- Bulletin 161-88
- 24. November 1988
bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei einer
festveranstaltung des deutschen rates der europaeischen
bewegung zum 100. geburtstag von jean monnet am
7. november 1988 in bonn folgende ansprache:
i.
herr bundestagspraesident,
meine damen und herren abgeordneten des europaeischen parlaments,
des deutschen bundestags und der landtage,
meine sehr verehrten damen und herren!
zunaechst darf ich ihnen fuer die ehrenvolle einladung
danken, heute zu ihnen zu sprechen und den 100. geburtstag
von jean monnet zu wuerdigen. gerne nehme ich die
gelegenheit wahr, ihnen fuer die arbeit, die sie im deutschen
rat der europaeischen bewegung leisten, zu danken.
unsere heutige realitaet kommt der vision jean monnets
von einem vereinten europa immer naeher. eine persoenlich
gefaerbte rueckschau mag verdeutlichen, wie weit wir es
inzwischen bei der europaeischen integration gebracht
haben. ich gehoere - wie viele hier im saal - jener generation
an, die im kindesalter den krieg ganz bewusst erlebt hat,
die kurz vor kriegsende noch fuer ein paar monate als
flakhelfer eingesetzt wurde. meine generation hat darueber
hinaus bleibende erinnerungen an die zeit nach 1945 mit
ihren vielfaeltigen problemen. in meiner heimat - damals
franzoesische besatzungszone - mussten wir beispielsweise
auf dem weg von ludwigshafen nach mannheim, einer
strecke von wenigen hundert metern, einen ausweis
vorzeigen, der auf legalem wege kaum zu beschaffen war.
solche reminiszenzen sind in einem europa offener grenzen
der jungen generation kaum noch zu vermitteln.
ich erinnere mich auch noch sehr genau an das jahr 1948,
als wir - einige junge leute aus meiner heimatstadt, vor
allem aus der spd und der christlich-demokratischen
union - uns mit jungen franzosen trafen. wir zogen an die
grenze zwischen der pfalz und dem elsass, rissen
grenzpfaehle heraus - was auch geduldet wurde -, sangen lieder
und feierten mit viel wein - und glaubten dabei: das ist
europa. die stimmung war praechtig, denn alles deutete
darauf hin: nicht nur wir jungen menschen mit unseren
18 jahren, sondern maenner und frauen aus allen gruppen
der bevoelkerung wollten das supranationale europa
verwirklichen.
zwei jahre zuvor hatte winston churchill seine
unvergessliche zuercher rede gehalten. francois mitterrand
sprach damals auf dem europakongress in den haag, adenauer
bekannte sich mit groesstem nachdruck zu europa.
die generation jener grossartigen maenner und frauen, die
nach dem krieg weiterdachten - auch und gerade ange-
sichts all des elends, das die hybris des nationalismus und
verwandte ideologien hinterlassen hatten -, machte auf uns
junge menschen viel eindruck. ihre botschaft nahmen wir
begierig auf: nun sei die stunde gekommen, das
gemeinsame europa aufzubauen. mit 18 jahren denkt man nicht
daran, dass die folge unseres europaeischen engagements
irgendwann einmal sein koennte, dass man ueber
getreidepreise, ueber flaechenstillegungen und ueber
strassenverkehrsabgaben verhandeln und entscheiden muss. in
unserem jugendlichen eifer begeisterte uns allein die grosse
europaeische idee.
spaeter gab es eine lange phase, in der die europaeische
integration zwar fortschritte machte - etwa durch den
abschluss der roemischen vertraege -, in der aber auch ein
stueck resignation mitschwang, gepaart mit ein bisschen
langeweile.
ich erwaehne dies auch deshalb, weil ich betonen moechte:
die tatsache, dass der franzoesische staatspraesident und
ein deutscher bundeskanzler in diesem jahr gemeinsam den
karlspreis der stadt aachen erhalten haben, waere
undenkbar geblieben, wenn nicht so viele menschen und
institutionen - darunter auch sie vom rat der europaeischen
bewegung - beharrlich an der verwirklichung eines geeinten
europas weitergearbeitet haetten. es ist ein weiter weg, den
wir seither zurueckgelegt haben, der uns gelegentlich auch
ueber durststrecken fuehrte.
und dennoch koennen wir heute erfreut feststellen, dass ein
grosser durchbruch erzielt wurde. freilich: vieles ist noch
unerledigt geblieben, und es steht uns sicherlich noch viel
aerger ins haus. daran kann nicht oft genug erinnert werden.
aber dies aendert nichts an der tatsache, dass wir ein
entscheidendes etappenziel erreicht haben. leider
beschaeftigen sich hierzulande viele mitbuerger mit ganz
anderen themen. gelegentlich, wenn ich im ausland bin, habe ich
den eindruck: die ganze welt beschaeftigt sich mehr mit der eg
als die betroffenen in europa selbst - die, wenn wir
gemeinsam die chance nutzen, den groessten vorteil aus der
europaeischen integration ziehen werden.
ich meine, nun ist es - gerade fuer uns deutsche - hohe zeit,
uns mit den europaeischen realitaeten ernsthaft
auseinanderzusetzen und die weichen fuer den 31. dezember
1992 zu stellen. dieses datum, das die vollendung des
europaeischen binnenmarktes markiert, rueckt unaufhaltsam
naeher - und nun kommt es darauf an, dass wir bis dahin alle
notwendigen vorbereitungen treffen. im kommenden jahr werden
auf europaeischer ebene unter der praesidentschaft spaniens
und frankreichs wichtige entscheidungen zu treffen sein,
die auch tief in die souveraenitaet der einzelstaaten eingreifen
werden. weil die aufgabe, vor der wir alle stehen, so gross
ist, moechte ich sie bitten, sich an der gestaltung des
europaeischen binnenmarktes ebenso engagiert zu beteiligen wie
bisher. weisen sie immer wieder darauf hin, dass die zeit
draengt, und helfen sie mit, aengste abzubauen.
