Staatsbesuch des Präsidenten der Republik Südafrika vom 21. bis 23. Mai 1996 - Besuch im Deutschen Bundestag

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Der Staatspräsident der Republik Südafrika, Nelson Rolihlahla Mandela,
stattete der Bundesrepublik Deutschland vom 21. bis 23. Mai 1996 einen
Staatsbesuch ab.

Besuch im Deutschen Bundestag

Der Präsident der Republik Südafrika, Nelson Mandela, hielt am 22. Mai 1996 im
Rahmen seines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik Deutschland eine Rede vor
den versammelten Mitgliedern des Deutschen Bundestages und des Bundesrates im
Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn.

Begrüßung durch die Bundestagspräsidentin

Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Professor
Dr. Rita Süssmuth, begrüßte den Präsidenten der Republik Südafrika mit
folgender Ansprache:

Sehr geehrter Herr Präsident Mandela,
Herr Bundespräsident,
Herr Bundeskanzler,
Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes,
Herr Ministerpräsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Bundestages und Mitglieder des
Bundesrates,
Exzellenzen,
liebe Gäste aus Südafrika und Deutschland,

im Namen des Deutschen Bundestages begrüße ich Sie, verehrter Herr Mandela,
den Präsidenten des freien und demokratischen Südafrika, den
Friedensnobelpreisträger, der mit seinem Leben und seinem persönlichen
Beispiel für viele Menschen dieser Welt zu einem Symbol des Widerstands gegen
Unrecht und Menschenverachtung, zum Symbol der Hoffnung für gelingendes
Zusammenleben von Schwarzen und Weißen geworden ist.

Ihre Klarheit, Ihre innere Ruhe und Gelassenheit sind offenbar Ausdruck einer
lebenslangen Persönlichkeitsarbeit, einer schöpferischen Disziplin, die nicht
dem Ressentiment erlegen ist, sondern der ein tiefes Verständnis für die
Menschen und ihre Kraft zur Versöhnung zugrunde liegt. Mit uns freuen sich
viele Bürgerinnen und Bürger in unserem Land, daß Sie zu uns gekommen sind und
heute zu uns im Parlament sprechen. Zugleich begrüße ich die Damen und Herren
Ihrer Delegation, unter ihnen Ihre Tochter, Frau Zinzi Mandela-
Hlongwane, und heiße auch sie von dieser Stelle aus herzlich willkommen in der
Bundesrepublik Deutschland.

Herr Präsident, Sie sind als ein Staatsmann zu uns gekommen, der, wie nur
wenige andere in diesem Jahrhundert, nicht nur sein Land verändert hat,
sondern eine Region, einen Kontinent. Sie, der Sie die Nöte und Sehnsüchte
Ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger verstanden und ausgedrückt haben und zu
verwirklichen suchen, bedeuten Ermutigung. Was in Südafrika unter widrigsten
Bedingungen auf den Weg des Ausgleichs und der Versöhnung gebracht wurde,
zeigt uns, daß dies auch anderswo möglich werden kann. Erneuerung wird überall
gebraucht.

Sie, Herr Präsident, sollten nach dem Willen Ihrer Unterdrücker für immer
hinter Gefängnismauern unsichtbar und unwirksam werden. Das Gegenteil wurde
bewirkt. Es gibt Ereignisse, die die Welt verändern. Nach fast drei Jahrzehnte
währender Haft kehrten Sie in die Freiheit zurück, übrigens kurze Zeit nach
dem Fall der Mauer bei uns.

Wir, die Mitglieder des Deutschen Bundestages, freuen uns und fühlen uns
geehrt. Wir möchten Ihnen heute Dank sagen für das, was Sie für Ihr Land und
seine Menschen erlitten, geleistet und heute schon für morgen angelegt haben.

Sie stehen für den Aufbau eines demokratischen Südafrika, für ein neues, in
eine gemeinsame Zukunft strebendes Land, das vor großen und schwierigen
Herausforderungen steht.

