zukunftsperspektiven und chancen durch forschung und technik - rede des bundeskanzlers in muenchen

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt auf der
plenarversammlung des deutschen ingenieurtages am 26. mai
1987 in muenchen folgende rede:

herr ministerpraesident,
herr oberbuergermeister,
meine damen und herren abgeordnete
des bundestages und des landtages,
lieber herr praesident becker!

sehr gern bin ich heute zum deutschen ingenieurtag hierher
nach muenchen gekommen, weil ich die gelegenheit
wahrnehmen wollte, namens der bundesregierung den
ingenieuren unseres landes zu danken.
wenn wir heute zu den grossen industrienationen der welt
gehoeren, wenn wir einen hohen lebensstandard erreicht
haben, wenn wir ein beachtliches netz an sozialer
sicherheit knuepfen konnten und wenn wir zukunftsperspektiven
haben wie wenige andere laender, dann ist dies die leistung
der menschen guten willens ueberall in der bundesrepublik
deutschland.
hierzu leisten einzelne berufsgruppen einen besonderen
beitrag. dazu gehoert ganz entscheidend der hohe
technische leistungsstandard, den deutsche ingenieure immer
wieder unter beweis stellen. dafuer moechte ich denen
danken, die dieses werk aufgebaut haben, und denen, die
heute verantwortung tragen. dies soll zugleich auch eine
ermunterung sein fuer die nachrueckenden generationen, die
dieses werk fortfuehren werden.
meine damen und herren, sie haben ihre veranstaltung
unter das leitthema "forschung und technik - freiheit und
verantwortung" gestellt - ein thema, das fuer unsere
moderne industriegesellschaft von grundsaetzlicher und
weitreichender bedeutung ist. es ist zugleich auch ein thema,
das zur nachdenklichkeit anregt. wer ueber die zukunft
unserer gesellschaft mitentscheiden will, der tut gut daran,
dies nicht nur in der unbestaendigen aufgeregtheit des
zeitgeistes zu tun, sondern mit nachdenklichkeit und
besonnenheit.
in meiner regierungserklaerung vom 18. maerz 1987 habe ich
hervorgehoben, dass sich wissen und gewissen nicht
voneinander trennen lassen. ich denke, auch die von ihnen
behandelten themen fuegen sich in diese grosse
herausforderung ein.
wir wissen - und niemand hier im saal wird dies in abrede
stellen -, dass forschung und technik unser leben, unseren
alltag in einer weise praegen wie nie zuvor in der geschichte
der menschheit. gleichzeitig haben beide begriffe in den
zurueckliegenden jahren bemerkenswerte hoehen und tiefen
erlebt.
in den siebziger jahren wurde eine weitgehende
verunsicherung immer deutlicher: "grenzen des wachstums",
anfragen zur kernenergie, die wechselwirkungen zwischen
arbeitsplaetzen und mikroelektronik. die hier aufgeworfenen
probleme muessen - jeweils fuer sich betrachtet - natuerlich
ernst genommen werden.
was mich bedenklich stimmt und was sicher besonders
problematisch war, ist die unversoehnlichkeit, mit der diese
debatte vielfach gefuehrt wurde, insbesondere auch die
verknuepfung mit politischen kampagnen, mit denen
polarisierung und antagonismus herbeigeredet wurden, mit denen
aber auch vielfach ganz bewusst das geschaeft mit der angst
vor der technik betrieben wurde.
der schaden, der dabei entstand und der immer wieder entsteht,
ist deshalb so gross, weil ja solche auseinandersetzungen
nicht nur bei vielen orientierungslosigkeit bewirken,
sondern weil sie einen zukunftspessimismus hervorbringen,
der wirtschaftliche und kulturelle aktivitaeten unseres landes
laehmte und der zu einer weit verbreiteten technikfeindlichkeit
fuehrte, die zu beginn der achtziger jahre ihren
hoehepunkt erreichte.
ich habe immer wieder meine aufgabe darin gesehen,
diesem zeitgeist des kulturpessimismus offensiv
entgegenzutreten, ohne deswegen die welt, in der wir leben,
mit all ihren herausforderungen und problemen in
unrealistischen farben zu malen.
