- Bulletin 137-89
- 6. Dezember 1989
der bundesminister fuer wirtschaft, dr. helmut
haussmann, hielt anlaesslich der eroeffnung des
symposiums "tarifautonomie im wandel - geschichtliche
denkmuster der tarifparteien" am 29. november 1989
in bonn folgende rede:
i.
in diesen tagen und wochen erleben wir in mittel- und
osteuropa und besonders hautnah in der ddr, wohin
zentralismus und abgehobene funktionsherrschaft fuehren.
wer sich fuer sein handeln nicht verantworten muss und sich
nicht dem freien urteil der waehler stellen muss, wie die
funktionaere in der ddr, steht auch nicht unter dem
staendigen druck, seine politik anzupassen, zu verbessern und
notfalls den kurs zu wechseln.
in unserer freiheitlichen gesellschaft gehoert es zu den
grundprinzipien, macht zu teilen und entscheidungen - wo
immer moeglich - bei den betroffenen zu belassen. deshalb
ist die tarifautonomie ein kostbares gut unserer
freiheitlichen verfassung. sie ist ein grundpfeiler unserer
marktwirtschaftlichen ordnung. sie entspringt dem
selbstverstaendnis einer freien gesellschaft und der sozialen
marktwirtschaft.
unser gegenwaertiges arbeitsrecht ist das ergebnis einer
ueber 100jaehrigen geschichte. in das 1950 verabschiedete
tarifvertragsgesetz flossen erfahrungen ein aus den
anfaengen der gewerkschaftsbewegung und der bildung von
arbeitgebervereinigungen mitte des vorigen jahrhunderts
und aus der tarifordnung der weimarer republik, die schon
weitgehend die elemente der tarifautonomie enthielt.
unser tarifrecht ist getragen von dem glauben an den
muendigen buerger in wirtschaft und gesellschaft.
es hat sich als richtig erwiesen, auf selbstbestimmung und
eigenverantwortung zu bauen. die tarifvertragsparteien in
der bundesrepublik deutschland waren bisher immer bereit
und faehig, eine tragfaehige ordnung zu schaffen, trotz
schwierigkeiten, trotz belastungen, trotz zum teil scharfer
interessengegensaetze. noch stets wurde eine einigung
erreicht ohne staatliche eingriffe, ohne zwangsschlichtung,
ohne gesetzlich verordnete abkuehlungsperioden bei
angedrohten arbeitskaempfen, ohne den druck tarifabschluesse
genehmigen zu muessen. dabei waren schwere arbeitskaempfe
die ausnahme. im internationalen vergleich sind
wenige arbeitstage durch streiks und aussperrung
ausgefallen.
ein wichtiger grund fuer diesen weitgehenden arbeitsfrieden,
um den uns viele laender beneiden, ist sicher, dass sich der
staat jeglicher eingriffsmoeglichkeiten auf
tarifverhandlungen enthaelt.
freiheit ist ohne verantwortung nicht denkbar. freiraeume
muessen mit verantwortung ausgefuellt werden. denn der
einfluss der tarifpartner auf wirtschaft und gesellschaft ist
erheblich. dies zeigt bereits der blick auf einige zahlen.
jaehrlich werden mehr als 7000 tarifvertraege
abgeschlossen, die etwa 20 millionen arbeitnehmer unmittelbar
oder mittelbar betreffen. etwa 25 prozent der abgeschlossenen
tarifvertraege sind fuer zirka 90 prozent aller arbeitnehmer
gueltig.
es gibt kaum einen bereich unserer wirtschaft, der von
den vereinbarungen der tarifpartner nicht beruehrt wird.
loehne, arbeitszeiten, arbeitsbedingungen, weiterbildung,
sozialleistungen, rationalisierung - all dies sind bedeutsame
elemente, die lebensstandard und wirtschaftliche
leistungsfaehigkeit bestimmen.
an den qualitaeten der deutschen wirtschaft wie hohe
produktivitaet, gutes ausbildungsniveau, hoher sozialstandard
haben unternehmen und gewerkschaften wesentlichen anteil.
diese aktivposten, die wettbewerbsfaehigkeit und
standortqualitaet ausmachen, gilt es zu erhalten und auszubauen.
