zukunftssicherung durch bildung und berufliche ausbildung - rede von bundesminister Möllemann in muenster

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der bundesminister fuer bildung und wissenschaft, juergen
w. moellemann, hielt im rahmen der ringvorlesung
des instituts fuer politikwissenschaft der universitaet
muenster am 26. januar 1988 folgende rede:

i.
ohne zweifel haben wir nach vielen jahren intensiver
auseinandersetzung in der bildungspolitik und mit der
bildungspolitik eine neue phase erreicht: in kaum einem anderen
bereich wurde so lange zeit soviel ideologisiert, polarisiert
und demagogisiert, wie in fragen von bildung und
erziehung. streitigkeiten ueber sekundaerprobleme wurden zu
haeufig in den vordergrund gerueckt, mit der folge, dass die
arbeit an der loesung grundsaetzlicher fragen vernachlaessigt
wurde. hinzu kommt, dass die bildungspolitik fuer den buerger
in weiten teilen oftmals nicht hinreichend transparent ist.
dies aber darf nicht zu einer politik der untaetigkeit im
bildungsbereich fuehren. denn bildungspolitik ist eine
wesentliche grundlage fuer das, was wir politisch als
zukunftssicherung bezeichnen. die qualitaet von bildung
und ausbildung entscheidet massgeblich ueber die wirtschaftliche,
soziale und kulturelle zukunft jedes einzelnen buergers
und unserer gesellschaft. ich moechte ihnen hierfuer ein paar
beispiele nennen:
die wettbewerbschancen des einzelnen auf dem
arbeitsmarkt haengen wesentlich von seiner qualifikation ab. das
wird eindeutig durch die arbeitslosenstatistik belegt. bildung
und ausbildung sind darueber hinaus auch fuer unsere
volkswirtschaft insgesamt sehr wichtig. die deutsche
volkswirtschaft ist in grossem masse exportorientiert. jede
dritte mark wird heute im ausland verdient. um im internationalen
wettbewerb in zukunft bestehen zu koennen, muessen wir
angesichts hoher und stetig wachsender personalkosten
einerseits und begrenzter rohstoffreserven andererseits
produkte auf den weltmarkt bringen, in denen viel "know-
how" und technologie stecken. solche produkte koennen
nur von hochqualifizierten wissenschaftlern und gut
ausgebildeten fachkraeften entwickelt und hergestellt werden.
diese heranzubilden ist aufgabe des bildungswesens.
ich habe vorhin unsere kulturelle zukunft genannt. ein
hohes bildungsniveau erleichtert dem einzelnen die aktive
und kreative teilnahme am politischen und kulturellen
geschehen.
ein weiterer punkt ist der umweltschutz. wir muessen die
oekologischen belastungen verringern und zerstoerungen
abwehren, damit unsere elementaren lebensgrundlagen
nicht vernichtet werden. wer hier ge- und verbotsnormen
als ausreichend ansieht, sieht zu kurz. den raser auf der
autobahn koennen tempobeschraenkungen ebensowenig
stoppen wie abwasservorschriften das heimliche ableiten
giftiger stoffe in unsere fluesse verhindern koennen. was wir
brauchen, ist ein umweltbewusstsein jedes buergers und
jeder buergerin, und dies erfordert eine umweltbildung.
ich will es bei diesen beispielen bewenden lassen, da ich
glaube, dass schon sie gezeigt haben, wie hoch der stellenwert
der bildungspolitik tatsaechlich ist. er muss jedoch in der
oeffentlichkeit und, wenn auch aus anderen gruenden,
gegenueber den finanzministern deutlich gemacht werden.
die angespannte haushaltslage darf nicht dazu fuehren, dass
die ausgaben fuer bildung und wissenschaft proportional zur
entwicklung der schueler- und studentenzahlen gesenkt
werden. denn nach der bewaeltigung der vorwiegend
quantitativen probleme, die mit der ausbildung der
geburtenstarken jahrgaenge verbunden waren, muessen wir uns
wieder staerker mit den qualitativen fragen des bildungswesens
befassen. dies gilt fuer alle bereiche, die allgemeine, die
berufliche und die wissenschaftliche bildung.