wir brauchen eine offene gesellschaft in allen bereichen,
wenn wir eine wirklich freie gesellschaft sein wollen.
eine offene gesellschaft braucht auch ein offenes klima
zugunsten von forschung und technik. wir wollen diese
gesellschaft, in der sich wissenschaft und forschung in
freiheit entfalten koennen. sie sind in einer grossen
tradition teil unserer geistigen kultur und gleichzeitig
ursprung neuer technik und zukunftssicherer arbeitsplaetze.
das heisst zugleich immer auch, dass unser land auf
leistungseliten nicht verzichten kann. ich sage dies ganz
bewusst und nachdruecklich hier vor so vielen ingenieuren,
die ja auch eine botschaft hinaustragen koennen in die
betriebe und an viele arbeitsplaetze.
eine freie und demokratische gesellschaft braucht mehr als
jede andere staatsform leistungseliten. so ist es fuer mich
schon ein merkwuerdiger zustand, dass dieses ja zu
leistungseliten sich haeufig des vorwurfs einer
ellenbogengesellschaft erwehren muss, wobei allerdings in
besonders ausgewaehlten bereichen - ich denke etwa an den sport -
keinerlei einwaende gegen hoechstleistungen und
leistungseliten erhoben werden.
ich bin ein entschiedener anhaenger des spitzensports, weil
ohne den spitzensport kein breitensport denkbar ist. und
niemand findet etwas dabei, wenn bei einem interessanten
tennisspiel ueber stunden hinweg das gesamte
fernsehprogramm veraendert wird. dagegen ist nichts einzuwenden.
aber warum sagen wir dann nicht auch, dass neben den
leistungseliten des sports auch die leistungseliten etwa in
der technik, in der wissenschaft, in der kultur und im
bereich der wirtschaft stehen muessen? ein land ohne
leistungseliten kann die zukunft nicht gewinnen.
wenn wir heute - viereinhalb jahre nach meiner
regierungsuebernahme - bilanz ziehen, dann hat sich in der tat
vieles positiv veraendert. dabei denke ich auch und gerade
an das forschungsklima. hier sind wir ein gutes stueck
vorangekommen. leistung und qualitaet haben in wirtschaft
und gesellschaft, in forschung und kultur einen hoeheren
rang zurueckgewonnen.
der wandel von weit verbreiteter technikfeindlichkeit zu
offenheit und interesse an neuen technischen
entwicklungen ist insgesamt beachtlich - ein wandel, den wir dank
gemeinsamer anstrengungen heute als gewichtigen
aktivposten fuer die zukunft der bundesrepublik deutschland
verbuchen koennen.
dieser positive wandel hat seinerseits ganz entscheidend
dazu beigetragen, dass hierzulande eine zuversichtliche
grundstimmung wieder die oberhand gewinnen konnte und
dass die wirtschaftliche erholung auf breiter front in gang
gekommen ist.
diese ermutigenden veraenderungen duerfen uns jedoch
nicht den blick dafuer verstellen, dass wissenschaft,
forschung und ihre technische anwendung zwar grosse
chancen bieten, aber auch mit risiken verbunden sind. nicht erst
der reaktorunfall im sowjetischen kernkraftwerk
tschernobyl vor jetzt gut einem jahr hat dies in unser bewusstsein
gerufen.
der deutsche bundestag wird sich zum ersten mal in der
gesetzgebung mit einer so ungewoehnlich schwierigen
materie wie der gentechnik zu beschaeftigen haben, das
heisst mit entwicklungen, die uns zu aeusserster sensibilitaet
mahnen. keiner, der mit offenen augen in die welt schaut,
kann die mit diesen technischen moeglichkeiten
verbundenen sorgen und aengste einfach beiseite schieben. ich
nehme solche aengste ernst.
aber ich fuege ebenso klar hinzu: wer den menschen wirklich
helfen will, darf nicht bei den aengsten stehenbleiben. bei
allem respekt vor diesen durchaus verstaendlichen
gefuehlen - die angst darf nicht zum bestimmenden massstab
unserer entscheidungen werden. angst ist im privaten
leben ein schlechter ratgeber, und angst ist auch in
oeffentlichen fragen - als alleiniges entscheidungskriterium -
ein schlechter ratgeber.
