- Bulletin 84-95
- 24. Oktober 1995
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Professor Dr. Dr.
Annemarie Schimmel am 15. Oktober 1995 in der Paulskirche zu
Frankfurt am Main folgende Laudatio:
Daß die diesjährige Verleihung des Friedenspreises des Deutschen
Buchhandels von heftigen Kontroversen begleitet wird, bedarf keiner
besonderen Betonung; es ist vor aller Augen. Aber schon der Verlauf
der Diskussion, die es dieserhalb gegeben hat, stimmt mich
hoffnungsvoll. Nach einem Anfang, der wahrlich kein Ruhmesblatt war,
hat sich eine Debatte entwickelt, die in mehr als einer Beziehung zur
Vertiefung des Verständnisses beigetragen hat. Sie hat, wenn ich recht
sehe, die sonst üblichen Frontverläufe überwunden. Sie hat uns -
sowohl unter den Befürwortern als auch unter den Gegnern der
heutigen Preisträgerin - ins Gedächtnis gerufen, daß political
correctness keine legitime Schranke der verfassungsrechtlich
verbürgten Meinungsfreiheit sein kann. Sie hat Gelehrte aus ihren
Studierstuben getrieben und zu öffentlicher Stellungnahme veranlaßt.
Sie hat schon heute zu der Erkenntnis geführt, daß eine vertiefte und
differenzierende Beschäftigung mit dem Islam für uns aus außen- wie
aus innenpolitischen Gründen lebensnotwendig ist. Und sie hat
schließlich auch schon die ersten Früchte der Wissensvermittlung
getragen; wer von uns hätte vor dem Streit um Annemarie Schimmel
wirklich sagen können, was Sufismus ist oder - noch wichtiger - nach
welchen Gesichtspunkten man eine Fatwa zu beurteilen hat? Der
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels steht in der Tradition der
Aufklärung und er dient, wie schon sein Name sagt, dem Frieden - dem
Frieden zwischen den Menschen, zwischen den Völkern und gewiß
auch zwischen den großen Kreisen kultureller und geistiger Tradition,
die es auf dieser Welt stets gegeben hat, die in letzter Zeit jedoch in
erstaunlicher, ja dramatischer Weise neue Konturen und neues
Selbstbewußtsein gewonnen haben. Daß der Islam für uns eine aktuelle
Herausforderung ist, merken wir schon in unserer Nachbarschaft. Und
das Judentum begleitet uns seit einem vollen Jahrtausend, im guten wie
im bösen. Aber daneben gibt es auch andere Religionen und Kulturen,
die in hunderten Millionen Köpfen und Herzen wirksam sind und sich
ebenfalls auf sich besinnen: den Buddhismus, den Hinduismus und den
Konfuzianismus, um nur die größten zu nennen. Es mag ja sein, daß die
Gemeinsamkeiten aus Naturwissenschaft, Technik und globaler
Information, aus weltweiter wirtschaftlicher Verflechtung und vielleicht
sogar aus neu entstehenden Sicherheitsstrukturen uns davor
bewahren, daß jene leichtfertigen Prophezeiungen sich erfüllen, die
heute schon einen "clash of civilizations" voraussagen, einen globalen
Kulturkampf. Aber ein friedliches, menschenwürdiges Miteinander
verlangt mehr. Es verlangt erstens ein leidenschaftliches Bemühen
darum, daß die Grenzen zwischen den Kulturen nicht auf Dauer
zugleich Grenzen zwischen Armut und Reichtum bleiben oder werden;
deshalb plädiere ich, wo immer es geht, für freie Märkte, für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und - im Interesse der Ärmsten - für
Entwicklungshilfe. Und es verlangt zweitens das nicht erlahmende
Bemühen, Gemeinsamkeiten, die vorhanden, aber verschüttet sind, ans
Tageslicht zu fördern und zu stärken, und für Ideen, die nach aller
Erfahrung Frieden stiften, zu werben und - wo nötig - auch zu kämpfen.
