- Bulletin 118-90
- 5. Oktober 1990
die praesidentin der ehemaligen volkskammer, frau
dr. sabine bergmann-pohl, hielt zu beginn des
staatsaktes folgende ansprache:
sehr geehrter herr bundespraesident,
sehr geehrte frau bundestagspraesidentin,
sehr geehrter herr bundeskanzler,
sehr geehrter herr bundesratspraesident,
verehrte festversammlung!
dies ist der tag der erfuellung fuer jene deutschen, die lange
im schatten der diktatur, der teilung und der moralischen
entfremdung zu leben hatten. die geographie des zweiten
weltkrieges und danach die teilungen des kalten krieges
hatten uns das schlechte los zugeteilt. jetzt schliesst sich
eine wunde.
die freiheit, die wir uns erkaempft haben, gibt uns
wieder wuerde und selbstachtung. aber die vergangenheit
bleibt aufgehoben in unserer erinnerung. es wird zeit
brauchen, bis unterdrueckung, kollaboration, mitmachen und
anpassung unsere existenz aus dem griff der diktatur
entlassen.
heute aber ist die zeit zu fragen, woher wir kommen
und wohin wir gehen, was wir mitbringen und was wir
erwarten.
nicht nationalistischer ueberschwang hat die menschen
bewegt, die die revolutionen des sommers und des herbstes
1989 im oestlichen mitteleuropa machten. sie forderten
ihr unverlierbares recht auf suche nach dem glueck, das
recht, sie selbst zu sein, das recht - in der schoenen
sprache des grundgesetzes - auf freie entfaltung der
persoenlichkeit.
die friedliche revolution im oestlichen teil unseres
vaterlandes aber stand nicht allein. im westen fand sie
voraussetzungen in europaeischer einigung und atlantischer
sicherheit, in der politik der entspannung und im beharren auf
den menschenrechten, im osten ist ihr vorgearbeitet worden
durch den polnischen freiheitskampf, durch den
moralischen mut der ungarn und durch die perestroika, die die
sowjetunion zu einer verantwortungsvollen fuehrungsmacht
umgestaltet und weiter umgestalten wird.
was sich heute vollendet, die deutsche einheit in frieden
und freiheit, hatten viele schon zu erhoffen aufgegeben. sie
ist fuer die deutschen ein geschenk der geschichte. die
christen unter uns werden darin die gnade gottes erkennen.
diese einheit in der freiheit aber steht nicht gegen die
interessen der nachbarn. sie fuegt sich ein in das grosse
europa.
wir empfinden dies mit dankbarkeit, und wir versprechen,
ebenso europaeer zu sein wie deutsche. unsere
schmerzliche erfahrung, unsere geschichtliche lage, unsere
politische hoffnung vereinigen sich in dieser europaeischen
zuversicht.
der materielle reichtum, der uns fehlte, war weniger wichtig
als die vorenthaltung der freiheit und der gerechtigkeit.
die erfahrungen, die wir in uns tragen, und die erinnerungen,
die uns heimsuchen, sind nicht einfach abzustreifen,
aber sie muessen schoepferisch ueberwunden werden, und
nichts wird dabei staerker helfen als die lebendige erfahrung
der freiheit, das vertrauen auf gerechtigkeit und das recht,
im freien europa zu hause zu sein.
zeit sowie einfuehlungsvermoegen und auch mut zu
unpopulaeren entscheidungen werden fuer das zusammenwachsen
der beiden teile deutschlands erforderlich sein.
achten wir einander, nehmen wir ruecksicht auf mentalitaet
und empfindlichkeit des anderenss stehen wir zusammen,
um mit vereinten kraeften das einige, friedlich und
demokratische, soziale gerechtigkeit fuer jeden seiner buerger
bietende deutschland aufzubauenss
was bringen wir aus der ddr mit?
neben aller bitternis die erfahrung, dass der mensch vom
brot allein nicht lebt, dankbarkeit fuer waerme,
menschlichkeit, familie, nachbarschaft, die sich in schweren
zeiten bewaehrten. vor allem aber stolz auf eine sanfte
revolution, die uns die demokratie erwarb. wir werden diese
erfahrungen in das kuenftige deutschland tragen.
