Trauerstaatsakt zu Ehren von Altbundespräsident Johannes Rau - Ansprache des Bundespräsidenten der Republik Österreich, Dr. Heinz Fischer,

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Vom Sterben vor der Zeit hat Bruno Kreisky manchmal gesprochen, wenn jemand von uns gegangen ist, den wir geliebt und verehrt haben, ein Mensch, der uns nahe war und der noch viel Gutes hätte bewirken können.

All das und noch viel mehr gilt für Johannes Rau, einen wunderbaren Menschen, dem Deutschland das Amt des Bundespräsidenten anvertraut hat, der vorher langjähriger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, der viele andere Aufgaben wahrgenommen und Politik als Dienst an unserem Gemeinwesen verstanden hat.

Es gilt auch für Johannes Rau den Ehemann, den Familienvater und den Freund.

Unsere ganz feste persönliche Anteilnahme und Sympathie in diesen schweren Stunden gilt dir, liebe Christina, als Gattin und auch der ganzen Familie.

Meine Bekanntschaft und dann bald Freundschaft mit Johannes Rau begann Ende der 70er Jahre. Er war dann von 1982 bis 1999 stellvertretender SPD-Vorsitzender und ich war während dieser ganzen Zeit stellvertretender SPÖ-Vorsitzender.

Es gab viele Berührungspunkte, viele Gemeinsamkeiten und ehrliche Bewunderung für den Älteren mit seinen festen Wurzeln und klaren Prinzipien.

Über seine Wahl zum Bundespräsidenten von Deutschland hat es auch außerhalb von Deutschland große Freude und Zustimmung gegeben.

Man wusste:

  • Johannes Rau ist menschlich.
  • Er ist glaubwürdig.
  • Er ist jemand, der versöhnen und zusammenführen, aber nicht hassen kann. 
  • Er hat Tugenden verkörpert, vor denen man Respekt haben musste.
  • Er hat zum Ansehen Deutschlands in der Welt ganz entscheidende Beiträge geleistet.
  • Er hat als Deutscher für Israel Worte gefunden und Gesten gesetzt, die menschliche und politische Größe besonderer Art bewiesen haben.

Er formulierte damals unter anderem den Wunsch, dass Kinder und Enkelkinder Deutschlands an der Seite der Kinder und Enkelkinder Israels heranwachsen können.

Einige Tage nach dieser, seiner historischen Rede in der Knesset vom Februar 2000 war ich bei ihm zu Besuch in seinem Amtssitz in Berlin und dieser Besuch ist mir zweifach in kostbarer Erinnerung:

Einerseits, weil er so voll Begeisterung über diese Israel-Reise erzählt hat, die ein krönender Höhepunkt seiner jahre- und jahrzehntelangen Bemühungen um Verständnis und Versöhnung zwischen Deutschland und Israel war.

Und andererseits war es für mich ein großer Freundschaftsbeweis, dass Bundespräsident Rau den österreichischen Parlamentspräsidenten auch in der Zeit der so genannten Sanktionen empfangen hat. Er hat damit ausgedrückt, dass ihm Freundschaft und Vertrauen wichtiger waren, als politische Empfehlungen, von deren Zweckmäßigkeit er im konkreten Fall vielleicht auch nicht restlos überzeugt war.

Johannes Rau hat die Menschen gerne gehabt, und daher haben die Menschen ihn gerne gehabt. Ihn als Amtsträger und noch viel mehr als Person.

Johannes Rau war Zeit seines Lebens ein Mann des Friedens: Sowohl im inneren als auch in den internationalen Beziehungen. Erst recht auch des Friedens zwischen Religionen und Religionsgemeinschaften.

Er wäre zutiefst betroffen und aufgewühlt gewesen, wenn er noch erlebt hätte, was sich in den allerletzten Tagen aus einer unsensiblen journalistischen Vorgangsweise und den darauf folgenden Reaktionen entwickelt hat. Er hätte uns klug geraten und er hätte sich bestimmt für einen verantwortungsvollen Umgang mit Grundrechten, für Respekt gegenüber religiösen Gefühlen für Toleranz und Dialog, aber sehr entschieden gegen Gewalt ausgesprochen.

Johannes Rau arbeitete für ein Deutschland, in dem niemand Angst haben muss und vor dem niemand Angst haben muss.

Er war ein überzeugter Europäer. Darum hatte er in ganz Europa und auch außerhalb von Europa so viele Freunde und Freundinnen. Wem immer man in diesen Tagen aus der internationalen Gemeinschaft begegnet, man hört Worte der Bewunderung, des Respekts und der Anerkennung für Johannes Rau.

Und darum bin ich dankbar, hier und jetzt über die große Wertschätzung, die Johannes Rau weit über die Grenzen Deutschlands hinaus erworben hat, berichten zu dürfen.

Besonders groß ist auch die Wertschätzung in Österreich, das er gut kannte, das er oft besuchte und wo so viele gemeinsam mit Ihnen über den Tod dieses Staatsmannes aus unserem Nachbarland trauern.

In einem Telefongespräch, das ich knapp vor Weihnachten anlässlich der bevorstehenden Feiertage mit Johannes Rau geführt habe, hat er mir aufgetragen, eine Reihe von Freunden in Österreich, die er namentlich genannt hat, von ihm grüßen zu lassen. Ich habe diesen Auftrag gewissenhaft erfüllt und bin heute doppelt glücklich darüber.

Abschied nehmen ist schmerzlich und der Abschied von Johannes Rau tut besonders weh.

Aber seiner Familie möchte ich gerne sagen: Er hat ein übervolles Leben gelebt, er hat viele gute Werke vollbracht, er hat sein politisches Engagement als angewandte Nächstenliebe betrachtet.

Und darum war ich sehr getröstet, als mir Christine Rau gestern erzählt hat, dass ihm eine Vollendung dieses wunderbaren Lebens in Frieden und ohne Schmerzen im Kreise seiner Familie geschenkt wurde.

Er hat so gelebt und ist so gestorben, dass sich der bittere Schmerz des Abschiedes von Tag zu Tag mehr in gute, helle und dankbare Erinnerung verwandeln wird.

In diesem Sinne werden wir Johannes Rau fest und dauerhaft in unseren Herzen bewahren.