Noch sind hohe Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot schwere Lasten der
Vergangenheit. Mit dem Ende der Apartheid kehrte das Vertrauen der Menschen in
ihre eigene Leistungsfähigkeit zurück. Sie werden nicht müde, Ihre Landsleute
zum Lernen, zur Aufbau- und Entwicklungsarbeit aufzufordern, und es
beeindruckt zu sehen, wie die Menschen zupacken. Das gilt gerade auch für die
Arbeit in Ihrem Parlament.

Gemeinsam haben wir erfahren: Die Benachteiligten sind auf Dauer unbesiegbar,
denn ihre Empörung und ihr Mut dürsten nach Veränderungen, die gerecht sind.
Sie sind diejenigen, die gegen chancenverwehrende Vergangenheit anträumen und
mit ihrer Sehnsucht und Kraft erstarrte Strukturen der Ungleichheit
zerbrechen.

Ihr Land hat noch einen schwierigen Weg zu gehen. Aber die Zuversicht, mit
Ihnen und Ihren politischen Zielen den richtigen Weg eingeschlagen zu haben,
ist in Südafrika und in der Region weit verbreitet.

Die Leiden der Vergangenheit sind überwindbar, wenn die Wahrheit ausgesprochen
und das Recht zum grundlegenden Maßstab erhoben wird. Südafrikas Umgang mit
seiner Vergangenheit, mit Gewalt, Terror und Verbrechen, mit den
unauslöschlichen traumatischen Erlebnissen während der Herrschaft der
Apartheid hat einen nachhaltigen und positiven Eindruck bei all denen
hinterlassen, die Ihr Land besucht haben.

Herr Präsident, wer Ihr Land jetzt erlebt, kehrt verändert zurück. Der Mut,
etwas Neues zu wagen, ist beeindruckend. Manches davon könnten auch wir in
Deutschland von Ihnen und Ihren Landsleuten lernen.

Aus diesem gemeinsamen Willen gewinnt Ihr Land Kraft zum Durchhalten trotz
aller hartnäckigen Schwierigkeiten, Kraft zur Sicherung von neu errungenen, so
lange entbehrten demokratischen Institutionen.

Erst vor einigen Tagen haben Sie sich in Südafrika eine neue Verfassung
gegeben, die der Demokratie Rückhalt und eine solide Basis gibt. Das Votum für
die neue Verfassung, für eine auf Recht und Freiheit gründende Demokratie war
überwältigend. Gerade die Fragen der neuen Verfassung haben zu einem
intensiven bilateralen Austausch geführt. Wir wissen, was wir unserer eigenen
Verfassung verdanken, besonders heute, unmittelbar vor unserem Verfassungstag
am 23. Mai.

Ihr Anliegen, Herr Präsident, verpflichtet auch uns. Deshalb wollen wir eine
enge Partnerschaft zwischen Südafrika und Deutschland. Wir wollen sie mit
allen uns möglichen Kräften fördern. Täglich lernen wir intensiver, wie sehr
uns Erneuerung, Freiheit, Friedensarbeit und Entwicklung als weltweite Aufgabe
gemeinsam angehen.

Ich bin dankbar dafür, daß sich darin Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und
Kultur einig sind. Das Netzwerk von Kooperation und Partnerschaft müssen wir
heute nicht neu knüpfen. Die Initiativen der deutschen Wirtschaft, die
Beziehungen mit Ihrem Land zu verstärken, begrüßen wir. Die Partnerschaften
vieler Bundesländer mit Provinzen Südafrikas unterstreichen unsere
aufrichtigen Bemühungen um Kooperation.

Ich danke auch all jenen, die in den Jahren der Apartheid einen
unverzichtbaren Beitrag zum demokratischen Wandel geleistet haben, oftmals
auch unter massiver Bedrängnis ausgeharrt haben. Ich sage den Stiftungen Dank,
den Nichtregierungsorganisationen, den Kirchen, der Wirtschaft und den
Gewerkschaften, die durch ihre Arbeit unsere Mitverantwortung für die Region
des südlichen Afrikas immer wieder angemahnt haben.