tarifautonomie heisst selbstaendiges und eigenverantwortliches
aushandeln von tarifvereinbarungen. es heisst nicht
handeln und verhandeln im luftleeren raum, losgeloest vom
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen umfeld. gerade weil
die tarifpartner bedeutsame eckwerte fuer wachstum,
konjunktur und beschaeftigung setzen, muessen sie kritik
aushalten koennen, muessen sie sich der oeffentlichen diskussion
stellen.
ich halte es nicht nur fuer mein recht, sondern fuer meine
pflicht als bundesminister fuer wirtschaft, warnungen
auszusprechen, wenn ich fehlentwicklungen befuerchte. ich habe
dies in bezug auf weitere pauschale arbeitszeitverkuerzungen
getan, die ich angesichts kuerzerer arbeitszeiten als
anderswo und zunehmender knappheit von fachkraeften fuer
gefaehrlich halte.
dies ist keine unzulaessige staatliche einmischung, dies
ist die aufgabe des bundeswirtschaftsministers, der dem
gemeinwohl verpflichtet ist.
ii.
wir erleben in diesen wochen politische und wirtschaftliche
umwaelzungen von historischer dimension. die
reformkraefte in mittel- und osteuropa brechen sich immer
staerker bahn. die entwicklungen in der ddr, die lange zeit
glasnost und perestroika zu ignorieren schien, uebertreffen
unsere kuehnsten vorstellungen.
der besucherstrom nach berlin und in die bundesrepublik
nach oeffnung der grenzen zeigt, dass der freiheitsdrang der
menschen ungebrochen ist.
marktwirtschaftliche ideen erleben eine renaissance von
nie gekanntem ausmass. das system der zentral gelenkten
planwirtschaft hat den bankrott erklaert.
die unfaehigkeit planwirtschaftlicher systeme, im
internationalen wettbewerb mitzuhalten, ja selbst die eigene
bevoelkerung mit grundlegenden materiellen guetern zu versorgen,
zwingt die laender mittel- und osteuropas zu wirtschafts-
und gesellschaftspolitischen konsequenzen.
ein staat kann in der wirtschaft nicht die kreativitaet und
den ideenreichtum erwarten, den er den menschen im
politischen bereich verwehrt. deshalb sind muendige, freie,
selbstbewusste buerger und unternehmerische
selbstverantwortung zwei seiten ein und derselben medaille.
effizienz und produktivitaet sind ohne selbstbestimmung und
pluralismus in wirtschaft und gesellschaft nicht denkbar.
die unmittelbaren auswirkungen des wandels in osteuropa
spueren wir bereits heute. eine welle von aus- und
uebersiedlern stellt wirtschaft und gesellschaft vor neue
herausforderungen.
in den bereichen infrastruktur und soziale sicherung
muessen wir uns auf zusaetzliche aufgaben einstellen. wir sollten
diese herausforderung mit mut und zuversicht angehen.
unter den viel schwierigeren bedingungen der
nachkriegszeit haben unsere wirtschaft und gesellschaft bereits
einmal eindrucksvoll assimilations- und integrationsfaehigkeit
bewiesen.
es waere ein armutszeugnis, wenn uns unter insgesamt
guenstigeren bedingungen die kraft fehlen sollte, diejenigen
zu integrieren, die nicht zuletzt deshalb zu uns kommen,
weil sie von der grossen leistungsfaehigkeit unserer
wirtschaft ueberzeugt sind.
bei allen kurzfristigen friktionen, mit denen wir rechnen
muessen, sehe ich insgesamt positive effekte fuer wirtschaft
und gesellschaft durch unsere neuen mitbuerger. wer alles
zuruecklaesst und einen neuanfang wagt, zeigt mut,
leistungswillen, mobilitaet, flexibilitaet.
dies sind qualitaeten, die in einer
zeit raschen strukturellen und technologischen wandels
besonders gefragt sind.
zusaetzliche nachfrage nach konsumguetern und
investitionsbedarf bei wohnungen und infrastruktureinrichtungen
werden impulse auch fuer die beschaeftigung bringen.
die entwicklung in der ddr ist derzeit noch nicht
ueberschaubar. die diskussion ueber wirtschaftliche
erneuerungen befindet sich im anfangsstadium. ob und inwieweit
der uebergang zu einem marktwirtschaftlichen system wie in
ungarn und polen angestrebt wird, ist noch unklar.
jetzt liegt es erst einmal an den menschen in der ddr, ihre
vorstellungen zu entwickeln und erste schritte zu tun. dies
geht sicher nicht alles von heute auf morgen.