wir bringen aber auch anderes mit: nicht zuletzt die
schwierige erfahrung, dass man nicht vierzig jahre, sechzig
jahre unter diktaturen lebt, ohne schaden an leib und seele zu
nehmen. die freiheit ist deshalb auch ein kostbares gut,
weil sie vor solchen erfahrungen schuetzt.
was wir zu lernen haben werden ist, von der neu
gewonnenen freiheit verantwortungsvoll gebrauch zu machen, den
sinn unserer eigenen arbeit neu anzunehmen, die
lebensform einer freien gesellschaft zu verwirklichen.
was wir erwarten, ist nicht das land, wo milch und honig
fliessen, aber ein land, in dem wir unsere kraefte entfalten
koennen, ein land der gerechtigkeit, ein land auch des
solidarischen teilens, ein land, das in seiner eigenen kultur
ruht und zugleich aus freien stuecken teilhat am groesseren
europa. ein land nicht auf der flucht vor seiner aelteren oder
neueren geschichte, sondern ein land, das sich dieser
geschichte stellt und daraus folgerungen zieht mit herz
und verstand.
wir haben heute allen grund, den ersten tag der deutschen
einheit zu feiern, wir haben aber auch allen grund, die
irrwege der deutschen geschichte zu erkennen. auschwitz
bleibt fuer uns eine immerwaehrende mahnung.
gestern gehoerten wir zu dem teil europas, dem die freiheit
vorenthalten wurde und wo luege und gewalt regierten.
heute gehoeren wir zu einem neuen europa ohne grenzen,
und einheit und freiheit der deutschen liegen in der mitte
dieses neuen europa.
am ende dieses jahrhunderts aber wird man uns
nicht fragen nach wachstumsraten und bruttosozialprodukt,
sondern ob wir deutschen den kriegen und krisen
unseres jahrhunderts am ende einen lebensentwurf der
freiheit und des dauerhaften friedens abgewonnen haben.
dieser tag bedeutet abschied und aufbruch - abschied von
einer belasteten und belastenden vergangenheit, aufbruch
zu einem deutschland, das mit sich selbst versoehnt ist und
das mit seinen nachbarn die versoehnung sucht.
es ist der gluecklichste tag der deutschenss
ansprache der bundestagspraesidentin
die praesidentin des deutschen bundestages, frau
prof. dr. rita suessmuth, hielt beim staatsakt die
nachstehende ansprache:
herr bundespraesident,
herr bundeskanzler,
herr bundesratspraesident,
herr praesident des bundesverfassungsgerichts,
exzellenzen,
frau bergmann-pohl,
herr de maiziere,
verehrte anwesende,
liebe mitbuergerinnen und mitbuerger in ganz deutschland!
seit mitternacht sind wir wieder ein volk, geeint in einem
staat. wir sagen es so selbstverstaendlich, und doch ist es
noch immer unbegreiflich.
ich sage es fuer viele von uns, ich hoffe fuer alle: wir sind
dankbar, diesen tag miterleben zu duerfen, diese nacht der
freude und begeisterung, in der spontan bei vielen der
wunsch aufkam zu singen: "nun danket alle gott".
dank allen, die uns zu diesem tag verholfen haben, zu
diesem tag der freude, der dankbarkeit, der
verantwortung, aber auch der bescheidenheit.
an diesem tag nimmt die ganze welt teil, und wir sind
mit ihr verbunden, insbesondere verbunden mit jenen regionen
der welt, die erneut von krieg und unrecht betroffen
sind.
seit dem 9. oktober 1989 hat die zeit ihren rhythmus
geaendert. wieder ist es herbst - zeit der verwandlung und
des umbruchs. welch gewaltige verwandlung hat sich seit
dem letzten herbst vollzogenss aus angst wurde wagemut
und hoffnung, aus unfreiheit wurde freiheit. die unfreiheit
ist besiegt, die grenzen sind geoeffnet, die einheit ist
besiegelt. menschen haben es vermocht, die unfreiheit zu
brechen.
welch unerwartete und mit selbstverstaendlichkeit geleistete
solidaritaet haben wir von unseren nachbarn in west und
ost, von unseren verbuendeten erfahren! gemeinsam haben
wir ziele erreicht, die bis vor kurzem noch weit entfernt
schienen.
