- Bulletin 59-94
- 17. Juni 1994
bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
eroeffnung des hauses der geschichte der bundesrepublik
deutschland am 14. juni 1994 in bonn folgende rede:
frau bundestagspraesidentin,
meine damen und herren abgeordneten des bundestags
und der landtage,
lieber oscar schneider,
sehr geehrter herr professor schaefer,
meine sehr verehrten damen und herren,
ich freue mich, heute mit ihnen das haus der geschichte
der oeffentlichkeit uebergeben zu koennen.
von der idee, die ich erstmals am 13. oktober 1982
im deutschen bundestag vorgetragen habe, bis zur
eroeffnung am heutigen tage hat es zwoelf jahre gedauert.
in dieser zeit haben sich deutschland und die welt
dramatisch veraendert.
es ist ein guter zeitpunkt und der richtige ort,
um innezuhalten und zurueckzublicken. die geschichte
der bundesrepublik deutschland ist fuer die meisten
menschen im westen identisch mit der selbsterlebten
vergangenheit: 45 jahre frieden und freiheit, sicherheit
und stabilitaet, wirtschaftlicher wohlstand und soziale
gerechtigkeit.
dieses haus praesentiert keine nabelschau westdeutschlands,
sondern es zeigt gleichzeitig die geschichte der
geteilten nation in 40 jahren der spaltung. es zeigt
das geschenk der deutschen einheit, in der sich
die praeambel unseres grundgesetzes von 1949 erfuellte:
"in freier selbstbestimmung die einheit und freiheit
deutschlands zu vollenden".
den neubeginn haben die aelteren miterlebt. die junge
generation kennt die anfaenge unserer demokratie
nicht mehr aus eigener anschauung. deswegen sind
wir dafuer verantwortlich, unsere kinder und enkel
mit den wurzeln und mit der
entwicklung der bundesrepublik deutschland vertraut
zu machen.
wenige schritte von hier haben die muetter und vaeter
der bundesrepublik das grundgesetz ausgearbeitet
und die fundamente fuer den wohl freiheitlichsten
staat gelegt, den es jemals auf deutschem boden
gegeben hat. fuer die gruender unseres staates stand
das erlebnis der nationalsozialistischen gewaltherrschaft
mit ihren schrecklichen folgen im zentrum der erfahrungen
und ueberlegungen.
dieses haus traegt dem in eindrucksvoller weise rechnung.
sie, meine damen und herren, werden sich gleich
zu beginn des rundgangs davon ueberzeugen koennen.
die ideen der maenner und frauen des parlamentarischen
rates praegen die
entwicklung bis heute. die gruendergeneration der
bundesrepublik deutschland konnte uns den wert und
die wuerde verantworteter freiheit ja vor allem auch
deshalb zurueckgewinnen, weil sie bereit war, die
last der geschichte anzunehmen.
in diesem geiste hat es konrad adenauer 1951 als
"vornehmste pflicht des deutschen volkes" bezeichnet,
im verhaeltnis zum staate israel und zu den juden,
"den geist wahrer menschlichkeit wieder lebendig
und fruchtbar werden" zu lassen. aber heute wissen
wir so gut wie damals: leiden und sterben, schmerz
und traenen kann man nicht wiedergutmachen. dafuer
gibt es nur die gemeinsame erinnerung, die gemeinsame
trauer und den gemeinsamen willen zum miteinander
in einer friedlichen welt.
ohne das wissen um die totalitaere versuchung, ohne
die erinnerung an schuld und moralisches versagen
sowie an die beispiellosen schrecken, die daraus
erwuchsen, laesst sich die geschichte der bundesrepublik
deutschland nicht verstehen. alle demokratischen
parteien verband vor 45 jahren und verbindet bis
heute der antitotalitaere grundkonsens. dazu gehoert
das feierliche bekenntnis: "nie wieder krieg, nie
wieder diktatur." wir haben in jeder generation
sorge dafuer zu tragen, dass diese verpflichtung auch
in zukunft immer wieder erneuert und verstanden
wird.
dieses museum praesentiert die zeitgeschichte in
anschaulicher und nachvollziehbarer weise. es ist
naemlich ein missverstaendnis, dass sich ein staat nur
kuehl und abstrakt darstellen duerfe - ein fatales
missverstaendnis, wie wir aus der erfahrung der weimarer
republik wissen.
in diesem haus gibt es sozusagen "geschichte zum
anfassen". das werden unseres staates wird hier
unpathetisch und dennoch eindrucksvoll gezeigt. dieses
museum zeigt die vielfalt historischer betrachtungsweisen.
streitiges wird streitig dargestellt. die geschichte
unseres landes zeigt aber auch, dass die bundesrepublik
als westlicher teilstaat keineswegs eine "insel
der seligen" war, sondern dass sie krisen und gefahren
zu durchstehen hatte.
