- Bulletin 67-90
- 26. Mai 1990
der bundesminister fuer ernaehrung, landwirtschaft und
forsten, ignaz kiechle, hielt bei der 16. sitzung des
welternaehrungsrates am 21. mai 1990 in bangkok
folgende rede:
herr praesident!
vor fast genau einem jahr wurde bei der 15. sitzung des
welternaehrungsrates die sogenannte "erklaerung von kairo"
verabschiedet. sie ist richtungweisend fuer die weitere arbeit
unserer organisation. die "kairoer erklaerung" macht unter
anderem deutlich, dass die bewaeltigung von armut und
hunger in der welt auch von der veraenderung gesellschaftlicher
und politischer strukturen in den jeweiligen laendern
abhaengt.
im zurueckliegenden jahr haben sich die politischen
strukturen in vielen teilen der welt, vor allem auch in mittel-
und osteuropa, grundlegend gewandelt. europa ist dabei, die
widernatuerliche teilung des alten kontinents zu beseitigen.
wir deutsche waren von der teilung unseres vaterlandes
und europas am haertesten betroffen. deshalb ist uns die
ueberwindung der teilung auch ein besonders dringliches
anliegen. die beiden teile deutschlands gehoeren
zusammen: historisch, kulturell und vor allem, was die menschen
angeht.
wir sind bei der vereinigung deutschlands bereits gut
vorangekommen. nach vielen jahren der trennung koennen
sich die menschen wieder frei besuchen, wann sie wollen.
ueber die noch bestehenden grenzen hinweg hat sich das
wirtschaftliche miteinander deutlich verstaerkt. schon im juli
dieses jahres wird es eine umfassende wirtschafts-,
waehrungs- und sozialunion geben. wer haette daran vor wenigen
monaten zu denken gewagt?
der weg der deutschen zu einem vereinten vaterland geht
nicht nur uns deutsche an. unsere nachbarn begleiten uns
auf dem weg zur nationalen einheit, sie helfen mit,
schwierigkeiten zu ueberwinden, hindernisse abzubauen. dafuer
sind wir dankbar. denn wir wuenschen uns ein einiges
deutschland, unter dem dach einer europaeischen
friedensordnung und das seinen beitrag fuer mehr frieden und
freiheit in der ganzen welt leisten kann.
manche entwicklungslaender befuerchten, europa - und hier
insbesondere deutschland - koennte sich zu sehr auf sich
selbst konzentrieren und entwicklungspolitische anliegen
vernachlaessigen. fuer solche aengste habe ich verstaendnis.
ich halte sie jedoch fuer unbegruendet. natuerlich wird die
befreiung von planwirtschaftlichen fesseln in den laendern
mittel- und osteuropas grosse finanzielle anstrengungen
erfordern. in der anderen waagschale liegen aber die bisher
kaum zu beziffernden vorteile einer intensiver werdenden
wirtschaftlichen zusammenarbeit in europa. mehr
wirtschaftliche leistungsfaehigkeit europas stimuliert den
handel in der ganzen welt. der internationale kampf gegen
hunger und armut kann besser unterstuetzt werden.
noch etwas spricht dagegen, dass wir uns in europa auf uns
selbst beschraenken koennten. es ist die kontinentuebergreifende,
internationale verantwortung fuer den schutz unserer
umwelt. auch in dieser hinsicht sitzen wir alle in einem
boot. wir kaemen nicht von der stelle, wollte man das
rudern nur anderen ueberlassen. wir muessen uns schon
gemeinsam in die riemen legen, um die natuerlichen
lebensgrundlagen boden, wasser und luft fuer uns und
unsere kinder funktionsfaehig zu erhalten.
die bundesregierung wird auch weiterhin ihren beitrag zu
den entwicklungsanstrengungen unserer partner in afrika,
asien und lateinamerika leisten.
herr praesident, wie letztes jahr in kairo beschlossen, hat
das sekretariat unter ihrer leitung einen aktualisierten
lagebericht sowie eine fortschreibung der moeglichen und
wuenschenswerten massnahmen zur bekaempfung von hunger
und armut vorgelegt. hierfuer moechte ich allen beteiligten
danken. der bericht macht deutlich, dass fuer viele
entwicklungslaender nach wie vor eine zufriedenstellende
nahrungsmittelversorgung in weiter ferne liegt.
