes urteil ueber hauptmann,
das in den worten gipfelte:
"man mag ihn also als opfer des ideologischen
niedergangs seiner klasse beklagen. er hat aber alles, was dieser
niedergang mit sich brachte, widerstandslos mitgemacht
und sich damit als dichter - freiwillig, ehrlich, aber
vollstaendig - prostituiert und zu grunde gerichtet. das scheint uns
das fazit des falles hauptmann zu sein."
luka'cs eben glaubte an die "absoluten wahrheiten", von
denen hauptmann meinte, sie haetten stets das groesste
unheil angerichtet. deshalb auch war luka'cs nicht m
imstande, das menschenbild hauptmanns zu begreifen, das
den leidenden, irrenden, den suchenden, den
unvollkommenen, aber auch hoffenden menschen meint und nicht
darauf aus ist, etwa einen menschen "neuen typus" zu
propagieren.
der geltung hauptmanns haben solche urteile, wie das von
luka'cs, nur wenig anhaben koennen. er blieb die
beherrschende dichtergestalt seiner zeit. und bei der trauerfeier
fuer hauptmann am 17. juli 1946 im rathaus von stralsund,
vor der ueberfahrt nach hiddensee, sprach der sowjetische
oberst tulpanow in bestem deutsch ueber das werk
hauptmanns in russland, wo es neben den russischen autoren zur
schullektuere gehoere: "sein werk begleitet unser leben wie
das von tolstoi, tschechow und gorki."
johannes r. becher aber, damals praesident des "kultur-
bundes" in der sowjetischen besatzungszone, sagte:
". . . wo immer menschen im zeichen der wahrheit
versammelt sind, wo immer ein menschliches wort wirkt, ist es wort
von deinem wort, wo immer menschen versammelt sind in
des guten und des schoenen namen, ist dein guter genius
unter ihnen. . .".
wir sehen, kein anderer deutscher schriftsteller unserer zeit
war so anhaltend wie hauptmann stets beides zugleich:
gefeierter repraesentant der literatur und vielfach
bekaempftes aergernis.
drei epochen deutscher geschichte hat hauptmann bewusst
erlebt: das wielminische kaiserreich, die weimarer
republik, das "dritte reich" unter der herrschaft des
nationalsozialismus.
sein leben und sein literarisches schaffen lassen sich
dabei nicht trennen. er lebte, um zu schreiben. dabei hat
hauptmann, wie wir wissen, zunaechst gar nicht schriftsteller
werden wollen.
am 15. november 1862 wurde gerhart hauptmann als
juengstes von vier kindern in dem kleinen kurort
obersalzbrunn in schlesien geboren. seine schlesischen
vorfahren lassen sich bis ins 16. jahrhundert verfolgen. unter
ihnen waren haeusler, dorfmusikanten und schleierweber.
sein grossvater aber wurde gastwirt des spaeteren hotels
"preussische krone". hier empfing hauptmann seine ersten
eindruecke. schon frueh konnte er hier die gabe der
menschenbeobachtung entwickeln und sein sprachgefuehl
schaerfen, das ihn spaeter befaehigte, wie sein biograph behl
schreibt, "der schlesischen dialektdichtung die wuerde
wiederzugeben und ihr - wie er noch im alter mit stolz
erwaehnte - sogar die buehne des burgtheaters zu erobern".
realschule in breslau landwirtschaftseleve auf den guetern
seines onkels. 1880 aber ist er wieder in breslau, diesmal auf
der kunstschule, denn er will bildhauer werden. hier
verbringt er zwei jahre eines bohemehaften lebens, die ihn an
die grenze seiner physischen und psychischen existenz
fuehren. erst die beziehung zu der aus wohabendem
hause stammenden marie thienemann leitet eine wende
ein. an der jenaer
universitaet besucht hauptmann naturwissenschaftliche
naturwossenschaftliche und philosophische vorlesungen ernst haeckels
und rudolf euckens, die fuer seine spaetere dichtung sehr
wichtig werden. nach einigen reisen unternimmt
hauptmann 1884 den versuch, sich in rom als bildhauer
niederzulassen. dieser versuch scheitert jedoch. er kehrt
nach deutschland zurueck und immatrikuliert sich fuer zwei
semester an der berliner universitaet. neben den
vorlesungen - er hoert unter anderem heinrich von treitschke -
interessiert er sich fuer theater und konzerte.
