- Bulletin 78-89
- 2. August 1989
bundespraesident richard von weizsaecker hielt bei
der gedenkveranstaltung aus anlass des 100.
geburtstages von ernst reuter im plenarsaal des
reichstagsgebaeudes in berlin am 29. juli 1989 folgende ansprache:
der zweite weltkrieg war kaum vorueber und drohte doch
schon, sich in anderer frontstellung und mit anderen mitteln
von neuem zu entzuenden. aus der allianz gegen hitler
erwuchs der ost-west-konflikt in der auseinandersetzung
um europa und vor allem um deutschland.
im brennpunkt der spannung lag berlin. mit der blockade
1948/49 wollte stalin die reichshauptstadt aushungern und
dann dem sowjetischen machtbereich eingliedern.
in dieser schicksalsschweren lage war es ein mann, der an
die besten eigenschaften der berliner appellierte, ihren
durchhaltewillen mobilisierte und ihren kampf und die
freiheit anfuehrte: ernst reuter. er war entschlossen, die
berliner, die keine andere macht besassen als ihren freien geist,
zum wagnis eines scheinbar hoffnungslosen widerstands
zu fuehren. eben dadurch gelang es ihm, maechtige helfer
davon zu ueberzeugen, dass es um ihrer eigenen prinzipien
willen notwendig war und dass es sich lohnte, die berliner zu
unterstuetzen.
es war ernst reuters unbeugsamer charakter, der sich
durchsetzte. seither kennt die welt seinen namen. das
schicksal hat ihm in einer schier ausweglosen lage grosses
abverlangt - und er hat grosses geleistet.
mit seiner tapferkeit und tatkraft, seiner zaehigkeit und
humanitaet hat er die berliner mitgerissen, die westlichen
alliierten - eben noch siegreiche feinde - zu verbuendeten
gemacht und den erpresser in seine schranken verwiesen.
er hat dem gedanken der selbstbestimmung gleich in
der ersten nachkriegszeit zu praegender bedeutung
verholfen.
wie kann es geschehen, dass eine geschichtlich so
entscheidungsvolle stunde den menschen findet, der ihr
gewachsen ist? wie kommt es, anders gefragt, dass ein mensch
der lage begegnet, die seinem wahren format gemaess ist, die
seine grossen gaben zur geltung bringt?
niemand weiss es. nur allzuoft vergeudet die
verschwenderische natur die besten begabungen ungenutzt. und
wie viele kritische phasen in der geschichte suchten und
suchen auch heute vergeblich nach den persoenlichkeiten,
die die kraft haben, den richtigen weg zu finden und ihren
mitmenschen voranzugehen.
ernst reuter war ein mann, der seine zeit und seine wahre
lebensaufgabe fand, wie es nur selten geschieht. sein
name wird bestand haben. als berliner, als deutsche, als
freiheitsliebende menschen in aller welt ehren wir ihn zu
seinem hundertsten geburtstag in bewunderung und
dankbarkeit.
wenn wir seiner gedenken, dann lohnt aber nicht nur der
blick auf die historische sternstunde, die seinen namen um
den erdball trug. erinnerungswuerdig, lehrreich und
eindrucksvoll ist sein ganzer lebensweg, steinig, oft
widerspruchsvoll, aber in seinem kern von grosser moralischer
geradlinigkeit. es ist ein weg durch alle hoehen, tiefen und
irrungen seiner zeit - der ersten haelfte unseres
jahrhunderts -, durch glanz und kriege, durch unrecht und
tyrannei, gepraegt von den hoffnungen und illusionen,
vom schweren menschlichen leid und neuem lebenswillen.
als sohn eines preussischen beamten in nordschleswig
geboren, wuchs ernst reuter im kaiserreich wilhelms ii.
heran. es war die zeit zunehmender politischer
verblendung in europa. die lage geriet immer staerker unter den
einfluss des allseitigen nationalismus, der die voelker
verfeindete. innerhalb der industriegesellschaften verschaerfte
sich der kampf um soziale gerechtigkeit. humanistisch gebildet,
voller wissensdurst und idealismus kam reuter 1907 zum
studium nach marburg, eine der geistig fuehrenden
deutschen universitaeten. der neukantianer hermann cohen
beeinflusste ihn hier so stark wie spaeter in muenchen der
nationaloekonom lujo brentano.