Auch das langjährige Engagement von Parlamentariern und Mitgliedern der
Regierungen in Bund und Ländern hat einen Beitrag zum demokratischen Wandel
geleistet. Ein Zeichen der Verbundenheit und des gemeinsamen Aufbruchs war der
Besuch des Bundeskanzlers im Herbst 1995 in Südafrika.

Herr Präsident, es gibt Hoffnung und neues Denken trotz aller Feindseligkeiten
auf Ihrem Kontinent; es gibt sie kurz vor dem Ende des Jahrhunderts bei Ihnen
in Afrika, bei uns in Europa und weltweit. Eine Ära der Kooperation statt der
Konfrontation, des Miteinander statt des Gegeneinander hat begonnen. Überall
dort ­ bei uns wie bei Ihnen ­, wo dieser Geist des Neubeginns noch nicht
Platz gegriffen hat, lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, daß Haß,
Menschenverachtung, Krieg und Terror aus unseren Ländern und von unseren
Kontinenten verschwinden.

Sie, Herr Präsident, sind zusammen mit Ihren Landsleuten und
Friedensnobelpreisträgern, mit Häuptling Luthuli, mit Bischof Tutu und
Frederik de Klerk, zu Symbolen der Hoffnung für eine andere, eine gerechtere
und friedlichere Welt geworden.

Die Menschheit lebt von großen Vorbildern und Hoffnungen. Wir spüren Größe,
wenn sich die Kraft einzelner Persönlichkeiten gegen die Organisation des
Veralteten, gegen deren Ungerechtigkeit und Unaufrichtigkeit durchsetzt.
Menschen werden gebraucht, die den Geist der Veränderung in sich tragen und
uns und andere damit begeistern.

Nicht als Rächer sind Sie mitten in das politische Leben Ihres Landes
zurückgekehrt, sondern als leidenschaftlicher Künder der Versöhnung des fast
Unversöhnlichen. Es spricht für das aufrichtige Bestreben des südafrikanischen
Volkes, daß es gerade Sie zum Präsidenten gewählt hat, einen Vermittler, einen
Milderer der Gegensätze, einen, der die Einheit in der Vielfalt sucht. Wir
danken Ihnen.

Ich darf Sie, Herr Präsident, nunmehr bitten, zu uns zu sprechen.

Rede des Präsidenten der Republik Südafrika

Der Präsident der Republik Südafrika, Nelson
Mandela, hielt vor dem Plenum des Deutschen Bundestages am 22. Mai 1996
folgende Rede:

Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Bundespräsident,
Herr Bundeskanzler,
Frau Verfassungsgerichtspräsidentin,
verehrte Abgeordnete des Bundestages und des Bundesrates,
Exzellenzen des Diplomatischen Korps,
verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

der wechselvolle Lauf der Geschichte und ihre unberechenbaren Launen haben
Afrika und Europa, Südafrika und Deutschland in eine enge Nähe gerückt:
Produkte der Habgier einer Kolonialzeit und Opfer des technologischen Genies
der Menschheit.

So stehen wir heute vor dem Anbruch eines neuen Jahrtausends, aufgefordert,
erneut die wahre Bedeutung des großen Augenblicks festzustellen, in den die
Geschichte unsere Generation versetzt hat: die Geburt der Anerkennung des
universellen menschlichen Ideals. Es ist ein Ideal, das in einem Augenblick in
Reichweite erscheint und dann wiederum einem Traum auf einem langen Weg
gleicht, wo die Horizonte nicht mehr sind als die vage und verschwommene
Vorstellung von Propheten.

Wir sind aus Südafrika und Afrika mit erhobenem Haupt und immer voller
Hoffnung gekommen, um an dieser einen Quelle menschlichen Fortschritt zu
erklären, daß sich die eine Menschheit, von der wir sprechen, nach einem
besseren Leben sehnt und daß niemand in Sicherheit und Frieden leben kann,
wenn andere in Unsicherheit und im Streit leben.