die zur zukunftssicherung erforderlichen qualitaetssteigerungen
sind in vielen faellen nur mit einem betraechtlichen
kostenaufwand moeglich. wer die zukunft unseres landes
und seiner buerger sichern will, der muss daher bei den
ausgaben fuer bildung und wissenschaft antizyklisch
verfahren, das heisst, er muss mehr und nicht weniger
investieren.
ii.
voraussetzung fuer ein hohes qualifikationsniveau der
gesamten bevoelkerung ist eine moeglichst breite
allgemeinbildung. dazu gehoeren nicht nur fachliche
kenntnisse zum beispiel in deutsch, fremdsprachen,
mathematik, naturwissenschaften oder geschichte. allgemeinbildung
muss auch die grundwerte des verstaendnisses der welt, der
wissenschaft und der kultur vermitteln und die befaehigung
zum sozialen, wertorientierten zusammenleben in unserer
gesellschaft, zur verantwortungsvollen nutzung der neuen
technologien und zur erhaltung unserer natuerlichen
lebensgrundlagen umfassen. denn es gilt, die menschen
in die lage zu versetzen, den wirtschaftlich-technischen,
kulturellen und sozialen wandel human zu gestalten.
damit moechte ich den bereich der allgemeinen bildung
verlassen und auf einige fragen aus dem bereich der
beruflichen ausbildung uebergehen.
in den neunziger jahren wird die anzahl der absolventen
aller schulformen deutlich abnehmen. die jugendlichen
werden es daher leichter als heute haben, einen
ausbildungsplatz zu finden. gleichwohl muss die berufliche
ausbildung auch in den kommenden jahren ein schwerpunkt
der bildungspolitischen arbeit sein, denn wir haben fuer die
zukunft erhebliche qualitative und strukturelle aufgaben.
die neuen technologien fuehren in nahezu allen
berufssparten zu veraenderten und steigenden
qualifikationsanforderungen. so werden beispielsweise auch in
sogenannten "alten" berufen zunehmend grundkenntnisse ueber die
prinzipien der elektronischen informationsverarbeitung verlangt
oder es ergeben sich neue anforderungen durch den
vermehrten einsatz von computergesteuerten
fertigungsmaschinen. damit die absolventen der beruflichen bildung
diesen anforderungen gewachsen sind, muessen wir die
betriebliche ausbildung kontinuierlich dem
wissenschaftlichen und technischen fortschritt anpassen. das ist in
erster linie aufgabe der wirtschaft, aber es sind auch
staatliche hilfen erforderlich. wir haben aber im interesse
der beruflichen perspektiven und mobilitaet des einzelnen
wie der leistungsfaehigkeit unserer wirtschaft gemeinsam
die aufgabe, qualitaetsstandards zu sichern.
ein allgemein hohes qualitaetsniveau der betrieblichen
ausbildung kann nur durch moderne, den absehbaren
qualifikationserfordernissen entsprechende
ausbildungsordnungen sichergestellt werden. denn die
ausbildungsordnungen legen verbindlich fest, welche lerninhalte
waehrend der betrieblichen ausbildung vermittelt werden muessen
und garantieren dadurch bundesweite mindeststandards.
ich setze mich daher dafuer ein, dass die arbeiten an der
neuordnung der ausbildungsordnungen intensiv und zuegig
fortgesetzt werden.
neben diesen neuordnungsarbeiten ist eine den neuen
qualifikationserfordernissen entsprechende fachliche und
paedagogische qualifizierung des ausbildungs-
und lehrpersonals erforderlich. die bundesregierung
wird deshalb die qualifizierung von ausbildern - in einem
marktwirtschaftlich orientierten, subsidiaeren ansatz - weiter
foerdern.