der weg in die einheit, die wir heute erlangt haben, wurde
insbesondere von den deutschen in der ddr durch ihre
friedliche revolution freigemacht. die vollendung der
einheit ist das ergebnis europaeischen zusammenwirkens. sie
ist ein wichtiger baustein fuer ein geeintes europa.
die zeit hat sich gewendet. "grosse kapitel der geschichte
werden nicht abgeschlossen, ohne zugleich neue zu
oeffnen", schrieb tadeusz mazowiezcki 1981 in der
wochenzeitung der solidarnosc, er fuegte hinzu: "einmal
errungene rechte schlagen wurzeln in den seelen der menschen,
und dieses gefuehl draengt nach verwirklichung. einmal
errungene rechte schaffen eine neue qualitaet der gesellschaft,
setzen massstaebe fuer das streben der menschen wie fuer
unumgaengliche veraenderungen."
gilt dies nicht auch fuer die entwicklung seit dem 9. oktober
1989, fuer unseren durchbruch zur einheit, freiheit und
gerechtigkeit fuer alle deutschen?
ein neuer abschnitt unserer geschichte hat begonnen. dies
ist auch die stunde, in der wir uns darueber klar werden
muessen, was wir von uns selbst erwarten und was andere
jetzt von uns erwarten und erwarten koennen. so wichtig es
ist, unsere unterschiedlichen identitaeten zu bewahren, viel
wichtiger ist zu erkennen, was wir gemeinsam werden
wollen.
und so moechte ich das, was mich heute bewegt, "wuensche
an uns deutsche" nennen:
als erstes wuensche ich uns allen ein solidarisches
deutschland. es ist vor allem unser wille zur
gemeinsamkeit, um den es jetzt geht. wir muessen unser ganzes
land zur bluete bringen. dabei geht es um das
zusammenwachsen nicht nur der wirtschaft, sondern aller
lebensbereiche. dabei geht es gerade auch um den sozialen
ausgleich, um die gemeinsame bewahrung der kulturellen vielfalt
in unserem land und um den gemeinsamen schutz unserer
umwelt.
wir muessen uns jetzt von den begriffen "mein" und "dein",
"wir" und "ihr" loesen. das teilen ist die eine seite. gewiss
muss, wer gemeinschaft bilden will, auch teilen koennen.
doch ist es jetzt ebenso wichtig, durch gemeinsame arbeit
gemeinschaft zu stiften. jeder handwerksbetrieb, jedes
unternehmen, jeder verband und jedes geschaeft, das
gemeinsam aufgebaut wird, ist ein stueck verbundenheit und
gelebte zusammengehoerigkeit.
wenn wir jetzt nicht die solidaritaetspruefung im innern, im
eigenen land, ja im kleinen bestehen - wer sollte uns dann
abnehmen, dass wir zur solidaritaet in ganz europa und im
nord-sued-konflikt bereit und faehig sind?
ich wuensche uns solidaritaet mit den fremden, mit den
schwachen in unserem land, denn sie beduerfen unserer
solidaritaet.
als zweites wuensche ich uns ein europaeisches
deutschland, in dem wir alle zusammen die chance europas und
seine moeglichkeiten fuer jeden, besonders aber fuer die
juengere generation, erkennen und ergreifen.
an die jugend unseres landes wende ich mich mit der bitte:
in polen, in ungarn, in der tschechoslowakei und dann
auch in der ddr wurde uns vorgelebt, dass die hoechsten
werte freiheit, frieden und achtung der menschenrechte
sind. ohne sie sind wohlstand und soziale gerechtigkeit
nicht zu verwirklichen.
vergesst dies nicht und lebt unser grundgesetz, dass ich
heute moeglichst vielen jugendlichen schenken moechte, weil
es das wichtigste geschenk unseres landes ist.
gehen sie auch zu unseren nachbarn, lernen sie von ihnen
und teilen sie ihre erfahrungen mit ihnen, damit dieses
europa, dem sich unsere verfassung und die politik unseres
landes verschrieben haben, fuer alle wirklichkeit wird.
setzen sie sich dafuer ein, dass die grenzen in europa
ueberall ihren trennenden charakter verlieren.
als drittes wuensche ich uns ein partnerschaftliches
deutschland, mit weitblick und verantwortung in der
welt.
dazu gehoert die kraft und der wille zur erinnerung. wir
wollen nie die unendlichen leiden des juedischen volkes, die
opfer unserer nachbarvoelker und die verheerungen des
krieges vergessen, die in deutschem namen in ganz
europa begangen worden sind.