wir brauchen ueberall und gerade bei uns in der
bundesrepublik deutschland technischen fortschritt. wir brauchen
die antriebskraefte unserer forschung. nur so sind wir in der
lage, unsere wirtschaftliche existenz zu sichern und auch
echte soziale entscheidungen zu treffen, denn solidaritaet
mit den schwaecheren in der gesellschaft setzt ja voraus,
dass zuvor leistungen erbracht werden. es ist eben ein
irrglaube - der offensichtlich nur schwer zu bekaempfen ist -,
man koenne ausgeben, was man noch nicht erarbeitet hat.
wir muessen also die chancen des wissenschaftlich-technischen
fortschritts auch in zukunft nutzen. aber je mehr wir
in bereiche vorstossen, die die grundfragen menschlicher
existenz beruehren, desto deutlicher wird auch: es gibt
grenzen, die wir nicht ueberschreiten duerfen. in wissenschaft
und technik muessen zur sachkenntnis immer auch sittliche
verantwortung und ethische grundlagen treten.
wir brauchen beides: den mut zum fortschritt, weil wir ja
sonst gegen elend, not und krankheit nicht das
menschenmoegliche tun koennen. in den letzten monaten beobachte
ich im zusammenhang mit der schrecklichen krankheit aids,
dass doch manch einer, der vorher so vehement gegen
wissenschaftliche forschung und ihre praktische
anwendung angetreten ist, zu begreifen beginnt, dass wir ohne
forschung dieser krankheit wie auch anderer probleme
nicht herr werden koennen.
wir brauchen aber auch behutsamkeit, damit uns der
fortschritt nicht ueber den kopf waechst. in einer freien
gesellschaft mit freier wissenschaft ist eine ethik der
wissenschaftlich-technischen zivilisation, die forschung und
technik in den dienst des menschen stellt, dafuer das fundament.
das heisst, dass an erster stelle die achtung der wuerde des
menschen, die verantwortung fuer die schoepfung und fuer
kuenftige generationen stehen. wir muessen moegliche
vorteile neuer erkenntnisse gewissenhaft gegen denkbare
nachteile und risiken abwaegen. in diesem sinne sind wir
uns sehr wohl bewusst, dass nicht alles, was wissenschaftlich
und technisch machbar erscheint, dem menschen auch
erlaubt oder unter humanen gesichtspunkten ueberhaupt als
wuenschenswert anzusehen ist.
in der gentechnologie heisst das beispielsweise, dass die
personalitaet des menschen vor jedweder manipulation zu
schuetzen ist. damit gewinnen viele vielleicht auch wieder
einen neuen zugang zum recht des ungeborenen lebens,
weil ja auch hier die personalitaet des menschen in sehr
grundsaetzlicher art und weise angesprochen wird.
bei der zivilen nutzung der kerntechnologie wissen wir, dass
sicherheit und gesundheit des buergers vorrang haben
muessen vor allen anderen - auch wirtschaftlichen -
ueberlegungen. gleichzeitig muss aber auch zur kenntnis genommen
werden, dass wir einstweilen fuer die naechsten jahrzehnte
- wie lange genau, weiss gegenwaertig niemand - keine
wirkliche alternative zur kernenergie haben.
man kann eben nicht kernkraftwerke abschalten und
gleichzeitig auch gegen die verbrennung fossiler brennstoffe in
kraftwerken eintreten, deren abgase in unseren waeldern ja
betraechtliche schaeden anrichten. man kann auch nicht
gegen die wiederaufarbeitungsanlage in wackersdorf
demonstrieren und gleichzeitig zusaetzliche forderungen
zugunsten der kohle erheben. denn nach wie vor gilt: die
nutzung der kernenergie bleibt durch ihre guenstigen
erzeugungskosten unentbehrliche voraussetzung fuer die
verstromung heimischer kohle. fuer unsere energieversorgung
benoetigen wir ein gesamtkonzept, und nur aus einem
solchen gesamtkonzept heraus kann auch verantwortliche
politik entstehen.
