- Bulletin 24-92
- 4. März 1992
ueber gute nachbarschaft und freundschaftliche zusammenarbeit
erklaerungen vor der presse
bundeskanzler dr. helmut kohl gab auf einer gemeinsamen
pressekonferenz mit praesident havel am 27. februar 1992 in
prag folgende einleitende erklaerung ab:
herr praesident,
meine damen und herren!
sie alle waren ja gerade zeugen, wie wir den vertrag ueber gute
nachbarschaft und freundschaftliche beziehungen unterzeichnet
haben. ich hatte heute frueh die gelegenheit, in einem
intensiven und langen gespraech mit ihnen, herr praesident, auf
schloss lany unsere gemeinsamen ueberlegungen auszutauschen.
ich kann aehnliches berichten von dem zusammentreffen
mit dem ministerpraesidenten calfa und den damen und herren
seiner begleitung.
der wichtigste grund fuer meinen besuch heute und morgen hier
in der csfr ist die unterzeichnung dieses vertrages. und der
sinn dieses vertrages ist, dass wir gemeinsam die zukunft
gestalten, aber dabei keineswegs und zu keinem zeitpunkt die
vergangenheit und die geschichte verkennen.
wir haben in diesen zwei jahren erlebt, wie sich die csfr fuer
die zusammenarbeit nach europa, mit den europaeischen
institutionen geoeffnet hat. sie haben damals gesagt, herr
praesident: auch wir - gemeint war die csfr - wollen nach europa
zurueckkehren.
ich will ihnen hier noch einmal versichern, dass die bundesrepublik
deutschland und die bundesregierung und nicht zuletzt ich
selbst sie auf diesem weg voll unterstuetzen werden. wir
wuenschen, dass sie zu einem zeitpunkt, den selbstverstaendlich
sie entscheiden, auch durch die gestaltung der politik und durch
die wirtschaftliche entwicklung, zur europaeischen
gemeinschaft kommen und zur europaeischen union.
und wir wuenschen vor allem auch, dass in jener uebergangzeit
die assoziierung voll genutzt wird. wir haben uns ja im artikel
10 des vertrages, den wir gerade unterschrieben haben, auch in
diesem sinne verpflichtet.
unsere heutigen gespraeche haben gezeigt, dass wir voellig darin
uebereinstimmen, dass wir jetzt einen neuen anfang machen
wollen und auf der grundlage des vertrages darangehen, die
zusammenarbeit auszubauen. wir waren uns dabei ehrlicherweise
auch voellig einig, dass es offene fragen zwischen unseren
laendern gibt, die wir weder verdraengen wollen noch koennen.
aber es gilt jetzt, auf beiden seiten alles zu tun, damit das, was
an gemeinsamkeit im vertrag zum ausdruck kommt, vor allem
in den vordergrund tritt.
ich bin mir, herr praesident, durchaus darueber im klaren,
welchen weg ihr land bei der umstellung in ein freiheitliches
system, vor allem auch in eine marktwirtschaftliche ordnung,
zurueckzulegen hat. wir erleben das ja in unserem land, in
deutschland, bei der umstellung in den neuen bundeslaendern,
wobei wir aus der alten bundesrepublik viele anstoesse geben
koennen und auch geben.
aber es ist im gemeinsamen interesse der europaeer, dass die
csfr ihren weg in diese zukunft entschlossen geht, dass der
ausbau der beziehungen ueberall intensiviert wird. ich will noch
einmal hinweisen auf den ausbau der benachbarten regionen.
mit einem wort: ich bin ganz sicher, dass wir uns auf einem
guten weg befinden.
ich weiss auch - und wir waren ja heute zeuge solcher
proteste -, dass nicht alle das jetzt schon begreifen. auch das
gehoert zur erfahrung der geschichte. und ein volk, das sich
seiner geschichte stellt, wird immer reaktionen erfahren.
aber lassen sie mich das zum schluss sagen: ich habe in meiner
engeren heimat erlebt - ich komme aus der pfalz - das ist die
region an der deutsch-franzoesischen grenze -, was es heisst,
dass aus einer erbfeindschaft, die ueber 300 jahre immer wieder
hervorgehoben wurde, eine freundschaft der voelker werden
konnte.
man muss nur an einem tag und in einer zeit den mut haben,
damit zu beginnen. wir wollen dies, weil wir wissen: dies ist die
herausforderung am ende dieses jahrhunderts.
und wer die schicksale der einzelnen von uns betrachtet, auch
den persoenlichen lebensweg, der weiss: es gibt in wahrheit
keine alternative zu einer solchen politik.
und deswegen bekenne ich mich als bundeskanzler der
bundesrepublik deutschland fuer die bundesregierung und fuer meine
mitbuergerinnen und mitbuerger gerade auch hier in der burg und
in diesem saal zu diesem weg in die zukunft. und ich bin ganz
sicher: es ist ein guter weg.