mit seinen hohen ethischen zielen, seinem scharfen geist
und seinem wachen auge fuer die ungerechtigkeiten in
der gesellschaft entwuchs er dem traditionellen buergertum
und wurde sozialist. er ertrug die damit unausbleiblich
verbundenen spannungen zur eigenen familie, an der
er doch immer so stark hing. in einer nichtschlagenden
verbindung trat er fuer seine ueberzeugungen ein. er wurde
mitglied eines arbeiterabstinentenbundes. nach kurzer
taetigkeit als hauslehrer fand er 1913 in berlin arbeit in
einem bildungsausschuss der sozialdemokratischen partei
deutschlands.
die politik bestimmte nun seinen weg. er schrieb artikel
und hielt vortraege. er tat es mit hingabe und ueberzeugung,
und weil er so viel wusste, machte ein scherzwort ueber ihn
die runde: "fleissig am gelehrten euter zupft man den
genossen reuter." aber er hatte nicht nur pindar und plato
und die theorie des sozialismus studiert, sondern nun auch
mit eigenen augen gesehen, wo die arbeitenden oder
arbeitslosen menschen der schuh drueckte. und so lernte er
in dieser zeit, fuer jedermann verstaendlich, ueberzeugend
und mitreissend zu sprechen.
der erste weltkrieg kam. mit vielen seiner freunde bejahte
er zwar die landesverteidigung, erkannte aber die
verhaengnisvollen folgen des nationalismus, wie sie sich in
den alsbald verkuendeten annexionistischen kriegszielen
offenbarten. er war ein kriegsgegner, der es nicht bei inneren
vorbehalten beliess. mit einigen gleichgesinnten gruendete er
einen friedensbund, "neues vaterland" genannt.
albert einstein gehoerte zu den ersten mitgliedern, spaeter
waren unter anderem die professoren delbrueck und schuecking
dabei. es ging ihnen um die staerkung gemaessigter kraefte in
der reichsregierung gegen die alldeutsche propaganda. mit
dem "neuen vaterland" waren schon damals neue
vereinigte staaten von europa gemeint, die es nach einem
verstaendigungsfrieden ohne schwaechung frankreichs zu
schaffen galt. es gab kontakte mit dem ausland, darunter
mit romain rolland.
inzwischen aber wurde reuter einberufen. bei ersten
gefechten in galizien wurde er am oberschenkel schwer
verwundet und geriet in russische gefangenschaft. allmaehlich
lernte er wieder gehen, freilich lebenslang am stock. in
der genesungszeit kam er in kontakt mit dem russischen
volk und seiner sprache. er lernte die menschlichkeit und
hilfsbereitschaft der bauern an der wolga schaetzen.
als die oktoberrevolution dem krieg des zarenreiches mit
deutschland ein ende bereitete, erhoffte reuter sich von
lenins sozialismus eine bessere zukunft fuer europa. er
arbeitete aktiv mit, lernte lenin kennen und wurde
kommissar der wolgadeutschen republik. er widmete sich
nicht den parteitheorien, sondern mit gesundem
menschenverstand der praktischen arbeit.
rasch gewann er ansehen durch die vorbildliche leistung
bei der gruendung eines funktionierenden autonomen
gemeinwesens unter chaotischen aeusseren umstaenden.
im rahmen revolutionaerer aeusserer bedingungen
entstand unter seiner verantwortung eine insel relativer
ordnung.
reuter wollte aber moeglichst rasch in die heimat zurueck.
zu hause stiess er zu den kommunisten. lenin hatte ihm eine
empfehlung mit den worten mitgegeben: "reuter ist ein
glaenzend begabter klarer kopf, nur ist er etwas zu
unabhaengig."
es folgten wieder schwere zeiten. er ging nach
oberschlesien und organisierte dort bergarbeiter politisch. nach
mehrmonatiger gefaengnishaft kam er nach berlin zurueck. fuer
kurze zeit wurde er generalsekretaer der kpd. aber gerade
in dieser zentralen funktion tat er fuer ihn entscheidende
neue und tiefe einblicke, die ihm zeigten, dass er sich in
seinem guten glauben hatte taeuschen lassen. in den
parteiinternen auseinandersetzungen blieb er aufrecht, liess
sich nicht gaengeln, wehrte sich gegen jede fernsteuerung
aus moskau und musste daher bald den kommunisten
wieder den ruecken kehren.
