- Bulletin 83-96
- 21. Oktober 1996
Bundespräsident Roman Herzog hielt auf den Münchener Medientagen am 14.
Oktober 1996 in München folgende Rede:
„Es wird viel passieren“ – dieser Satz gilt nicht nur für die Vorabendserie
„Marienhof“. Er läßt sich auch auf die Welt der Kommunikation anwenden. Man
braucht sich nur anzusehen, wie schnell in den Auslagen der Geschäfte neue
Generationen technischer Geräte aufeinander folgen. Da kommt man als
Nicht-18jähriger aus dem Staunen nicht mehr heraus: Ein Handy beispielsweise –
wie der neudeutsche Ausdruck für Mobiltelefon lautet –, das gleichzeitig
Faxgerät und Laptop ist sowie obendrein Zugang zum Internet bietet.
Nicht nur diese Multimedialisierung als solche und die Schnelligkeit der
Entwicklung, auch ihre globale Ausweitung und die vermuteten Auswirkungen auf
das wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Gefüge haben den Begriff
der „Informations-Revolution“ entstehen lassen. Es gibt viel Bewegung und zum
Teil auch viel Verwirrung, nicht nur bei den Nutzern, sondern auch bei den
Anbietern. Man spürt, daß das Thema viele umtreibt, daß aber auch viele
Fragezeichen auftauchen und daß – wie oft in solchen Situationen – oft sehr
schnelle Antworten gegeben werden.
Ich habe mit vielen Unternehmern, Politikern, Anbietern, Konsumenten und
Wissenschaftlern in den letzten Monaten gesprochen; die Fragen: Wer gestaltet
die Entwicklung, das Angebot oder die Nachfrage? Wer macht was für wen, und
vor allem wie? stellen sich neu, und ich muß sagen, es gab noch nie auf jede
Frage eine fertige Antwort, und so ist es auch mit der Informations-Revolution.
I.
Ich habe noch die eindringlichen Worte von Mario Vargas Llosa im Ohr, die er
letzte Woche bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels
für das Fernsehen hatte. Er beklagte, daß die Bilder auf den Bildschirmen zwar
mehr amüsieren und besser unterhalten, daß sie aber nicht in der Lage seien,
den Menschen zum Verständnis der komplexen Wirklichkeit zu verhelfen. „Die
audiovisuelle Information“, so sagte er, „flüchtig, vergänglich, spektakulär,
oberflächlich, läßt uns die Geschichte als Fiktion wahrnehmen, indem sie uns
durch das Verbergen der Ursachen, Mechanismen, Zusammenhänge und
Entwicklungen dieser Ereignisse, die sie uns so lebendig präsentiert, von ihr
distanziert, sie verfremdet.“ Damit sprach er eine fundamentale Eigenschaft des
Fernsehens an: wie sich die medial konstruierte Bilderwelt über die alltägliche
Wirklichkeit legt und damit die Wahrnehmung der Menschen beeinflußt. Darauf zu
reagieren, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Medienpädagogik.
Wenn Sie nach dieser Einleitung jetzt eine kulturpessimistische Philippika
gegen das Fernsehen erwarten, dann täuschen Sie sich. Ich habe mich ja schon
oft als passionierter Konsument von Vorabendserien „geoutet“. So richtig die
Beobachtungen von Vargas Llosa sind, bleibe ich doch optimistisch, und das
kann ich auch begründen:
Erstens glaube ich einfach an die Vernunft des mündigen Bürgers, der – wenn es
ihm zuviel wird – den Knopf zu Abschalten benutzt. Zweitens glaube ich an den
Markt, also an den Wettbewerb; und drittens glaube ich sogar an das
Verantwortungsbewußtsein der Medienveranstalter, die wissen, daß sie sich den
Ast absägen, auf dem sie sitzen, wenn sie das Vertrauen der Leser, Hörer und
Zuschauer verspielen.
Was mir bei manchen Diskussionen über unsere deutsche Medienlandschaft
auffällt, ist, daß sie sich meistens nur um die elektronischen Medien drehen,
vor allem eben um das Fernsehen. Dabei ist das Fernsehen nur ein Teil dieser
Landschaft. Für eine vielfältige und ausgewogene Medienlandschaft sind aber
auch die Printmedien unentbehrlich. Ich fange deswegen meine tour d’horizon
mit ihnen an:
Erstens: Seit langen Jahren besteht eine ungebrochen starke Bindung an die
lokale oder regionale Tageszeitung. Das gilt für die meisten Deutschen – und
da gibt es auch keine Unterschiede zwischen Ost und West, Süd oder Nord. Die
Einführung des Fernsehens hat daran ebensowenig geändert wie die Dualisierung
des Rundfunks. Und nach meiner Einschätzung wird sich auch durch die
Vervielfältigung der Fernsehprogramme nichts daran ändern.
