vierzig jahre charta der deutschen heimatvertriebenen - ansprache des bundeskanzlers in bad cannstatt

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bundeskanzler dr. helmut kohl hielt bei der
gedenkstunde aus anlass der verkuendung der "charta der
deutschen heimatvertriebenen" vor 40 jahren am 5. august
1990 in stuttgart-bad cannstatt folgende ansprache:

i.
herr ministerpraesident spaeth,
meine damen und herren abgeordneten
des europaparlaments, des bundestags und der landtage,
meine herren bischoefe,
lieber herr praesident czaja,
meine sehr verehrten damen und herren!

als wir am 21. oktober vergangenen jahres in der bonner
beethovenhalle gemeinsam den "tag der deutschen
heimatvertriebenen" und das vierzigjaehrige jubilaeum der arbeit
fuer vertriebene und von vertriebenenverbaenden begingen,
regte ich an, dass wir den 40. jahrestag der verkuendung
der "charta der deutschen heimatvertriebenen" ebenfalls
gemeinsam feiern sollten. fuer mich ist und bleibt diese
charta, lieber herr kollege czaja, in allen ihren teilen eines
der grossen dokumente der deutschen geschichte.
der heutige tag ist erneut anlass, dem bund der
vertriebenen und seinen mitgliedern zu danken fuer einen
bedeutenden beitrag zum wohl des ganzen in ueber vier jahrzehnten
der geschichte unserer bundesrepublik deutschland. diese
bundesrepublik ist zu einem der freiheitlichsten und
angesehensten rechtsstaaten der welt geworden nicht zuletzt
wegen des beitrages der deutschen heimatvertriebenen
und ihrer repraesentanten.
und deswegen nehme ich auch gern die gelegenheit wahr,
zu beginn meiner ausfuehrungen ihnen, lieber herr czaja, zu
danken fuer das, was sie in all diesen jahren und
jahrzehnten getan haben - mit jener leidenschaft, wie wir sie bei
ihnen auch heute wieder erlebt haben.
lieber herr czaja, sie waren nie ein bequemer mann - und
sie wollten es auch nie sein. in den vielen begegnungen der
vergangenen jahrzehnte, in unserer langjaehrigen - ich sage
bewusst: vertrauensvollen - zusammenarbeit haben wir oft
unterschiedliche positionen vertreten und eingenommen.
und das wird auch heute so sein. aber ich habe immer die
entschiedenheit - und damit auch die glaubwuerdigkeit -
ihrer ueberzeugung respektiert und bewundert.
und so, wie sie sind - so, wie sie kaempfen, so, wie sie stets
eingetreten sind fuer viele menschen -, gehoeren sie auch zur
gelebten politischen kultur unserer bundesrepublik. die
politische kultur eines landes wird ja nicht zuletzt gepraegt
durch die faehigkeit der in politik, wirtschaft und
gesellschaft verantwortlichen, widerspruch zu aeussern und
widerspruch zu ertragen. um so merkwuerdiger ist, dass gerade
jene, die staendig das wort "politische kultur" im munde
fuehren, oft besonders empfindlich auf kritik reagieren.

ii.
meine damen und herren, zwischen dem 21. oktober
vergangenen jahres und dem heutigen tag hat sich die
politische landschaft in deutschland und in europa grundlegend
veraendert: ich erinnere hier nur an die oeffnung der berliner
mauer und die beseitigung innerdeutscher grenzsperren in
der unvergesslichen nacht vom 9. auf den 10. november
1989. ich erinnere an die ersten freien volkskammerwahlen
am 18. maerz dieses jahres. und ich erinnere an die
einfuehrung der waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion.
niemand von uns - ich bekenne es jedenfalls fuer mich -
haette zu traeumen gewagt, dass dies in so kurzer zeit moeglich
sein wuerde. das tempo dieser entwicklung ist bestimmt
worden von den wuenschen und erwartungen unserer
landsleute in der ddr. und wenn wir in diesen tagen
immer wieder hervorheben, dass es hier nicht um ein
"anschluss" geht, sondern um ein partnerschaftliches
miteinander, dann sollten wir auch auf das hoeren, was unsere
landsleute in der ddr uns heute zurufen: "wir wollen so
schnell wie moeglich die einheit vollendenss" mein freund
lothar spaeth hat mit recht darauf hingewiesen.
wenn man sich die wirtschaftliche lage im august 1950
- dem zeitpunkt der verkuendung der charta -
vergegenwaertigt und den vergleich zu unseren tagen zieht, dann
mussman schon die frage stellen: wann waren wir deutschen
besser fuer die mit der einheit auf uns zukommenden aufgaben
gewappnet als jetzt? es ist schon beschaemend, dass
manche hierzulande die geschichtliche stunde nicht begreifen
und in einer weise rechnungen aufmachen, die gerade
auch im ausland nur kopfschuetteln hervorruft.
zu dem tiefgreifenden wandel in deutschland haben viele
faktoren beigetragen. ich will einige nennen:
an erster stelle nenne ich die einigkeit des westens. wir
konnten unsere politik - und wir werden es auch in zukunft
tun - stets auf dem festen fundament unserer von konrad
adenauer ins werk gesetzten einbindung in die
gemeinschaft der freiheitlichen demokratien betreiben. wir sind
teil der westlichen wertegemeinschaft, und das wird so bleiben.