diese hinweise unterstreichen, dass der abschaetzung und
bewertung von technikfolgen grosse, ja sehr grosse
bedeutung zukommt. nicht vergessen werden darf jedoch, dass
ethische massstaebe nur derjenige setzen und durchsetzen
kann, der gleichzeitig mut und bereitschaft zur forschung
besitzt, der mit an der spitze der forschung steht.
dass wir - staat und wirtschaft - in den letzten jahren die
anstrengungen fuer forschung und entwicklung betraechtlich
verstaerkt haben, ist fuer mich ein ermutigendes signal. die
ausgaben hierfuer haben im vergangenen jahr die
rekordsumme von 56 mrd. dm erreicht. dabei haben insbesondere
auch die anstrengungen von wirtschaft und unternehmen
spuerbar zugenommen.
2,9 prozent des bruttosozialprodukts werden damit in die
zukunftsfaehigkeit der bundesrepublik deutschland
investiert - eine groessenordnung, die dem vergleich mit
anderen fuehrenden industrienationen durchaus standhaelt.
wir werden diese anstrengungen auch in den kommenden
jahren konsequent fortsetzen. sie werden eher noch
intensiviert werden muessen, denn auch unsere konkurrenten
auf den weltmaerkten, insbesondere die usa und japan, haben
ihre forschungsinvestitionen nachhaltig gesteigert.
aber, meine damen und herren, dabei ist es nicht allein mit
geld getan. wenn wir uns mit spitzenleistungen
auseinandersetzen, dann muessen wir gleichzeitig auch fragen,
ob zum beispiel unser schulsystem - und damit meine ich alle
arten von schulen bis hin zur hochschule und universitaet -
diesen anforderungen gewachsen ist. hier hat sich unser
duales system der beruflichen ausbildung in den letzten
jahren bei der aufnahme der geburtenstarken jahrgaenge
grossartig bewaehrt. auch die deutschen hochschulen
koennen beachtliche leistungen aufweisen. dass forschung und
lehre auch in zukunft ihre aufgaben voll erfuellen koennen,
bleibt ein wichtiges anliegen unserer politik.
und noch etwas: die zukunft unseres landes haengt nicht
nur davon ab, dass technische innovation erdacht und
praktisch umgesetzt wird. die darin liegenden chancen koennen
sich nur dann entfalten und ihre volle wirkung erreichen,
wenn das verantwortete ja zu technischer und
wirtschaftlicher erneuerung auch breite unterstuetzung und
anerkennung in unserer gesellschaft findet.
auf diesem weg sind fortschritte erzielt worden, aber richtig
ist auch, dass wir das klassenziel noch nicht erreicht haben.
deswegen brauchen wir hier die breite unterstuetzung der
buerger, und dabei stellen ueber 500 000 ingenieure ein
kostbares kapital dar, auf das wir angewiesen sind. denn
gerade sie koennen ja denen, die keine spezialisten sind,
aus eigenem wissen und eigener erfahrung sehr
ueberzeugend und glaubwuerdig die bedeutung von technik und
forschung fuer die zukunft vermitteln.
dies ist von allergroesster bedeutung, weil eben nur verstaendnis
wirklich vertrauen schafft - und nur in diesem vertrauen
des buergers in die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen
institutionen ist ein forschungs- und technikfreundliches
klima moeglich, das wir zur zukunftssicherung unseres
landes brauchen. hier sind wir in besonderer weise auf ihre
mitarbeit angewiesen. kenntnis, verstaendnis und
vertrauen - dieser dreiklang bietet meiner erfahrung nach
zugleich auch den besten schutz gegen jegliche form
ideologischer beeinflussung.
in diesem sinne, herr dr. becker, begruesse ich besonders,
dass der vdi erstmals im rahmen eines ingenieurtags ein
schuelerforum durchfuehrt. damit zeigen sie am praktischen
beispiel, wie man junge leute ansprechen und wie fuer ein
technikfreundliches klima konkret geworben werden kann.
meine damen und herren, das ja zur forschung und
technik ist immer auch ein ja zu arbeitsplaetzen und
beschaeftigung. denn beides gehoert eng zusammen.
es ist ja in den letzten eineinhalb jahrzehnten immer wieder
die behauptung aufgestellt worden, technischer fortschritt
und mit ihm die steigerung der produktivitaet seien
entscheidende ursachen fuer den verlust von arbeitsplaetzen.