auch die erinnerung und die lehren aus diesen
erinnerungen sind von nun an unser gemeinsamer teil, aber
sie sind auch unsere grosse chance.
deutschland wird sich auch kuenftig als demokratie
bewaehren. wir haben nach 1945 vertrauen erhalten. wir moechten,
dass uns dieses vertrauen erhalten bleibt - und wir moechten
es nicht enttaeuschen. wir moechten unsere wirtschaftskraft
in den dienst europaeischer und weltweiter solidaritaet
stellen.
wir wollen mehr als den europaeischen binnenmarkt. unser
ziel sind die vereinigten staaten von europa. dabei geht es
uns um die gemeinschaftsbildung in ganz europa. und wir
wissen, dass in ungarn nicht nur das tor zur freiheit geoeffnet
wurde - dafuer sind wir dankbar. die ungarn haben mit den
anderen suedosteuropaeischen nachbarn den europaeischen
integrationsprozess beschleunigt. das war mehr als ein tor
zur freiheit.
die aufhebung des ost-west-gegensatzes hat den weg
freigemacht fuer gegenseitige hilfe, fuer die sicherung
des ueberlebens auf unserer einen erde und fuer eine noch
entschiedenere bekaempfung von armut und hunger in
der dritten welt. wir wollen uns daran massgeblich
beteiligen.
vor uns liegt eine neue zeit. das ende der langen teilung
und der unfreiheit unseres volkes bedeutet zugleich einen
neuanfang. in ihm liegen erinnerung und zuversicht,
chancen und unwaegbarkeiten nahe beieinander. es liegt an uns,
daraus das rechte zu gestalten.
nehmen wir einander an, wie es heute morgen im
gottesdienst hiess - ohne wenn und aber. geben wir ein beispiel
fuer solidaritaet und friedensverantwortung - in deutschland,
in europa und in der welt.
ansprache des bundesratspraesidenten
der praesident des bundesrates, der regierende
buergermeister von berlin, walter momper, hielt beim staatsakt
am 3. oktober 1990 die folgende ansprache:
herr bundespraesident,
verehrte frau bundestagspraesidentin,
herr bundeskanzler,
exzellenzen,
meine sehr verehrten damen und herren!
die politische einheit deutschlands und ihre einbettung
in den europaeischen friedensprozess ist ein grosser
schritt in der geschichte unseres landes und unseres
kontinents.
die politischen entwicklungen des zurueckliegenden jahres
waren von grosser dynamik. niemand konnte sie planen und
niemand konnte diese dynamik steuern. die verkrustungen
der nachkriegszeit waren unertraeglich geworden.
vierzig jahre diktatur und misswirtschaft in der ddr und
in den laendern osteuropas hatten die zeit fuer eine
demokratische revolution ueberreif werden lassen. aber auch
vierzig jahre kalter krieg, hochruestung und konfrontation
in europa verlangten nach einer grundlegenden
wende.
mutig sind die gewesen, die diese verkrusteten strukturen in
frage stellten und angriffen:
- die vielen menschen in europa, die persoenlich etwas
wagten, um ein leben frei von unterdrueckung und
bedrohung zu fuehren - das volk der polen zuerst,
- die friedensbewegung in ost und west, die sich gegen
immer mehr massenvernichtungswaffen wandte,
- die ungarn, die ihre tore oeffneten,
- die demokratiebewegung in der ddr, die den
einschuechterungen und bespitzelungen trotzte.
die sehnsucht nach einem leben in einem demokratischen
und freien europa hat gesiegt. diese menschen sind die
wirklichen helden der neuen zeit. ohne politiker, die die
zeichen der zeit erkannten, waere der wandel nicht so
schnell eingetreten.
ich nenne allen voran den sowjetischen staatspraesidenten
michail gorbatschow. michail gorbatschow hat den weg fuer
die reformen in osteuropa freigegeben. und ich nenne die
repraesentanten der westlichen demokratien, die den weg
zu abruestung und sicherheitspartnerschaft mitformuliert
haben.
wir gedenken heute auch der opfer, die die umwaelzungen
in osteuropa gefordert haben, wir gedenken der menschen,
die an der mauer erschossen wurden, wir gedenken der
ermordeten in rumaenien und aller anderen, die fuer den
widerstand gelitten haben.