der praesident der tschechischen und slowakischen foederativen
republik, vaclav havel, gab nachstehende einleitende
erklaerung ab:
ich wuerde gern dem herrn bundeskanzler fuer das danken, was
er jetzt gesagt hat, und auch fuer das, was er unmittelbar nach
der unterzeichnung unseres vertrags zum ausdruck brachte. aus
diesen freundlichen erklaerungen sowie auch aus unseren
umfangreichen gespraechen ergibt sich ganz eindeutig, dass beide
seiten diesen augenblick als einen wahrlich historischen
augenblick betrachten, als einen augenblick, in dem wir die
grundlagen fuer die zukuenftigen gutnachbarlichen beziehungen
zwischen unseren voelkern legen, als einen augenblick, in dem wir
die zukunft gestalten, die voraussetzungen gestalten fuer eine
schnelle eingliederung unseres landes, der tschechoslowakei,
in die familie der europaeischen voelker.
wenn wir in die zukunft blicken und wenn die zukuenftige
zusammenarbeit der hauptgegenstand unseres vertrags ist,
dann koennen wir auch die vergangenheit nicht voellig beiseite
lassen. wir haben versucht, in der praeambel zu diesem vertrag
unseren gemeinsamen willen, unseren festen willen zum
ausdruck zu bringen, auch die duesteren aspekte unserer
gemeinsamen geschichte nicht zu meiden, sondern zu versuchen,
ihnen die stirn zu bieten und sie wahrheitsgetreu zu reflektieren.
das ist kein einfacher prozess, kein leichter prozess,
insbesondere nachdem jahrzehntelang die geschichte entstellt
worden ist, nachdem man verschiedene vorurteile und dogmen,
verschiedene tabus aufgebaut hat, wo man kurzum die geschichte
entstellt hat.
aber ein grundlegender wille zur reflexion der geschichte ist
eine natuerliche voraussetzung fuer die arbeit an dieser besseren
zukunft. rundum: bei verschiedenen dingen, die mit unserer
gemeinsamen geschichte auch in der nicht allzufernen
vergangenheit lose zusammenhaengen, sind auf beiden seiten, in
beiden laendern ziemlich viele fragezeichen aufgetaucht. und
diese fragezeichen haben eine etwas angespannte atmosphaere im
zusammenhang mit der unterzeichnung dieses vertrags
herbeigefuehrt.
aber ich bin zutiefst davon ueberzeugt, dass in ein paar monaten,
in ein paar jahren dies ueberhaupt keine rolle spielen wird. und
alle werden froh sein, dass man diesen vertrag unterzeichnet
hat, weil sie sich die konkreten allgegenwaertigen fruechte der
arbeit vor augen fuehren werden, die aus diesem willen zur
gemeinsamen zusammenarbeit von zwei demokratischen
laendern entstanden sind, um bei der gestaltung eines neuen
europa zusammenzuarbeiten.
wir haben mit dem herrn bundeskanzler heute ein langes
gespraech gehabt. es war nicht unser erstes gespraech. wir
haben uns schon mehrmals getroffen und haben ueber unsere
gemeinsamen beziehungen gesprochen. und wir haben keine
fragen ausgelassen. auch die, die am haeufigsten diskutiert,
standen auf unserem programm. und wir sind uebereingekommen,
dass man verschiedene probleme loesen kann, auch solche,
die vielleicht in diesem moment unloesbar erscheinen moegen.
man kann sie in einer atmosphaere des verstaendnisses, der
ruhe, des respekts vor unserem partner, in einer atmosphaere des
vertrauens loesen. man kann sie also nicht in einer
konfrontationsatmosphaere loesen.
die vorbereitung des vertrags hat lange zeit in anspruch
genommen. sie war nicht einfach. und beide seiten haben
versucht, so gut sie es konnten, die legitimen interessen ihrer
voelker zu verteidigen, ihre gute zukunft zu sichern. aber dieser
vertrag ist nichtsdestoweniger ein ergebnis unserer
gemeinsamen arbeit, es ist ein werk beider seiten. und es ist also
das, worauf wir uns in diesem augenblick einigen konnten. es ist ein
perspektivischer vertrag, der meiner festen ueberzeugung nach
allen unseren buergern zum vorteil dienen wird.
in der praeambel dieses vertrags wurde durch beide seiten ganz
klar gesagt, dass die verschiedenen ungerechtigkeiten und das
leid, mit dem unsere geschichte angefuellt ist, nie mehr dadurch
korrigiert werden duerfen, indem man neues unrecht veruebt und
neue ungerechtigkeiten zulaesst.
ich glaube, dass der heutige tag in der tat ein wichtiger tag ist,
denn zwei voelker, die im herzen europas leben, das grosse
vereinte deutschland und die tschechoslowakei, zwei voelker,
zwei staaten, die eine ausserordentlich lange gemeinsame
grenze besitzen und auch auf eine ausserordentlich lange
gemeinsame geschichte zurueckblicken koennen, finden den weg
zu einem weiteren guten zusammenleben.
ich sehe darin einen gewissen baustein fuer die kuenftige
friedliche, sichere demokratische gestaltung europas. hier an diesen
orten wurde sehr haeufig europaeische geschichte verknuepft und
wieder entknuepft. und jetzt hoffe ich, geschieht dies in einer
guten richtung.