einer unserer fuehrenden nationaloekonomen sagte mir am
vorabend jener denkwuerdigen sitzung des eg-rates im
februar, als in bruessel unter meinem vorsitz der weg zur
vollendung des europaeischen binnenmarktes endgueltig
freigemacht wurde: tun sie alles, damit dieser durchbruch
geschafft wird, denn diese so wichtige entscheidung ist fuer
die bundesrepublik deutschland ebenso bedeutsam wie
die einfuehrung der d-mark und die waehrungsreform im
sommer 1948.
damit wir von der realitaet des europaeischen binnenmarktes
1992 nicht sozusagen ueberrascht werden, bin ich fest
entschlossen, die jetzt notwendigen entscheidungen und
reformen durchzusetzen. natuerlich gibt es kritik - meist
sind es partikularinteressen, die sich gegen unser werk
wenden. aber wir sollten uns davon nicht beirren lassen. ich
habe in den vergangenen wochen freunden und
mitarbeitern oft gesagt: blickt nicht zu sehr auf demoskopische
momentaufnahmen. wenn stets die demoskopischen
befunde die einzigen kriterien fuer politische entscheidungen
abgegeben haetten, dann wuerden wir heute in einer anderen
republik leben. denn ludwig erhard haette beispielsweise
im sommer 1948 niemals eine mehrheit fuer die einfuehrung
der sozialen marktwirtschaft gefunden.
wir muessen ganz klar erkennen, dass wir unsere zukunft nur
sichern koennen, wenn wir einen europaeischen binnenmarkt
fuer 320 millionen menschen schaffen. die entwicklung an
der schwelle zum 21. jahrhundert ist doch vorgezeichnet.
es wird drei grosse wirtschaftsregionen in der welt geben:
die vereinigten staaten und kanada, die europaeische
gemeinschaft sowie den pazifischen raum. natuerlich wird
es auch andere wirtschaftsregionen geben, aber diese drei
werden die wichtigsten bleiben - und deshalb muessen wir
europaeer das notwendige unternehmen, damit wir weiterhin
mithalten koennen.
vieles wird sich in zukunft aendern, auch im ost-west-
verhaeltnis, in den fragen, die die sicherheitspolitik
betreffen - auch deshalb ist es wichtig, dass eine neue
kraft in europa entsteht.
wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir nicht nur
selbst davon profitieren, sondern zugleich auch das
fundament fuer das wohlergehen unserer kinder und enkel legen.
dann wird es niemandem mehr einfallen, von "eurosklerose"
zu sprechen, wie ein modewort vor einigen jahren
lautete. damals ruempfte manch einer ueber europa die nase
und tat so, als ob die europaeer, gleichsam die familie
buddenbrook in der weltgemeinschaft, zum abstieg
verurteilt seien.
das ist jetzt anders, und darauf duerfen wir stolz sein. aber
wir duerfen nicht die haende in den schoss legen, sondern
muessen gemeinsam daran arbeiten, das grosse ziel zu
verwirklichen. auch symbolische akte koennen zum
europaeischen erfolg beitragen. deshalb begruesse ich es sehr,
dass der deutsche rat der europaeischen bewegung mit dieser
feierstunde an einen der grossen europaeischen baumeister
erinnert - an jean monnet. denn sein werk, seine
gedanken und hoffnungen sind uns heute noch gemeinsame
europaeische verpflichtung.
ii.
bewusst stellt sich die europaeische bewegung in die
tradition jean monnets. mit ihren verschiedenen
organisationen in den mitgliedstaaten der gemeinschaft ist
sie zu recht als "europaeisches gewissen" bezeichnet worden -
wirkt sie doch heute gleichermassen als mahnende wie als
treibende kraft im europaeischen einigungsprozess.
der name jean monnets steht fuer die europaeische idee, der
wir uns gemeinsam verpflichtet haben. er war ein unermuedlicher
vorkaempfer des vereinten europas, ein architekt der
voelkerverstaendigung, der die menschen ueber nationale
grenzen hinweg vereinen wollte.
sein leben stand ganz im dienst der europaeischen
gemeinschaften. als geistiger vater der montanunion
gehoert jean monnet - zusammen mit robert schuman,
alcide de gasperi, konrad adenauer, paul-henri spaak und
vielen anderen - zu den begruendern des neuen europa.
wenn wir heute seine verdienste ehren, dann wuerdigen wir
damit auch das werk, das er massgeblich mitgeschaffen hat:
das grosse friedenswerk der europaeischen einigung.
jean monnet wurde aus gutem grund "vater europas"
genannt. er selbst bezeichnete sich nur als "jean monnet
aus cognac". diese beschreibung entsprach seiner
natuerlichen, unkomplizierten art im umgang mit menschen - und
sie verweist gleichzeitig darauf, wie tief dieser weltbuerger
in seiner heimat verwurzelt war.
das baeuerliche leben in der franzoesischen provinz sowie
die arbeit in der elterlichen firma haben seine persoenlichkeit
nachhaltig gepraegt. er wuchs auf in einem milieu, das
von einer besonderen mischung aus weltoffenheit, aus
geschaeftssinn und aus geduldiger beharrlichkeit
gekennzeichnet war.