richtig ist, dass die arbeitslosigkeit ein zentrales problem
unserer gesellschaft ist und dass ihre bekaempfung ganz
oben auf der politischen tagesordnung steht - und dass wir
hier das menschenmoegliche tun muessen.
aber wenn wir wirkliche fortschritte erzielen wollen, muessen
wir zunaechst die ursachen sorgfaeltig analysieren. und
hierzu gehoeren in erster linie
-die wachstumseinbrueche in den krisenjahren von 1980
bis 1982, in deren verlauf rund 800 000 arbeitsplaetze
verloren gingen,
-die deutlich gewachsene nachfrage nach arbeit im
gefolge der geburtenstarken jahrgaenge und des groesser
gewordenen interesses von frauen an der
erwerbstaetigkeit
-sowie eine verlangsamte strukturelle anpassung mit einer
insgesamt eher zu zoegerlichen nutzung und anwendung
moderner technik.
demgegenueber gibt es keinen letztlich ueberzeugenden
beleg fuer einen zusammenhang zwischen steigender
arbeitslosigkeit einerseits und hohen
produktivitaetssteigerungen durch den einsatz moderner technologien
andererseits.
im gegenteil - und diese erfahrungen werden in der
oeffentlichen diskussion viel zuwenig zur kenntnis genommen:
arbeitsplaetze sind dort am ehesten verloren gegangen, wo
die chancen des technischen fortschritts am wenigsten
genutzt wurden.
denn eine offene volkswirtschaft wie die unsere, die rund
ein drittel ihrer waren und dienstleistungen exportiert und
die damit im internationalen wettbewerb immer wieder neu
bestehen muss, kann weltweite technische neuerungen und
veraenderungen nicht ignorieren. wuerden wir das tun, so
bedeutete dies mit sicherheit wirtschaftlichen abstieg und
niedergang sowie den verlust vieler arbeitsplaetze.
umgekehrt haben die zurueckliegenden jahre gezeigt, dass
das ja zur forschung und zur anwendung neuer technik
die beschaeftigung im ergebnis keineswegs behindert hat.
ueber 600 000 neue zusaetzliche arbeitsplaetze sprechen hier
eine deutliche sprache.
es kann also fuer uns nur darum gehen, neue technische
moeglichkeiten ohne vorurteile zu entwickeln und zu nutzen -
nicht in einem blinden fortschrittsglauben, sondern in
verantwortlichem, ethisch begruendetem handeln.
meine damen und herren, fuer verantworteten fortschritt in
forschung und technik sind solide ausbildung und
qualifizierung entscheidende voraussetzungen.
dabei denke ich nicht nur an die vielen jungen talente, die
wir in jedem jahr in wettbewerben wie "jugend forscht"
auszeichnen. erinnern moechte ich vor allem an die
bereitstellung der vielen zusaetzlichen lehrstellen fuer die
geburtenstarken jahrgaenge. gemeinsam haben wir dieses problem
bewaeltigt - und zwar aus dem geist der freiheit.
wir haben nicht auf staatliche verordnungen gesetzt,
sondern auf den buergersinn einer grossen zahl von
verantwortlichen in unternehmen, verbaenden, gewerkschaften und
kammern. dieses verstaendnis von freiheit hat sich hier in
besonderer weise bewaehrt. das grosse angebot an
zusaetzlichen lehrstellen ist in der tat eine leistung, auf die
wir zu recht stolz sein koennen - nicht nur deswegen, weil wir
jungen menschen damit eine berufliche perspektive
ermoeglicht haben: wir haben ihnen damit zugleich auch eine
chance fuer ihre persoenliche lebensgestaltung eroeffnet.
der erfolg dieser gemeinsamen anstrengungen laesst sich
jetzt auch an einer wichtigen kennziffer ablesen. juengste
untersuchungen zeigen, dass - gemessen an der
gesamtzahl der erwerbstaetigen - der anteil derer, die ueber
eine abgeschlossene berufsaubildung verfuegen, in den
letzten sieben jahren von 72 prozent auf die
rekordmarke von 79 prozent angestiegen ist. dies ist eine
wichtige markierung fuer die zukunft unseres landes.
