- Bulletin 82-98
- 28. Dezember 1998
Bundespräsident Roman Herzog und Frau Christiane statteten dem Vereinigten
Königreich Großbritannien und Nordirland vom 1. bis 4. Dezember 1998 einen
Staatsbesuch ab.
Staatsbankett auf Schloß Windsor
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich des Staatsbanketts, gegeben von
Ihrer Majestät Königin Elisabeth II. von Großbritannien und Nordirland, am 1.
Dezember 1998 in Windsor folgende Ansprache:
Your Majesty,
Your Royal Highnesses,
My Lords,
Ladies and Gentlemen,
ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte des Willkommens und den
herzlichen Empfang, den Sie meiner Frau und mir in diesem so prächtig
restaurierten Schloß Windsor bereitet haben.
Sie, Majestät, werden nicht nur im eigenen Land, sondern auch bei uns
außerordentlich verehrt. Ich kann mich noch lebhaft an das Echo erinnern, das
Ihr erster Staatsbesuch 1965 in der deutschen Bevölkerung gefunden hat.
Seitdem haben Sie Deutschland häufig besucht.
Sie haben als Staatsoberhaupt die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland
fast von den Anfängen miterlebt. Anfänge, die zu einem erheblichen Teil vom
Vereinigten Königreich mitgestaltet wurden; denn Großbritannien hat
Deutschland beim Aufbau seiner politischen und gesellschaftlichen Strukturen
stets tatkräftig unterstützt. Diese Strukturen,
einschließlich der föderalen Prinzipien, und insbesondere die liberale
Verfassung unseres Grundgesetzes haben sich bewährt.
Nächstes Jahr können wir nicht ohne Stolz auf fünfzig Jahre Bundesrepublik in
Frieden und Freiheit zurückschauen. Frieden und Freiheit, die auch durch den
kühnen Entschluß, ein Drittel des britischen Heeres permanent in Deutschland
zu stationieren, gewährleistet wurden. Wohl am deutlichsten wurde das im
Schicksalsjahr 1948, als die von Briten initiierte Luftbrücke Überleben und
Freiheit der Berliner sicherte. Wir gedenken der dabei ums Leben gekommenen
Flieger und Helfer auch heute noch in tiefer Dankbarkeit.
Überhaupt markiert die Nachkriegszeit einen Neubeginn in den
britisch-deutschen Beziehungen. Alte Wurzeln brachten frische Triebe hervor,
neue Verbindungen wurden aufgenommen, so daß man heute getrost von einem
dichten Netzwerk an Kontakten sprechen darf. "Networking" im besten Wortsinne
wurde und wird zwischen unseren Ländern auf den unterschiedlichsten Ebenen
betrieben: politisch, wirtschaftlich, geistig-kulturell, persönlich.
Gesellschaften wie die British-German Association in Großbritannien und die
Deutsch-Englische Gesellschaft in Deutschland haben wesentlichen Anteil daran.
Unschätzbar und einmalig in seiner Art ist das Wirken der
Königswinter-Konferenzen. Das Modell wurde oft kopiert und nie mehr richtig
erreicht. Der vielbeschworene "Geist von Königswinter" befruchtet das Denken
der Eliten unserer Länder und steht seit fast einem halben Jahrhundert als
Markenzeichen für Qualität und Kontinuität des deutsch-britischen
Gedankenaustausches.
Das Netzwerk der Beziehungen hat gerade in der gegenseitigen
geistig-kulturellen Durchdringung tiefe Spuren hinterlassen: Britische
Architektur und Popmusik stehen in Deutschland in ebenso hohem Ansehen wie
deutsche klassische Musik und zeitgenössische Kunst in Großbritannien. Francis
Bacon, die Beatles oder Baby Spice sind bei uns gleichermaßen bekannt wie Bach
und Baselitz bei Ihnen. Das zukünftige Haus und Wahrzeichen der deutschen
parlamentarischen Demokratie, den umgebauten Reichstag, hat der britische
Architekt Sir Norman Foster architektonisch auf seine neue Aufgabe
vorbereitet, und er hat ihn mit einer gläsernen Kuppel als Symbol von
Transparenz und Weltoffenheit gekrönt.
Auch Europa ist ein Projekt, das Briten und Deutsche in tieferen Schichten
vereint, als die zuweilen leidenschaftlichen Debatten der Europapolitik
vermuten lassen. Ich habe mit Freude gehört, daß die britische Regierung sich
auf eine führende Rolle in Europa vorbereitet. Mit Freude - denn wir brauchen
Großbritanniens aktiven Beitrag auch in der Zukunft; nur so wird Europa im
nächsten Jahrhundert bestehen können. Und das wiederum schulden wir der Jugend
unserer Länder, der wir einmal die Pflege der deutsch-britischen Beziehungen
übergeben müssen.
In der Partnerschaft und Freundschaft seit den Tagen der Berliner Luftbrücke
haben Briten und Deutsche viel voneinander gelernt und sicher auch manches
voneinander übernommen. Es ist vielleicht noch zu früh, um empirisch zu
untersuchen, ob Goethes Wunsch "Könnte man nur den Deutschen, nach dem
Vorbild der Engländer, weniger Philosophie und mehr Tatkraft, weniger Theorie
und mehr Praxis beibringen" schon voll in Erfüllung gegangen ist. Ich habe auch
meine Zweifel, ob wir uns eine Einebnung aller Unterschiede
wirklich zum Ziel setzen sollten. Daß man nicht in allen Fragen einer Meinung
ist, daß man gar das fremde Wesen auf der anderen Seite mitunter voll Neugier
beäugt - das macht doch gerade den Reiz des Zusammenlebens aus.
Britischer Pragmatismus und deutscher Idealismus - so sie denn in Reinform
überhaupt vorkommen sollten - sind zwar Gegensätze, aber solche, die sich
hervorragend ergänzen. Und wenn es um die idealistische Vision Europas geht,
so verdanken wir ihre eindrucksvollste Formulierung ja gerade einer Rede, die
1946 in Zürich von dem Briten Winston Churchill gehalten wurde. Sein
historischer Appell hat nichts von seiner Überzeugungskraft verloren. Nur
haben wir inzwischen gelernt, uns der Erfüllung dieser Vision mit britischem
Pragmatismus zu nähern. Eine gute Freundschaft zeichnet sich gerade dadurch
aus, daß Meinungsverschiedenheiten durch Kompromisse überwunden und
Durststrecken gemeinsam durchgestanden werden. Der in Wien geborene
britische Philosoph Sir Karl Popper hat das so ausgedrückt - ich zitiere -:
"Ich mag unrecht haben, und Du magst recht haben; und wenn wir uns
bemühen, dann können wir zusammen vielleicht der Wahrheit etwas näherkommen."
Ich bitte Sie alle mit mir das Glas zu erheben auf das Wohl Ihrer Majestät
der Königin und des Herzogs von Edinburgh, auf die bewährte Freundschaft
zwischen dem britischen und dem deutschen Volk und auf die Jugend in
Großbritannien und Deutschland und ihre gemeinsame Zukunft in Europa.