Die Tatsache, daß durch die Medien die Welt zusammenrückt und Weitentferntes
auf den Bildschirm geholt werden kann – genau umgekehrt auch –, läßt das
Bedürfnis nach dem Nahen und Bekannten eher stärker werden. Globalisierung und
Regionalisierung widersprechen sich ja nicht. Eher bedingen sie sich. Die
zunehmende Konfrontation mit Entwicklungen und Ereignissen, die man zur
Kenntnis nehmen kann, ohne auf sie Einfluß nehmen zu können, löst zwangsläufig
den Wunsch aus, sich im eigenen, überschaubaren Umfeld Halt und Orientierung
zu verschaffen. Das lokale Angebot hat sich daher eher erweitert, etwa durch
Stadtzeitungen oder gar Stadtteilzeitungen.
Zweitens: Ein zweites Phänomen, das wir vor allem im Zeitschriftenbereich
beobachten können, ist die Spezialisierung. Seit den achtziger Jahren boomt
der Markt der Publikums- und Fachzeitschriften, und er scheint immer noch
nicht gesättigt: Wer eine Zeitschrift über Autos, für Eltern oder über die
neuesten Methoden der Goldfischhaltung sucht, der wird die erschöpfende Qual
einer stetig wachsenden Wahl haben.
Drittens: Daraus entsteht die Frage: Kann man diese beiden Muster – das
Bedürfnis nach regionaler und nach spezieller Information – auf Fernsehen und
Hörfunk übertragen? Für das Radio stimmt es jedenfalls: Seine Domäne liegt
heute sowohl bei den Öffentlich-Rechtlichen wie auch bei den Privaten in
lokalen oder regionalen Sendungen. Die Spezialisierung in Spartenprogramme
beobachten wir zur Zeit beim Fernsehen: Durch die Digitalisierung ist eine
Vermehrung des Angebots möglich, und dies zieht eine Reihe von
Individualprogrammen nach sich, ob das nun Kinderkanäle, Kanäle mit „soap
operas“, Kanäle mit Golf-Sport oder Programme für naturwissenschaftlich
Interessierte sind.
Was für mich aus der dargestellten Entwicklung folgt, ist in wenigen
Stichworten gesagt:
1. Stichwort: Wir brauchen nach wie vor attraktive Vollprogramme, die den
Bürgern eine ausgewogene Vielfalt an Information, Bildung, Kultur und
Unterhaltung bieten. Das ist wohl primär mit dem Auftrag der Grundversorgung
für die Öffentlich-Rechtlichen verbunden.
Dabei kann ich mir zwei Bemerkungen als Verfassungsrechtler nicht verkneifen:
Erstens wird im Bereich des Rundfunks heute zum Teil mit Begriffen gearbeitet,
die in einer anderen technischen und gesellschaftlichen Situation entstanden
sind und längst nicht mehr der aktuellen Mediensituation entsprechen. Das kann
auf die Dauer nicht gutgehen.
Zweitens ist der Begriff „Grundversorgung“ bis heute inhaltlich nicht
ausreichend gefüllt. Lassen Sie mich dazu nur sagen, was ich bereits an
anderer Stelle geschrieben habe: Grundversorgung ist kein statischer, sondern
ein dynamischer und offener Begriff, und der Umfang dessen, was zur
Grundversorgung gehört, ist immer wieder aufs neue zu überprüfen. Und das muß
durch die politischen Entscheidungen geschehen.
2. Stichwort: Neben den Vollprogrammen werden Spartenprogramme entstehen, die
die individuellen Bedürfnisse stärker befriedigen. Die Auffächerung des
Angebots muß allerdings nicht zwangsläufig zur Multiplizierung des „Flachen“
führen. Neben dem „soap opera“-Kanal, gegen den ich gar nichts habe, kann es
eben auch – wie in den USA – den „History Channel“ oder den „Discovery“-Kanal
geben.