mit besonderer sorge verfolgen wir die angespannte lage in
aethiopien, im sudan, in angola und in mosambik. hier
wirken verschiedene faktoren besonders negativ
zusammen: zum einen ernteausfaelle auf grund der trockenheit,
zum anderen verteilungsprobleme infolge von unruhen und
kriegerischen auseinandersetzungen.
viele tausend unschuldige menschen koennen nicht
rechtzeitig mit nahrungsmitteln und hilfsguetern versorgt
werden. dem welternaehrungsrat gebuehrt dank, dass er sich
der frage des sicheren transportes von hilfsguetern mit
nachdruck annimmt. bei seinen bemuehungen begleiten ihn
unsere guten wuensche.
so notwendig ein sicherer transport von hilfsguetern ist - wir
wissen jedoch auch: nahrungsmittelhilfe kann nur in akuten
notsituationen und voruebergehend entlastung bringen.
letztlich geht es darum, das uebel von hunger und
unterernaehrung in vielen teilen der welt bei der wurzel zu
fassen. und das heisst: verbesserung der
ernaehrungsgrundlagen im lande selbst, damit die menschen aus
dem teufelskreis chronischer armut und unterernaehrung
herausfinden. dies ist keine leichte aufgabe. sie erfordert
viel phantasie. denn es muss jeweils fuer das einzelne
betroffene land eine loesung gefunden werden. fuer die
beseitigung von armut und unterernaehrung gibt es keine
patentrezepte. um so wichtiger sind realistische programme zur
verbesserung der produktions- und ernaehrungssituation.
das buero und das sekretariat des welternaehrungsrates
zeigen in ihrem bericht wege und moeglichkeiten fuer einen
erfolgreichen kampf gegen hunger und armut in der welt
auf. die vorliegenden dokumente sind daher fuer uns sehr
informativ und zukunftsweisend.
die hauptverantwortung fuer eine vernuenftige, an den
beduerfnissen der menschen orientierte wirtschafts- und
agrarpolitik liegt zweifellos bei den regierungen. dem
aufruf des welternaehrungsrates an alle regierungen,
zusaetzliche und effizientere massnahmen zur bekaempfung
von hunger und armut zu ergreifen, stimmen wir voll zu.
bei einer schnell wachsenden bevoelkerung in vielen
laendern muss die nahrungsmittelproduktion besonders forciert
werden. dabei kommt es jedoch nicht allein auf den
schnellen produktionserfolg an. ein strohfeuer, das rasch
niederbrennt, waermt eben nur einen augenblick. massnahmen
gegen hunger und armut in der welt muessen nachhaltig
wirkung zeigen. dazu muss weit mehr als bisher die
entwicklung des gesamten laendlichen raumes in die
ueberlegungen und planungen einbezogen werden.
es ist erschuetternd und unertraeglich zugleich, festzustellen,
dass in einzelnen regionen bis zu 80 prozent der
hungernden auf dem lande leben. die abwanderung in die grossen
staedte und ballungsgebiete ist hier geradezu programmiert.
damit waere aber niemandem gedient. den menschen auf
dem lande muessen wirtschaftliche perspektiven geboten
werden, damit sie dort wohnen bleiben, ihre aecker
bewirtschaften und vieh halten. nur so laesst sich auf dauer
eine eigenstaendige ernaehrungsbasis in den entwicklungslaendern
sicherstellen.
plaene und programme gegen hunger und armut haben um
so mehr aussicht auf erfolg, je guenstiger sich das
gesamtwirtschaftliche umfeld entwickelt. zu diesem umfeld
gehoert der internationale handel. die laufenden gatt-
verhandlungen, in denen der agrarbereich eine wichtige rolle
spielt, sind in ihre endphase getreten. das ziel der
verhandlungspartner ist klar und einvernehmlich: es geht um
faire internationale handelsbeziehungen und die beendigung des
subventionswettlaufs bei agrarexporten. die wege zu diesem
ziel sind jedoch umstritten. die usa und andere
agrarexportlaender fordern
- das auslaufen aller produktionsbezogenen
stuetzungsmassnahmen in zehn jahren,
- den abbau aller exportsubventionen innerhalb von fuenf
jahren mit anschliessendem verbot,
- die umwandlung aller einfuhrbehindernden massnahmen
in feste zoelle mit anschliessendem abbau innerhalb von
zehn jahren auf null oder auf einen sehr niedrigen satz.