im zusammenhang mit der reform der
ausbildungsordnungen moechte ich auch auf die ueberbetrieblichen
ausbildungsstaetten hinweisen, sie ergaenzen die
betriebliche ausbildung dort, wo spezialisierte klein- und
mittelbetriebe nicht alle in den ausbildungsordnungen
vorgeschriebenen lerninhalte selbst vermitteln koennen. sie
ermoeglichen dadurch zur zeit allein im handwerklichen
bereich jaehrlich mehr als 500 000 jugendlichen die
ausbildung in einem anerkannten ausbildungsberuf. dadurch
kann das handwerk seinen nachwuchs sichern. aber auch
die industrie profitiert davon. ich betone dies deshalb, weil
haeufig uebersehen wird, dass auch in der industrie vielfach
handwerkliche faehigkeiten gefordert werden und man hier
oftmals auf fachkraefte zurueckgreift, die vom handwerk
ausgebildet worden sind.
die ueberbetrieblichen ausbildungsstaetten leisten zudem
durch kurse fuer facharbeiter, gesellen und meister,
fortbildungsmassnahmen und weiterbildung der ausbilder einen
immer dringlicheren beitrag, um auch im bereich der kleinen
und mittleren unternehmen die qualifikationsbasis zu
schaffen, die erst ein mithalten in einem durch wettbewerb und
technologie gepraegten markt ermoeglicht. der
bundesminister fuer bildung und wissenschaft hat daher nach dem
regierungswechsel seit 1983 ueber 800 mill. dm in diesem
bereich investiert.
damit die kleineren und mittleren betriebe den anschluss an
die technologische entwicklung auch in zukunft halten
koennen, ist es meines erachtens erforderlich, die
ueberbetrieblichen ausbildungsstaetten zu technologie- und
weiterbildungszentren auszubauen. ein entsprechendes konzept
werde ich in kuerze dem bundestag vorlegen. ich verhehle
jedoch nicht, dass uns angesichts der angespannten
haushaltslage hier noch harte verhandlungen bevorstehen. das,
was der staat hier tut, tut er nicht, um dem handwerk
sozusagen karitativ zu helfen. es geschieht, um die
ausbildungsfaehigkeit des handwerks zu sichern, die fuer das
system unserer beruflichen ausbildung lebenswichtig ist.
hilfen brauchen aber nicht nur die kleineren und
mittleren betriebe. hilfen brauchen auch benachteiligte
jugendliche. langjaehrige erfahrungen zeigen, dass
jugendliche, die aus sozialen oder begabungsgruenden
benachteiligt sind, auch bei einem ausreichenden
ausbildungsplatzangebot einer intensiven foerderung beduerfen,
um einen ausbildungserfolg zu erreichen. das
benachteiligtenprogramm der bundesregierung, mit dem allein in
diesem jahr rund 36 000 jugendliche gefoerdert werden, muss
folglich auch in den neunziger jahren fortgesetzt werden.
dies liegt uebrigens nicht nur im interesse der
benachteiligten, sondern auch im interesse der gesellschaft:
folgekosten einer beschaeftigungslosigkeit werden vermieden, die
die fuer die ausbildung erforderlichen kosten bereits in
kuerzester zeit erheblich ueberschreiten wuerden. dieser aspekt
darf nicht unterschaetzt werden. waehrend im jahre 1983
noch 32 prozent der arbeitsplaetze mit ungelernten besetzt
werden konnten, werden es im jahre 2000 voraussichtlich
nur noch rund 20 prozent sein. das bedeutet einen
rueckgang an arbeitsplaetzen fuer ungelernte um etwa 3 millionen.
die foerderung benachteiligter jugendlicher wird daher
immer wichtiger.
nach diesem ueberblick ueber einige fragen aus dem bereich
der beruflichen bildung komme ich nun zum
hochschulbereich.
ich habe bereits erwaehnt, dass die anzahl der absolventen
aller schulformen in den neunziger jahren deutlich
abnehmen wird. zwangslaeufig wird auch die zahl der studenten,
die in den letzten jahren stark gestiegen ist, wieder
zurueckgehen. der dadurch entstehenden gefahr, dass die
ausgaben fuer den hochschulbereich proportional zur
entwicklung der studenten gesenkt werden, muessen wir wirksam
entgegentreten, damit die heutigen verhaeltnisse nicht zur
dauereinrichtung werden. zur zeit steht fuer etwa 1,3
millionen studenten eine kapazitaet von rund 800 000
studienplaetzen zur verfuegung. ueberfuellte hoersaele, fehlende
seminarplaetze, eine unzureichende ausstattung der bibliotheken
und vieles andere mehr sind die folgen. die hochschulen
muessen mit sinkenden studentenzahlen in bereiche
normaler auslastung hineinwachsen. nur dann werden sich die
handlungsspielraeume ergeben, die wir brauchen, um
qualitaet und leistung im hochschulbereich zu sichern und zu
steigern.