Wir sind uns zutiefst bewußt, Frau Präsidentin, daß die Gelegenheit, die uns
gegeben wurde, zu den gewählten Vertretern des deutschen Volks zu sprechen,
eine wahrlich seltene Gelegenheit ist. Deswegen danken wir Ihnen aus dem
Grunde unseres Herzens dafür, daß wir von der Freude und vom Schmerz der
Schöpfung sprechen können, die das Los des südafrikanischen Volkes ist, daß
wir für Sie und mit Ihnen singen können von der Erfüllung eines erfolgreichen
Kampfes, eines demokratischen Sieges, den wir errungen haben. Wir sind
überzeugt, daß unsere Ballade beim deutschen Volk Widerhall finden wird, weil
das deutsche Volk unsere Freude über den Erfolg und unseren Schmerz des
Neuanfangs und Neuaufbaus mit uns teilt.

Indem wir über Sie dem deutschen Volk von der Freiheit berichten, die die
Menschen in Südafrika errungen haben, erkennen wir auch die Opfer der normalen
deutschen Arbeitnehmer und Freiberufler, Dichter und Schriftsteller, Politiker
und religiösen Führer und vieler anderer an, die es möglich gemacht haben, daß
wir heute hier stehen können als stolze Vertreter einer wahrhaft afrikanischen
Regenbogennation, um mit dem Echo der Hügel und Täler Europas verkünden zu
können, daß wir endlich frei sind.

Daß die Verkündung dieser Freiheit der Höhepunkt in der Suche Afrikas nach
seiner Würde in den Ohren Europas kein Anathem mehr ist, spricht für den
Fortschritt der menschlichen Zivilisation. In unserem gemeinsamen Kampf um
diese Freiheit wußten wir, daß ihre Verwirklichung eine Quelle gegenseitiger
Bereicherung sein würde. Die Quellen des Rheins, der Donau, der Themse und der
Wolga und die Wälder, die sie bewässern, sind schließlich für alle ebenso eine
Quelle der Freude wie das Wasser des Kongo, des Nils, der Limpopo und des
Sambesi. Sosehr man vernunftmäßig auch anders argumentieren könnte: Wir sind
eine Menschheit mit einem Schicksal.

Diese Erkenntnis, daß alle gleich sind und niemand etwas Besseres oder
Schlechteres verdient, veranlaßte Millionen deutscher Menschen für den
Freiheitskampf in Südafrika zu geben, großzügig zu geben ­ nicht aus Mitleid,
sondern weil sie wußten, daß unser Sieg auch ihr Sieg sein würde.

Aus den Aktionen, den Debatten, der Verurteilung der Verbindungen mit
denjenigen, die sich den Status rassistischer Herren in Südafrika angemaßt
hatten, ergab sich in Deutschland wie auch in Europa, Afrika, Asien und
Amerika ein Konsens, daß die Apartheid ein Verbrechen gegen die Menschheit war
und zerstört werden mußte.

Wir fragen uns daher, ob es nicht unangebracht ist, den Menschen in
Deutschland für ihren Beitrag und ihr Opfer, um das zu erfüllen, was genauso
unseres wie auch ihres ist, zu danken. Nicht nur das: Der Gipfel, den wir
erreicht haben, hat uns erst den Blick auf die wirkliche Spitze eröffnet, die
in der Ferne schimmert. Auf unserem langen Weg dürfen wir nicht abschweifen:

Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.

Diese große Herausforderung, von der Goethe sprach, entspricht auch unseren
Erfahrungen in Südafrika. Sie verkörpert die Aufgaben, die die neue
Weltperspektive in dieser neuen Ära uns allen aufgebürdet hat. Am Ende des
Kalten Krieges schienen die Dividenden, die dieser enorme Wandel der Welt
bringen würde, so offensichtlich zu sein. Wenn in der Vergangenheit
Sachzwänge, die sich auf die Paradigmen früherer Zivilisationen der
Weltpolitik, der Einflußsphären und des Gleichgewichts des Schreckens
gründeten, bestimmt haben, daß wir weniger menschliche Freiheit und Wohlstand
erreichen sollten, dann dürfen wir uns heute ehrlich fragen, ob wir die volle
Bedeutung der neuen Chancen, das universelle Interesse begriffen haben, das
allgemeine Wohl zu verfolgen und jene Beziehungen zwischen Nationen und
Völkern zu meiden, die andere zu Armut und Abhängigkeit verdammen.