ihre bedeutung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die gefahr
der arbeitslosigkeit besonders gross ist fuer diejenigen, die
ueber keine qualifizierte ausbildung verfuegen. ihr anteil
unter den arbeitslosen hat inzwischen 60 prozent erreicht.
nicht zuletzt diese zahl belegt, dass weiterbildung und
qualifizierung groesste bedeutung haben. beide - staat und
wirtschaft - haben hier wichtige aufgaben zu erfuellen.
so hat die bundesanstalt fuer arbeit ihre anstrengungen
erheblich verstaerkt, um arbeitslosen mit beruflichen
bildungsmassnahmen die rueckkehr in ein
beschaeftigungsverhaeltnis zu erleichtern.
ich darf auch sie heute dazu aufrufen, in ihren betrieben
vorkehrungen dafuer zu treffen, damit sich breite schichten
unserer arbeitnehmerschaft rechtzeitig auf neue berufliche
anforderungen vorbereiten koennen. dabei macht die
demographische entwicklung deutlich, dass es hier fuer die
unternehmen um eine zukunftsinvestition allerersten ranges
geht: der anteil der jungen arbeitskraefte im alter unter
25 jahren, die derzeit mit etwa 20 prozent fuer einen stetigen
zustrom in neue ausbildungsrichtungen sorgen, wird bis
1995 um ein rundes drittel abnehmen. dies verlangt
zwangslaeufig um so mehr flexibilitaet und weiterqualifikation
bei denjenigen, die bereits im erwerbsleben stehen.
seitens des vdi ist in diesem zusammenhang von
"lebenslangem lernen" und von der notwendigkeit eines
gemeinsamen konzeptes von wirtschaft, hochschulen und freien
bildungseinrichtungen gesprochen worden. ich moechte dies
ausdruecklich unterstuetzen und erhoffe mir von einer solchen
zusammenarbeit wichtige weiterfuehrende impulse.
denn ein nebeneinander oder ein gegeneinander von
wirtschaft und wissenschaft koennen wir uns ganz einfach nicht
leisten. wir stehen vor zu vielen herausforderungen, die
sich nur im miteinander bewaeltigen lassen.
ich nenne als ganz besonders wichtiges beispiel den
umweltschutz. hier spricht es sich zunehmend herum, dass
wir diesem ziel weniger mit demonstrationen, als vielmehr
mit hilfe neuer technologien naeher kommen koennen, und
nicht etwa - wie dies frueher gelegentlich zu hoeren war -
durch deren ablehnung.
die bundesregierung hat seit 1983 eine ganze reihe sehr
weitgehender entscheidungen zum schutz der umwelt
getroffen - die allerdings eines gemeinsam haben: ihre
praktische umsetzung ist nur mit neuer technik zu
bewerkstelligen.
dies gilt beispielsweise fuer die grossfeuerungsanlagen-
verordnung ebenso wie fuer die neufassung der technischen
anleitung luft und fuer die einfuehrung des katalysatorautos.
erreichen werden wir damit bis 1993 eine verringerung der
schwefelemissionen um 75 prozent und eine reduzierung
der stickoxyde um etwa 72 prozent. aehnliche
anstrengungen unternehmen wir bei der reinhaltung der
gewaesser, bei der muellbeseitigung und beim bodenschutz.
meine damen und herren, all dies laesst deutlich erkennen,
dass wir ohne ein verantwortetes ja zum technischen
fortschritt ein wichtiges ziel unserer generation nicht
erreichen koennen: naemlich einen vernuenftigen und vertretbaren
mittelweg zwischen den notwendigkeiten von oekonomie und
oekologie. dabei bin ich mir durchaus ueber fehler und
versaeumnisse der vergangenheit im klaren. genauso
bedeutsam ist aber auch die erkenntnis, dass es auf diesem
wichtigen feld nicht um traumvorstellungen geht.