die in den letzten 17 jahren geschaffene differenzierte
hochschullandschaft, fuer die der bund im rahmen
der gemeinschaftsaufgabe hochschulbau rund
20 mrd. dm aufgebracht hat, muss im internationalen
vergleich konkurrenzfaehig bleiben. dafuer sind in weiten
bereichen hohe investitionen erforderlich, zum beispiel um die
apparative ausstattung der hochschulen an neue
wissenschaftliche anforderungen und den technischen - nicht nur
den informationstechnischen - fortschritt anzupassen.
der bund stellt in diesem jahr 1 mrd. dm fuer den neu-
und ausbau von hochschulen zur verfuegung, das sind
100 mill. dm mehr als urspruenglich vorgesehen. ich werde
auch in den kommenden jahren dafuer kaempfen, dass die
mittel auf dem erreichten hohen niveau gehalten werden.
lassen sie mich aber drei dinge deutlich sagen:
erstens: wir koennen keine bestandsgarantien fuer
hochschulen geben und daher nicht ausschliessen, dass auf grund
sinkender studentenzahlen ab mitte der neunziger jahre
hochschulen geschlossen werden muessen. gerade in
nordrhein-westfalen muessen diese fragen jedoch
behutsam angegangen werden, da die universitaeten und
fachhochschulen ein wesentliches strukturelement in dieser
region sind.
fuer mich stellt sich daher in erster linie das problem, was
nordrhein-westfalen fuer die attraktivitaet seiner hochschulen
tun kann. auch hier braucht das land phantasie und
ideologiefreien mut. es sollte sich ernsthaft ueberlegen, ob es
nicht alle verfuegbar zu machenden mittel fuer den
hochschulbereich einsetzen sollte, um zum beispiel eine zahl von
graduiertenkollegs zu bilden. damit koennte es seinem
hochschulsystem neue strukturen geben, vor allem aber
auch anziehungskraft fuer den wissenschaftlichen
nachwuchs entwickeln. das land muss endlich und energisch
etwas dafuer tun, dass ihm nicht die besten leute
davonlaufen. fuer mich ist die tatsache, dass nordrhein-westfalen
in dieser frage zoegerlich ist, ein zeichen dafuer, dass es
diesem land nicht nur - was offen einzuraeumen ist - derzeit
an finanziellen mitteln fehlt, sondern vor allem an phantasie,
um seine situation zu bessern. dann aber hilft auch geld
nicht.
zweitens: wegen der wachsenden kosten werden
moderne grossgeraete auf dauer nur an wenigen
hochschulen zur verfuegung stehen koennen. dadurch wird es zu
konzentrationsprozessen kommen. ich hoffe allerdings, dass
dabei nicht nur wenige, gut ausgeruestete hochschulen uebrig
bleiben, sondern moeglichst viele hochschulen wenigstens
einen fach-schwerpunkt bilden koennen. die damit
verbundenen konzentrationsprozesse sollten nicht dirigistisch
verordnet werden, sondern sich moeglichst im rahmen des
qualitativen wettbewerbes der hochschulen ergeben.
drittens: der kampf um die mittel fuer den
hochschulbereich kann auf bundes- und landesebene nur mit
ueberzeugenden argumenten gefuehrt werden, die auch aus den
hochschulen selbst kommen muessen. die hochschulen
selbst muessen ihre bereitschaft beweisen, vorhandene
strukturelle schwaechen zu ueberwinden. ich denke dabei vor
allem an das studiensystem, das einer der vielen gruende fuer
das - nicht nur im internationalen vergleich - zu hohe
lebensalter der hochschulabsolventen ist. wir duerfen uns
hier wie in der beruflichen ausbildung nicht der illusion
hingeben, dass eine noch so umfassende erstausbildung fuer
ein ganzes berufsleben reicht.