es war ein harter entschluss, jedoch unausweichlich fuer
einen mann, dessen wesen stets von unabhaengigkeit und
ehrlichkeit gegen sich selbst gepraegt blieb. so empfand
ernst reuter die trennung schliesslich als innere befreiung.
auf dem weg ueber die unabhaengige sozialdemokratische
partei fand er 1922 wieder zur spd zurueck.
nun wandte er sich der selbstaendigen und produktiven
arbeit zu. es draengte ihn weg von den parteiapparaten und
dogmenstreitigkeiten und hin zur greifbaren leistung. er
wurde stadtverordneter und 1926 stadtrat fuer das berliner
verkehrswesen. mit seinem namen ist die entstehung der
berliner verkehrsgesellschaft verbunden, der bvg mit
ihrem uns allen vertrauten baeren-emblem.
auf profunde und hingebungsvolle weise widmete er sich
den aufgaben und chancen fuer ein humanes zusammenleben
in einer grossen stadt. er wurde ein passionierter
staedteplaner und wuchs zum anerkannten fachmann der
kommunalpolitik in der weimarer republik heran. dem
lehrmeister freiherrn von stein folgend hatte er die
gemeinde als die quelle der demokratischen kraefte, ja als
die schule der demokratie erkannt. in der kommunalen
selbstverwaltung fand er den zentralen ansatzpunkt, um
das niveau des lebens und der kultur der bevoelkerung zu
verbessern und zu schuetzen.
1931 wurde er zum oberbuergermeister von magdeburg und
kurz darauf in den deutschen reichstag gewaehlt. doch die
weimarer republik ging zugrunde. nach dem 30. januar
1933 blieb er im land, um seinen ueberzeugungen gemaess zu
wirken. die nationalsozialisten wussten nur zu gut, welche
moralische instanz er war und welches hohe ansehen er in
der magdeburger bevoelkerung genoss. zweimal wurde er
deshalb verhaftet und im konzentrationslager lichtenburg
mit besonderer haerte misshandelt. nach der zweiten
entlassung musste er sich 1935 schweren herzens dazu
entschliessen, die heimat zu verlassen.
ueber england gelangte er in die tuerkei, wo er elf jahre
blieb. er gewann respekt fuer die vision und tatkraft von kemal
atatuerk, eine laizistische aufgeklaerte tuerkei zu schaffen.
er wurde berater des wirtschafts- und verkehrsministeriums,
spaeter professor fuer kommunalwissenschaft, ein pionier der
urbanistik.
in dieser zeit wuchs ihm die tuerkei ans herz. ihr aufbruch in
die moderne gewann seine feste innere unterstuetzung. wo
immer er konnte, bestaerkte er die linie von atatuerk, das
land in eine demokratische ordnung hineinwachsen zu
lassen. er foerderte auch in spaeteren jahren die annaeherung
der tuerkei an europa.
zusammen mit anderen emigranten hatte er in der tuerkei
eine ersatzheimat gefunden. der dank dieser deutschen fuer
das gewaehrte asyl und fuer die ueberwaeltigende
gastfreundschaft blieb massstab ihrer zuneigung zur tuerkei.
dadurch entstanden neue lebendige bruecken der freundschaft
zwischen tuerken und deutschen, auf denen wir uns bewegen.
der ruf von ernst reuter ist auch heute noch in ankara
legendaer.
wie haeufig und wie gerne haette ernst reuter wohl den weg
zu den unter uns heute lebenden tuerkischen mitbuergern
gefunden, die kamen, als er schon gegangen war, und die
nun bereits zum teil in der dritten generation unter uns sind.
und wieviel haetten wir fruehzeitig von ihm lernen koennen
ueber sie und ihre lebensart, ueber den reichtum ihrer kultur
und den wert der begegnung mit ihnen.