geschlossenheit und standfestigkeit des buendnisses haben
sich gerade in entscheidenden momenten bewaehrt. wir haben
vor wenigen wochen auf dem nato-gipfel in london
weitreichende beschluesse gefasst, sie sind ein erneuter
beweis fuer die konstruktive rolle des buendnisses bei der
bewahrung und gestaltung des friedens in freiheit auf
unserem kontinent.
wir haben grund zur dankbarkeit vor allem gegenueber
jenen drei verbuendeten, die besondere verantwortung
tragen in bezug auf berlin und deutschland als ganzes. ich
nenne insbesondere unsere amerikanischen freunde, allen
voran praesident george bush, der sich gerade in den letzten
monaten als ein treuer freund der deutschen erwiesen hat.
meine damen und herren, zu der friedlichen revolution auf
dem boden der heutigen ddr waere es nicht gekommen,
wenn nicht in polen und in ungarn tiefgreifende, von den
dortigen freiheitsbewegungen erkaempfte reformen den
weg dafuer geebnet haetten. und es ist fuer mich nicht nur ein
ausdruck unserer dankbarkeit, sondern ein gebot
politischer klugheit, dass wir auch in zukunft alles tun werden,
um diese reformbewegungen zu unterstuetzen. der erfolg einer
freiheitlichen staats- und gesellschaftsordnung in polen, in
ungarn oder in der csfr - und auch in der sowjetunion -
liegt in unserem interesse. es geht um ein werk des
friedens, das allen in europa zugute kommen wird.
es gilt jetzt, den oekonomischen und oekologischen ruin
sowie die moralische krise in mittel-, ost- und suedosteuropa
zu ueberwinden. es gilt, die freiheitliche demokratie
fest zu verankern in einem teil der welt, in dem jahrzehntelang
- fuer die deutschen in der ddr waren es mehr als
57 jahre - diktatur herrschte.
in diesem zusammenhang nenne ich auch den dank, den
wir praesident michail gorbatschow schulden. mit seiner
reformpolitik, der perestroika, mit seiner bereitschaft zum
vernuenftigen miteinander in entscheidenden augenblicken
- wir erleben das gerade in diesen tagen angesichts der
krise in der golf-region - ist ein tiefgreifender wandel auf
den weg gebracht worden.
ohne die achtung des rechts der voelker und staaten auf
den eigenen weg waeren die reformbewegungen in staaten
des warschauer pakts nicht erfolgreich gewesen. und zum
recht des deutschen volkes auf den eigenen weg gehoeren
sowohl die entscheidung, in einem gemeinsamen staat
zusammenzuleben, als auch die freiheit zu waehlen,
welchem buendnis dieser gemeinsame staat angehoert. fuer
beides ist - nach meinen gespraechen in moskau im
februar und im kaukasus vor wenigen wochen - der weg
nunmehr freigegeben.
von entscheidender bedeutung fuer die gegenwaertige
entwicklung war auch, dass wir, die deutschen, unseren
anspruch auf wiederherstellung der staatlichen einheit in
freier selbstbestimmung nie aufgegeben haben.
lieber herr czaja, ich nehme gerne die gelegenheit wahr,
an dieser stelle besonders zu wuerdigen, dass gerade auch
der bund der vertriebenen in zeiten, in denen es manchem
opportun erschien, nicht mehr vom ziel der deutschen
einheit zu sprechen, fuer die einheit unseres vaterlandes
eingetreten ist - gemeinsam mit vielen von uns, auch mit mir.
es gab zeiten - sie liegen noch gar nicht so weit zurueck -, in
denen man als entspannungs- und friedensfeindlich diffamiert
wurde, wenn man an das selbstverstaendliche, naemlich
an das recht eines jeden volkes - auch des deutschen -
auf selbstbestimmung, erinnert hat. heute duerfen wir
feststellen, dass nicht jene recht behalten haben, die die
praeambel unseres grundgesetzes als "formelkram" verspotteten,
sondern jene, die immer einigkeit und recht und freiheit fuer
das deutsche vaterland wollten.
ich will hier als eine wesentliche voraussetzung dessen,
was sich jetzt vollzieht, nicht zuletzt unsere politik fuer die
europaeische einigung nennen. auch sie hat mit ihrer
ausstrahlungskraft dazu beigetragen, der freiheit, den
menschenrechten und der selbstbestimmung in mittel-, ost- und
suedosteuropa zum durchbruch zu verhelfen - und sie wird
dazu beitragen, dass dieser wandel von dauer bleibt.
der grundstein zu dem, was sich heute in deutschland
vollzieht, wurde in den fuenfziger jahren von konrad
adenauer gelegt. jetzt kann jeder erkennen - wo immer er
im parteienstreit stehen mag -, wie richtig es war, uns mit
dem politischen status quo in deutschland und europa nicht
abzufinden, wie richtig es war, nicht zuzulassen, dass er
zementiert wurde. das war eben nicht eine politik der
"destabilisierung", wie oft gesagt wurde: wer freiheit
schafft, ermoeglicht vielmehr stabilitaet.
es ist der geist der liebe zur heimat, des patriotismus und
europaeischer gesinnung, der aus der "charta der
deutschen vertriebenen" spricht. dort heisst es: "wir werden
jedes beginnen mit allen kraeften unterstuetzen, das auf die
schaffung eines geeinten europas gerichtet ist, in dem die
voelker ohne furcht und zwang leben koennen."
historischen rang erhielten und behalten diese worte
dadurch, dass sie aus dem munde von heimatvertriebenen
kamen in einer stunde, in der nicht wenige, vor allem stalin,
auf chaos und revolution in mitteleuropa setzten. hier
sprachen menschen, die in einer ganz besonderen weise
die schrecklichen folgen von hass, von feindschaft, von
nationalistischer verblendung am eigenen leib hatten
erdulden muessen. und das macht ihr bekenntnis zum
vereinten europa so glaubwuerdig und eindringlich - ueber die
schwelle der generationen hinaus, wie ich hoffe.