studium und berufliche ausbildung muessen eine solide
grundlage geben, die es erlaubt, rasch zusatzqualifikationen
zu erwerben. nicht mehr und nicht weniger. ich bin
deshalb der auffassung, dass ein universitaetsstudium
grundsaetzlich in der vom wissenschaftsrat vorgeschlagenen zeit
von fuenf jahren - einschliesslich der pruefungszeit - zu einem
berufsqualifizierenden abschluss fuehren und die
wissenschaftliche vertiefung einem weiteren abschnitt ueberlassen
bleiben sollte.
diese kritik bedeutet nicht, dass unsere hochschulsituation
insgesamt schlecht ist. sie ist in vielen bereichen sogar
besser, als wir uns mitunter selbst einreden. dies zeigen
beispielsweise die hervorragenden arbeiten von jungen
wissenschaftlern, die jaehrlich mit dem heinz-maier-leibnitz-
preis des bundesministers fuer bildung und wissenschaft
ausgezeichnet werden.
die foerderung des wissenschaftlichen
nachwuchses ist eines der ganz grossen aktuellen probleme:
nur guter wissenschaftlicher nachwuchs garantiert
ertragreiche wissenschaft und forschung innerhalb und
ausserhalb der hochschulen. was wir hier heute versaeumen, wird
sich spaeter in fehlender konkurrenzfaehigkeit unserer
forschung und im mangel an qualifizierten hochschullehrern
auch in der lehre niederschlagen.
stipendienprogramme allein reichen zur foerderung und
sicherung des qualifizierten wissenschaftlichen
nachwuchses nicht. denn sie bieten nicht die soziale sicherheit, die
auch juengere wissenschaftler auf grund der vielfach
bestehenden verantwortung gegenueber familienangehoerigen
brauchen. wir muessen dem wissenschaftlich
hochqualifizierten nachwuchs eine perspektive in der hochschule
geben. hierzu gehoert wohl in erster linie der verzicht auf
einen dem zu erwartenden studentenrueckgang
entsprechenden stellenabbau. aber auch der fiebiger-plan ist eine
wesentliche hilfe, da er heute bereits positionen im vorgriff
auf die in den neunziger jahren wieder steigenden
vakanzen zur verfuegung stellt.
ich moechte ihnen die darueber hinaus erforderlichen
massnahmen zur foerderung des wissenschaftlichen
nachwuchses nicht im einzelnen darstellen, sondern nur noch darauf
hinweisen, dass hier - wie auch in den anderen
bildungsbereichen - den frauen unsere besondere beachtung
gelten muss. wissenschaftliche oder berufliche faehigkeiten
und fertigkeiten sind nicht geschlechtsspezifisch. wir
muessen deshalb alles daransetzen, um die vielfach noch
bestehenden benachteiligungen von frauen und maedchen
abzubauen.
soweit wie moeglich abbauen muessen wir meines erachtens
auch die reglementierungen beim hochschulzugang. ich
halte es fuer zwingend erforderlich, dass die jetzigen
aufgaben der zvs bei der verteilung von studienplaetzen auf
das unumgaenglich notwendige mass reduziert werden.
hierzu habe ich den laendern bereits einen vorschlag
gemacht. nach meiner meinung sollten sich die studenten
in verteilungsstudiengaengen ihre hochschule selbst
aussuchen duerfen und nicht einer hochschule zugewiesen
werden. bewerben sich an einer hochschule mehr studenten
als plaetze vorhanden sind, so sollte die hochschule die
notwendige auswahl weitgehend nach eigenen kriterien
treffen koennen. erst in einem anschliessenden schritt sollte
dann die zvs taetig werden, um - moeglichst unter
beruecksichtigung der geaeusserten wuensche - hochschulen mit
noch freien kapazitaeten nachzuweisen. auf diese weise
lassen sich drei dinge miteinander verbinden:
1.ein grundsaetzliches selbstentscheidungsrecht der
studienbewerber, das in der mehrzahl der faelle auch
realisiert werden kann,
2.eine auswahlmoeglichkeit durch besonders gefragte
hochschulen und
3.die garantie eines studienplatzes fuer alle
studienberechtigten.