wir sollten deshalb jetzt die ddr auch nicht mit alles-oder-
nichts-forderungen in die "verweigerungs-ecke" draengen
und so vielleicht den reformprozess insgesamt in gefahr
bringen. bei uns wird meines erachtens noch unterschaetzt,
welche moeglichkeiten es gibt, die wirtschaftsbeziehungen
zur ddr auch kurzfristig auszubauen. die ddr kann zum
beispiel rasch den notwendigen rechtlichen rahmen fuer
kooperationen und gemeinschaftsunternehmen schaffen
und scheint dazu jetzt auch bereit zu sein.
fuer wirtschaftliche zusammenarbeit gibt es eine ganze
palette von moeglichkeiten wie kooperationen, joint-ventures,
investitionen, technologietransfer, austausch bei
fortbildung und forschung.
iii.
unsere wirtschaft beweist derzeit eindrucksvoll ihre grosse
leistungsfaehigkeit. die konjunktur ist in blendender
verfassung. der sachverstaendigenrat hat dies in seinem
gutachten gerade eindrucksvoll bestaetigt. wir sind auf einem
stabilen wachstumspfad, dank der gemeinsamen
anstrengungen von unternehmern, arbeitnehmern und
bundesregierung.
die wachstumserwartungen fuer 1989 sind inzwischen
mehrfach nach oben revidiert worden. ein anstieg des
bruttosozialprodukts von 4 prozent erscheint wahrscheinlich.
dies waere die hoechste zuwachsrate in den
achtziger jahren.
die wirkungen am arbeitsmarkt sind deutlich erkennbar.
die zahl der erwerbstaetigen nimmt kontinuierlich zu. bis
ende dieses jahres koennen wir mit 1 1/2 millionen
zusaetzlichen arbeitsplaetzen seit herbst 1983 rechnen.
inzwischen haben die erwerbstaetigen mit 28 millionen das
hoechste in der bundesrepublik jemals erreichte niveau.
fortschritte wurden auch beim abbau der arbeitslosigkeit
erzielt. die arbeitslosenzahl ging allein seit beginn dieses
jahres um 140000 zurueck. erstmals seit 1982 wurde im
oktober auch in saisonbereinigter betrachtung die
zweimillionen-marke unterschritten.
der bedarf an arbeitskraeften verstaerkt sich. ende oktober
wurden ueber 300000 offene stellen registriert. so viele
waren es seit mehr als neun jahren nicht mehr.
die positive wirtschafts- und beschaeftigungsentwicklung
wird sich 1990 im achten jahr fortsetzen.
sachverstaendigenrat und institute rechnen mit einem
wirtschaftswachstum von 3 prozent. wenn unvorhersehbare
stoerungen ausbleiben, koennte ich mir 3 prozent auch als
untergrenze vorstellen.
auf dem arbeitsmarkt koennen wir mit einem weiteren
anstieg der beschaeftigung und einem fortgesetzten abbau
der arbeitslosigkeit rechnen, obwohl das beschaeftigungssystem
vor grossen herausforderungen steht, denn die zahl
der arbeitsuchenden nimmt weiter zu:
- nach wie vor stroemen viele junge menschen auf den
arbeitsmarkt.
- die erwerbsbeteiligung der frauen steigt weiter.
- die mehrheit der aus- und uebersiedler sucht einen
arbeitsplatz.
hinzu kommen strukturelle ungleichgewichte am
arbeitsmarkt, die einem schnellen abbau der arbeitslosigkeit
entgegenstehen:
- ein hoher anteil der arbeitslosen, insbesondere der rund
700000 langzeitarbeitslosen, weist
vermittlungshemmnisse auf.
- zwischen angebot und nachfrage von arbeitsplaetzen
bestehen erhebliche regionale diskrepanzen.