Wir sollten ehrlich prüfen, ob wir die für das neue Zeitalter erforderlichen
Führungspersönlichkeiten bereitstellen oder ob wir als Führer immer noch im
Dunklen irren und hoffen, daß aus Unordnung Ordnung entstehen wird,
insbesondere im Hinblick auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Haben
wir den Mut, den erwartungsvollen Menschen zu erklären, warum diese
offensichtlichen Dividenden uns zu entgehen scheinen! Wir werfen diese Fragen
genau deshalb auf, weil wir wissen, daß ihre Antworten in der Geschichte
liegen, in ihrer Theorie und in ihrer Praxis.

Wenn wir morgen gemeinsam mit Ihnen den 47. Jahrestag der feierlichen
Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland begehen, feiern
wir mit der Menschheit das Wunder der Schöpfung, daß das Beste aus dem
Schlimmsten entstehen kann. Wir staunen über die Entschlossenheit eines
Volkes, das sich mit der Unterstützung anderer, Bessergestellter, wie Phönix
aus der Asche erhebt.

Wir erkennen das Wunder des Wiederaufbaus und des schnellen Wachstums an, das
Arbeitsdisziplin und Kreativität der Innovationen geschaffen hat und schaffen
kann. Wir schöpfen Kraft aus der fortdauernden Beharrlichkeit, weiter für die
Verwirklichung einer regionalen Integration zu kämpfen, die uns das Diktat der
Geschichte und des sozioökonomischen Fortschritts auferlegt hat.

Wir erkennen die soziale Partnerschaft an, die ein vereintes Volk erreichen
kann in der Verfolgung eines gemeinsamen Interesses, in vollem Bewußtsein, daß
soziale Spaltungen zwar nie vollständig ausgemerzt werden können, es aber
etwas Gemeinsames gibt, das man aufbauen kann, daß eine solche Partnerschaft
nicht per definitionem die vergängliche Bequemlichkeit ideologischer
Selbstverteidigung darstellt, sondern eine wichtige Voraussetzung für den
nationalen und internationalen Wiederaufbau.

Wir sind Ihnen wahrlich dankbar dafür, daß Sie es in all diesen Bereichen als
Ihre Pflicht angesehen haben, einen Beitrag zu unseren Anstrengungen zu
leisten.

Am 8. Mai dieses Jahres, an dem Tag, an dem Ihre Verfassung vor 47 Jahren
verabschiedet wurde, hat unsere verfassunggebende Versammlung das Grundgesetz
unseres Landes verabschiedet und damit eine neue Ära eingeleitet, in der wir
als normale Demokratie auf der Grundlage des universellen Prinzips der
Mehrheitsherrschaft reifen können. Die Delegation von Verfassungsrechtlern,
die auf Einladung von Präsident Herzog in Ihr Land kam, die Experten, die
unsere Teams beraten haben, und die materielle Unterstützung, die wir von
Ihnen erhalten haben, all dies zeugt von der Universalität der Ideale, die wir
verfolgen.

Wir sind stolz darauf, daß nach dem Besuch der Bundestagspräsidentin in
unserem Land vielschichtige Verbindungen zwischen unseren beiden Legislativen
gestärkt werden. Wir sind stolz auf die wachsenden Bindungen zwischen Ihren
Ländern und unseren Provinzen.

Wir werden die Worte von Kanzler Kohl bei seinem Besuch in Südafrika nie
vergessen. Er sagte, daß es, als Deutschland Hilfe brauchte, den Marshallplan
gab. Sein Engagement, die Zusammenarbeit zwischen Südafrika und Deutschland zu
stärken, und sein persönlicher Wunsch nach einer Beseitigung der Nachteile
Südafrikas beim Zugang zum Markt der Europäischen Union werden von unserem
Volk hoch geschätzt.