bessere wahlmoeglichkeiten werden zu mehr wettbewerb
der hochschulen untereinander und damit zur
leistungssteigerung in den hochschulen fuehren. denn die
hochschulen muessen sich in ihren jeweiligen studiengaengen um
besondere "profile" bemuehen, um von den studenten
angenommen zu werden.
ich bin der auffassung, dass der wettbewerb zwischen den
hochschulen etwas selbstverstaendliches werden wird. er
wird sich im zusammenhang mit dem rueckgang von
studienanfaengerzahlen weitgehend von selbst ergeben. um die
studenten von der qualitaet ihres angebots zu ueberzeugen,
muessen sich die hochschulen selbst darstellen, zum
beispiel mit angaben ueber studentenzahlen, erfolgsquoten,
studiendauern, notenspiegeln, berufungsbilanzen und
forschungsschwerpunkten. das sind angaben, die schon
heute zur verfuegung stehen. sie muessen aber lesbar und
systematisch aufgearbeitet werden. mit der sich daraus
ergebenden leistungstransparenz der einzelnen
hochschulen wird endlich ein fairer wettbewerb zwischen
den hochschulen moeglich werden.
damit moechte ich meine ausfuehrungen zum
hochschulbereich abschliessen und auf die weiterbildung zu
sprechen kommen: wir wissen, dass die in der ausbildung
erworbenen kenntnisse und fertigkeiten nicht mehr fuer ein
ganzes berufsleben ausreichen. weiterbildung und
lebenslanges lernen sind daher fuer alle qualifikationsebenen zu
aktuellen schlagworten geworden. wie sieht es aber mit der
umsetzung in die praxis aus? eine infratest-umfrage von
1985 hat zum beispiel ergeben, dass 39 prozent der meister,
22 prozent der facharbeiter und nur 9 prozent der
ungelernten im vorausgegangenen jahr in irgendeiner form an
weiterbildungsmassnahmen teilgenommen haben. eine so
geringe weiterbildungsbeteiligung wird den zukuenftigen
anforderungen nicht gerecht. die weiterbildung braucht
daher einen entwicklungsschub, der
-die weiterbildungsbeteiligung in eine neue
groessenordnung bringt, besonders bei facharbeitern und
ungelernten,
-die weiterbildung fuer breite bevoelkerungskreise
attraktiver macht
-und die qualitaet des angebots verbessert und verbreitert.
ich habe deshalb eine "konzertierte aktion weiterbildung"
ins leben gerufen, die auf eine erfreulich grosse resonanz
gestossen ist. ueber 70 repraesentanten aus politik und
gesellschaft sind meiner einladung zur gruendungssitzung
dieser aktion im dezember 1987 gefolgt.
ziel dieser aktion ist nicht die ausweitung des staatlichen
einflusses im bereich der weiterbildung. gerade die
pluralitaet und autonomie der weiterbildungstraeger sowie ihre
unterschiedlichen aufgabenstellungen und zielgruppen
bieten die beste voraussetzung fuer eine dynamische
entwicklung der weiterbildung und fuer eine flexible anpassung an
wechselnde erfordernisse. der staat sollte sich daher
darauf beschraenken, fuer faire wettbewerbsbedingungen zu
sorgen.
"konzertierte aktion" bedeutet, dass alle interessierten unter
voller wahrung ihrer unabhaengigkeit und ihrer
kompetenzen gemeinsam ein konzept zur verbesserung des
angebots erarbeiten. und zwar sowohl fuer die beruflichen
als auch fuer die nichtberufsbezogenen
weiterbildungsangebote.
iii.
die ausbildungsfoerderung bleibt einer der
hauptschwerpunkte meiner arbeit. hier geht es zum einen um die
kontinuierliche anpassung der bafoeg-saetze und
elternfreibetraege an die lebenshaltungskosten. ausserdem stehen wir
vor der frage, wie familien mit mittlerem einkommen bei
der finanzierung der ausbildung ihrer kinder geholfen
werden kann: familien mit einem kind, die ueber ein
bruttoeinkommen von mehr als 532000 dm verfuegen oder familien
mit vier kindern mit einem brutto-einkommen von mehr als
942000 dm. das bafoeg ist eine sozialleistung und kommt
deshalb fuer familien mit einem solchen einkommen
ordnungspolitisch nicht in betracht. da es aber auch diesen
familien, die einkommensmaessig knapp ueber den
bafoeggrenzen liegen, haeufig aeusserst schwerfaellt, ihren kindern
eine adaequate ausbildung zu finanzieren, hat die
bundesregierung dem bundestag verschiedene modelle zur
erleichterung der kreditaufnahme fuer die
ausbildungsfinanzierung vorgelegt, die neben das bafoeg tritt.