"meine erfahrungen bildeten sich am familientisch",
erzaehlte jean monnet spaeter einmal. er meinte damit vor
allem den blick fuer internationale zusammenhaenge, der aus
den weltweiten geschaeftlichen beziehungen seines vaters
erwuchs. er dachte aber auch an die weinbauern in der
charente: sie lehrten ihn, geduldig zu sein - und sich nur
auf eine einzige wichtige sache zu konzentrieren.
seine eltern schickten den jungen jean monnet schon
frueh zu den internationalen handelsplaetzen nach london,
new york und los angeles. dort musste er lernen, sich
durchzusetzen und selbstaendig geschaefte abzuschliessen.
schon bald zeichnete sich seine arbeit durch klare planung,
pragmatisches verhandeln und durch bereitschaft zur
zusammenarbeit aus.
waehrend des ersten weltkrieges konnte sich sein
organisationstalent im dienste frankreichs bewaehren. aber
jean monnet zog damals auch - inspiriert von dem friedensplan
des amerikanischen praesidenten woodrow wilson - eine
grundsaetzliche schlussfolgerung aus den kriegsereignissen:
die wirtschaftlichen beziehungen mussten der
ausgangspunkt einer neuordnung des europaeischen staatensystems
sein. nur so - davon war er ueberzeugt - konnte das streben
nach hegemonie und protektionismus beendet werden.
sein plan war, die alliierten demokratien zu einer
wirtschaftlichen union zusammenzuschliessen, in die spaeter
auch deutschland eintreten sollte. die franzoesische regierung
lehnte diese vorschlaege damals ab - jean monnet aber hielt
an diesem grundgedanken fest und entwickelte ihn weiter,
bis die zeit reif war.
gegensaetze ueberwinden, probleme loesen, menschen
vereinen, indem man sie bewegt, ihr gemeinsames interesse
zu erkennen - diese ziele bestimmten fortan jean monnets
politisches wirken. seine vorstellungen von europa
beruhten auf der idee der gleichheit der voelker sowie des
friedlichen ausgleichs und der versoehnung ueber alle nationalen
grenzen hinweg. bis heute gehoeren diese prinzipien fuer uns
zum unverzichtbaren geistigen fundament der
europaeischen einigung.
aus dem zusammenbruch der europaeischen staatenordnung
im zweiten weltkrieg leitete jean monnet die maxime
fuer seine politische arbeit im dienst europas ab: "es wird
keinen frieden geben", so formulierte er schon 1944 seine
ueberzeugung, "wenn die staaten auf der grundlage
nationaler souveraenitaet wiederhergestellt werden, mit all
dem, was eine politik des machtstrebens und wirtschaftlicher
protektion mit sich bringt".
der renaissance des nationalismus stand eine neue
denkrichtung entgegen, in der jean monnet seine geistige
heimat fand: die idee eines solidarischen zusammenwirkens
der freiheitlichen demokratien des westens - der nichts mit
dem sozialistischen internationalismus sowjetischer
praegung gemein hatte.
nur durch enge internationale verflechtung der
gesellschaftlichen und politischen kraefte, nur durch bildung
einer von institutionen getragenen gemeinschaft konnte nach
monnets ansicht ein nochmaliger, verhaengnisvoller fehlschlag
der europaeischen politik vermieden werden. integration der
nationalstaaten war fuer ihn gleichbedeutend mit befreiung
der voelkerfamilie von streit und herrschsucht,
supranationalitaet mit einer dauerhaften ausschaltung
nationalstaatlicher eifersuechteleien.
jean monnet wollte einen neuen typ von staatenverbindungen
ins leben rufen: eine staaten-gemeinschaft, wie sie in
der geschichte ohne vorbild war. sie sollte gerade keine
allianz der interessen mehr sein, sondern der kern einer
neuen internationalen organisationsform, in der trennende
grenzen aufgehoben sind. politische und gesellschaftliche
gruppierungen sollten auf der grundlage von freiheit,
demokratie und rechtsstaatlichkeit in einer uebernationalen
foederation gemeinsam wirken.
nach dem krieg waren die europaeischen staaten zu
erschoepft, um die geschicke des kontinents selbst zu
bestimmen. sie hatten ihre ehemals fuehrende position in der
welt verloren, und sie waren nicht mehr in der lage, aus
eigener kraft die grossen wirtschaftlichen und sozialen
probleme zu loesen.
als leiter des wirtschaftlichen planungskommissariats in
frankreich war monnet sich dessen voll bewusst. ohne
staerkung und modernisierung der oekonomischen potentiale
wuerde es keinen wiederaufbau frankreichs geben, wuerde
das land europa keine impulse verleihen koennen.
mit dem marshall-plan gaben die vereinigten staaten jene
wirtschaftliche initialzuendung, die europa fuer seine erholung
dringend benoetigte. sie bewirkten damit gleichzeitig einen
kraeftigen schub fuer die politischen einigungsbemuehungen.
die europaeischen staaten lagen damals aber nicht nur
wirtschaftlich und politisch am boden, ihre bevoelkerung war
auch moralisch geschwaecht. das vertrauen in die allmacht
der nationalstaaten war tief erschuettert worden. europa war
- wie jean monnet in seinen erinnerungen schreibt - auf der
suche nach sich selbst: nach einer neuen identitaet, einem
neuen ideal, fuer das es sich einzusetzen lohnte. aus der
hoffnung auf ein dauerhaft vereintes europa in frieden und
freiheit gewannen viele menschen kraft und zuversicht fuer
den neuanfang.
schluessel fuer einen solchen neuanfang war aber, dass
deutsche und franzosen sich die hand zur versoehnung
reichten. jean monnet und robert schuman gehoerten zu den
menschen in frankreich, die trotz schmerzlicher erfahrungen
allen gefuehlen von hass und rache ihre bereitschaft zur
versoehnung entgegensetzten. die ueberwindung der
jahrhundertealten rivalitaet zwischen deutschland und
frankreich - das war ihre leitlinie - sollte zum eckpfeiler
der europaeischen einigung werden.