iii.
ein freies und geeintes deutschland in einem freien und
geeinten europa - das ist unser ziel. im rahmen der
zweiplus-vier-gespraeche werden wir - das steht heute bereits
fest - die volle souveraenitaet fuer das vereinte deutschland
erreichen.
wir streben souveraenitaet freilich nicht um ihrer selbst willen
an. vielmehr sind wir bereit, sie im zuge der politischen
einigung europas mit unseren nachbarn zu teilen. es
versteht sich von selbst, dass dies auf der grundlage von
gegenseitigkeit geschehen muss. die europaeische
integration darf niemals eine einbahnstrasse sein. alle muessen
bereit sein, aufeinander zuzugehen.
deutschland, unser vaterland, gelegen in der mitte
europas, hat mehr nachbarn als jeder andere europaeische staat.
deshalb ist es nur natuerlich, dass wir deutsche uns dem ziel
der politischen einigung europas noch mehr als andere
verpflichtet fuehlen.
wir wissen, dass das vereinte deutschland im politischen
und wirtschaftlichen gefuege des europa von morgen ein
ganz besonderes gewicht haben wird. dies festzustellen,
hat nichts - wie manche behaupten - mit nationalistischen
traeumen von einer dominierenden rolle deutschlands auf
darum, dass wir die besonderen pflichten erkennen, die aus
unserer lage im herzen europas erwachsen.
wir sind uns von anfang an bewusst gewesen, dass die
einheit deutschlands alle unsere nachbarn fundamental
beruehrt - und sie natuerlich auch bewegt. fast alle - und es
ist ein gebot auch der klugheit, dies nicht zu vergessen -
haben unter den gewalttaten des ns-regimes schwer zu
leiden gehabt. deswegen muessen wir verstaendnis haben fuer
die fragen, die sie uns stellen - wohl wissend, dass nicht alle
fragen auf geschichtlichen erfahrungen beruhen, sondern
zum teil auch auf oekonomischen ueberlegungen - bis hin zu
neidgefuehlen.
damit muessen wir leben, aber wir duerfen uns gegen haltlose
verdaechtigungen wehren und sie zurueckweisen: die
bundesrepublik deutschland hat in ueber vierzig jahren
bewiesen, dass fuer uns deutsche die liebe zum vaterland und der
wunsch nach frieden mit unseren nachbarn in freiheit zwei
seiten derselben medaille darstellen. das gilt ebenso fuer
unsere landsleute auf dem boden der heutigen ddr, die
sich in einer friedlichen revolution die achtung ihres
unveraeusserlichen rechts auf selbstbestimmung erkaempft haben.
meine damen und herren, zum ansehen der deutschen hat
der unbedingte friedenswille gerade der deutschen
heimatvertriebenen massgeblich beigetragen. ich kenne kein
beispiel in der geschichte, in dem menschen, denen ein so
grosses unrecht zugefuegt wurde, so frueh und so klar jeden
gedanken an rache und vergeltung von sich gewiesen
haetten.
in der "charta der deutschen heimatvertriebenen" heisst es,
der verzicht auf rache und vergeltung sei - ich zitiere -
"uns ernst und heilig im gedenken an das unendliche leid,
welches im besonderen das letzte jahrzehnt ueber die
menschheit gebracht hat." mit diesen uns heute noch
bewegenden worten bekundeten die deutschen
heimatvertriebenen vor aller welt, dass die saat des hasses und
der gewalt - die saat hitlers und stalins - nicht fortlaufend
neues unrecht hervorbringen darf.
die deutschen heimatvertriebenen und fluechtlinge haben
mit ihrer bereitschaft zur integration, mit ihrer grossen
aufbauleistung und mit ihrer absage an hass und gewalt ein
weithin leuchtendes beispiel gegeben. in diesem jahrhundert
gab und gibt es ungezaehlte fluechtlingsstroeme, und das
unrecht der vertreibung erzeugte und erzeugt fast ueberall
neues unrecht, hass und gewalt.
die deutschen heimatvertriebenen und fluechtlinge haben
gezeigt, dass man diesen teufelskreis durchbrechen kann.
und ich bin mit herbert czaja sicher, dass kuenftige historiker
dies als eine der grossen moralischen leistungen der jetzt
lebenden generation der deutschen bewerten werden.
wir wollen am ende eines jahrhunderts, das europa so viel
leid, not und elend gebracht hat, mit allen unseren
nachbarn zu einer dauerhaften verstaendigung und versoehnung
kommen. wir wollen mit ihnen gemeinsam bauen an einem
neuen, an einem geeinten europa.