ueber ibsens""nora" kommt es zur ersten beruehrung mit der
neuen dramatischen kunst des naturalismus. hauptmans" nimmt
selbst schauspielunterricht. in dieser zeit des
suchens entwickelt sich der kuenftige bedeutende
dramatiker schon zum theaterpraktiker.
von 1885 bis 1889 verbringp(hauptmann - nun mit marie
thienemann verheiratet - wichtige jahre in berlin-erkner.
die bekanntschaft mit den jungen dichtern des
naturalismus wie dem ostpreussen arno holz und die
neuentdeckung der werke georg buechners vermitteln hauptmann
wesentliche antriebe zu eigener, neuer naturalistischer
erzaehlweise.
den durchbruch erlebt hauptmann am 20. oktober 1889.
an diesem tag wird sein drama "vor sonnenaufgang"
uraufgefuehrt, begleitet von einem beispiellosen tumult. der
alte theodor fontane ist dabei und rezensiert das stueck
wohlwollend in der vossischen zeitung. er beschreibt auch
den dichter gerhart hauptmann und welchen eindruck er
auf ihn macht:
"ueber hauptmann's drama wird noch viel gestritten und
manche vieljaehrige freundschaft ernster oder leichter
gefaehrdet werden, aber ueber eines wird nicht gestritten
werden koennen, ueber den dichter selbst und ueber den
eindruck, den sein erscheinen machte. statt eines baertigen,
gebraeunten, breitschultrigen mannes mit schlapphut und
jaegerschem klapprock erschien ein schlank
aufgeschossener junger blonder herr, von untadeligem rockschnitt und
untadeligsten manieren, und verbeugte sich mit einer
grazioesen anspruchslosigkeit, der wohl auch die meisten seiner
gegner nicht widerstanden haben." der 27jaehrige gerhart
hauptmann steht ploetzlich im mittelpunkt des literarischen
geschehens. in rascher folge entstehen seine weiteren
werke.
das offizielle deutschland steht der neuen kunstrichtung,
als deren fuehrer gerhart hauptmann nun gilt, lange
skeptisch und abwartend gegenueber. 1891 zieht der dichter mit
seiner familie in das schlesische mittel-schreiberhau und
wohnt dort zusammen mit seinem bruder carl bis zur
fertigstellung des wiesensteins in agnetendorf im jahre 1901.
von schreiberhau aus unternimmt gerhart hauptmann
reisen in das gebiet der weber um peterswaldau und
langenbielau, 1892 sind "die weber", das bedeutendste drama
seiner fruehen schaffensperiode, das zugleich seinen
weltruhm begruendet, fertiggestellt.
"die weber" beweisen ebenso wie andere meisterwerke hauptmanns, zum
beispiel die tragoedien "fuhrmann
henschel" oder "rose bernd", dass es dem schlesischen
sondern darauf, leidvolles menschliches schicksal
dichterisch zu gestalten. beispielhaft stehen "die weber" nach
carl zuckmayer "fuer alles menschenelend, fuer alles
menschenrecht, fuer alle leidenschaftliche erhebung der kreatur
gegen ihre knechtung. . .".
diese grundtendenz seines dichterischen schaffens macht
es eben unmoeglich, gerhart hauptmann ideologisch einer
bestimmten politischen richtung zuzuordnen. das wird
auch an den ehrenden worten des ersten praesidenten der
weimarer republik, friedrich ebert, deutlich, die er wenige
wochen vor hauptmanns 60. geburtstag anlaesslich der
hauptmann-festspiele im august 1922 in breslau an den
dichter richtete. ebert sagte unter anderem:
"mit der breslauer festspielwoche wollen wir einen teil des
dankes abstatten, den deutschland gerhart hauptmann
schuldet, diese schuld vollends abzutragen, wird sache des
ganzen deutschen volkes sein.