Sie verstehen gewiß, was ich mit den letzten Worten meine: Ich spreche
vom Kampf, aber auch vom unermüdlichen und unverdrossenen
Werben für die Menschenrechte, auf die sich die Weltgemeinschaft ja
schließlich einmal verständigt hat. Vergessen wir dabei nicht, daß sich
diese Rechte auch bei uns erst verhältnismäßig spät, in mühsamen
kleinen Schritten und mit immer wieder neuen, entsetzlichen Rückfällen
entwickelt haben. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt es auch bei
uns noch eine erhebliche Kluft - ich erinnere nur an die Rechte der
Frauen. Dennoch: Die Menschenrechte sind aber nach unserem
heutigen Wissen die überzeugendste Idee, die Frieden zwischen
Menschen, Völkern und Staaten und schließlich auch zwischen Kulturen
zu schaffen imstande ist. Nur, alles das setzt voraus, daß die Völker
und Kulturen mehr übereinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen
gibt es kein gegenseitiges Verständnis, ohne Verständnis gibt es keinen
gegenseitigen Respekt und kein Vertrauen, und ohne Vertrauen gibt es
keinen Frieden, sondern wirklich nur die Gefahr des Zusammenpralls.
Unendlich viele, zum Teil höchst verschiedene Leistungen sind also
nötig, wenn Frieden werden und vor allem bewahrt werden soll. Und
jede ist preiswürdig, wenn sie nur groß genug ist. Manche haben
gesagt: Wir schätzen ja Frau Schimmel als Wissenschaftlerin, aber
warum soll eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur, mit alten
Schriften, einen Friedenspreis verdient haben? Ich sage dazu: In der
dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte waren es nicht zuletzt
englische, amerikanische und russische Literaturwissenschaftler und
Germanisten, die auf ihre Weise ein anderes, und wie wir heute sagen
würden, gültigeres Verständnis von deutscher Kultur weitergegeben
haben, als das offizielle Deutschland es damals präsentiert hat. Nicht
zuletzt diese entsagungsvolle Arbeit - damals sicher auch "unpolitisch"
- war es, die ihren spezifischen Beitrag geleistet hat zum späteren
Frieden und zur Versöhnung. Niemand, der damals in Oxford oder
Harvard Verse aus "Don Carlos" oder "Egmont" interpretiert hat, hat
damit den deutschen Totalitarismus legitimiert. Gerade die Tatsache,
daß es hier um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht,
sollte uns auch die friedens- und versöhnungsstiftende Arbeit schätzen
lassen, die in der Beschäftigung mit Literatur und Geistesleben
bestehen kann. In unserem Verhältnis zum Islam erweist sich das
gegenwärtig sehr deutlich. Man wird der deutschen Öffentlichkeit wohl
kaum Unrecht tun, wenn man behauptet, daß zu viele bei der Nennung
des Wortes "Islam" vor allem Begriffe wie "inhumanes Strafrecht",
"religiöse Intoleranz", "Unterdrückung der Frau" und "aggressiver
Fundamentalismus" assoziieren. Aber das ist eine Verengung, die wir
korrigieren müssen. Erinnern wir uns nur einmal daran, daß es vor
sechs- oder siebenhundert Jahren eine große islamische Aufklärung
gegeben hat, die dem Westen beträchtliche Teile des antiken Wissens
erhalten hat und die sich ihrerseits einem abendländischen Denken
konfrontiert sah, das sie als ziemlich fundamentalistisch und intolerant
empfunden haben muß. Anderes kommt hinzu: etwa die von Annemarie
Schimmel so sehr betonte Existenz sufistischer Geistesströmungen im
islamischen Denken, die dieses viel differenzierter erscheinen lassen als
die allbekannte Unterscheidung zwischen Sunna und Schia. Und