wir deutsche sind ein volk, und wir duerfen von allen
unseren nachbarn, partnern und freunden erwarten, dass
sie unseren wunsch - die einheit unseres vaterlandes in
freiheit zu vollenden - unterstuetzen. wir akzeptieren
unsererseits - auch das gehoert zu den realitaeten, die es zu
respektieren gilt -, dass die deutsche frage und ihre loesung
eben nicht allein den deutschen gehoert.
deutsche einheit und einheit europas bedingen einander:
das voranschreiten des europaeischen einigungswerkes hat
die bevorstehende einheit deutschlands in freiheit
entscheidend gefoerdert - und im europaeischen rahmen wird
sich die einheit unseres vaterlandes auch zum wohle der
deutschen und all ihrer nachbarn vollenden. ich spreche
hier nicht nur vom "europa der zwoelf". die einheit
deutschlands wird uns dem grossen ziel naeherbringen, dass unser
kontinent als ganzes, ueber die zwoelf mitgliedstaaten der eg
hinaus, zu einer kulturellen, oekonomischen und politischen
einheit findet.
aus alledem gibt es nur ein fazit: ein deutschland, das sich
in freiheit vereinigt, wird niemals eine bedrohung, dafuer um
so mehr ein gewinn fuer europa und fuer alle unsere
nachbarn sein. von deutschem boden werden in zukunft frieden
und freiheit ausgehen. gerade in unserem verhaeltnis zu
unseren nachbarn im osten - vor allem zu polen und zur
sowjetunion - wollen wir dies deutlich machen.

iv.
zusammen mit dem polnischen volk muessen wir uns - im
wachen bewusstsein fuer die belastungen der vergangenheit
- der aufgabe stellen, fuer die junge generation unserer
voelker eine zukunft in frieden und in gemeinsamer freiheit
zu gestalten.
das polnische volk soll wissen: ein freies und vereintes
deutschland will polen ein guter nachbar und ein
zuverlaessiger partner auf dem weg nach europa sein - einer
gemeinschaft freier voelker, die nicht an oder und neisse
enden darf.
dazu gehoert, meine damen und herren - und ich weiss, dies
ist bitter fuer viele -, dass grenzen nicht in zweifel gezogen
und nicht verschoben werden. nur wenn sie unumstritten
sind, verlieren sie ihren trennenden charakter. wir wollen
- und das sage ich mit bedacht, dies ist inhalt unserer
politik - grenzen einen neuen und zukunftsweisenden
charakter verleihen: nicht den der entzweiung, sondern den der
offenen wege und der chance zur begegnung in freiheit.
der deutsche bundestag hat das im juni dieses jahres
- gemeinsam mit der volkskammer der ddr - in einer
unmissverstaendlichen botschaft an polen gesagt: die
grenze polens zu deutschland, wie sie heute verlaeuft, ist
endgueltig. sie wird durch gebietsansprueche von uns
deutschen weder heute noch in zukunft in frage gestellt.
(zwischenrufe)
- meine damen und herren, es hat wenig sinn zu
versuchen, diese jetzt gegebene realitaet durch lautstarkes
rufen ausser kraft zu setzen. wir werden an dem, was wir in
bundestag und volkskammer erklaert haben, in unserem
verhaeltnis zu polen festhalten. aber: erst eine
gesamtdeutsche regierung kann einen solchen vertrag schliessen,
erst ein gesamtdeutsches parlament ihn ratifizieren. am willen
des deutschen volkes - bekundet durch den deutschen
bundestag und die volkskammer - darf indes nicht
gezweifelt werden.
wir vergessen nicht - und auch das ist die bittere lektion
der geschichte, und ich will ueber beide seiten heute zu
ihnen reden - welches leid und welches unrecht anderen
menschen und voelkern von deutschen zugefuegt wurde.
in meiner regierungserklaerung zum 50. jahrestag des
kriegsbeginns habe ich gesagt: "hitler hat den krieg
gewollt, geplant und entfesselt. daran gibt es nichts zu
deuteln." er hatte dem polnischen volk den totalen
versklavungs- und ausrottungskrieg erklaert. unter deutscher
okkupation sollte die polnische nation ausgeloescht werden.
meine damen und herren, das ns-regime hat den krieg zu
verantworten, wie seine folgen, und damit auch -
gemeinsam mit stalin - den verlust ostdeutschlands. so mussten
betone: ohne eigene schuld - fuer die verbrechen anderer
einen hohen preis entrichten.
ich weiss, dass die parlamentsentschliessung vom juni viele
menschen in unserem land tief schmerzt. sie sind ihrer
- und ihrer vorfahren - heimat mit dem herzen fest
verbunden, und deswegen war dieser 21. juni nicht nur ein tag
der freude ueber die vollendung des staatsvertrages zur
waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion, sondern auch ein
tag der trauer.
meine damen und herren, kein mensch hat das recht,
diesen gefuehlen, die ich respektiere, seine achtung zu
versagen - vor allem dann nicht, wenn er zu jenen gehoert,
denen dieses schwere schicksal erspart blieb.
wir muessen offen aussprechen - und das ist eben die
realitaet dieser geschichtlichen stunde - dass jetzt die
chance besteht, die einheit deutschlands in freiheit zu
vollenden, dass diese chance aber nur gegeben ist bei einer
klaren antwort auch auf die frage auch der westgrenze
polens. dies erwarten nicht nur unsere polnischen
nachbarn, sondern dies erwarten alle laender in europa. dies
erwarten nicht zuletzt unsere freunde und partner, denen
wir es verdanken, dass wir in den vergangenen jahrzehnten
in unserer bundesrepublik in frieden und freiheit leben
konnten - insbesondere die amerikaner, die franzosen und
die briten.