manche europaeer, meine damen und herren, blicken mit
sorge auf diesen neuen, grossen staat deutschland. wir
muessen uns der verantwortung bewusst bleiben, die wir vor
dem hintergrund unserer geschichte haben.
das gemeinsame europaeische haus wird nicht ein haus der
grossen saele, der grossen nationen sein, sondern es wird das
europa der regionen werden. nicht in den grossen einheiten
finden sich die menschen. kulturelle identitaet kommt daher,
wo das leben ist: aus den staedten und regionen.
fuenf neue laender und das wiedervereinigte berlin staerken
den foederalismus in unserem staat. deutschland wird
kulturell und regional vielfaeltiger werden. zu den bisherigen
deutschen laendern des nordens, des westens und des
suedens treten nun wieder sachsen und thueringen, treten
brandenburg, sachsen-anhalt, mecklenburg-vorpommern
und berlin hinzu.
es sind regionen, deren identitaet sich vierzig jahre lang
nicht entfalten konnte. und doch spueren wir schon heute,
wie stark die landsmannschaftlichen bindungen noch sind
und wie sehr von dort aus impulse ausgehen, die unser
land beeinflussen und veraendern werden. deutschland,
das ist jetzt mehr als nur der bundesrepublikanische
westen.
in der regionalen vielfalt steckt der geistige und kulturelle
reichtum deutschlands und auch europas. wir sollten
diese vielfalt - jeder fuer sich - durch reisen und
begegnungen wieder entdecken. und wir werden diese vielfalt
durch gleiche politische teilhabe aller laender und durch eine
entschlossene foerderung der laender oestlich von weser und
elbe auch oekonomisch und sozial untermauern.
wir heissen die neuen ostdeutschen laender in unserer mitte
herzlich willkommen.
die politische einheit, die wir heute vollzogen haben, ist der
weg, die einheitlichkeit der lebensverhaeltnisse aber ist das
ziel, fuer das wir zu arbeiten haben.
man kann sich nicht auf dem erreichten ausruhen, wenn so
viele menschen in angst und sorge um ihre zukunft sind.
staat und politik sind fuer die menschen da und nicht
umgekehrt, wie wir wissen. die buergerinnen und buerger aus der
ehemaligen ddr koennen vertrauen haben in die kraft der
demokratie und in die soziale leistungsfaehigkeit unserer
wirtschaftsordnung.
die probleme, die sich jetzt ergeben, das sind probleme der
uebergangszeit. wir koennen sie ueberwinden, wenn wir
entschlossen handeln. dazu gehoert aber auch, dass die
buergerinnen und buerger ihre interessen aktiv wahrnehmen, dass
sie mitreden, sich engagieren und die initiative ergreifen.
nur so und nur dann lebt die demokratie.
das netz der sozialen sicherheit ist auch in der
bundesrepublik niemandem geschenkt worden, sondern es hat erst
gegen viele widerstaende erkaempft werden muessen.
in berlin werden die probleme und die konflikte des
zusammenwachsens am deutlichsten sichtbar. keine andere stadt
erlebt die einheit so hautnah und so einschneidend wie
berlin. hier werden die probleme der einheit fuer die politik
am sichtbarsten.
berlin wird das modell sein fuer das zusammenwachsen
unserer nation. hier treffen sich ost und west, hier ist der
schnittpunkt auch beider teile unseres kontinents, berlin
wird diese umbruchzeit auszuhalten und zu bewaeltigen
haben. doch diese stadt hat die kraft und sie hat auch die
ausdauer dazu. sie hat sie sich in wechselvoller geschichte
erworben.
deutsche geschichte spiegelt sich in berlin wie an keinem
anderen ort wider - in allen hoehen und tiefen. berlin wurde
revolutioniert und missbraucht, es wurde zerstoert, es wurde
wieder aufgerichtet, es wurde geteilt, blockiert und bedroht.
berlin hat sich immer wieder aufgerichtet, hat fuer eine
bessere und friedliche zukunft gekaempft.
diese stadt steht fuer das schicksal unserer ganzen nation.
berlin wird die einheit meistern. berlin ist wieder die vitale
und die vielfaeltige metropole der deutschen in der mitte
europas.