endlich sollten wir zur Kenntnis nehmen, daß die islamische Welt - ganz
ähnlich wie die unsere - kein monolithischer Block und schon gar kein
fundamentalistischer Block ist. So ist zum Beispiel der indonesische
Islam etwas ganz anderes als der iranische Islam, und immerhin ist
Indonesien heute das größte islamische Land. Haben wir, ein weiteres
Beispiel, zur Kenntnis genommen, daß die Staatspräsidenten der sechs
turksprachigen Länder, die vor kurzem die gemeinsamen Prinzipien
ihrer Politik öffentlich formuliert haben, zu diesen Prinzipien auch den
Säkularismus gezählt haben? Verstehen wir - was Frau Schimmel uns
immer wieder gezeigt hat -, daß viele Dinge, die wir ebenso wie die
meisten Muslime dem Islam zurechnen, jedenfalls nicht im Koran
niedergelegt sind? Man wird immer verschiedener Meinung darüber sein
müssen, was das für unsere Einstellung zum Islam bedeutet. Daß es
uns aber ein klareres und vor allem gerechteres Bild gibt und daß es
ernsthafte Gespräche zwischen den Kulturen erleichtert, das sollte
doch niemand bestreiten. Und ich wiederhole: Das wird nicht nur unser
Auge für die weltpolitische Bedeutung des Islam schärfen, sondern es
ist auch für unser Verhältnis zu den Muslimen entscheidend, die in
unserem Land leben. Wahrscheinlich ist sogar der Begriff
"Fundamentalismus", der uns so leicht über die Lippen geht, so
zweideutig, daß er schon wieder irreführend ist. Wer heute
"Fundamentalismus" sagt, der verbindet damit meist - und nicht zu
Unrecht - die Vorstellung von Demütigung der Frauen, von
unmenschlichen Strafen für Diebe und Ehebrecherinnen, von
Anschlägen gegen mißliebige Schriftsteller und Journalisten. In
Wahrheit ist das, was wir landläufig als Fundamentalismus bezeichnen,
jedoch nichts anderes als die politische Instrumentalisierung religiöser
Gefühle, der blanke Griff zur totalitären Macht. Dieser Mißbrauch der
Religion droht besonders dort, wo soziale Not und Rechtlosigkeit den
Nährboden für die Manipulation der Massen bieten. Ich wiederhole hier,
was ich schon an anderer Stelle gesagt habe: Das sind Erscheinungen,
die wir unter gar keinen Umständen akzeptieren können und die wir
weder aus außenpolitischen Rücksichtnahmen noch aus einem
schwächlichen Werterelativismus tolerieren können. Wenn wir in einen
Dialog mit anderen eintreten, bringen wir einige Essentials mit, die nicht
verhandelbar sind. Dazu gehört die Freiheit der Rede und dazu gehört
vor allem, daß niemand wegen seiner Überzeugung zu Schaden
gebracht werden darf. Eine lange, oft blutige und grausame Geschichte
hat uns Europäer gelehrt, daß diese Rechte niemals mehr zur
Disposition stehen dürfen. Deswegen kann hier niemand
Todesdrohungen für ein Buch akzeptieren. Wer diesem Satz nur eine
partikuläre, westliche Überzeugung zuschreiben will, die sich zu
Unrecht universale Geltung anmaße, dem sage ich: Einen Dialog gibt es
nur, wenn niemand befürchten muß, wegen einer Äußerung
gefangengenommen, gefoltert oder ermordet zu werden. Diese
Spielregel ist weder westlich noch östlich noch sonst irgendwie
geographisch relativierbar. Sie ist die begriffliche Grundvoraussetzung
für ein Gespräch überhaupt. Und damit niemand denkt, ich meine das
nur abstrakt und allgemein, will ich es ganz konkret sagen: Wer immer
Salman Rushdie oder wen auch immer wegen eines literarischen Textes
mit dem Tode bedroht, der muß in uns einen unnachgiebigen Gegner
sehen. Wer mit Tod und Folter bedroht wird, dem stehen wir zur Seite.