denn ihm, dem deutschen volke, galt von anfang an
gerhart hauptmanns dichterisches streben und schaffen,
im deutschen volkstum und im vielgestaltigen leben
unseres volkes wurzelt hauptmann kraeftiger und tiefer als
irgendein anderer deutscher dichter. . . so ist sein
dichterisches schaffen immer dienst am ganzen deutschen volk
gewesen. dankbar erkennen wir es an, dass gerhart
hauptmann auch der republik freudig die hilfe seines
gewichtigen wortes lieh,zwenn es galt, neben den amtlichen
vertretern des reiches der stimme des geistigen
deutschlands ausdruck zu geben, sei es, um in schwerer stunde die
eigenen volksgenossen zur pflicht aufzurufen, sei es, um
fuer eine verstaendigung der voelker einzutreten. und auch
dazu ist er berufen, wie kaum ein anderer, ist ihm doch der
gedanke einer wahren volksgemeinschaft im innern und
das streben nach versoehnung der nationen nach aussen
stets hoechstes ziel gewesen."
gerhart hauptmann geht =904 eine neue ehe mit margarete
marschalk ein. mit ihr wird er bis zu seinem tode 1946 den"
1101 bezogenen wiesenstein bewohnen: daneben
verbringt er regelmaessig grosse teile des jahres in italien, dem
tessin oder auf der ostseeinsel hiddensee.
anerkennung fuer sein bedeutendes werk wird gerhart
hauptmann in uebergrossem masse zuteil. er erhaelt die ehren-
doktorwuerden der universitaeten oxford 1905, leipzig 1909, m
prag 1921 und clumbia. new york, 1932, als er in den
usa die gedenkrede zum 100.(todestag johann wolfgang
von goethes haelt. zu seinem 50. geburtstag wird ihm der
nobelpreis verliehen und damit seine weltgeltung bestaetigt.
in der weimarer republik haeufen sich im gegensatz zum
kaiserreich die ehrungen fuer gerhart hauptmann: neben
dem koeniglich-bayerischen maximiliansorden fuer
wissenschaft und kunst erhaelt er zu seinem 60. geburtstag auch
den adlerschild des deutschen reiches, eine neue
auszeichnung fuer fuehrende deutsche.
ja, hauptmann wird sogar als kandidat fuer das
reichspraesidentenamt in betracht gezogen. er lehnt aber
ab mit den worten: "ich werde niemals die mir angemessene
literarische wirksamkeit aufgeben."
zu seinem 70. geburtstag, 1932, war noch einmal das
geistige deutschland um hauptmann versammelt,
einschliesslich der kurz darauf verfemten, der verfolgten und
emigranten: max reinhardt, alfred kerr, heinrich und
thomas mann, carl zuckmayer, auch sein freund, der
oberschlesische juedische kunstmaezen max pinkus, und der
leipziger oberbuergermeister carl goerdeler.
hauptmann aber emigrierte nach 1933 nicht. er protestierte
auch nicht. er igelte sich ein, von den machthabern ignoriert
und beargwoehnt, schikaniert, aber geduldet. mancher seiner
freunde hat ihm sein verhalten veruebelt.
vielleicht wird sein bleiben in deutschland verstaendlich,
wenn man sich daran erinnert, was fuer ihn dichtersein
bedeutet. fuer ihn muss das werk eines dichters "gesteigerter
ausdruck der volksseele" sein, und fuer sich fordert
er, dass er "ausserhalb der deutschen sprache und somit
der deutschen seele und wesensart als dichter nicht zu
denken" sei.
von seinem biographen behl schliesslich ist uns der
ausspruch hauptmanns aus einem gespraech vom 21. juli 1933
ueberliefert: "meine epoche beginnt mit 1870 und endet mit
dem reichstagsbrand."