die vier maechte - und das weiss jeder - sind nach wie vor
traeger von rechten und verantwortlichkeiten in bezug auf
berlin und deutschland als ganzes. ob wir es wollen oder
nicht, ob man es anerkennt oder nicht - von ihrer
zustimmung haengt es ab, ob das vereinte deutschland volle
souveraenitaet erlangt. es waere einfach verantwortungslos,
diese tatsache zu ignorieren.
meine damen und herren, deshalb sage ich, dass die
entscheidung der freigewaehlten abgeordneten des deutschen
bundestages und der volkskammer notwendig war. ich
weiss auch - ich sage das noch einmal voller respekt fuer das
ringen von nicht wenigen unserer kollegen in beiden
parlamenten -, dass diese entscheidung manchem schwer
gefallen ist. ich respektiere - auch dies habe ich im bundestag
gesagt - diejenigen, die sich auf grund ihres lebensweges
und auf grund ihrer ueberzeugung nicht zu einem ja
entschliessen konnten.
wir blicken zurueck auf eine lange gemeinsame geschichte,
in der die staedte und doerfer schlesiens, des oestlichen
brandenburg, pommerns, west- und ostpreussens und
anderer landschaften fuer deutsche heimat waren. sie
haben dieser europaeischen kulturlandschaft ihr ganz
unverwechselbares gepraege gegeben.
ich kann ihnen, lieber herr czaja, nur zustimmen: ich finde
es zutiefst bedauerlich, dass nicht wenige in der
wohlstandsgesellschaft unserer bundesrepublik das gefuehl fuer
diese grosse historische leistung verloren haben. sie koennen
versichert sein, dass ich und die von mir gefuehrte regierung
alles menschenmoegliche tun werden, um dieses kulturelle
erbe zu pflegen - mit ihnen gemeinsam.
ich denke daran, dass diese landschaften in glueck und
unglueck, in freude und leid lebensmittelpunkt von vielen
generationen von deutschen waren. millionen von
deutschen haben dort ihre wurzeln. und noch immer leben
dort deutsche familien seite an seite mit ihren polnischen
nachbarn.
im bewusstsein und in den gefuehlen vieler deutscher sind
die landschaften oestlich von oder und neisse, wo sie fuer ihr
leben praegende eindruecke erfahren haben, als heimat
lebendig. dieses ganz urspruengliche gefuehl der
persoenlichen verbundenheit verdient jedermanns achtung und
sympathie.
die 700jaehrige geschichte und kultur des deutschen
ostens ist ein bestandteil des erbes der ganzen deutschen
nation. dies festzuhalten und festzustellen, ist ein gebot
historischer wahrhaftigkeit. uns deutschen liegt viel daran
- und ich sage noch einmal: ich selbst werde mich
persoenlich dafuer einsetzen -, dieses grosse erbe, das deutsche
kulturerbe im osten, zu bewahren und zu pflegen. es ist ein
erbe, das lebendig bleibt, weil es ein unverlierbarer
bestandteil unserer geschichte ist.
ich sagte im bundestag und will es hier wiederholen: noch
in vielen jahren werden sich menschen an den gedichten
eichendorffs erfreuen, und was immanuel kant "zum
ewigen frieden" geschrieben hat - ueber einen foederalismus
freier staaten, ueber die herrschaft des rechts -, bleibt ein
wegweiser in das europa der zukunft.
wahrheit ist ebenso - und auch das darf nicht verschwiegen
werden -, dass die vertreibung der deutschen aus ihrer
angestammten heimat ein grosses unrecht war. es gab
dafuer keine rechtfertigung, weder rechtlich noch moralisch.
niemand sollte von uns deutschen erwarten, dass wir
jahrzehnte danach erklaeren, diese vertreibung sei rechtmaessig
gewesen. ich habe solche zumutungen immer
zurueckgewiesen und werde das auch in zukunft tun.
ich weiss, dass die erfahrung von flucht und vertreibung
noch nach jahrzehnten schmerzt. der tod von
familienangehoerigen und freunden, das zuruecklassen von hab und
gut, von haus und hof war, ist und bleibt ein schweres
schicksal. die betroffenen wuerden ihren schmerz aber noch
staerker empfinden, wenn dieses ihnen angetane unrecht
verharmlost oder verschwiegen wuerde.
ich bin deshalb dankbar, dass in den laendern, um die es hier
geht, neuerdings auch - vielleicht noch nicht, lieber herr
czaja und lieber herr spaeth, in dem masse, wie wir es uns
wuenschen - in polen, die stimmen sich mehren, die das
aussprechen. ich erinnere an aeusserungen des jetzigen
polnischen ministerpraesidenten tadeusz mazowiecki. ich
erinnere an das, was auf dem deutschen katholikentag in berlin
der mit dem kunst- und kulturpreis der deutschen
katholiken ausgezeichnete schriftsteller andrzej szcypiorski
gesagt hat.
ich erinnere an das, was wladyslaw baroszewski,
friedenspreistraeger des deutschen buchhandels, und andere in der
gemeinsamen erklaerung deutscher und polnischer
katholiken zum 1. september 1989 geschrieben haben: "das leid
von millionen deutschen, die aus ihrer heimat vertrieben
wurden, dabei tote zu beklagen hatten und ihr hab und gut
verloren, weckt bei polen und deutschen trauer und
mitgefuehl." die polnischen unterzeichner dieser erklaerung
setzten damit ein sichtbares zeichen der versoehnung zwischen
dem deutschen und dem polnischen volk und gaben damit
ein beispiel, dem - hoffentlich - auch noch andere folgen.