Die Aufrichtigkeit dieser Worte und dieses Versprechens hat sich heute wieder
beispielhaft bei den Gesprächen mit Kanzler Kohl gezeigt. Sein persönlicher
Einsatz für die Entwicklung Südafrikas und dadurch auch für die
südafrikanische Region und den gesamten afrikanischen Kontinent wurde bei
unseren Diskussionen in Wort und Tat bekräftigt. Unsere Gespräche waren nicht
nur substantiell in bezug auf die Breite und Tiefe der Fragen, die diskutiert
wurden, sondern sie waren auch gekennzeichnet durch persönliche Wärme und
Offenheit.

Ich habe ­ ich glaube, ich darf das sagen ­ eine Reihe von Problemen
angesprochen, bei deren Lösung wir die Hilfe von Kanzler Kohl gesucht haben.
Er ist mit uneingeschränkter Unterstützung auf diese Probleme eingegangen.

Wir wissen um die menschliche Schwäche und gestehen ein, daß wir diese Ihre
Errungenschaften loben, weil wir fest daran glauben, daß unsere eigene Nation
den Weg zum Wiederaufbau und zur Entwicklung eingeschlagen hat, um sich selbst
von einer tückischen Vergangenheit zu lösen und Wohlstand für ihre Bürger zu
erreichen.

Wir sind stolz auf den nationalen Konsens, der sich bei den grundlegenden
Verfassungsfragen ergeben hat; darunter fällt auch die dauerhafte Pflege der
Menschenrechte. Innerhalb eines solchen Systems erwarten wir eine kraftvolle
bürgerliche Gesellschaft und eine aktive Opposition, wobei wir alle in der
Treue gegenüber den Grundwerten der Verfassung verbunden sind. Auch in diesem
Zusammenhang werden wir wie die Menschen, die Goethe angesprochen hat,
weiterhin unsere Freiheit und unser Leben verdienen, indem wir sie jeden Tag
neu erringen.

Wir erringen sie neu in der Kommission über Wahrheit und Versöhnung, in der
sich unsere Bürger mit dem Schmerz auseinandersetzen, den sie sich in der
Apartheid-Ära gegenseitig zugefügt haben. Wir suchen nach der Wahrheit, weil
wir um ihre tiefen Heilungskräfte wissen, weil die Saat zur Versöhnung und
nicht zur Rache aufkeimen wird, weil wir durch die Wahrheit die Würde der
Opfer wiederherstellen können und weil wir sicherstellen können, daß
Wiedergutmachung in dem Maße geschieht, wie sich dies unser Land leisten kann.
Mit der Waffe der Wahrheit können wir unzweideutig sagen, daß unseren Bürgern
nie wieder solch grobe Menschenrechtsverletzungen widerfahren werden.

Wir gewinnen Freiheit und Leben jeden Tag neu in unserem Bemühen um
Wirtschaftswachstum und um die Schaffung der Voraussetzungen zur Überwindung
des Erbes der Apartheid. Wir wissen, daß solche Voraussetzungen nicht von
selbst entstehen, sondern von der Regierung in Zusammenarbeit mit anderen
Wirtschaftsträgern geschaffen und gefördert werden müssen. Als Ergebnis harter
Arbeit haben wir jetzt einen Punkt erreicht, an dem die wirtschaftlichen
Grundlagen in unserem Land nicht nur solide sind, sondern sogar einen
Aufwärtstrend anzeigen.

Bei der Ausarbeitung unserer Strategie für Wachstum und Entwicklung zur
Vollendung des Wiederaufbaus unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft haben
wir erfolgreich dafür gesorgt, daß die Ressourcen immer mehr von den alten
Apartheidzielen zu den Armen hin wegverlagert werden. Dies tun wir im Rahmen
unserer Gesamtverpflichtung zur fiskalischen Disziplin und zur soliden
Geldpolitik.

Welch besseres Urteil für unsere Maßnahmen könnte es geben als das der
ernsthaften Investoren aus Deutschland und anderen Ländern, die sich in
Südafrika langfristig etablieren und dort expandieren? Diese Investoren
verstehen besser als jeder andere, daß unser Land Vorteile in bezug auf die
Infrastruktur, die Aussichten für langfristiges Wachstum und das insgesamt
positive Umfeld, in dem sie operieren müssen, bietet. Sie verstehen auch die
ernsthafte Absicht, mit der die Regierung versucht, verwaltungstechnische oder
soziale Hindernisse oder Engpässe zu beseitigen, die aus unserer
Apartheidvergangenheit herrühren.