ein letztes mal wendet sich gerhart hauptmann oeffentlich
an seine deutschen mitbuerger mit einer am 29. maerz 1945
von ihm im rundfunk verlesenen botschaft. er schrieb sie
unter dem persoenlichen erleben der vernichtung dresdens
am 13. und 14. februar: "wer das weinen verlernt hat, der
lernt es wieder beim untergang dresdens. . . ich stehe am
ausgangstor des lebens und beneide alle meine toten
geisteskameraden, denen dieses ereignis erspart
geblieben ist . . . ich bin nahezu 83 jahre alt und stehe mit einem
vermaechtnis vor gott, das luider machtlos ist und nur aus
dem herzen kommt: es ist die bitte, gott moege die
menschen mehr lieben, laeutern und klaeren zu ihrem heil, als
bisher." in dieser bitte versinnbildlicht sich gerhart
hauptmanns sehnsucht nach einem ausweg aus der
selbstzerstoerung des menschen durch krieg und
voelkerfeindschaft.
nur unter grossen beschwernissen konnte der kranke
hauptmann im maerz 1945 noch einmal nach schlesien,
nach agnetendorf auf den geliebten wiesenstein,
zurueckkehren, "der schutzhuelle meiner seele", wie er sagte.
die geborgenheit seines zuhauses, die naehe seiner frau
margarete und die zuneigung seiner in der umgebung
verbliebenen freunde machen es ihm moeglich, die nun
kommende schwere zeit in gelassenheit und wuerde zu
ueberstehen. tief empfindet er die not seiner schlesier, die
um ihn herum die heimat verlassen muessen.
die russische besatzungsmacht begegnet ihm mit respekt.
oberst sokolow, ein bewunderer und verehrer
hauptmanns, wird in diesem letzten jahr hauptmanns zu
einem treuen helfer in aller not, auch gegenueber den das
land ueberflutenden polen.
der 83. geburtstag hauptmanns, am 15. november 1945
verbindet ihn noch einmal mit der welt. viele radiostationen
(beromuenster, berlin, frankfurt, hamburg zum beispiel)
senden hoerspiele und geben ausfuehrliche berichte ueber
sein ergehen.
waere ich zehn jahre juenger, wuerde ich am wiederaufbau
deutschlands aktiv mitwirken", sagt hauptmann in diesen
tagen. doch hauptmann ahnte, dass auch er seine geliebte
heimat schlesien verlassen musste. dieser gedanke quaelte
ihn wohl mehr als er zu erkennen gab. am 31. mai 1946 warf
ihn eine schwere erkaeltung auf das krankenlager. aerztliche
hilfe konnte keine rettung mehr bringen.
am 3. juni 1946 erwachte hauptmann noch einmal aus
tiefem schlaf und fragte besorgt und unruhig: "bin ich noch
in meinem hause?" am 6. juni verlosch das leben dieses
grossen mannes.
seine witwe margarete wollte ihn nicht im park des
wiesensteins beisetzen, weil alle anzeichen darauf hindeuteten,
dass er dort nicht die verdiente ruhe finden wuerde.
so setzte sie es mit hilfe von oberst sokolow durch, dass der
sarg nach hiddensee ueberfuehrt wurde. erst 58 tage nach
seinem tode koennen die fischer von hiddensee den sarg
mit den sterblichen ueberresten des dichtess in das grab
senken.
es haette unter normalen verhaeltnissen nahegelegen, nach
gerhart hauptmanns tod das "haus wiesenstein" im
schlesischen agnetendorf zur zentralen deutschen
gerhart hauptmann-gedenkstaette zu erheben. es ist bekannt,
warum das bis heute nicht moeglich ist. jetzt befindet sich im
"wiesenstein" ein polnisches kinderheim und nur wenig
noch erinnert an gerhart hauptmann. immerhin wird das
haus seit 1985 nicht mehr "dom warszawianka", sondern
"dom hauptmanna" genannt, wie berichten zu entnehmen
ist.