der kalte krieg, der mitunter heute schon als phase
der ueberschaubarkeit und stabilitaet verklaert wird,
war in wirklichkeit eine zeit hoechster gefaehrdungen.
ich erinnere an die berlinkrisen der 50er und 60er
jahre. die nach dem untergang der ddr aufgefundenen
detaillierten einmarsch- und besetzungsplaene der
nationalen volksarmee fuer einzelne westdeutsche
staedte sprechen fuer sich selbst.
im deutschen bundestag wurde leidenschaftlich um
die grossen fragen der nation gerungen - von der
einfuehrung der sozialen marktwirtschaft, der westbindung
und der aufstellung der bundeswehr ueber die ostvertraege
bis hin zum nato-doppelbeschluss und der ausgestaltung
der deutschen einheit. nein: diese republik war auch bis
1990 kein "puppenheim", wie es ein kritiker einmal behauptet
hat.
in demokratischem streit und meistens mit gegenseitigem
respekt haben wir unsere auseinandersetzungen gefuehrt.
die grossen gestalten deutscher zeitgeschichte werden hier
lebendig: konrad adenauer, kurt schumacher, theodor heuss,
ludwig erhard, willy brandt - um nur einige zu nennen.
zu den wesensmerkmalen unseres landes gehoert gelebter
foederalismus. die bundeslaender waren zuerst da,
sie haben die bundesrepublik geschaffen. ich erinnere
an grosse politiker, die in den laendern wie auch
im bund eine wichtige rolle spielten: wilhelm kaisen,
ernst reuter, hinrich kopf, karl arnold, hans ehard,
georg august zinn, reinhold maier, franz josef strauss.
unter den lebenden nenne ich franz meyers.
in der ehemaligen ddr waren die laender schon frueh
beseitigt worden. ihre wiedererrichtung im juli
1990 war fuer das ende der zentralistischen ddr wie
fuer die einheit unseres landes einer der wichtigsten
politischen und staatsrechtlichen
schritte.
meine damen und herren, dieses haus hatte von anfang
an einen gesamtdeutschen auftrag. die wiederherstellung
der deutschen einheit hat an der klarheit und an
der bedeutung dieses auftrags nichts geaendert. manchmal
wird gefragt: "warum brauchen wir jetzt, da deutschland
vereint ist, noch ein museum, das die geschichte
der bundesrepublik aufbereitet?" meine antwort lautet:
wir brauchen eine solche einrichtung gerade heute
ganz besonders. sie traegt dem gewachsenen beduerfnis
vieler menschen nach begegnung mit der eigenen herkunft
und geschichte rechnung, und sie macht die fundamente
deutlich, auf denen das vereinte deutschland trotz
der epochalen veraenderungen in den vergangenen jahren
weiterhin steht.
ich denke daran, dass der wissenschaftliche beirat
des museums auf anregung der foederalismus-kommission
vor wenigen tagen beschlossen hat, in leipzig ein
ausstellungszentrum einzurichten, das die geschichte
des widerstandes gegen das sed-regime veranschaulicht
und zur auseinandersetzung mit dieser geschichte
anregen soll.
meine damen und herren, der freiheitliche rechtsstaat,
den wir 1949 im westen begruendet haben, war eine
antwort auf das unrechts- und gewaltsystem der nazis.
die erfahrungen mit zwei totalitaeren diktaturen
in diesem jahrhundert zeigen, dass extremisten von
links und rechts und auslaenderfeinde keine chance
haben duerfen. sie sind immer und ueberall eine schande
fuer unser land.
zum gelingen unseres staates trug die verbindung
von toleranz und festigkeit bei. wir sind und bleiben
eine wehrhafte demokratie. die friedensstiftende
funktion des rechts dient dem erhalt des inneren
friedens. wer diesen frieden verletzt, der muss die
ganze haerte des gesetzes zu spueren bekommen.
meine damen und herren, der rueckblick zeigt, worauf
sich der erfolg unserer demokratie gruendet: die
feste integration in den westen, in den kreis der
demokratien westeuropas und
nordamerikas, auf die berechenbarkeit unserer politik
und auf buendnistreue.
anders als vor dem krieg haben wir uns nach 1949
nicht zwischen alle stuehle gesetzt, wir haben keine
schaukelpolitik betrieben, wir haben keinen sonderweg
eingeschlagen. die geschichte hat die richtigkeit
der politik konrad adenauers bestaetigt: wir haben
die deutsche einheit im einvernehmen mit unseren
partnern und nachbarn erreicht, wir sind mitglied
der atlantischen allianz geblieben, die russischen
truppen verlassen in 10 wochen das land, wir haben
heute gleichzeitig freundschaft mit washington,
paris, london und moskau.