sofort nach kriegsende draengte es reuter zur rueckkehr
nach deutschland. dafuer musste aber zunaechst alliierter
widerstand gegen die rueckreise politischer fluechtlinge
ueberwunden werden. es dauerte fuer reuter noch andert-
halb jahre. er durchlebte diese wartezeit mit tiefer un-
geduld und nannte sie spaeter gar die schwerste zeit seines
lebens.
schliesslich kehrte er ende 1946 nach berlin zurueck, wurde
als einziger repraesentant aus der weimarer zeit wieder
stadtrat und im juni 1947 von der berliner
stadtverordnetenversammlung zum oberbuergermeister gewaehlt.
nun hatte die zeit ihren mann gefunden.
die probleme und aufgaben in der stadt waren
ungeheuerlich. sogleich wurde berlin zum mittelpunkt des sich
verschaerfenden ost-west-konflikts. reuter ging nicht
unumstritten, aber um so unbeirrbarer seinen weg. er engagierte
sich fuer die europaeische zusammenarbeit, die er als geistige
und wirtschaftliche aufgabe verstand. ihren kern sah er in
der deutsch-franzoesischen annaeherung. berlin war fuer ihn
die hueterin der deutschen einheit und des demokratischen
reifeprozesses.
als dann die konflikte ueber die waehrungsreformen unloesbar
wurden, die zusammenarbeit der vier maechte in
deutschland und berlin scheiterte und die sowjets eine
hungerblockade gegen berlin begannen, uebernahm reuter die
fuehrung im abwehrkampf. er wusste, was er den berlinern
schuldig war und ihnen zumuten konnte. mit seiner starken
persoenlichkeit und seinem von nuechternheit kontrollierten
idealismus baute er den widerstand auf. es war ein widerstand,
der die geschichte der nachkriegszeit entscheidend
gepraegt hat.
reuter wusste, wieviel nach innen und aussen, nach ost und
west von seinem vorbild und seinem wort abhing. und so
rief er in der kritischsten phase der blockade am 9.
september 1948 mit seinen kollegen suhr, friedensburg und
neumann zu jener kundgebung hier vor dem reichstag auf, die
durch die ueberwaeltigende beteiligung der berliner
bevoelkerung und die kraft seiner worte zur endgueltigen
klaerung der fronten fuehrte.
seine worte: "wer diese stadt, wer dieses volk von berlin
preisgeben wuerde, der wuerde sich selbst preisgeben", sein
ruf an die voelker der welt, ihre pflicht zu tun, wie die
berliner sie erfuellen, sind unvergessen geblieben. sie waren
es, die fuer die haltung der berliner und der alliierten den
ausschlag gegeben haben.
dieser mann hat entscheidend dazu beigetragen, nicht nur
die gefahr von seinen mitbuergern abzuwenden, sondern die
achtung der welt vor dem mut und dem willen der
deutschen zur freiheit und demokratie neu zu begruenden. und
so fand er in der stunde der not weitsichtige und
grossherzige partner unter den westlichen alliierten. sie waren
faehig und bereit zu vertrauen und die hand dafuer zu reichen,
um aus kriegsgegnern schritt fuer schritt verbuendete und
freunde werden zu lassen.
einer von ihnen ist heute unter uns, shepard stone,
ehrenbuerger von berlin. ich begruesse ihn herzlich und in
bleibender dankbarkeit. es ehrt ihn und ernst reuter, dass sie
den weg zueinander gefunden haben.
in dem jahr der blockade ging es vor allem um die
materielle existenz, um nahrungsmittel und heizung. ernst
reuter aber war ein vom geist gepraegter mensch. immer
wieder erinnerte er daran, dass der mensch nicht vom brot
allein lebt und dass auch sein widerstandswille sich nicht
automatisch aus der nahrung speist. mitten in den
hungerzeiten entfuhr es ihm - in gedanken an bert brecht -:
"kein satz ist gefaehrlicher als dieser: erst kommt das fressen
und dann die moral."
so war er auch besonders stolz darauf, dass es gelang,
waehrend der blockade mit hilfe amerikanischer freunde die
freie universitaet berlin zu gruenden. sie sollte nicht nur
eine freie staette der forschung und lehre sein, sondern
jedermann den zugang zur besseren bildung oeffnen.