Deshalb fordere ich von hier aus die Männer, die für die Morddrohungen
gegen Schriftsteller wie Salman Rushdie verantwortlich sind, zu einer
ehrlichen, verläßlichen Rücknahme dieser Drohungen auf, vor allem
aber zur Aufhebung des unseligen Kopfgeldversprechens. Klar muß
aber ebenso sein, daß unter uns auch der Hinweis auf die
Erschütterung vieler frommer Muslime über etwas, was sie als
Gotteslästerung empfinden, nicht verboten sein kann. Hier liegt genau
der Grund für meine Vermutung, daß wir unter uns, wenn wir von
Fundamentalismus sprechen, nicht entfernt darüber einig sind, was wir
damit meinen. Geht es nur um die Übergriffe, die ich vorher mit
Beispielen umschrieben habe, die nach unserer eigenen geschichtlichen
Erfahrung kommune Menschenrechtsverletzungen sind und die wir
daher - ganz einfach und ohne jede weitere Diskussion - als
schwerkriminelles Unrecht bezeichnen und behandeln müssen, geht es
nur um diese Übergriffe, so ist die Sache verhältnismäßig einfach, und
es bleibt "lediglich" die Frage, welche Folgerungen wir daraus für unser
außenpolitisches Verhalten zu ziehen haben. Protest, politische
Sanktionen oder geduldiges aber unmißverständliches Werben für
unsere Standpunkte? Und ich finde, jeder dieser Wege hat seine
Berechtigung. Wir müssen aber stets prüfen, welcher von ihnen in
einer konkreten Situation am weitesten führt. Es gibt hier aber
möglicherweise noch eine tiefere Schicht des Empfindens. Ich habe
schon von der islamischen Aufklärung gesprochen, die in unserem
christlichen Kulturkreis wahrscheinlich auf Gegenpositionen gestoßen
ist, die wir heute selbst als - christlichen - Fundamentalismus
bezeichnen würden. Ist es nicht denkbar, daß sich die Fronten seither
verkehrt haben? Daß wir uns mit dem Islam so schwer tun, weil er oft
auf einer tiefen Volksfrömmigkeit beruht, während wir selbst in einer
weitgehend säkularisierten Welt leben? Und wie leben wir dann, wenn
ich recht haben sollte, mit diesem Dissens? Wollen wir fromme Muslime
allen Ernstes mit den gewalttätigen Fundamentalisten identifizieren, nur
weil wir selbst für die Verspottung religiöser Gefühle anderer kein
rechtes Gefühl mehr haben oder zumindest kein rechtes Gefühl mehr
zeigen? Von Werterelativismus unsererseits halte ich in diesem
Zusammenhang gar nichts. Pluralität und Toleranz sind gewiß wichtige
Dinge, auf die ich unter keinen Umständen verzichten möchte. Wenn sie
aber funktionieren sollen, müssen sie realistisch und ehrlich sein, und
das heißt: man muß einerseits die Positionen des anderen kennen und
verstehen und man muß andererseits einen eigenen Standpunkt haben,
um den des anderen überhaupt tolerieren zu können. Werterelativismus
allein führt zur Standpunktlosigkeit und nicht zur Toleranz. Für uns, ich
wiederhole es, sind die Menschenrechte unverzichtbar: die Würde des
einzelnen Menschen, die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens,
das Verbot von Folter und körperlichen Strafen, die persönliche
Freiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Freiheit des
Denkens, der Religion und der weltanschaulichen Überzeugung; ich will
die Reihe hier nicht vollständig aufzählen. Hier können wir unsere
Überzeugungen, die aus schlimmen geschichtlichen Erfahrungen
gewonnen und gefestigt sind, nicht um ein Jota relativieren. Aber: Jede
weltweite Debatte über die Menschenrechte zeigt zugleich, daß wir im
Diskurs zwischen den Kulturen mit Bekenntnis und Protest allein nicht
auskommen werden. Eine jahrzehntelange Erfahrung sagt mir, daß wir
beim Werben für unsere Standpunkte viel weiter gehen müssen als nur
zu Bekenntnis und Protest, und hier ist wieder die Kenntnis, das