denn das, was wir im bereich des umweltschutzes
erreichen wollen und muessen, geschieht in einem dicht
besiedelten land, in einer industrielandschaft, wo erst durch gute
wirtschaftliche leistungen die voraussetzungen dafuer
geschaffen werden, um auch fuer den umweltschutz die
notwendigen und wuenschenswerten fortschritte
durchzusetzen. es geht um einen "langen marsch", mit dem wir im
interesse von mensch und natur zutraegliche und
verantwortbare verhaeltnisse erreichen wollen.
und fuer diesen "langen marsch" brauchen wir ganz ohne
zweifel mehr forschung und mehr technik. dies gilt fuer die
umweltfreundlichere verbrennung von kohle ebenso wie fuer
verlaessliche sicherheitstechniken zum schutz unserer
umwelt - um nur zwei wichtige bereiche zu nennen.
wir haben daher in forschung und technik nach 1982
entsprechende schwerpunkte gesetzt, und es ist ein
wichtiger programmpunkt der von mir gefuehrten
bundesregierung, auf diesem schwierigen weg weiter voranzugehen.
unser ziel ist dabei die integration des umweltschutzes in
unseren technischen und wirtschaftlichen alltag, und zwar
auf dem weg der schrittweisen veraenderungen - also in
aehnlicher weise, wie dies, beginnend im 19. jahrhundert,
bei der "sozialen frage" gelungen ist. damals glaubte man,
bei der sozialen integration breiter schichten der
bevoelkerung in die industriegesellschaft handele es sich um ein
unloesbares problem. vieles von dem, was heute fuer uns
selbstverstaendlich ist, galt damals als undenkbar. und
aehnlich mag es sich auch im blick auf unser verhaeltnis zur
umwelt und zum umweltschutz verhalten.
dabei kommt es aber entscheidend darauf an, dass auch wir
selbst umdenken. denn es ist ein merkwuerdiger zustand,
dass viele im privaten bereich ihre ansprueche sehr hoch
ansetzen, wenn es aber darum geht, einen beitrag fuer den
schutz unserer umwelt zu leisten, wird dies vielfach als eine
aufgabe fuer die allgemeinheit angesehen, fuer die man selbst
nicht zustaendig ist. jeder einzelne kann und muss in seinem
eigenen lebensbereich seinen persoenlichen beitrag zum
schutz von natur und umwelt leisten.
meine damen und herren, der kurze hinweis auf die
beginnende industrialisierung und die erinnerung an die
damaligen arbeits- und lebensbedingungen rufen noch etwas
anderes in unser bewusstsein: dass naemlich forschung und
technik sehr viel mit freiheit und lebensqualitaet zu tun
haben.
die nutzung von forschungsergebnissen und die breite
anwendung moderner technik haben den menschen von
vielen koerperlichen belastungen befreit und den alltag
ertraeglich gemacht. so haben die veraenderungen im
demographischen aufbau unserer gesellschaft - etwa der hoehere
anteil aelterer mitbuerger - auch mit wissenschaftlichen
fortschritten im bereich der medizin und der geriatrie zu tun.
allein die tatsache, dass die lebenserwartung heute etwa
doppelt so hoch ist wie in der mitte des vergangenen
jahrhunderts, zeigt, welche weitreichenden veraenderungen sich
hier vollzogen haben.
entstanden sind zugleich auch neue persoenliche freiraeume -
und zwar nicht nur durch die verschiebung zwischen
arbeitszeit und freizeit, sondern auch beispielsweise durch
die entwicklung der verkehrstechnik. eisenbahn und auto
etwa haben erstmals fuer breite schichten der bevoelkerung
die chance eroeffnet, ausserhalb des heimatlichen
lebensbereichs neue erfahrungen und perspektiven zu gewinnen
und damit neue massstaebe fuer das persoenliche handeln zu
entwickeln.
dies waren gewaltige fortschritte - ermoeglicht durch
forschung und technik im dienst des menschen.
aber fuer unsere industriegesellschaft heute geht es nicht nur
um freiheit im sinne von besserer gesundheit, humaneren
arbeitsbedingungen und hoeherer mobilitaet. es geht auch
und nicht zuletzt um freiheit von politischen und
wirtschaftlichen abhaengigkeiten.