- die engpaesse bei qualifizierten fachkraeften mehren sich.
nach einer ifo-umfrage klagt in der metall- und
elektroindustrie fast jedes zweite unternehmen ueber
produktionsbehinderungen durch mangel an arbeitskraeften.
mehr flexibilitaet, mehr mobilitaet ist daher das gebot der
stunde. dies gilt fuer jeden einzelnen arbeitnehmer, fuer jeden
einzelnen unternehmer, fuer die tarifpartner. von den
ergebnissen der tarifverhandlungen im naechsten jahr wird es in
erheblichem masse abhaengen, ob hohe investitionsdynamik
und guenstige beschaeftigungsaussichten zusammen mit
stabilitaet des preisniveaus mittelfristig erhalten bleiben.
fuer unternehmen und arbeitnehmer hat sich durch die
guenstige entwicklung der vergangenen jahre die gewinn-
und einkommenssituation deutlich verbessert. es laege
daher im interesse beider, nicht kurzfristig jeden
konjunkturbedingten moeglichen preis- und lohnerhoehungsspielraum
zu nutzen, sondern die langfristigen moeglichkeiten und
chancen zu beachten.
eine fortsetzung der massvollen tarifpolitik der letzten jahre
wird gewerkschaften und unternehmen zudem durch die
steuerentlastungen der reform 1990 erleichtert.
ueberzogene tarifabschluesse bergen laengerfristig gefahren fuer
wachstum und investitionen in sich und lassen neue
beschaeftigungsrisiken entstehen.
die tarifpartner muessen sich auch der internationalen
wirkung ihrer vereinbarungen ueber loehne, arbeitszeit und
arbeitsbedingungen bewusst werden. wettbewerbsfaehigkeit
und produktivitaetsvorspruenge muessen immer wieder neu
erarbeitet werden. wer selbstzufrieden auf das erreichte
zurueckblickt und vorteile leichtfertig verspielt, wird sich
bald in der mitte und nicht mehr an der spitze des zuges
wiederfinden.
der wettbewerb auf dem europaeischen binnenmarkt wird
schaerfer werden. die weltmaerkte sind hart umkaempft.
wir sind fuer diesen wettbewerb gut geruestet. doch wir treten
an mit hohen loehnen, rekordlohnzusatzkosten und kurzen
arbeitszeiten.
wir sind negativ-weltmeister in der belastung eines
arbeitsverhaeltnisses mit lohnzusatzkosten. die
lohnzusatzkosten sind seit 1970 in der industrie doppelt so
stark gestiegen, wie die direktentgelte. zu den wichtigsten
einzelposten gehoeren die gesetzlichen beitraege der
arbeitgeber zur sozialversicherung.
mit der reform des gesundheitswesens und der rentenreform
hat die bundesregierung dieses problem in angriff
genommen. bei der entwicklung der kosten und beitraege
haben wir den gefaehrlichen trend nach oben stoppen
koennen.
iv.
neben dem gesetzgeber sind aber auch die tarifparteien
gefordert, dafuer zu sorgen, dass die lohnzusatzkosten nicht
zu sehr die unternehmerischen anpassungsspielraeume
einengen. tariflich und betrieblich vereinbarte
zusatzleistungen sind sicher wichtige elemente bei der
lohngestaltung, die motivation und bindung der arbeitnehmer an
ihr unternehmen staerken. jedoch koennte eine auflockerung
starrer regelungen, zum beispiel durch teilweise
erfolgsabhaengige komponenten, ein flexibleres reagieren der
unternehmen auf marktschwankungen erleichtern. ich
denke hier seit langem in die gleiche richtung, wie sie der
sachverstaendigenrat jetzt dargestellt hat.
mit den regelungen zur arbeitszeit sind wir auf dem besten
wege, die fruechte einer guten wirtschaftsentwicklung
leichtfertig aufs spiel zu setzen. pauschale und
undifferenzierte arbeitszeitverkuerzungen passen derzeit nicht
in die wirtschaftspolitische landschaft, weder national noch
international. eine 35-stunden-woche gilt zum beispiel in japan
als teilzeitarbeit. der blick ueber die grenzen koennte
manchen helfen, auf den boden der wirtschaftlichen tatsachen
zurueckzukehren.
die 35- oder gar 30-stunden-woche halten wir aber auch
gesellschaftspolitisch nicht aus. schon heute ist es so, dass
ein teil der beschaeftigten und die meisten selbstaendigen
50, 60, 70 stunden arbeiten und von einer 40-stunden-
woche nur traeumen koennen. deren arbeitsbelastung wird
noch weiter steigen, wenn der andere teil im gleichschritt
auf die 30-stunden-woche zumarschiert. dies ist
unzumutbar und muss irgendwann zu sozialen spannungen fuehren.