die wichtigste deutsche forschungsstaette befindet sich
heute in der staatsbibliothek preussischer kulturbesitz in
berlin (west). ihr war es 1968 mit hilfe der damaligen
bundesregierung gelungen, den vollstaendigen schriftstellerischen
nachlass, das briefarchiv und einen grossen teil der
bibliothek gerhart hauptmanns fuer die stiftung preussischer
kulturbesitz zu erwerben.
unter der sachkundigen betreuung der mitarbeiter der
bibliothek bestehen dort hervorragende moeglichkeiten fuer
die hauptmann-forschung, die auch in reichem masse
genutzt werden.
die ddr unterhaelt in berlin-erkner eine gerhart-hauptmann-
gedenkstaette, die seit jahren ebenfalls zu einer
zentralen hauptmann-forschungsstaette ausgebaut wird. in
kloster auf hiddensee unterhaelt die ddr im
hauptmannschen "haus seedorn" eine weitere gedaechtnisstaette.
so bleibt der schlesier gerhart hauptmann ein deutscher,
ein "gesamtdeutscher" dichter, wenn es um die
forschungs- und gedaechtnisstaetten geht. aber lebt hauptmann
auch im bewusstsein unseres volkes als ein dichter weiter,
der uns auch heute noch viel zu sagen hat?
ich kehre an den ausgang meiner betrachtungen zurueck.
stehen wir nicht ungeachtet aller guten forschungsmoeglichkeiten
im begriff, einen grossen kulturellen schatz unseres
volkes, zu dem ich auch das werk des schlesiers gerhart
hauptmann zaehle, aus unserem bewusstsein zu
verdraengen?
ich habe am beispiel gerhart hauptmanns angedeutet, wie
sehr diese gefahr besteht. was fuer gerhart hauptmann gilt,
gilt auch fuer schlesien. schlesien ist eine der bedeutendsten
und lebendigsten kulturlandschaften deutschlands
gewesen, ein land, von dem entscheidende anstoesse fuer
philosophie und poesie ausgingen, ein land, das kunst und kultur
in deutschlend in hohem masse befruchtet und beeinflusst hat
und was fuer schlesien gilt, gilt auch fuer alle anderen
kulturlandschaften, aus denen deutsche in diesem jahrhundert
verdraengt und vertrieben wurden. die dort von deutschen
menschen erbrachten kulturellen leistungen sind
unverzichtbarer bestandteil unserer ganzen deutschen kultur.
viele jahrhunderte waren notwendig, um unsere kultur zu
dem reifen zu lassen, was sie heute darstellt. wir wuerden
unendlich viel verlieren, wenn wir heute nur, weil menschen
aus ihrer heimat vertrieben wurden, auch deren kulturelle
leistungen der vergessenheit anheimgaeben. deshalb ist es
unsere pflicht, der ostdeutschen kultur eine heimat bei uns
zu geben, damit sie ueberlebt und in unserem volke lebendig
bleibt.
es muss fuer unser volk eine selbstverstaendlichkeit werden,
das erbe der ostdeutschen kulturlandschaften auf dauer zu
bewahren und fuer die zukunft zu nutzen. jedem deutschen
sollte bewusst sein, welch grosse bedeutung dem einigenden
band der deutschen kultur auch im hinblick auf die teilung
unseres volkes und unseres landes zukommt.
die erhaltung und weiterentwicklung des aus dem
deutschen osten ueberlieferten kulturellen erbes kann nicht nur
von den vertriebenen und fluechtlingen geleistet werden.
alle deutschen sind betroffen, es ist ihre gemeinschaftliche
aufgabe!