3. Stichwort: Steht man in einem Wettbewerb, so liegt es nahe, in dem Bereich
zu „produzieren“, in dem die eigene Stärke liegt. Es ist nicht meine Aufgabe
zu sagen, wo diese Stärken für den einen oder anderen von Ihnen genau liegen.
Aber ich sehe doch zum Beispiel einen Vorsprung der öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten im regionalen Bereich. Und wenn ich regional sage, meine ich
die Länder. Und da ich dieses regionale Bedürfnis der Bürger als langfristig
gültig betrachte, frage ich mich, ob hier nicht ein ausbaufähiges Potential
liegt.
4. Stichwort: Private Medien sind Wirtschaftsunternehmer, die Geld verdienen
müssen. An dieser Tatsache ist nichts Verwerfliches. Und sie sagt auch noch
lange nichts über die Qualität von Anspruch und Inhalt aus. Allerdings haben
sowohl die privaten Unternehmer als auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten
die gleiche Pflicht, das zu unterlassen, was den Rahmen des Verantwortbaren
sprengt.
Lassen Sie mich hier nur ein Beispiel nennen: Ich habe Zweifel, ob es richtig
ist, das Staatsanwälte in laufenden Verfahren beliebig Pressekonferenzen
geben. Früher mag das legitim gewesen sein, heute aber wirken solche
Mitteilungen im Umfeld der Sensationsgesellschaft wie Vorverurteilungen. Das
ist rechtsstaatlich fragwürdig; und außerdem setzt sich die betreffende
Staatsanwaltschaft selbst und ganz einseitig unter Erfolgsdruck. Dem
Verdächtigten hilft es dann nicht, wenn er ein Jahr später freigesprochen wird.
Wir haben es hier mit einem Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren zu tun,
die wieder einmal hinterfragt werden müssen. Von verschiedenen
Verfallserscheinungen innerhalb des Journalismus will ich hier gar nicht reden
– mangelhafte Recherche, glattes Erfinden von Meldungen, Fälschung von
Ereignissen und Nachjagen nach Sensationen sowie die besondere
Degenerationserscheinung des Scheckbuchjournalismus sind hier nur einige
Stichworte. Was hier besonders Schwierigkeiten macht: Unsereins ist immer auf
die Medien, einen Berichterstatter, angewiesen. Das einzige, was mich in
diesem Zusammenhang tröstlich stimmt, ist das Internet. Da sind meine Reden
drin, und eine Menge von Bürgern rufen sie dort ab. So bin ich nicht auf die
Akzentsetzung von Journalisten angewiesen.
II.
„Informationsgesellschaft“ ist bei genauer Betrachtung ein schillernder
Begriff. Je nach Grundeinstellung kann man sehr Verschiedenes in ihn
hineinlegen: vom Horrorszenarium des vereinsamten, am Bildschirm
festgewachsenen, kommunikationsunfähigen Menschen bis zum genauen Gegenteil,
nämlich dem kontaktspendenden Internet, über das der Vereinsamte mit anderen
ins Gespräch kommen und sich austauschen kann, oder dem Bildtelefon, über das
man sich Freunde und Verwandte sozusagen ins Wohnzimmer holen kann.
Zwischen diesen beiden Polen liegt eine breite Spannweite an Phantasie.
Ich habe allerdings das Gefühl, daß diese Spannweite von vielen einseitig
ausgefüllt wird: Da sind einerseits die Bedenkenträger, die die Gefahren
überdimensionieren und dämonisieren. Verteufelungen haben aber noch nie etwas
genützt und immer nur geschadet. Und es gibt auf der anderen Seite natürlich
auch „Freaks“, die sich wenig oder gar nicht um die Folgen der Entwicklung
kümmern.
Der Begriff „Informationsgesellschaft“ klingt nicht nur anonym und abstrakt.
Meines Erachtens greift er auch zu kurz: Es geht doch nicht nur um das
Informieren, sondern vor allem um das Kommunizieren, nicht nur um das Sammeln
von Daten und Fakten, sondern auch um ihre Verarbeitung, um das Zuordnen und
Bewerten. Und vor allem eröffnet uns die Vernetzung doch den Austausch und
nicht nur – wie bisher – das Empfangen und Konsumieren von Informationen.
Informationen an sich haben zunächst geringen Wert. Den erhalten sie erst,
wenn sie verarbeitet werden, wenn aufgrund von Informationen Entscheidungen
getroffen, Problemlösungen gefunden oder Meinungen gebildet werden können. Es
geht dabei weniger um Quantitäten. Gewiß: Wir haben neue Möglichkeiten, ein
Vielfaches an Informationen zu bekommen. Aber noch so große Quantitäten
ersetzen nicht die Verarbeitung der Inhalte.