Diese Investoren wissen, daß die beste Garantie für das Überleben unserer
Demokratie in anhaltendem Wachstum und in der Schaffung von Arbeitsplätzen
liegt und daß deshalb ein solches Engagement in Südafrika einerseits von den
realen Gewinnen, die sie erzielen können, geleitet werden sollte, andererseits
aber auch von dem fortwährenden Bemühen, unsere Gesellschaft von der Geißel
der Apartheid zu befreien.

Wie Kanzler Kohl wissen auch Sie, daß das, was wir in unserem Land und in der
südafrikanischen Region brauchen, etwas Ähnliches wie der Marshallplan ist:
aufgebaut auf den eigenen Anstrengungen der Menschen, aber unterstützt durch
die internationale Gemeinschaft. Daher ist das Ringen unseres Volks um
Freiheit und Leben in einer sich wandelnden und äußerst konkurrenzorientierten
Welt ein gemeinsames Ringen der Menschheit, um Antworten auf die
Herausforderungen zu finden, die in der neuen Situation nach dem Kalten Krieg
entstanden sind.

Diese Antworten liegen teilweise in den vielschichtigen Beziehungen, die sich
zwischen Deutschland und Südafrika entwickeln; es sind Beziehungen, die sich
in einem solchen Tempo entwickeln, daß wir in Zukunft von der Gründung einer
bilateralen Kommission auf höchster Ebene zur Koordinierung und Vertiefung
dieser Beziehungen sprechen können. Die Antworten liegen teilweise auch in der
zunehmenden Zusammenarbeit zwischen dem südlichen Afrika und der Europäischen
Union, die zwar offiziell noch zaghaft ist, aber mit der "Initiative Südliches
Afrika" Ihres Landes einen großen Schub erhält.

Wenige andere Teile des Erdballs haben direkte Gewalt, Blutvergießen,
Menschenverachtung, Verwüstung und bewußte wirtschaftliche Destabilisierung in
dem Maße ertragen und überlebt wie die Länder des südlichen Afrikas. Ihre
eigene Entwicklung wurde durch die Gewalt der Apartheid bewußt unterdrückt.
Nolens volens wurden sie zu Geiseln dieses Diktats. Ihr Wohl hing vom Grad
ihres entschiedenen Widerstandes oder festen Widerspruchs ab. Ich muß der
Bundesregierung meinen besonderen Dank dafür aussprechen, daß sie die
treibende Kraft hinter dieser "Initiative Südliches Afrika" war.

Die Antworten auf die Herausforderungen, vor die uns die neue Situation nach
dem Kalten Krieg gestellt hat, liegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen
in multilateralen Gremien wie der Konferenz der Vereinten Nationen über Handel
und Entwicklung, die vor kurzem in Südafrika tagte, um die Kluft in den
Auffassungen und Programmen zwischen dem Norden und dem Süden zu überwinden.
Sie liegen auch in unserer Bereitschaft, die Globalisierung des Handels und
der Geldströme der Informationsgesellschaft und des allgemeinen
technologischen Fortschritts zu akzeptieren und angemessene Wege zu finden,
diese Revolution an die Bedürfnisse und Verhältnisse der Entwicklungsländer
anzupassen. Wir wissen, daß wir in all dem die Bundesrepublik Deutschland als
wahren Freund haben.

Wenn in den Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern die Geschichte
bestimmt hat, daß das Schlechteste im menschlichen Charakter dem Besten, das
die Menschheit zu bieten hat, weichen sollte, können wir heute ohne
Zweideutigkeit von der Blüte einer neuen Beziehung sprechen. Wir dürfen als
Führer sagen, daß wir ­ um mit Goethe zu sprechen ­ eine freie Menschheit in
einer freien Welt sehen werden, eine Menschheit, die, obwohl sie von Gefahren
umgeben ist, das Glück hat, mehr als nur einen flüchtigen Blick der Schönheit
zu erhaschen. ­ Danke schön.