bund und laender trifft hier eine besondere verpflichtung,
nicht nur, weil das in p 96 des bundesvertriebenengesetzes
so steht. sie koennen entscheidend dazu beitragen, dass die
ostdeutsche kulturarbeit auch gesicherte finanzierung und
organisatorische grundlagen erhaelt. dies ist unerlaesslich,
wenn ostdeutsche kulturarbeit eine zukunft haben soll. es
ist notwendig,
-ostdeutsche landesforschung durch die bereitstellung
von lehrstuehlen und instituten zu intensivieren,
-ostdeutsche landesmuseen zu errichten oder
auszubauen, die ein lebendiges und erfahrbares bild der
ostdeutschen kulturlandschaften vermitteln,
-uebergreifende gesamtdarstellungen zu foerdern, die einen
umfassenden ueberblick ueber geschichte und kultur der
deutschen aus den ostprovinzen des deutschen reiches
und den uebrigen vertreibungsgebieten ermoeglichen,
-die kulturelle breitenarbeit der verbaende der vertriebenen
verstaerkt zu foerdern, damit sie in anspruchsvoller und
ansprechender arbeit die kulturellen traditionmn ihrer
volksgruppen bewahren und weitergeben koennen.
zahlreiche defizite auf allen diesen und anderen gebieten
sind zu beseitigen. ich habe daher die erarbeitung eines
aktionsprogrammes zur weiterfuehrung der ostdeutschen
kulturarbeit in auftrag gegeben, das ich in wenigen monaten
dem deutschen bundestag zuleiten werde. es wird
darstellen, auf welche weise bessere rahmenbedingungen fuer alle
bereiche der ostdeutschen kulturarbeit geschaffen werden
koennen.
vieles kann schon jetzt in die wege geleitet werden.
deshalb habe ich mich seit jahren fuer eine vestaerkung der mittel
eingesetzt, die meinem ministerium fuer die foerderung der
ostdeutschen kulturarbeit zur verfuegung stehen. ich bin
dabei auf verstaendnis sowohl des bundesfinanzministers
wie des deutschen bundestages gestossen. so konnten
diese mittel inzwischen von 4,3 mill. dm im jahre 1983 auf
10,5 mill. dm im jahre 1987 gesteigert werden. im naechsten
haushaltsjahr werden wir fuer diesen zweck voraussichtlich
15 mill. dm bereitstellen koennen.
ich verhehle nicht, dass ich auch dies noch nicht als
ausreichend betrachte, wenn ich die aufgaben sehe, die noch zu
loesen sind. es sind alles in allem bescheidene betraege, die
wir zur loesung dieser aufgaben erwarten. sie sind aber
auch unbedingt erforderlich, wenn wir aus dem zustand des
improvisierens im bereich der ostdeutschen kulturarbeit
herauskommen wollen.
wenn es uns gelingt, auf diese weise die grundlagen der
ostdeutschen kulturarbeit zu staerken und damit diesen teil
unseres kulturellen erbes zu erhalten und weiterzuentwickeln,
so leisten wir damit zugleich einen wichtigen beitrag
zur bewahrung fer geschichtlichen identitaet unseres
volkes. es ist aber auch ein beitrag zum ausgleich und zur
verstaendigung mit unseren nachbarvoelkern, dieser beitrag
kann nicht im verdraengen und verschweigen bestehen.
nur auf der grundlage der geschichtlichen wahrheit koennen
ausgleich und verstaendigung wachsen und damit auch zu
dauerhafter versoehnung zwischen den voelkern fuehren.
ich hielt es fuer notwendig und richtig, auch dies in dieser
stunde zu sagen, die wir dem gedanken an den grossen
schlesier, deutschen und europaeer gerhart hauptmann
gewidmet haben.
wenn wir all das, was ich angedeutet habe, in die tat
umsetzen, dann erfuellen wir damit - davon bin ich ueberzeugt -
zugleich auch ein vermaechtnis dieses mannes, der seine
heimat schlesien mit seinen menschen ebenso liebte wie
sein vaterland deutschland und - losgeloest von nationalen
vorurteilen - frei, weltoffen und selbstbewusst unseren
europaeischen nachbarn begegnete.
sein werk und sein leben sind und bleiben fuer uns alle eine
grosse verpflichtung.