v.
heute sind die gebiete jenseits von oder und neisse
polnischen familien in zweiter und dritter generation zur heimat
geworden. wir wollen nicht, dass krieg und elend, blut und
tod immer wieder aufgerechnet werden.
wir schauen nach vorn, auf die zukunft unserer kinder,
unserer enkel. und dies wird eine zukunft in frieden und
freiheit sein. wir schauen aber vor allem auch auf die junge
polnische generation, die heute in pommern, schlesien und
anderswo lebt, und wir rufen ihr zu: wir wollen frieden, wir
wollen aussoehnung. wir wollen ein freies, wir wollen ein
einiges europa!
mit der vereinigung deutschlands verbindet sich jetzt die
chance fuer eine endgueltige und dauerhafte aussoehnung mit
dem polnischen volk.
(zwischenruf: "nie!")
- meine damen und herren, wenn jemand hier "nie" ruft,
heisst das nur, dass er nicht bereit ist, aus den erfahrungen
der geschichte dieses jahrhunderts zu lernen! ich stelle
fest, vor den augen der deutschen und der internationalen
oeffentlichkeit: das, was wir eben hier gehoert haben, sind
vereinzelte stimmen. das ist nicht die stimme der
deutschen und nicht jene der deutschen heimatvertriebenen!
ich bin mir darueber im klaren, dass deutsche und polen noch
einen weiten, weiten weg vor sich haben. denn jahrzehnte
kommunistischer diktatur in polen - und auch in der ddr -
haben verhindert, dass deutsche und polen mit grossen
schritten aufeinander zugehen konnten. herbert czaja
hat im blick auf die charta gesagt: die antwort steht noch
aus. aber warum soll sie nicht kommen, meine damen
und herren?
wir haben erlebt, dass in den polnischen schulen
jahrzehntelang eine nationalistische, ideologisch verbraemte
propaganda die herzen der jungen generation beeinflusst hat.
aber als einer, der aus dem deutschen suedwesten kommt,
der als kind die zeit nach dem kriegsende noch erlebt
und als schueler mit der politischen arbeit begonnen hat, der
aus der naehe beobachten konnte, wie sich die deutsch-
franzoesische freundschaft entwickelt hat, kann ich nur
fragen: warum soll das, was zwischen deutschen und
franzosen moeglich war, nicht zwischen deutschen und polen
moeglich sein?
meine damen und herren, wir wollen hass und feindschaft
ueberwinden. wir wollen grenzen so offen gestalten, dass wir
in partnerschaft miteinander leben koennen. in freier
begegnung muss sich wechselseitiges verstaendnis entwickeln,
und aus diesem verstaendnis erwaechst vertrauen. heute
ueberqueren junge deutsche und junge franzosen ganz
selbstverstaendlich den rhein - in freundschaft. das ist auch
mein bild von der zukunft im verhaeltnis zu polen.
wir vergessen allzu leicht, dass ein freies und vereintes
deutschland gegenueber polen auch an beste traditionen
anknuepfen kann: die beziehungen zwischen unseren
voelkern waren in der vergangenheit keineswegs nur von
zwietracht, von krieg und von leid gepraegt. es gab lange
perioden des fruchtbaren austausches und harmonischen
miteinanders. auch in schlimmster zeit hat es deutsche
gegeben, die menschlichkeit gegenueber polen geuebt haben
- und umgekehrt.
die erfahrung des gemeinsamen ringens von polen und
deutschen um freiheit moegen von den bitteren
erfahrungen, ja, von den verbrechen dieses jahrhunderts zum teil
verschuettet worden sein. aber sie sind doch in wahrheit
nicht verloren. es gilt, sie in unserem gedaechtnis, im
gedaechtnis beider voelker zu neuem leben zu erwecken.
wir duerfen - und ich kann das nur beschwoerend sagen -
nicht zu gefangenen einer sichtweise werden, die nur die
dunklen seiten der vergangenheit und damit nur die halbe
wahrheit zur kenntnis nimmt. wahrhaftigkeit ist oberstes
gebot, wenn aussoehnung zwischen voelkern gelingen soll.