in die zeit der blockade fielen die vorbereitungen zur
gruendung der bundesrepublik deutschland. so zentral war das
schicksal berlins und so stark die wirkung von ernst reuter
geworden, dass ihm ein massgeblicher einfluss auf die
werdenden bundesdeutschen entscheidungen zufiel. und er
nutzte ihn nach kraeften. in der politischen und
wirtschaftlichen konsolidierung westdeutschlands sah er die
unausweichlich notwendige hilfe auch fuer die berliner und am
ende fuer alle deutschen.
es ging nicht ohne reibungen ab mit konrad adenauer und
kurt schumacher, den beiden wichtigsten politischen
persoenlichkeiten jener tage im westen. mit adenauer verband
ihn die ueberzeugung von der notwendigkeit des weststaates.
in ihren damit verbundenen zielen aber misstrauten sich
die beiden. "er ist ein rheinlaender und ich ein preusse", so
pflegte reuter zu sagen. schumacher vertrat im stadium
der verfassungsberatungen eine haertere linie gegenueber
den alliierten als reuter und war von der eigenstaendigen
aussenpolitik des "praefekten von berlin", wie er reuter
gerne nannte, wenig erbaut. aber im ziel, berlin als den
schluessel und hebel fuer die einheit deutschlands zu sehen,
stimmten sie ueberein.
das ende der blockade im mai 1949 - unmittelbar vor der
verabschiedung des grundgesetzes in bonn - war der
hoehepunkt im politischen leben ernst reuters. ihm blieben
dann nur noch wenige jahre. sie waren erfuellt mit rastloser
arbeit. wiederaufbau der schwer geprueften stadt,
arbeitsplaetze, schulen, streit um bundesrecht, wahlkaempfe,
grosse und oft triumphale auslandsreisen bestimmten sein
programm.
was aber vor allem an seinen kraeften zehrte, war die
allmaehliche gewoehnung, vor allem der prosperierenden
westlichen umwelt, der umwelt an die teilung. die einheit
war sein grosses ziel. und er sah am ende seines lebens
sein werk unvollendet. entmutigen liess er sich indessen bis
zuletzt nicht in seinem einsatz und glauben an eine
gemeinsame deutsche und europaeische zukunft.
heute leben wir in einer dynamischen entwicklung, deren
ausgang wir nicht kennen und die doch auf die
ansatzpunkte verweist, die wir gerade auch ernst reuter
verdanken. auf der ersten hohen welle des kalten krieges hatte
er mit unerbittlicher klarheit um der freiheit willen fuer den
westen optiert. aber er tat es im unverrueckbaren blick auf
das ganze europa. nicht einen kampf zwischen west und
ost suchte er, sondern einen kampf aller voelker fuer die
freiheit.
und immer wieder fragte er: "sollen nicht doch eines tages
wir deutschen, wir polen, wir tschechen, wir ungarn, wir
franzosen, wir italiener und alle unsere nachbarn
eintraechtig zusammenarbeiten und -leben koennen?" bei seinem
streben nach der einheit suchte er von vornherein den weg
der entspannung. jede reale verhandlungsmoeglichkeit zu
nutzen, war seine maxime.
auch wir heutigen sind noch nicht an seinem ziel. aber wir
sind auf seinem wege.
ernst reuter hat sein leben der demokratischen freiheit
gewidmet. er hat sich "der demagogie der neinsager"
widersetzt und mit seiner zugleich leidenschaftlichen und
besonnenen moralischen kraft tiefe wirkungen erzielt. er
war dem geistigen verstaendnis der zeit so nah wie dem
normalen mitmenschen in seinen taeglichen sorgen. nie hat
er sich fuer die macht um ihrer selbst willen verkaempft,
sondern mit freund und gegner stets um die loesung der
sachlichen probleme gerungen. das machte seine
glaubwuerdigkeit aus.
er hat erkannt, dass das demokratische mandat verlangt
voranzugehen, statt hinterherzulaufen. er hat die legitimitaet
und notwendigkeit von autoritaet in der demokratie erwiesen
und verkoerpert. mit seiner humanitaet hat er
fuehrungsverantwortung uebernommen und ausgefuellt.
in der geschichte dieser stadt, unseres volkes und
der menschheit auf ihrem immerwaehrenden weg zu
freier menschenwuerde war und bleibt ernst reuter ein
grosser.