Wie der Umgang mit der zunehmenden Informationsmöglichkeit trainiert wird,
darüber müssen wir uns Gedanken machen. Dieser Umgang muß wie jede neue
Kulturfähigkeit erlernt werden. Je mehr Informationen zugänglich sind, desto
höhere Anforderungen der Auswahl und Verarbeitung stellen sich an den
einzelnen. Manche spreche deswegen auch von Lerngesellschaft. Ich neige eher
zu dem, was der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft kürzlich sagte:
Wir leben längst in der Informationsgesellschaft. Wir müssen sie nur in eine
Wissensgesellschaft verwandeln. Ich glaube, daß auch Wissen nicht reicht. Es
geht um eine Bildungsgesellschaft.
Wissen ist mehr als Information, mehr als Datenspeicherung und Organisation
des Datenzugangs. Ein oberflächlicher Konsum von Informationen bedeutet daher
allein noch kei-nen Fortschritt. Ein Fortschritt liegt allenfalls darin, daß
durch die Vernetzung ein offener, globaler und freier Austausch möglich ist.
In einem sind sich wohl alle einig: Das, was im Bereich der
Informationstechnologie geschieht, wird ähnlich umwälzende Folgen haben, wie
sie seinerzeit die Industrialisierung gehabt hat. Die sogenannten
technologischen Revolutionen haben immer mit einer Erfindung im technischen
Bereich begonnen, die wiederum Wirtschaft und Gesellschaft prägten.
Für den Menschen war das jedesmal ein Schritt der Entlastung: zunächst von der
schweren körperlichen Arbeit, später von monotoner, sich immer wiederholender
Tätigkeit. Und wir brauchen doch gar nicht so weit in die Zukunft zu blicken,
um abschätzen zu können, wie sich die Informationsrevolution auswirken wird.
Schon heute wird unsere tägliche Arbeit dadurch vereinfacht, daß wir
Informationen schneller und einfacher gewinnen, sie speichern und auch wieder
abrufen können, sie schneller vermitteln und verbreiten können.
Man kann gewiß auch nicht an der Tatsache vorbeisehen, daß die Informations-
und Kommunikationsbereiche boomende Wachstumsmärkte sind und in Zukunft
bleiben werden. Sie sind allerdings äußerst dynamische und schnellebige
Märkte, auf die auch dynamisch reagiert werden muß. Die
Innovationsgeschwindigkeit wird zukünftig über die Wettbewerbsfähigkeit
entscheiden, denn die Entwicklungs-, Produktions- und Distributionszyklen
werden sich weiter verkürzen. Wer heute noch fragt, ob man sich diesem Trend
anschließen soll oder nicht, der verkennt die Realitäten.
Die technische Entwicklung läßt sich nicht zurückdrehen. Und den Anschluß an
die Entwicklung und die Vermarktung dieser Technologien zu verpassen, würde
daher bedeuten, das sich Deutschland aus einer der zukunftsträchtigsten
Schlüsseltechnologien zurückzieht. Wir brauchen daher Offenheit für die
wirtschaftlichen Chancen und wir brauchen möglicherweise auch
ordnungspolitische Entscheidungen, um Deutschland als „Informations“-Standort
international eine führende Stellung zu sichern. Das gilt insbesondere für den
Bereich der Telekommunikation. Es ist notwendig, daß auch deutsche
Unternehmen, und zwar große und kleine, in diesem Bereich mithalten können.
III.
Lassen Sie mich nun aber zu der Frage kommen, die mir besonders am Herzen
liegt, nämlich, inwieweit die Gesellschaft von der technologischen Revolution
betroffen sein wird. Verbunden natürlich mit der Frage, wo die ethischen
Leitplanken zu setzen sind.
Die global vernetzte Gemeinschaft wird eine kommunikative und offene sein. Die
elektronische Kommunikation wird den direkten und persönlichen Austausch nicht
ersetzen, sondern erweitern und ergänzen. Und es wird eine Kommunikation
unabhängig von Alter und körperlicher Verfassung, gesellschaftlicher Stellung,
Einkommen oder Nationalität sein. Die Kommunikationsgesellschaft kann gar
nicht anders sein als sozial offen, dezentral und hierarchiearm. Jeder hat die
gleichen Zutrittschancen, jedem stehen die Netze offen. Schon allein, weil die
Kosten erschwinglich bleiben. Manches ist sicher auch schlicht Spielerei oder
gar Spinnerei.