mir scheint die fixierung der tarifpolitischen diskussion auf
die wochenarbeitszeit auch deshalb verhaengnisvoll, weil sie
die sicht auf wichtige fragen versperrt. wie kann mehr
beweglichkeit in die gestaltung der arbeitszeit gebracht
werden? wie koennen betriebliche erfordernisse und individuelle
wuensche der arbeitnehmer besser aufeinander
abgestimmt werden? dies waeren lohnende themen fuer
einen kreativen wettstreit der tarifpartner.
unser denken ist immer noch zu sehr in starren
arbeitszeitmustern verfangen. viele althergebrachte
vorstellungen ueber die verteilung der arbeit auf tagesstunden,
wochentage, ueber die lebens- und familienphasen entsprechen
nicht mehr der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
realitaet.
wachsender wettbewerbsdruck auf den internationalen
maerkten und rascher technologischer fortschritt verlangen
verstaerkt produktivitaetsanstrengungen und flexible
unternehmerische planung.
die zunehmende bedeutung von dienstleistungen erfordert
und ermoeglicht neue organisationsformen des
arbeitslebens.
das rollenverstaendnis von mann und frau veraendert sich.
in der lebensorientierung der frauen gewinnt die
erwerbstaetigkeit auch in der phase der kindererziehung mehr
und mehr an bedeutung. die steigende frauenerwerbsquote
bringt dies nachdruecklich zum ausdruck. gleichzeitig wollen
zunehmend auch maenner sich mehr der kindererziehung
und -betreuung widmen.
teilzeitarbeit ist sicher eine der moeglichkeiten, auf diese
veraenderungen zu reagieren. die nachfrage nach
teilzeitarbeit ist gross und nimmt weiter zu. derzeit suchen
achtmal mehr arbeitslose einen teilzeitarbeitsplatz als bei den
arbeitsaemtern offene stellen gemeldet sind. auch das
potential an teilzeitarbeitsplaetzen scheint mir bei weitem
nicht ausgeschoepft. im internationalen vergleich ist unsere
teilzeitquote mit 12,9 prozent jedenfalls eher bescheiden.
teilzeitarbeit kann jedoch fuer unternehmen und
arbeitnehmer nur zu einer attraktiven alternative werden, wenn
wir uns von alten denkmustern loesen. teilzeitarbeit ist in den
koepfen vieler noch die halbtagsarbeit von frauen,
vorwiegend am vormittag, mit geringen oder gar keinen
aufstiegschancen.
pauschale arbeitszeitverkuerzungen sind als
arbeitsmarktpolitisches instrument ungeeignet. der wettbewerb
der zukunft ist ein wettbewerb der koepfe. wenn wir erfolgreich
sein wollen, muessen wir unsere wesentliche ressource,
naemlich qualifizierte arbeit, im groesstmoeglichen umfang
nutzen. durch arbeitszeitverkuerzungen werden teuer
erworbene berufliche qualifikationen zwangsweise stillgelegt,
ohne dass ersatz bereitstuende.
die daraus entstehenden produktionsengpaesse gefaehrden
arbeitsplaetze vor allem auch von weniger qualifizierten,
denn qualifizierte und weniger qualifizierte arbeit bedingen
sich haeufig gegenseitig.
berufliche fort- und weiterbildung sind fuer betriebe und
arbeitnehmer eine wichtige zukunftsinvestition.
qualifikation der mitarbeiter und verbesserung der produktiven
und organisatorischen ablaeufe der betriebe sind eine staendige
aufgabe, um auf den nationalen und internationalen
maerkten mithalten zu koennen.
vermoegensbildung und gewinnabhaengige komponenten bei
den lohnzusatzleistungen koennten die mitarbeiter
zusaetzlich motivieren, die anpassungsfaehigkeit der unternehmen
an absatzschwankungen verbessern und dazu beitragen,
die beschaeftigung zu stabilisieren.
gesetzliche bestimmungen und tarifliche vereinbarungen
bilden den rahmen fuer die betrieblichen und individuellen
entscheidungen ueber die tatsaechliche arbeitszeit.
das recht, persoenliche arbeitszeiten zu vereinbaren, sollte
dem einzelnen beschaeftigten mehr zugebilligt werden, als
es die tariflichen vereinbarungen bisher zulassen. das gilt
auch fuer samstags- oder nachtarbeit und fuer teilzeitarbeit.
bei der samstagsarbeit geht es heute nicht mehr um
laengere, sondern lediglich um anders gelagerte arbeitszeiten.