erst das bekenntnis zur westbindung machte die aussoehnung
mit frankreich und damit die europaeische einigung
moeglich. es gab und gibt keinen widerspruch zwischen
der schon in der grundgesetz-
praeambel von 1949 enthaltenen doppelverpflichtung,
die nationale und staatliche einheit zu wahren und
als gleichberechtigtes glied in einem vereinten
europa dem frieden der welt zu dienen. wie konrad
adenauer 1950 feststellte, wuerde ein vereintes deutschland
ohne ein vereintes europa kein dauerhaftes glueck,
keinen frieden finden. ich bleibe dabei: deutsche
einheit und europaeische einigung sind zwei seiten
derselben medaille.
meine damen und herren, die zweite - auf ihre weise
nicht minder revolutionaere - weichenstellung fuer
unser land gelang mit der einfuehrung der sozialen
marktwirtschaft. sie fuegte bewaehrte und neuartige
merkmale wirtschaftlicher ordnung zu etwas qualitativ
neuem zusammen. sie regte den einzelnen zur leistung
an, setzte kreativitaet und energien frei.
es gelang ihr, effizienz und verantwortung, oekonomischen
erfolg und soziale sicherheit, gewinn und teilhabe
miteinander zu verbinden. sie brachte wirtschaftlichen
wohlstand und sozialen halt fuer breite schichten
der deutschen bevoelkerung. an dieser stelle muss
auch die integration millionen deutscher vertriebener
und fluechtlinge genannt werden, die schon ganz frueh
von jedem revanche-gedanken abstand genommen
hatten.
meine damen und herren, beim wirtschaftswunder war
kein "wunder" im spiel, sondern die harte arbeit,
die gemeinsamen anstrengungen aller buerger! zur
leistung bereit, aufgeschlossen fuer alles, was die
zeit erwartete, gingen sie unternehmerische wagnisse
ein. sie verstanden sich als sozialpartner und dienten
als arbeitgeber und gewerkschaften einer gemeinsamen
sache. ohne diese bereitschaft zur gemeinsamkeit,
ohne grosse unternehmerpersoenlichkeiten, ohne grossartige
gewerkschaftsfuehrer waere die erfolgsgeschichte der
bundesrepublik nicht vorstellbar.
bis heute profitieren wir von dieser pionierleistung
der gruendergeneration. ihre haltung nimmt uns in die
pflicht, das geschaffene zu erhalten und weiterzuentwickeln,
und sie dient uns gleichzeitig als vorbild fuer die
zukunft. darueber hinaus zeigt sich immer wieder,
dass gerade unsere freie und sozial verpflichtete
wirtschaftsordnung in der lage sein muss, neue
herausforderungen schoepferisch anzunehmen.
wir stehen heute an einem solchen punkt. vieles
in unserem land hat sich in diesen jahrzehnten bewaehrt,
ist gut gelungen. aber wir koennen uns nicht auf
frueheren lorbeeren ausruhen. andere laender, andere
volkswirtschaften sind besser geworden als frueher.
vieles bei uns ist verkrustet und ueberreguliert.
deswegen muessen wir umdenken, wenn wir beispielsweise
zukunftsweisende antworten zur bekaempfung der
arbeitslosigkeit und zur verbesserung unserer
wettbewerbsfaehigkeit finden wollen.
meine damen und herren, im vereinten deutschland
gelten die gleichen werte und prinzipien, die den
bisherigen weg der bundesrepublik gepraegt haben.
dies entsprach und entspricht auch dem willen der
ueberwaeltigenden mehrheit der menschen in den neuen
bundeslaendern.
wir wollen keinen anderen staat, auch wenn parlament
und regierung nach berlin umgezogen sein werden.
nationalisten und kommunisten - die historischen
verlierer dieses jahrhunderts - duerfen und werden
keine chance erhalten, die praegung unseres landes
zu veraendern.
dieses haus hier in bonn, einer stadt, der die bundesrepublik
deutschland und wir alle so viel verdanken, dieses
haus der geschichte der bundesrepublik deutschland
erinnert an eine vergangenheit, die in unsere zukunft
eingehen muss. dieses haus ist ein geschenk auch
und vor allem an die junge generation. sie wird
verantwortung in staat und gesellschaft uebernehmen,
vor allem dann, wenn wir nicht mehr sind. wir haben
allen grund, ihr zu vertrauen. der lebensmut der
gruendermuetter und gruendervaeter vor 45 jahren, der
in diesem haus spuerbar und eindrucksvoll sichtbar
ist, ist ein ansporn und ist eine verpflichtung
fuer uns, den weg, der damals begann, im vereinten
deutschland fortzusetzen.