Wissen über unsere Gesprächspartner gefragt. In allen Ideensystemen,
die uns auf dieser Welt begegnen, gibt es Gedanken und Grundsätze,
die miteinander übereinstimmen oder zumindest miteinander verwandt
sind - auch wenn ihre innersten Begründungen vielleicht weit
voneinander abweichen. Es ist nicht besonders originell, hier immer
gleich die "Goldene Regel" zu erwähnen, die wir mit einem deutschen
Sprichwort so umschreiben: "Was du nicht willst, das man dir tu, das
füg" auch keinem andern zu!", und die es in allen Kulturen der Welt
gibt. Aber wenn es gelänge, diese Goldene Regel nur halbwegs zur
Maxime praktischer Politik zu machen - was wäre schon das für ein
Ansatz für internationalen Frieden und nicht minder für die Rechte des
Individuums. Und das ist nicht der einzige Ansatz, von dem man hier
ausgehen könnte. Ein Symposium, das vor einigen Wochen mit
Wissenschaftlern und Philosophen aus aller Welt und allen Kulturen an
meinem Berliner Amtssitz stattgefunden hat, läßt mich an noch ganz
andere geistige Ressourcen denken. Zusammen mit gemeinsamen
wirtschaftlichen Interessen auf offenen Märkten, zusammen mit den
Erkenntnissen, die die Naturwissenschaften auf der ganzen Welt gleich
vermitteln, und mit den modernen, weltweiten
Informationsmöglichkeiten könnte etwas daraus werden, was uns den
globalen Kulturkampf erspart. Es lohnt sich, finde ich, dem größten
gemeinsamen Nenner der Kulturen nachzuspüren. Wohlgemerkt: Die
Suche nach einem kulturübergreifenden ethischen Minimum heißt nicht,
daß wir uns in unserem eigenen Lebensbereich damit begnügen. Das
gleiche gilt natürlich auch für die anderen Kulturen. Diese Suche würde
auch nicht verlangen, daß wir darauf verzichten müßten, für unsere
Vorstellungen von Menschenwürde und Menschenrechten weiter zu
kämpfen und zu werben. Aber wir, wie alle anderen, könnten das im
Frieden tun und - vor allem - niemand müßte mehr befürchten, daß hier
eine Fortsetzung alter kolonialistischer Herrschaftsmethoden mit
ideologischen Mitteln stattfindet. Es mag ja sein, daß ich einen Traum
träume, der sich nicht oder jedenfalls nicht zu unseren Lebzeiten erfüllt.
Aber die Schreckensvorstellung eines globalen Kulturkampfes verbietet
es uns, den Versuch überhaupt nicht zu unternehmen. Die Frage liegt
nahe, ob nicht ein gemeinsames Interesse aller Staaten und Kulturen
besteht, dafür Sorge zu tragen, daß das Szenario nicht zur sich selbst
erfüllenden Prophezeiung wird. Kann der interkulturelle Dialog nun Teil
einer rationalen Friedensstrategie werden? Manches spricht dafür, daß
es sich bei dem vermeintlichen "Kampf der Zivilisationen" in Wirklichkeit
um einen "Kampf der politischen Fundamentalismen" handelt, an dem
die gemäßigten Mehrheiten der Völker kein Interesse haben. Die Frage
ist, ob in unserer Zeit als rationale Friedensstrategie eine
kulturübergreifende Zusammenarbeit der Aufklärer, der Pragmatiker,
der Sucher nach einer Zivilisation der Versöhnung gegen die Maler der
Feindbilder denkbar ist. Und für diesen Dialog braucht man Menschen,
die zwischen den Kulturen wandern und die über sie Wissen vermitteln,
die bereit und imstande sind, sich auch in fremde Begrifflichkeiten und
Erfahrungswelten hineinzudenken und das so Gelernte weiter zu
vermitteln, die auf diese Weise Brücken des Vertrauens bauen. Und ein
solcher Mensch ist Annemarie Schimmel. Und deswegen hat sie den
Friedenspreis verdient. Sie liebt die Geisteswelt des Islam und wird von
vielen Muslimen dafür wiedergeliebt; hierin Sympathisantentum mit
politischem Fundamentalismus zu sehen, ist falsch und ungerecht. Sie
selbst beschreibt in ihrem Buch "Mystische Dimension des Islams" die
Auseinandersetzung zwischen den islamischen Mystikern, den schon