das ermoeglicht den unternehmen eine bessere auslastung
ihrer maschinen. aber auch die arbeitnehmer gewinnen
dadurch mehr zeitsouveraenitaet. samstagsarbeit heisst nicht,
dass kuenftig wieder alle samstags arbeiten muessen.
der wunsch nach einem freien wochenende, zum beispiel
aus familiaeren gruenden, sollte und kann respektiert werden.
wer am wochenende nicht arbeiten will, der sollte aber
ebenso akzeptieren, dass andere arbeitnehmer
wochenendarbeit nachfragen koennen.
neben einer flexiblen verteilung der arbeitszeit ueber die
wochentage ist auch mehr beweglichkeit bei der arbeitsverteilung
im jahresverlauf wuenschenswert. die arbeit muss
im einklang mit betrieblichen gegebenheiten auf einzelne
wochen und monate unterschiedlich so verteilt werden
koennen, dass die individuelle regel-arbeitszeit im
durchschnitt eines jahres erreicht wird.
schliesslich stellt sich die frage nach der lebensarbeitszeit.
warum sollten wir nicht die dynamik, den ideenreichtum
und das erfolgsstreben junger leute nutzen, die sich rasch
ihre existenzgrundlagen aufbauen und sichern wollen und
daher bereit und willens sind, mehr zu arbeiten? warum
schicken wir aeltere menschen zwangsweise in den
ruhestand, deren wissen und lebenserfahrung wichtige
volkswirtschaftliche ressourcen sind?
es ist ein gefaehrlicher irrtum zu glauben, dass durch die
zwangsstillegung produktiver koepfe mehr arbeitsplaetze
geschaffen werden koennten.
die vorteile einer insgesamt flexibleren arbeitszeit machen
sich besonders dann bemerkbar, wenn auch andere
gesellschaftliche bereiche beweglicher werden. so wird sich
das dienstleistungsangebot den neuen arbeitszeiten anpassen
muessen. die ersten dienstleistungsabende haben deutlich
gemacht, dass sich flexiblere arbeitszeiten organisieren
lassen.
die verbraucher haben mit den fuessen abgestimmt und
dem dienstleistungsabend zum durchbruch verholfen. wir
haben damit ein stueck mehr lebens- und erlebensqualitaet
gewonnen.
eine weitreichende flexibilisierung der arbeitszeit wirkt sich
auch positiv auf das arbeitsumfeld aus - zum beispiel auf
freizeit und verkehr.
die flexibilisierung ermoeglichte eine bessere nutzung der
vorhandenen infrastruktur. sie wuerde zum beispiel zu einer
entzerrung des verkehrsaufkommens fuehren. weniger
staus bedeuten zeitgewinn und einsparung wertvoller
ressourcen einschliesslich der umwelt.
ein verbesserter verkehrsfluss wuerde sowohl fuer eine
geringere abgasbelastung der luft sorgen als auch den
ausbau des strassennetzes, der parkplaetze etc. und damit
das zubetonieren der landschaft weitgehend entbehrlich
machen. beides dient der erhaltung unserer natuerlichen
umwelt. auch freizeiteinrichtungen wuerden bei entzerrten
arbeitszeiten nicht nur in spitzenzeiten voll genutzt, sondern
gleichmaessiger ausgelastet.
kurzum: ein hoechstmass an wirtschaftlichem erfolg, schutz
der umwelt und an persoenlicher selbstentfaltung sind nur
durch eine umfassende flexibilisierung zu gewaehrleisten.
hier sehe ich lohnende felder fuer die tarifpolitik. die
tarifpartner sollten kraft und muehe darauf verwenden, die
gesellschaftspolitischen entwicklungsstroeme und die
weltwirtschaftlichen herausforderungen durch den binnenmarkt
und die erneuerungsprozesse in mittel- und osteuropa
fruehzeitig aufzugreifen.
ehrgeiziges ziel von unternehmen und arbeitnehmern
sollte es sein, die zukunft mitzugestalten. dazu gehoert, neue
denkmodelle zu entwickeln, und neue moeglichkeiten des
arbeitslebens auszuloten.
nur wenn die tarifpartner sich neuen aufgaben offensiv
stellen, werden sie ihrer verantwortung fuer wirtschaft und
gesellschaft gerecht und genuegen den hohen anspruechen,
welche die tarifautonomie an sie stellt.