jean monnet diente diesem ziel nicht zuletzt mit seiner
faehigkeit, staendig neue ideen zu entwickeln - ideen, wie
zum beispiel unterschiedliche interessen in gemeinsame
aktionen einfliessen koennten. zur loesung schwieriger
probleme schlug er noch unbeschrittene wege ein und wandte
unerprobte mittel an.
iii.
bereits waehrend des zweiten weltkrieges kreisten seine
ueberlegungen um die frage, wie man die zentren der
westeuropaeischen schwerindustrie zusammenschmieden
und unter eine gemeinsame oberhoheit stellen koennte.
bewusst wollte er gerade den wirtschaftsbereich verschmelzen,
der seit langem materielle grundlage kriegerischer
auseinandersetzungen war. gleichzeitig galt es, auch die
sorge frankreichs vor der dynamik der deutschen
wirtschaftskraft zu mildern.
man kann es wohl ein schicksalhaftes zusammentreffen
nennen, dass jean monnet sein konzept der
montanunion gerade robert schuman unterbreitete.
der in luxemburg geborene und in lothringen
aufgewachsene robert schuman hatte persoenlich viele jahre
lang unter den deutsch-franzoesischen gegensaetzen gelitten.
er war durchdrungen von seinem katholischen glauben und
dem gebot christlicher verantwortung gegenueber den
menschen. dieser staatsmann verstand solidaritaet als auftrag
zum handeln.
jean monnet dagegen mit seiner dynamischen, auf aktives
handeln bezogenen weltsicht konnte menschen von einer
idee begeistern. er hatte den politischen instinkt, zum
richtigen zeitpunkt mit praktischen vorschlaegen voranzugehen.
robert schuman uebernahm monnets vorstellungen und
verhalf ihnen zum politischen durchbruch. ihre realisierung
unter der bezeichnung "schuman-plan" fuehrte frankreich
nicht nur kurzfristig aus seinen aussen- und
wirtschaftspolitischen schwierigkeiten heraus. dieser plan war
bewusst als neuanfang der europaeischen einigung geplant -
und so wirkte er auch:
mit der gruendung der montanunion wurde ein neues kapitel
in der geschichte europas aufgeschlagen. niemals zuvor
hatten sechs laender freiwillig auf einen teil ihrer
souveraenitaet verzichtet. dieser schritt war die eigentliche
geburtsstunde der europaeischen gemeinschaft. er war aber auch
- und das wird heute allzuoft vergessen - der beginn des
groessten friedenswerkes in der geschichte der menschheit:
europa heisst frieden!
konrad adenauer erblickte in dem schuman-plan die grosse
chance, das misstrauen zwischen den deutschen und ihren
nachbarn im westen abzubauen sowie vertrauen in eine
gemeinsame zukunft zu schaffen. die montan-gemeinschaft
ebnete unserem land den weg, als gleichberechtigtes
mitglied in den kreis der freiheitlichen demokratien
einzutreten - und sie schuf so die voraussetzungen, um
unserer demokratie nach innen und aussen die erforderliche
stabilitaet zu geben.
konrad adenauer erkannte die vor allem politische
tragweite dieses vorhabens. er hat deshalb dem schuman-plan
ohne zoegern seine unterstuetzung gegeben - nicht zuletzt
auch deshalb, weil dieser plan seinen lang gehegten
vorstellungen von einer wirtschaftlichen verflechtung
zwischen deutschland und frankreich entsprach.
gewiss hatten die europaeischen gruendungsvaeter ganz
unterschiedliche motive - gemeinsam war ihnen jedoch die
faehigkeit, das notwendige mit dem politisch moeglichen zu
verbinden und damit dem ziel des vereinten europas
insgesamt zu dienen.
diesseits und jenseits des rheins hatten die politisch
verantwortlichen erkannt: frieden, sicherheit und wohlstand
lassen sich nur gemeinsam erreichen.
iv.
jean monnet verstand die grundentscheidungen fuer die
einigung europas stets als etappen auf dem weg zu einer
europaeischen foederation. noch bevor der
montanvertrag unterzeichnet war, setzte er sich fuer eine
gemeinschaftliche loesung der wiederbewaffnung deutschlands
ein. es ist kaum bekannt - und deswegen will ich es besonders
erwaehnen -, dass er zu den initiatoren der europaeischen
verteidigungsgemeinschaft zaehlte, zu der es dann doch
nicht gekommen ist. sie sollte die montanunion ergaenzen,
den integrationsprozess insgesamt staerken und westeuropa
noch enger an die vereinigten staaten binden.
die verteidigungsgemeinschaft richtete sich also
keineswegs gegen die vereinigten staaten - wie viele damals
meinten. sie war als der notwendige beitrag der europaeer
zur gemeinsamen sicherheit der atlantischen wertegemeinschaft
gedacht - wie sich jean monnet das vereinte europa
ueberhaupt nur als enger partner und freund der vereinigten
staaten vorstellen konnte. in seinem denken war nie platz
fuer irgendeine art von europaeischem neutralismus - und ich
glaube, auch in dieser hinsicht haben seine ueberzeugungen
fuer uns nichts von ihrer gueltigkeit verloren.
wenn wir uns heute im freien teil europas wieder um eine
engere sicherheitspolitische zusammenarbeit
bemuehen, dann tun wir dies in der gewissheit, damit auch
der bruecke ueber den atlantik ein noch festeres fundament
zu verleihen.
wir duerfen nicht darauf warten, dass unsere amerikanischen
freunde noch staerker als bisher - und sicherlich mit noch
groesserem nachdruck nach der wahl des neuen amerikanischen
praesidenten - auf eine gerechtere lastenverteilung
draengen. wir europaeer muessen selbst handeln.
die erarbeitung einer europaeischen konzeption in der
sicherheitspolitik mit dem ziel einer gemeinsamen
europaeischen verteidigung gehoert zu unseren vorrangigen
aufgaben fuer die zukunft. die weu-plattform, die einbeziehung
der sicherheitspolitik in die europaeische politische
zusammenarbeit sind erste wichtige schritte in diese richtung.