zwei oelkrisen in den letzten 15 jahren haben uns drastisch
vor augen gefuehrt, dass wir im gefolge weltweiter
wirtschaftsbeziehungen auch in voellig neue abhaengigkeiten
geraten koennen. und dabei haben uns zwei faktoren ganz
entscheidend geholfen, diese neu entstandenen
abhaengigkeiten wieder abzuschuetteln: naemlich unser ja zur
technik und zur marktwirtschaftlichen ordnung. beides
zusammen hat uns entscheidend vorangebracht.
mit hilfe von forschung und technik ist es gelungen,
gleichsam eine "neue energiequelle" zu erschliessen, naemlich
die energieeinsparung. unsere marktwirtschaftliche ordnung
hat dazu gefuehrt, dass diese neuen einsparmoeglichkeiten in
kuerzester zeit maerkte und kaeufer fanden, sich also auf
breiter front durchsetzen konnten. heute koennen wir
feststellen, dass wirtschaftswachstum und energieverbrauch
voneinander abgekoppelt werden konnten - und zwar in
einem masse, wie dies noch vor wenigen jahren nicht fuer
moeglich gehalten worden waere.
die immer wieder vorgenommenen vorausschaetzungen des
zukuenftigen energiebedarfs sind mit fast schon
berechenbarer regelmaessigkeit von moderner technik und vom
markt als zu hoch und unrealistisch widerlegt worden.
dieser enge zusammenhang zwischen forschung und
technik einerseits und unserer freiheitlichen
gesellschaftsordnung andererseits - dieser zusammenhang
erscheint mir fuer die zukunft der bundesrepublik deutschland
von allergroesster bedeutung. er beschreibt - weit ueber
die herausforderungen der energiepolitik hinaus - das
spannungsfeld, in dem wir die kraefte mobilisieren koennen, die
wir brauchen, um die zukunftsfaehigkeit unseres landes ueber
den tag hinaus zu sichern.
dieses stichwort zukunft muss immer auch im
zusammenhang mit wissenschaft und technik gesehen werden. und
ich fuege hinzu, dass zur zukunft immer auch anstrengungen
gehoeren. einer gesellschaft, in der fuer viele die freizeit
immer mehr zum wichtigsten wert wird, ist schwer
verstaendlich zu machen, dass zukunft wichtiger ist als freizeit
und dass zukunft ohne anstrengungen nicht gesichert werden
kann.
es war jetzt genau vor 100 jahren, dass die damalige
britische regierung deutsche importwaren mit der aufschrift
"made in germany" von interessanten absatzmaerkten
fernhalten wollte. unsere vorfahren haben auf diesen versuch
der gezielten diskriminierung - anders laesst sich dieser
vorgang wohl nicht beschreiben - die richtige schlussfolgerung
gezogen: sie haben alles getan, um aus der kennzeichnung
"made in germany" einen qualitaets- und wertbegriff zu
machen - mit dem groessten erfolg fuer unseren export in den
letzten 100 jahren.
meine damen und herren, aus diesem kleinen beispiel
kann man sehr viel lernen. denn der reichtum unseres
landes sind ja nicht etwa bodenschaetze oder geographische
vorteile. unser reichtum sind vielmehr der fleiss, der
ideenreichtum und die kreativitaet unserer buerger.
um diesen reichtum auch fuer die zukunft fruchtbar zu
machen, brauchen wir beides gleichermassen: forschung
und technik, aber auch freiheit und verantwortung. und
dieser erfahrung muessen wir nicht nur selbst rechnung
tragen, sondern wir muessen sie auch an die naechste
generation - die generation unserer kinder und enkel -
weitergeben.
wenn wir so handeln, dann koennen wir uns auch den vor
uns liegenden aufgaben mit zuversicht stellen und dann hat
die bundesrepublik deutschland, der freie teil unseres
vaterlandes, eine gute zukunft.
in diesem sinne wuensche ich mir, dass am ende dieses
deutschen ingenieurtags 1987 weiterfuehrende anregungen
stehen, dass diese anregungen aber nicht folgenlos bleiben,
sondern dass sie von ihnen mitgenommen werden in die
vielen betriebe, in denen sie taetig sind, und dass sie dort
gerade auch mit den jungen leuten darueber sprechen. denn
dies waere ein wichtiger beitrag zur zukunft unseres landes.