Aber über die Sinnhaftigkeit hat bei uns gottlob kein Zensor zu entscheiden,
sondern der Nutzer, und der hat ebenso die Möglichkeit zum Verzicht wie zum
Gebrauch, allerdings auch zum exzessiven Gebrauch, sie können auch sagen: zum
exzessiven Verzicht. Das ist beim Internet nicht anders als heute schon beim
Telefon.
Man kann nicht über den gesellschaftlichen Wandel durch die
Kommunikationstechnologie sprechen, ohne auf verschiedene Befürchtungen
einzugehen, wie etwa auf die überhaupt nicht neue Prophezeiung, die neuen
Medien ließen die Gesellschaft zerfallen wie in Atome; oder etwa die, daß eine
Wissenskluft entstehe und die Buchkultur zu Ende gehe.
Unübersehbar ist: Die Zeit der nur passiv konsumierbaren Massenmedien geht zu
Ende. Bisher war es ja so: Einer druckte oder sendete, andere lasen oder sahen
und hörten
das gleiche. In Zukunft wird das Medienerlebnis individueller und aktiver
sein. Das neue Gesetz von Multimedia heißt – ich übertreibe jetzt –: Jeder
wird sein eigener Programmdirektor.
Neu ist dabei die Vernetzung, das heißt die schnelle und preiswerte
Möglichkeit, jederzeit mit einem beliebigen Gesprächspartner an einem
beliebigen Ort in Kontakt zu treten oder von überall her Informationen zu
bekommen. Das ist weitaus kommunikativer und verbindet eher, als passiv vor
dem Fernseher zu sitzen. Zugespitzt gesagt: Schaltet man heute den Fernseher
ein, kann man sein Hirn ausschalten – wohlgemerkt: man muß nicht, man kann!
Geht man dagegen – wie es so schön heißt – „online“, muß der Kopf auch
„online“ sein.
Die Befürchtung, daß eine Wissenskluft entstehen könnte zwischen gut und
schlecht Informierten, ist ebenfalls nicht neu; sie hat schon zu
Bücherverbrennungen geführt. Aber
es ist doch normal und nicht überraschend, daß manche stärker an Informationen
interessiert sind als andere und deswegen auch die dementsprechenden Medien
nutzen. Das war bei der Erfindung des Buchdrucks vermutlich nicht anders als
beim Radio. Wichtig ist aber doch, daß jeder grundsätzlich die Möglichkeit
hat, die neuen Techniken zu nutzen. Und wichtig ist vor allem, daß sie so
preiswert sind, daß keine Ausgrenzung durch überhöhte Gebühren geschehen kann.
Daß durch die neuen Informationstechnologien andere Medien verschwinden, läßt
sich leicht durch die Mediengeschichte widerlegen. Bisher ist kaum ein Medium
untergegangen, wenn ein neues erfunden wurde oder sich Bahn gebrochen hat.
Wenn das Buch im Sterben begriffen wäre, stiegen nicht die
Buchverkäufe so wie in den letzten Jahren bei uns.
1995 wurden in Deutschland mehr Bücher verkauft als je zuvor! Auch die
Ausleih-Zahlen in den Bibliotheken sind nach oben gegangen. Und das geht
einher mit einer ungebrochenen Leselust der Deutschen. Am erfreulichsten finde
ich dabei, daß die eifrigsten Buchleser die Jugendlichen zwischen 14 und 19
sind. Das sind übrigens dieselben Altersgruppen, die mit großer
Selbstverständlichkeit auch mit elektronischen Medien umgehen lernen. Weil sie
noch neugierig sind und nicht alles schon zu wissen glauben.
Das Internet und andere Multimedia werden unsere bisherigen Medien also
ergänzen, aber nicht ersetzen. Bis jetzt ist allenfalls eine Verschiebung weg
vom Fernsehen festzustellen, denn Internet-Benutzer sehen tatsächlich weniger
fern, aber sie lesen viel und gelten als besonders familienorientiert.