gleiches gilt fuer die immer enger werdende bilaterale
deutsch-franzoesische zusammenarbeit - in allen bereichen,
auch in der sicherheitspolitik. der integrierte deutsch-
franzoesische truppenverband, die brigade, mit deren
aufstellung jetzt begonnen wurde, ist ein symbol fuer die
schicksalsgemeinschaft unserer beiden laender. sie soll
gleichzeitig aber auch ein wirksamer und ausbaufaehiger
beitrag zu einer gemeinsamen verteidigung werden.
lassen sie mich in diesem zusammenhang noch einmal
betonen: diese enge zusammenarbeit richtet sich gegen
niemanden, im gegenteil. paris und bonn handeln in
europaeischer perspektive. alle freunde und partner haben
ihhren nutzen davon, wenn die beziehungen zwischen frankreich
und der bundesrepublik deutschland so gut, so exzellent
sind wie zur zeit. das vertrauensvolle zusammenwirken
unserer beiden laender verdient deshalb keine kritik,
sondern lob und unterstuetzung.
bei den gespraechen mit generalsekretaer gorbatschow ging
es nicht zuletzt auch um dieses thema - um die frage: was
wollen die franzosen, was wollen die deutschen mit dieser
engen zusammenarbeit?
ich habe in diesem zusammenhang von den geschichtlichen
hintergruenden gesprochen, auch von meinen eigenen
persoenlichen erfahrungen. wie sie wissen, komme ich aus
einer region, die von den jahrhundertelangen gegensaetzen
zwischen deutschland und frankreich schwer in
mitleidenschaft gezogen wurde.
ich sprach von den staedten und doerfern, die in
deutschfranzoesischen kriegen verwuestet wurden, von der not
und den leiden der menschen - und davon, dass wir endlich die
lehren aus der geschichte gezogen haben, indem wir hass,
krieg und den geist einer angeblichen "erbfeindschaft"
durch versoehnung, freundschaft und zusammenarbeit
ersetzt haben.
francois mitterrand und ich sind nicht gemeinsam nach
verdun gegangen, um kriegshandlungen zu feiern, sondern
um der millionen toten zweier weltkriege zu gedenken. wir
haben bei dieser gelegenheit den schlussstrich unter die
vergangenheit bekraeftigt und uns noch einmal geschworen:
nie mehr wiederue statt dessen wollen wir eine gemeinsame
zukunft fuer unsere beiden voelker - so, wie es
sich zum beispiel romain rolland gewuenscht und wie
es auch jean monnet mit seiner europaeischen vision
angestrebt hat.
v.
jean monnet war realist genug, um grenzen zu erkennen.
sein pragmatischer verstand liess ihn dort nachgeben, wo
ein starres festhalten an prinzipien der europaeischen
sache mehr schaden als nutzen bereitet haette. stets zog er
das erreichbare, die gemeinsame grundlage einem starren
alles- oder-nichts vor - ohne dabei jemals das ziel aus den
augen zu verlieren.
ich glaube, dass dies auch eine gute anleitung fuer die
europaeische politik der jahre ist. wer etwa hier bei uns,
in der bundesrepublik deutschland, bei der verwirklichung des
europaeischen binnenmarktes nach dem prinzip verfahren
will, am deutschen wesen muesse die welt genesen, der
wird gar nichts erreichen. gewiss muessen wir feste prinzipien
haben, wo es um entscheidende fragen unserer staatlichen
existenz geht. wir brauchen zum beispiel einen klaren kurs
in grundfragen der wirtschaftsordnung.
aber es gibt darueber hinaus weite bereiche, bei denen wir
kompromissbereit sein muessen. wer alles auf einmal will,
wird am ende nichts fuer europa erreichen.
unsere freunde in europa halten uns verstaendlicherweise
entgegen: was wollt ihr denn eigentlich? millionen von
deutschen waren in diesem jahr im europaeischen ausland
in urlaub, sie haben dort die regionalen spezialitaeten
genossen und sie sind ihnen gut bekommen. aber wenn sie
nach hause zurueckkehren, lesen sie in der zeitung, wie
gesundheitsschaedlich das alles angeblich sei. wir wollen
indessen kein europa der grauen einfoermigkeit, sondern der
vielfalt, in dem die nationalen und regionalen besonderheiten
ihren festen platz haben.
gerade auch jean monnet mit seiner lebenserfahrung
wusste um die eigenheiten der voelker. er wusste, dass
ihre mannigfaltigen temperamente, lebensgewohnheiten,
traditionen und charaktere den einigungsbemuehungen
entgegenwirken koennen - dass sich in ihrem fruchtbaren
zusammenwirken aber auch die kraft europas entfaltet.
vor wenigen tagen habe ich bei der verleihung des
karlspreises in aachen daran erinnert, dass die europaeische
gemeinschaft auch und vor allem eine werte- und
kulturgemeinschaft ist. wir muessen deshalb das bewusstsein
fuer die kulturelle dimension europas schaerfen - die
meiner ueberzeugung nach im einigungsprozess bisher zu
kurz gekommen ist.
dazu gehoert, dass wir mehr moeglichkeiten fuer kulturellen
austausch schaffen. zum beispiel sollten wir mehr als
bisher die entwicklung bei den elektronischen medien in den
dienst europas stellen. vor allem die neuen
fernsehprogramme ueber satellit und kabel koennen einen
wertvollen beitrag dazu leisten, einen gemeinsamen
europaeischen erfahrungshorizont zu schaffen.