des weiteren habe ich den beirat fuer ausbildungsfoerderung
beauftragt, das bafoeg auf seine innere stimmigkeit und
funktionsfaehigkeit zu ueberpruefen. seit dem inkrafttreten des
bafoeg im jahre 1971 sind im bildungswesen und
-verhalten, in der gesetzgebung und in der entwicklung der eg
vielfaeltige veraenderungen eingetreten. ich halte es deshalb
fuer erforderlich, diese sozialleistung grundsaetzlich zu
durchdenken, um sie besser, effektiver und sozial gerechter
ausgestalten zu koennen. der beirat, in dem auch studenten
vertreten sind, wird seinen bericht voraussichtlich im herbst
dieses jahres vorlegen.
zur begabten- und hochbegabtenfoerderung:
die foerderung besonders begabter junger menschen ist
- neben der notwendigen breitenfoerderung - ein wichtiges
bildungspolitisches ziel der bundesregierung. denn auch
herausragend begabte haben das recht auf volle
entfaltung ihrer faehigkeiten. hinzu kommt, dass unsere
gesellschaft nicht nur auf ein allgemein hohes qualifikations- und
leistungsniveau der gesamten bevoelkerung angewiesen ist,
sondern auch auf sogenannte leistungseliten, also auf
menschen, die bereit und faehig sind, in wissenschaft und
kunst, wirtschaft, handwerk und industrie besonderes zu
leisten.
eine reihe vorbildhafter beispiele im ausland zeigt, dass der
bereich der begabten- und leistungsfoerderung hierzulande
durchaus noch entwicklungsfaehig ist. ich werde deshalb
die begabten- und leistungsfoerderung in allen
bildungsbereichen staerker in den vordergrund ruecken.
ein wichtiges thema ist auch das verhaeltnis
zwischen bildungswesen und wirtschaft, die auf
kooperation - im gegenseitigen respekt vor ihren aufgaben -
angewiesen sind. es geht nicht um die unterordnung des
bildungswesens unter forderungen der wirtschaft. das
waere viel zu kurzsichtig, weil die wirtschaft in ganz anderen
zeitraeumen und gelegentlich auch inhalten denkt, als das
bildungswesen. aber es geht darum, durch die qualitaet des
bildungswesens und seiner abschluesse dem einzelnen
seine lebensgrundlage zu sichern, ihm berufliche mobilitaet
zu geben, ihn zu befaehigen, sich den unvermeidlichen
zusaetzlichen lernprozessen im laufe seines beruflichen
lebens zu stellen, und es geht fuer uns alle darum, durch die
leistungsfaehigkeit unseres bildungswesens zugleich auch
die leistungsfaehigkeit unserer wirtschaft zu sichern.
die deutsche wirtschaft ist auf gut ausgebildete fachkraefte
und damit auf die leistungsfaehigkeit des bildungswesens
angewiesen. umgekehrt haengt aber auch das
bildungswesen von der wirtschaft ab. noch so gut ausgebildete
fachkraefte finden keine anstellung, wenn ihre ausbildung
nicht den qualifikationsanforderungen der wirtschaft
entspricht. dies zeigt deutlich, dass beide bereiche sowohl im
interesse des einzelnen als auch im interesse der
gesamtheit eng zusammenarbeiten muessen.
im dualen system der betrieblichen ausbildung ist diese
zusammenarbeit schon heute sehr gut, da hier beide
bereiche besonders eng miteinander verzahnt sind. fuer den
bereich der hochschulausbildung muss die zusammenarbeit
zwischen bildungswesen und wirtschaft jedoch noch
intensiviert werden, um eine moeglichst optimale wechselseitige
anpassung zu erreichen.