das heisst: dass die wahrheit ueber das, was geschehen ist,
auf beiden seiten offen ausgesprochen wird.
eine wirkliche verstaendigung zwischen deutschen und
polen darf auch auf gar keinen fall einzelne oder gar
gruppen ausschliessen. sie muss, wenn sie erfolgreich sein
will, die deutschen heimatvertriebenen einbeziehen. wer
koennte mehr fuer wirkliche verstaendigung und aussoehnung
tun als die deutschen heimatvertriebenen oder jene
deutschen - und ich nenne sie bewusst in diesem
zusammenhang -, die noch jenseits von oder und neisse ihre
heimat haben, sowie deren polnische nachbarn? gerade diese
einzelnen und diese gruppen koennen mittler werden zwischen
den voelkern und kulturen. das ist ihr historischer auftrag.
vaclav havel, der praesident der csfr, hat seine noble
einstellung zu dieser frage im maerz dieses jahres mit
worten zum ausdruck gebracht, die ich hier zitieren moechte.
er sagte: "wir koennen die geschichte nicht umkehren, und
so bleibt uns neben der freien erforschung der wahrheit nur
das eine: immer wieder freundschaftlich die zu begruessen,
die mit frieden in der seele hierherkommen, um sich vor
den graebern ihrer vorfahren zu verneigen . . ."
der politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche wandel
in mittel-, ost- und suedosteuropa stellt uns alle vor enorme
herausforderungen. es ist ein sieg fuer die ideale von
freiheit, menschenrechten und selbstbestimmung. aber wir
duerfen gerade jetzt nicht die augen davor verschliessen, dass
die alten daemonen des chauvinismus und der
fremdenfeindlichkeit ueberall in europa zu neuem leben erwachen.
deutsche und polen - dessen bin ich gewiss - koennen durch
neue formen grenzueberschreitender zusammenarbeit
beweisen, dass ein friedliches zusammenleben der voelker
mit ihren minderheiten eben keine utopie ist. hier liegt eine
chance, hier liegt eine quelle wechselseitiger bereicherung,
die es zu erschliessen gilt. der schutz von ethnischen
und anderen minderheiten durch das recht ist immer auch
ein zeichen der politischen reife und der politischen kultur
eines landes.
gemeinsam muss es uns darum gehen, in den gebieten
jenseits von oder und neisse ein modell friedlichen
zusammenlebens in europa zu gestalten. wir koennen dort, wenn
wir wollen, gemeinsam zeichen setzen, wie in einem europa
der vielfalt die verschiedenen voelker und kulturen
eintraechtig zusammenleben.
dazu gehoert die bereitschaft zur toleranz, die achtung auch
vor jenem naechsten, der eine andere sprache spricht -
worauf er doch ein ganz selbstverstaendliches recht hat.
dazu gehoert unverzichtbar ebenso der schutz der
minderheitenrechte. mit der unterzeichnung der gemeinsamen
erklaerung anlaesslich meines besuches in polen im
november 1989 haben wir hierbei erste fortschritte erzielt. es
geht jetzt darum, diese vereinbarungen in die praxis
umzusetzen - tag fuer tag.
wir haben einen text unterschrieben, der da lautet: "beide
seiten ermoeglichen es personen und
bevoelkerungsgruppen, die deutscher beziehungsweise polnischer
abstammung sind oder die sich zu sprache, kultur oder tradition
der anderen seite bekennen, ihre kulturelle identitaet zu
wahren und zu entfalten."
fuer mich ist dies nicht ein beliebiger text - es geht hier um
eine wesentliche voraussetzung dafuer, dass es zu einem
wirklichen, friedlich-freundschaftlichen ausgleich zwischen
unseren voelkern kommt. ich weiss, es bleibt noch viel zu tun.

ich kenne die botschaften, die jene mitbringen, die in den
vergangenen wochen und monaten vor ort in polen waren.
es ist noch viel zu tun, damit die menschen, die dort leben,
ihre kultur, ihr brauchtum, ihre tradition pflegen koennen,
damit sie sich, wann immer sie es wollen, in der sprache
ihrer eltern ausdruecken koennen, auch im gottesdienst. das
ist ja nicht eine frage, die nur den staat etwas angeht. ich
darf als katholik hier einmal sagen, dass es sich auch um
eine frage an meine eigene kirche diesseits und jenseits
der grenze handelt.
wir haben in der gemeinsamen erklaerung auch
geschrieben: "beide seiten" - das heisst polen und deutsche -
"sind zutiefst ueberzeugt, dass eine schluesselrolle fuer ein
vertrauensvolles miteinander beider voelker und fuer eine
friedliche zukunft europas dem engagement der jungen generation
zukommt."
meine damen und herren, es ist mein wunsch, dass wir aus
diesem geist die zukunft gestalten. freundschaft zwischen
deutschen und franzosen ist die voraussetzung gewesen
fuer den aufbau der europaeischen gemeinschaft. ohne
aussoehnung und eine wirkliche partnerschaft zwischen
deutschen und polen wird sich die einigung europas ueber den
kreis der zwoelf hinaus nicht vollenden lassen.
ich wuensche mir, dass in polen und bei uns in deutschland
schon bald die voraussetzungen geschaffen werden, die
zukunft eines deutsch-polnischen miteinanders im vereinten
europa in einem umfassenden vertrag ueber
gutnachbarliche und freundschaftliche beziehungen besiegeln zu
koennen. es ist mein wille, dass dies bereits im jahre
1991 geschieht. es waere zuwenig - und es ist nicht unsere
politik -, nur ueber die grenze zu reden und sie zu fixieren,
zugleich jedoch die anderen themen, von denen ich soeben
sprach, als nebensaechlich beiseite zu schieben.