im mittelpunkt des kulturellen austausches muss aber die
junge generation stehen. gewiss: auf diesem gebiet ist
manches erreicht worden - vor allem zwischen deutschen
und franzosen. das deutsch-franzoesische jugendwerk,
dessen fuenfundzwanzigjaehriges bestehen wir in diesem
jahr feiern konnten, hat auf beispiellose weise dazu
beigetragen, dass mehr begegnungen zwischen jungen menschen
stattfinden konnten als jemals zuvor.
aber was die situation an den schulen betrifft, da habe ich
manchmal eher den eindruck eines rueckschritts als eines
fortschritts. wenn heute ein schueler oder eine schuelerin in
der mittelstufe eines gymnasiums fuer eine bestimmte zeit
nach england oder frankreich gehen, dann muessen sie
dafuer oft sogar nachteile in kauf nehmen - statt dass sie
belohnt oder ermutigt werden.
wir muessen endlich wieder dahinkommen, dass junge leute
fuer einen auslandsaufenthalt einen bonus bekommen. das
gilt nicht nur fuer schueler, sondern in noch staerkerem
masse fuer studenten und junge auszubildende. wenn wir
beispielsweise nachlesen, wie frueher handwerker auf ihrer
wanderschaft von land zu land zogen, dann merken wir: es geht
gar nicht einmal darum, beim kulturellen austausch etwas
nie dagewesenes zu schaffen, sondern eher um die
wiederherstellung eines zustandes, wie er noch vor dem
ersten weltkrieg fuer viele selbstverstaendlich war.
das vereinte europa wird nur in dem masse wirklichkeit
werden, in dem junge menschen zueinander finden: in dem
es selbstverstaendlich fuer sie wird, fremde sprachen zu
lernen, ins ausland zu reisen und dort zu studieren oder zu
arbeiten.
jean monnet hat das gewusst - und das hat er wohl auch mit
jenem beruehmten satz gemeint, dass er - koenne er neu
anfangen - mit der kultur beginnen wuerde. beherzigen wir
diesen hinweis, indem wir heute die foerderung des
kulturellen austausches zu einem zentralen europaeischen
anliegen machen.
niemand wird dabei ernsthaft daran denken, die
unterschiede zwischen den voelkern einzuebnen, vor allem auch
ihre kulturelle identitaet gleichsam wegzuwischen. gerade
das fruchtbare spannungsverhaeltnis zwischen einheit und
lebendiger vielfalt des kulturellen erbes macht die staerke
und faszination europas aus. es ist deshalb notwendig,
diese vielfalt zu erhalten und zu pflegen.
aber ebenso notwendig ist es - und beides laesst sich sehr
wohl miteinander in einklang bringen -, dass die
europaeischen laender teile ihrer souveraenitaet allmaehlich auf
die gemeinschaft ueberleiten. sie geben diese souveraenitaet
damit nicht auf - wie mancher irrtuemlich meint. es geht
vielmehr darum, sie zu buendeln, damit sie ueberhaupt noch
wirksam ausgeuebt werden kann.
beim umweltschutz zum beispiel - ich erwaehne nur
das stichwort "ozonloch" - wird offenkundig, dass uns die
beschraenkung auf nationale massnahmen nicht weiterbringt.
die verschmutzung von luft, fluessen und meeren macht
nicht an grenzen halt, und sie kann deshalb auch nur im
grenzueberschreitenden zusammenwirken bekaempft werden.
die buerger erwarten allerdings zu recht, dass wir auf diesem
wichtigen gebiet in zukunft schneller vorankommen. die
europaeische gemeinschaft muss sich deshalb ihrer
verantwortung im umweltschutz mehr als bisher bewusst werden -
und den worten endlich energischere taten folgen lassen.
vi.
der weg zum vereinten europa war immer schwierig und
oft auch mit rueckschlaegen verbunden. jean monnet nutzte
auch diese phasen - indem er neuen atem schoepfte und
energien sammelte. vielen war sein entschluss
unverstaendlich, schon nach zwei jahren das praesidentenamt
der hohen behoerde wieder aufzugeben. jean monnet aber
wollte freie hand haben. er war es gewohnt, neue aufgaben
zu suchen und sich ihnen zu stellen.
sein vorschlag, die befugnisse der montan-gemeinschaft
auszuweiten und die atomenergie kuenftig einer gemeinsamen
friedlichen nutzung zu unterstellen, wies in eine
neue richtung. die konferenz von messina nahm diesen
gedanken auf, der 1957 schliesslich in die gruendung der
euratom-gemeinschaft muendete. aber auch
gemeinsamer markt und zollunion fanden - nach langen und
schwierigeren beratungen - eingang in das vertragswerk
von rom: mit der europaeischen wirtschaftsgemeinschaft
war eine weitere wichtige etappe erreicht.
den aufbau eines europaeischen binnenmarktes hielt jean
monnet von anfang an fuer ein unabdingbares, in naher
zukunft allerdings zu weit gestecktes ziel, dem - wie er
fuerchtete - frankreich seine zustimmung versagen werde.
heute sind wir weiter als damals, und es ist wichtig, auf
diesen entscheidenden fortschritt auch einmal hinzuweisen
- nachdem die europaeische einigung von manchen ueber
jahre hinweg nur noch mit stillstand und enttaeuschungen in
verbindung gebracht worden war. die europaeischen
partnerstaaten haben sich in der einheitlichen akte unter
anderem verpflichtet, den gemeinsamen binnenmarkt bis 1992
zu vollenden.
wir haben uns damit jenes ziel gesteckt, das jean monnet
noch zu weit entfernt schien - aber es geht gleichzeitig um
mehr: die europaeische gemeinschaft steht in der
tiefgreifendsten reformphase seit unterzeichnung der
roemischen vertraege.
aber wir duerfen dabei niemals vergessen: die europaeische
gemeinschaft ist ebensowenig das ganze europa wie die
bundesrepublik deutschland unser ganzes vaterland ist.