Durch die Verschmelzung von Sprache, Bild, Text und Daten ergeben sich nicht
nur im Privaten Möglichkeiten. Industrie, Verwaltung, Medizin, Weiterbildung,
Wissenschaft, Bankwesen – es gibt viele Bereiche, in denen Multimedia bereits
sinnvoll angewandt wird und die Anwendung weiterhin ausgeweitet werden wird.
Der Charakter der Arbeit wird sich dabei mit Sicherheit verändern. Der
Arbeitsprozeß wird sich dezentralisieren. Neue Berufsbilder – wie der
„information broker“ – werden entstehen. Telearbeit zum Beispiel birgt
Vorteile wie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und weniger
Fahrten und Fahrtzeiten an den Arbeitsplatz. Und wenn es heißt, diejenigen,
die zu Hause arbeiten, werden vereinsamen, so werden wir in Ruhe abwarten. Ich
glaube nicht an diese apokalyptische Sicht. Durch die Vernetzung werden
Menschen in die Arbeitswelt integriert, die bisher eher von ihr ausgeschlossen
waren, beispielsweise Behinderte.
Was die Arbeitsplätze angeht, so gibt es ja breite Schätzungen: für
Deutschland rechnet man mit eins bis fünf Millionen neuen Arbeitsplätzen, und
zwar nicht nur minderwertige. Wie bei jeder Rationalisierung werden aber auch
Arbeitsplätze wegfallen. Ob am Ende der Saldo positiv ist, kann heute noch
niemand sagen. Die Frage ist aber doch: Werden ohne den Beschäftigungsschub
durch die Informationsindustrie am Ende nicht noch weniger Arbeitsplätze
vorhanden sein? Verschließt man sich Innovationen, wird man jedenfalls keine
traditionellen Arbeitsplätze erhalten und läuft Gefahr, auch keine neuen zu
schaffen.
Wo liegen die Herausforderungen? Schule und Ausbildung werden noch wichtiger
werden. Und es muß eine Aufgabe der Bildungspolitik werden, auf die neue
Kulturtechnik vorzubereiten. Damit ist nicht nur gemeint, daß die Bedienung
von Computern ein Schulfach werden soll – die meisten Kinder kennen das schon;
wenn ich mit meinem Computer nicht weiterweiß, frage ich meinen achtjährigen
Enkel.
Gemeint ist, daß Kinder und Jugendliche darauf vorbereitet werden müssen, mit
der zunehmenden Menge an Informationen umzugehen. Sie müssen lernen, Wichtiges
von Unwichtigem zu unterscheiden, da tun wir Deutschen uns zur Zeit besonders
schwer. Unentbehrliches festzuhalten und Überflüssiges beiseite zu legen, die
Information als ein Mittel zur Wissenserweiterung und nicht als Zweck an sich
zu betrachten.
Die jungen Generationen wachsen mit den Multimedia auf. Die Benutzung ist für
sie alltäglich. Aber die Benutzung ist nicht der Sinn, sondern der Weg zum
eigentlichen Ergebnis. Im Mittelpunkt darf nicht das Speichern und Suchen von
Daten stehen, sondern das Einordnen in Zusammenhänge, das Beurteilen, Schlüsse
ziehen, das Lösen von Problemen. Letztlich ist nicht mehr oder nicht weniger
als die Wiederbelebung von Bewährtem gefordert: das was die
Erziehungswissenschaftler „Schlüsselqualifikationen“ nennen.
Man kann – mit einer gewissen Unschärfe freilich – ganz einfach auch Bildung
dazu sagen. Bildung ist etwas anderes als Wissen. Und wenn die Schulen nicht
Bildung, sondern nur Wissen vermitteln und nicht, wie man mit diesem Wissen
umgeht, verdienen sie den Begriff „Bildungspolitik“ nicht, sondern dann
handelt es sich nur um „Schulpolitik“.
Ideen, Wissen, Kreativität und Informiertheit werden mehr denn je die
Exportprodukte der Zukunft sein. Der Wissensstand wird noch stärker zum
sozialen Wettbewerbsfaktor werden. Wir haben gute Chancen, dabei unsere
Substanz als „know-how-reicher“ Standort zur Geltung zu bringen. Entscheidend
aber wird mehr noch als bisher das Verständnis des Gewußten sein – eben die
Bildung. „Der Bildung kommt für unsere Zeit die gleiche Bedeutung zu, die die
soziale Frage im 19. Jahrhundert besessen hat.“ Dieser Satz von Ludwig Erhard
ist zwar 33 Jahre alt, aber heute so aktuell wie seinerzeit.