die eg muss diese dreifache nulloesung ablehnen, weil die
europaeische landwirtschaft ohne preisstuetzung in ihrer
existenz bedroht waere. gerade im dichtbesiedelten
westeuropa kann und will niemand auf eine intakte landwirtschaft
verzichten. denn die bauern haben bei uns nicht allein die
aufgabe, moeglichst preiswerte und qualitativ hochwertige
nahrungsmittel zu produzieren. die bauern pflegen und
sichern zugleich eine landschaft, die in jahrhunderten
gewachsen ist und die niemand mehr missen moechte. es
darf uns daher niemand verdenken, wenn wir
agrarpolitische rahmenbedingungen setzen, die eine ausreichende
zahl leistungsfaehiger baeuerlicher betriebe sichern hilft.
wir sind am erfolg der laufenden uruguay-runde sehr
interessiert. ohne florierenden internationalen handel
wuerde ueberall auf der welt die wirtschaftliche entwicklung
stagnieren - auch bei uns. voraussetzung fuer den erfolg der
gatt-verhandlungen ist, dass ein ausgewogener und fuer
alle beteiligten tragbarer kompromiss gefunden wird. wir
sind bereit, unseren teil dazu beizutragen.
in der diskussion ueber internationale handelshemmnisse
sollte nicht vergessen werden, dass westeuropa und vor
allem die europaeische gemeinschaft (eg) mehr
nahrungsgueter importiert als exportiert. der wert der
ernaehrungswirtschaftlichen eg-einfuhren aus drittlaendern lag
allein im ersten halbjahr 1989 um rund 10 mrd. dm ueber dem
export. insbesondere zu den entwicklungslaendern besteht ein
deutlicher einfuhrueberschuss.
durch den kuerzlich erfolgten abschluss des 4. lome-abkommens
mit den akp-laendern hat die europaeische gemeinschaft
den willen zur fortfuehrung ihrer wirtschafts- und
entwicklungspolitischen zusammenarbeit mit dieser
laendergruppe erneut unter beweis gestellt. die konditionen des
abkommens und die finanzausstattung wurden gegenueber
den frueheren vertraegen deutlich verbessert.
mehr finanzielle unterstuetzung allein gibt jedoch noch keine
garantie fuer den erfolg einer massnahme. so wichtig
finanzielle hilfe von aussen ist, ohne ein klares, agrar- und
wirtschaftspolitisches konzept im empfaengerland bleibt vieles
in den startloechern und somit unveraendert. gangbare wege
der agrarentwicklung aufzuzeigen, ist aufgabe des
welternaehrungsrates, ist aufgabe der diesjaehrigen 16. sitzung
hier in bangkok.
herr praesident, meine sehr verehrten damen und herren,
nur durch eine verbesserte und noch weiter auszubauende
politische und wirtschaftliche internationale
zusammenarbeit wird es uns gelingen, armut und hunger in der
welt zu beseitigen.
wir durchleben zur zeit eine fuelle von politischen und
wirtschaftlichen veraenderungen mit weltweiten auswirkungen.
in vielen teilen der welt ist eine aufbruchstimmung
in richtung mehr freiheit, mehr selbstbestimmung,
mehr demokratie zu spueren. dies sollten wir dankbar
registrieren.
denn eine freiheitliche wirtschaftsordnung ist im grunde
das entwicklungskonzept, um armut und hunger erfolgreich
zu bekaempfen. ueberall dort, wo die menschen
selbstverantwortlich ueber grund und boden verfuegen, sind
sie auch darum bemueht, dass der boden genug zum leben hergibt
und zugleich pfleglich behandelt wird.
gerade auf eine pflegliche, nachhaltige nutzung von grund
und boden sollte verstaerkt wert gelegt werden. dies ist
aber nur ein aspekt unter vielen anderen, die es bei der
verbesserung der ernaehrungssituation zu beruecksichtigen
gilt.
ich wuensche der 16. sitzung des welternaehrungsrates, dass
von ihr zukunftsweisende beschluesse ausgehen zur
staerkung der internationalen zusammenarbeit auf dem
ernaehrungssektor, zur intensivierung der eigenanstrengungen
der betroffenen laender.
im namen der regierung der bundesrepublik deutschland
moechte ich thailand und seiner regierung als gastgeber
dieser 16. sitzung des welternaehrungsrates der vereinten
nationen dank und anerkennung fuer die grosse
gastfreundschaft aussprechen.