erwähnten Sufisten, und der islamischen Orthodoxie, der die Sufisten
nie ganz geheuer waren. Deren mystische Imagination und "inwendiger
Islam", wie ihn der Orientalist Titus Burckhardt nennt, eignen sich nicht
für fundamentalistisch-orthodoxe Indienstnahmen. Im Gegenteil, die
islamischen Mystiker wurden, wie Frau Schimmel eindringlich
dargestellt hat, immer wieder verfolgt, weil sie sich im feindlichen
Umfeld eines religiösen Legalismus als die wirklichen Träger der Freiheit
verstanden. Ich will nicht über Parallelen spekulieren, die sich zwischen
Sufismus und christlichem Pietismus, gerade auch im sozialen
Engagement, ziehen lassen könnten, obwohl das durchaus reizvoll
wäre. Mir als Laien reicht das Indiz aus: Von der atemberaubenden
Vielfalt islamischer Strömungen in Geschichte und Gegenwart habe ich
jedenfalls ansatzweise erst durch die Bücher von Frau Schimmel
erfahren. Und vielleicht ergeht es anderen ja ähnlich. Dann hätten wir
gemeinsam Nachholbedarf an Verstehen. Wir können es uns nicht
erlauben, die Vielfalt islamischer Strömungen zu ignorieren; das hieße
letztlich nur die zu stärken, die differenziertes Denken verhindern
wollen. Reden wir also nicht den einheitlichen Islam herbei, den es nicht
gibt, der aber den politischen Fundamentalisten ihr Geschäft erleichtern
würde. Aus - erlauben Sie mir das Unwort - weltkulturpolitischen
Gründen haben wir gar keine andere Wahl, wenn es uns denn um
Menschenrechte und Demokratie geht, als über die islamische Welt
mehr zu wissen. Wenn wir uns, wie Frau Schimmel das zeigt, in eine
andere Kultur "hineinversetzen", dann heißt das nicht, daß wir darin
versinken. Verständigen können wir uns nur von unserem jeweiligen
Standpunkt aus. Wenn wir den eigenen Standpunkt um der
Verständigung willen aufgeben, dann gibt es nichts mehr zu verstehen,
gibt es keinen Unterschied mehr zu besprechen. Wirklich neugierig auf
den Islam und seine reiche Kultur kann man doch nur sein, wenn und
weil die eigene Kultur eine andere ist. Frau Schimmel hat diese Neugier
in mir geweckt und ich wünsche mir, daß es vielen anderen ebenso
ergeht. Dazu braucht man sich nicht in die geistesgeschichtliche
Dogmatik zu vertiefen. Das kann man in Ruhe den Fachleuten
überlassen. Ich will Ihnen nur verständlich machen, wie erfolgreich sie
für mich zwischen den Kulturen gedolmetscht hat, als sie mich auf
meiner Pakistanreise begleitete. Manchmal hat sie mir sogar die Herzen
meiner islamischen Gesprächspartner geöffnet. Und es macht einen
Unterschied, ob man mit Präsidenten und Regierungsvertretern nur
diplomatische Höflichkeiten oder, je nach Bedarf, auch
Protestdemarchen austauscht oder ob es gelingt, jenseits dieser
traditionellen Mittel der Außenpolitik in die Substanz der Beziehungen,
auch der kulturellen, vorzudringen. Annemarie Schimmels
Versöhnungswerk hat allerdings auch eine innenpolitische Bedeutung,
und wir beginnen erst allmählich, sie zu begreifen. Es ist ja heute gar
nicht mehr möglich, Überzeugungen geographisch zu trennen.
Christen, Muslime, Atheisten wohnen in denselben Ländern, in
denselben Städten, ja in denselben Straßen und Häusern. Das Leben ist
hier schneller gewesen als der interreligiöse oder interkulturelle Dialog.
Der aber muß nun dringend folgen, damit das Miteinander nicht zu
einem Alptraum wird. Man kann auf die Dauer nicht miteinander leben,
wenn man nicht miteinander redet und wenn man nichts voneinander
weiß. Im Verhältnis zum Islam hat uns Annemarie Schimmel den Weg
dazu geebnet, und im Verhältnis zu anderen Kulturen hat sie uns
gezeigt, wie solche Wege gebaut werden können. Ich wünsche Ihnen
Glück und ich gratuliere zu Ihrem Friedenspreis, Frau Schimmel.