auch warschau und prag, kiew und krakau gehoeren zu
europa - und natuerlich dresden, leipzig und rostock. wenn
wir die europaeische einigung vorantreiben, dann nicht,
weil wir jenen teil europas oder jenen teil deutschlands
abgeschrieben haetten - im gegenteil: wir vertrauen auf die
anziehungskraft des europaeischen einigungswerkes. indem
wir uns in der europaeischen gemeinschaft immer enger
zusammenschliessen, handeln wir auch im interesse der
menschen im anderen teil unseres kontinents - und in der
hoffnung, dass sie eines tages in freier selbstbestimmung
dieses werk des friedens mitgestalten koennen.
schrittweise wollen wir die europaeische union
verwirklichen. die vollendung des binnenmarktes wird eine
voellig neue qualitaet der europaeischen einigung schaffen.
es geht in diesem zusammenhang auch darum, der
gemeinschaft fortschreitend die dimension eines
gemeinsamen sozialraumes und eines
gemeinsamen waehrungsraumes zu eroeffnen - und noch
eine wesentlich groessere uebereinstimmung in der aussen-
und sicherheitspolitik zu erreichen.
ich weiss, dass manche zum beispiel die schaffung eines
gemeinsamen sozialraumes fuer entbehrlich halten. ich bin
dagegen der ueberzeugung, dass ein solch wichtiger bereich
einfach nicht ausgeklammert werden kann. schliesslich geht
es nicht um ein vereintes europa der regierungen, sondern
der buerger - und die meisten von ihnen sind arbeitnehmer.
gerade auch sie wollen wir fuer die europaeische sache
gewinnen.
um auf all diesen gebieten voranzukommen, wird es grosser
anstrengungen beduerfen. von allen mitgliedstaaten verlangt
dies die bereitschaft zu kompromissen - ich erinnere nur an
die notwendige harmonisierung der mehrwert- und
verbrauchssteuern.
aber ein europa a la carte kann nicht unser ziel sein. die
europaeische gemeinschaft, die auf dem weg zu einer
echten solidargemeinschaft ist, waere zum scheitern verurteilt,
wenn jeder versuchen wuerde, fuer sich nur die rosinen
herauszupicken. wir muessen alle zu den notwendigen
kompromissen und opfern bereit sein, wenn wir die grossen
chancen nicht leichtfertig verspielen wollen, die sich uns
gemeinsam eroeffnen - gerade auch durch die vollendung
des binnenmarktes und den wegfall der grenzen.
vii.
im blick auf den binnenmarkt gilt auch mehr denn je die
erkenntnis: ohne die unterstuetzung der buerger kann das
vereinte europa nicht aufgebaut werden. die einigung
europas erhaelt ihre demokratische legitimation nicht bloss
und auch nicht vornehmlich durch vereinbarungen der
regierungen. die europaeische bewegung kann nur erfolgreich
sein, wenn sie von den politischen parteien und
gesellschaftlichen verbaenden, wenn sie darueber hinaus von
einer grossen mehrheit der buerger unterstuetzt wird.
jean monnet spuerte schon damals - vor unterzeichnung der
roemischen vertraege - die notwendigkeit, der europaeischen
integration auch ausserhalb der regierungen und buerokratien
neue schubkraft zu verleihen. in dem "aktionskomitee
fuer die vereinigten staaten von europa" fuehrte er
persoenlichkeiten aus parteien und gesellschaftlichen gruppen
zusammen, die entschlossen waren, sich aktiv fuer die
einigung europas einzusetzen. seine politische macht bezog
das komitee vor allem aus der persoenlichen autoritaet, aus
der ueberzeugungskraft seiner mitglieder. die zwanglosen
zusammentreffen foerderten das vertrauen und halfen,
persoenliche beziehungen enger zu gestalten.
heute sind solche kontakte eine selbstverstaendlichkeit.
doch vergessen wir leicht, welche vorurteile noch in den
fuenfziger jahren - eine dekade nach kriegsende - offene,
ungezwungene begegnungen der voelker europas
hemmten. das aktionskomitee verfuegte zwar nicht ueber
entscheidungsvollmachten staatlicher institutionen. die
gemeinsam verfassten resolutionen bedeuteten aber fuer jedes
mitglied gleichermassen verpflichtung und auftrag.
das weitgespannte netz persoenlicher freundschaften und
die dort getroffenen verabredungen waren oftmals der
sache europas dienlicher als manches offizielle
kommunique. ueber die grenzen der parteien und der
gesellschaftlichen gruppen hinweg das gespraech zu suchen,
die menschen zusammenzufuehren, um der europaeischen idee
zu dienen - dieser gedanke jean monnets muss uns heute
verpflichtung sein.
ich habe aus diesem grund auch die repraesentanten
unserer wirtschaft ebenso wie die gewerkschaften zu einer
"nationalen europa-konferenz" eingeladen. in wenigen
wochen wird in diesem rahmen das erste gespraech
stattfinden, dem weitere folgen muessen. bundesregierung,
gewerkschaften und unternehmen tragen gemeinsam
verantwortung fuer die zukunft europas und der bundesrepublik
deutschland. gemeinsam muessen wir deshalb unser land
auf den europaeischen binnenmarkt vorbereiten.
aber das reicht noch nicht aus. die anstrengungen zur
vollendung des binnenmarktes muessen ueber die politischen
parteien und die tarifpartner hinausgreifen, sie muessen
menschen aller gesellschaftlichen gruppen einschliessen -
und ich bitte sie, nach kraeften dazu beizutragen. wir
brauchen wieder eine breite europaeische bewegung, wenn der
binnenmarkt zum wirtschaftlichen und politischen erfolg fuer
uns alle werden soll - fuer uns deutsche ebenso wie fuer
unsere europaeischen freunde.