es geht um mehr: es geht um neue und wegweisende
formen der zusammenarbeit unter einem europaeischen
dach. ich habe vor wenigen wochen ministerpraesident
mazowiecki anlaesslich unseres treffens in budapest gesagt:
"gehen sie bitte davon aus," - in der zwischenzeit ist das ja
auch zwischen praesident gorbatschow und mir verabredet
worden - "dass wir bis mitte 1991 einen umfassenden
vertrag zwischen der sowjetunion und dem dann
wiedervereinten deutschland haben werden. ich rate den deutschen
und den polen," - so sagte ich ministerpraesident mazowiecki -
"nicht zuletzt im blick auf geschichtliche erfahrungen, einen
vergleichbaren deutsch-polnischen vertrag vor einem
deutsch-sowjetischen vertrag abzuschliessen."
ich will hier klar zum ausdruck bringen - vor dem forum der
oeffentlichkeit -, dass wir dazu bereit sind. lieber herr czaja,
sie sollen wissen: hier wird - wenn es nach mir geht - nichts
auf die lange bank geschoben. wir muessen faehig sein,
jetzt einen neuen anfang zu setzen fuer einen langen weg.
wenn sich robert schuman und konrad adenauer nicht
1950 auf den weg gemacht haetten, dann haette es 1963 nicht
den elysee-vertrag gegeben.
meine damen und herren, zu den grossen aufgaben der
zukunft wird es dann auch gehoeren, dass der wirtschaftliche
wandel in polen auf dem weg zu einer sozialverpflichteten
marktwirtschaft von uns unterstuetzt wird.
(zwischenrufe)
- meine damen und herren, hoeren sie doch bitte erst einmal
zu: wer wirklich fuer frieden ist, muss das wollen. denn es
kann doch nicht unsere politik sein, dass an dieser grenze
ein unvertretbares wohlstandsgefaelle entsteht! es muss
doch unser interesse sein, dass dort ein miteinander im
sinne einer europaeischen regionalpolitik moeglich ist
- lothar spaeth sprach eben davon -, so wie wir das doch in
einer noch vor wenigen jahrzehnten unvorstellbaren weise
im sueden, westen und norden deutschlands praktizieren:
zum beispiel in der bodenseeregion zwischen oesterreich,
der schweiz und auf deutscher seite dem lande
badenwuerttemberg, oder zwischen baden und dem elsass, oder
zwischen dem saarland, luxemburg und lothringen, oder
zwischen schleswig-holstein und dem benachbarten
daenemark. das muss das ziel unserer politik auch im blick auf
unsere nachbarn im osten sein.
wenn wir ausschliesslich zurueckblicken, werden wir keine
gemeinsame zukunft gewinnen. aber ebenso gilt der satz:
ein volk, das seine geschichte nicht kennt, begreift die
gegenwart nicht und kann die zukunft nicht gestalten. das
alles, meine damen und herren, bedeutet, dass auf uns alle
- nicht zuletzt auch auf jene menschen in unserem land, die
selbst das schlimme schicksal von vertreibung und flucht
noch erfahren haben oder die als kinder oder enkel von
vertriebenen und fluechtlingen hier bei uns aufgewachsen
sind - eine neue aufgabe zukommt.
ich sagte im laufe meiner ausfuehrungen: das 20.
jahrhundert hat not, elend, tod und traenen im uebermass
gebracht. mit dem jahr 1990 sind wir nun ins letzte jahrzehnt
dieses jahrhunderts eingetreten. ich selbst empfinde es in
diesem augenblick als meine pflicht, ich empfinde es als
pflicht meiner generation, den jetzt moeglichen beitrag
zum frieden, zum miteinander, zum ausgleich in europa
zu leisten.
ich sage das als jemand, der 1930 geboren ist, der drei
jahre alt war, als die ns-zeit begann, und fuenfzehn, als der
zweite weltkrieg endete. wie die anderen angehoerigen
meiner generation war ich alt genug, um not, leid und
unrecht schon wahrzunehmen, aber zu jung, um selbst in
schuld verstrickt zu werden. genau das meinte ich, als ich
einmal von der "gnade der spaeten geburt" sprach: es geht
um eine besondere verpflichtung - den durch eigenes
erleben beglaubigten auftrag, immer und ueberall fuer das recht,
die freiheit und den frieden einzutreten.
ich weiss, dass nach allem, was geschehen ist, es vielen von
denen, die vertreibung und flucht persoenlich erleiden
mussten, schwerfaellt, an die moeglichkeit einer aussoehnung zu
glauben. aber ich frage sie alle ganz einfach: was waere
denn die alternative zu einer solchen politik? die alternative
kann doch nicht sein, dass wir so weitermachen wie bisher in
diesem jahrhundert - so, wie wir im zeitalter des
nationalismus miteinander umgegangen sind. die alternative muss
doch sein ein aufbruch zu einem neuen ufer: zu frieden, zu
gemeinsamer freiheit und sozialer gerechtigkeit.
ich habe vorhin gesagt: von deutschem boden muessen
frieden und freiheit ausgehen. alle unsere nachbarn sollen
wissen: das vereinte deutschland wird seiner neuen
verantwortung gerecht werden im geiste der offenheit und des
europaeischen miteinanders.
bei allem, was sie an bitterkeit, vor allem in der grenzfrage,
empfinden - wofuer ich verstaendnis habe -, bitte ich jeden
von ihnen sehr herzlich, auf diesem weg mitzugehen. es
geht um die chance der deutschen, und zwar aller
deutschen, es geht um die chance der europaeer - es ist unsere
chance, wenn wir nur wollen.