es kommt eben nicht nur darauf an, hindernisse zwischen
den regierungen zu beseitigen. jean monnet hat auch
gesagt: "wir koalieren nicht staaten, sondern vereinigen
menschen." der mensch stand bei ihm jederzeit im
mittelpunkt der politischen arbeit und nicht etwa die
buerrokratie. ein vierteljahrhundert nach der verkuendung
des schumanplanes beendete jean monnet die arbeit seines
aktionskomitees. er tat dies in der ueberzeugung, dass im
europaeischen rat der staats- und regierungschefs ein organ
entstanden sei, welches die integration europas wirksam
vorantreiben werde. in vielen entscheidungen hat der
europaeische rat seitdem bewiesen, dass er trotz zeitweiliger
stagnation und gelegentlichen rueckschlaegen in der lage
ist, der einigung europas die notwendigen impulse zu
geben.
doch muss der gemeinsame wille immer wieder bestaetigt
werden. er bedarf vor allem auch einer staerkeren
demokratischen legitimation: ich denke hier an die
befugnisse des europaeischen parlaments. ich sehe in deren
erweiterung eine frage, die unser demokratisches
selbstverstaendnis als gemeinschaft freiheitlicher staaten
in besonderem masse beruehrt.
die erste direktwahl zum europaeischen parlament im jahr
1979 hat jean monnet nicht mehr erlebt. er verstarb einige
wochen zuvor. von diesen wahlen hatte er sich aber
versprochen, dass die europaeische einigung weiter vertieft
werde.
im fruehsommer des kommenden jahres finden die
naechsten wahlen zum europaeischen parlament statt. wir
muessen alles daransetzen, diese wahlen zu einem ueberzeugenden
votum fuer europa zu machen. das ist ein wichtiges
signal im blick auf die vollendung des binnenmarktes -
aber wir schulden es auch dem gedenken an jean monnet.
wir muessen dann aber auch dafuer sorgen, dass sich dieses
neugewaehlte parlament zu einem immer staerkeren instrument
der europaeischen integration entwickeln kann. ich halte
es fuer voellig ausgeschlossen, dass wir 1994 - bei den
uebernaechsten europawahlen - noch einmal zur wahl eines
europaeischen parlaments aufrufen, das nicht wesentlich
groessere kompetenzen hat als das heutige.
konrad adenauer hat jean monnet einmal "den guten
ekkehardt des europa-gedankens" genannt - und diese
bezeichnung verweist ebenso wie der titel "ehrenbuerger
europas" auf die aussergewoehnlichen verdienste, die er sich
um die europaeische einigung erworben hat. jean monnet
fand gehoer - nicht zuletzt weil er nie ein politisches amt
oder eine politische karriere im sinn hatte. er warb nicht
fuer sich, sondern fuer die sache europas.
es ist nicht zuviel gesagt: mit seinen ideen hat er - auf
friedliche weise - die welt veraendert. die europaeische
integration setzte eine bewegung in gang, die nicht mehr
aufzuhalten ist. sicherlich, nicht alle erwartungen der
fuenfziger jahre haben sich erfuellt. ich sprach eingangs
davon: es war eine illusion zu glauben, binnen kurzer zeit
wuerde ein europaeischer bundesstaat entstehen. und dennoch:
in der kurzen frist von gut vierzig jahren ist schon
unermesslich viel geschehen: wer haette am ende des zweiten
weltkrieges zum beispiel einen so fundamentalen wandel
in unseren beziehungen zu frankreich fuer moeglich
gehalten?
die erinnerung daran - an dieses kostbare geschenk der
freundschaft zwischen den voelkern und an die muehen,
unter denen es der geschichte abgetrotzt wurde - ist
wertvoll: sie mahnt uns zur demut, sie fordert uns auf, geduld
und einen langen atem zu haben, sie gibt uns nicht zuletzt
mut und hoffnung.
wenn wir an die zeit von krieg und gewaltherrschaft
zurueckdenken - in diesen tagen jaehrt sich zum beispiel zum
fuenfzigsten mal die pogromnacht vom 9. november 1938 -,
wenn wir uns an die not der unmittelbaren nachkriegszeit
erinnern und dabei ueberlegen, wieviel seither erreicht
wurde: dann wissen wir, wofuer wir arbeiten - auch wenn
man sich manchmal auf einem eg-gipfel nachts um drei
uhr ueber vorlagen aergert, die in einer unverstaendlichen,
buerokratischen sprache abgefasst sind.
jean monnets botschaft ist in die herzen der voelker
eingegangen. "aber es dauert lange" - so meinte er -, "ehe
sie die zentren des willens erreicht. denn sie muss die
schranken ueberwinden, die die traegheit der bewegung, die
gewohnheit der veraenderung entgegensetzt. man muss sich
auf die zeit verlassen." damit riet er uns nicht etwa
abzuwarten - im gegenteil: im sinne jean monnets koennen wir
uns nur dann auf die zeit verlassen, wenn wir sie sinnvoll
nutzen.
wir stehen jetzt vor einem neuen abschnitt: wir wollen den
grossen europaeischen binnenmarkt verwirklichen. aber so
hoch ich dieses vorhaben auch einschaetze, es ist nicht
unser endgueltiges ziel.
wir wollen nicht nur eine gehobene freihandelszone, wir
wollen das politisch geeinte europa im sinne der
roemischen vertraege. das war die intention von robert
schuman, von konrad adenauer, alcide de gasperi und vielen
anderen.
das ist auch der auftrag, den uns jean monnet hinterlassen
hat. nutzen wir die zeit: schaffen wir die vereinigten
staaten von europa. damit verwirklichen wir die vision
jean monnets, und wir gewinnen eine zukunft in frieden
und freiheit fuer die generationen, die nach uns
kommen.