Sicherheit für ein kommendes Europa - Rede des Bundeskanzlers in München

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Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei der 33. Münchner Konferenz
für Sicherheitspolitik am 3. Februar 1996 in München folgende Rede:

I.

Lieber Herr von Kleist, meine sehr verehrten Damen und Herren, es
ist mir eine Freude, heute erneut an der Münchner Konferenz zur
Sicherheitspolitik teilzunehmen. Als Forum des transatlantischen
Gedankenaustauschs hat sich das von Ihnen ins Leben gerufene
Gremium seit langem einen hervorragenden internationalen Ruf
erworben. Die Teilnehmer dieser Begegnungen haben stets
besonderen Gewinn aus den Gesprächen und Diskussionen hier in
München gezogen. Wir alle haben Anlaß, Ihnen, lieber Herr von
Kleist, hierfür ganz besonders zu danken.

Europa steht heute mitten
in einer entscheidenden Phase für die Gestaltung unserer
gemeinsamen Zukunft. Es geht darum, für unseren ganzen Kontinent
Frieden und Freiheit auf Dauer zu sichern. Grundlagen hierfür bilden
die entschlossene Fortführung des europäischen Einigungswerks
und die enge transatlantische Zusammenarbeit. Zugleich muß Europa
bereit sein, in größerem Maße Mit- und Eigenverantwortung zu
übernehmen.

Darüber hinaus müssen wir aber auch alle
Möglichkeiten wahrnehmen, die Sicherheit in Europa durch Nutzung
und Stärkung bewährter Institutionen wie Europarat und OSZE zu
festigen. Die Münchner Konferenz ist eine gute Gelegenheit zu einem
intensiven Meinungsaustausch, der unserer weiteren Arbeit wichtige
Impulse geben kann.

II.

Meine Damen und Herren, wir treffen hier zu einem Zeitpunkt
zusammen, in dem das Atlantische Bündnis in eindrucksvoller Weise
Zeugnis ablegt von seiner Entschlossenheit zum Handeln und
zugleich von seiner Fähigkeit, neue Aufgaben anzupacken. Mit der
Übernahme der Führungsrolle bei der internationalen Friedenstruppe
im ehemaligen Jugoslawien stellt das Bündnis seine
Handlungsfähigkeit unter Beweis. Die Allianz wächst nach und nach
in neue Aufgaben hinein. Die USA, europäische Staaten, Rußland,
Japan, aber auch islamische Länder wirken im ehemaligen
Jugoslawien zusammen, um ein Ziel zu erreichen: Wir wollen in einer
gemeinsamen Anstrengung dazu beitragen, daß die leidgeprüfte
Bevölkerung in dieser Region endlich wieder in Frieden leben kann.
Diese Zusammenarbeit kann für die Sicherung des Friedens und das
künftige Miteinander in Europa von wegweisender Bedeutung sein.
Dieser große Friedenseinsatz des Atlantischen Bündnisses
verdeutlicht zugleich, daß auf den für unsere gemeinsame Sicherheit
unverzichtbaren transatlantischen Verbund Verlaß ist. Durch ihren
substantiellen Beitrag zur internationalen Friedenstruppe haben die
Vereinigten Staaten klargestellt, daß Frieden und Stabilität in Europa
ein gemeinsames, transatlantisches Anliegen ist. Der Einsatz vieler
tausend amerikanischer Soldaten zur Abstützung des Friedens im
ehemaligen Jugoslawien zeigt, daß die Amerikaner zu ihrem
Engagement in Europa stehen. Dafür sind wir Europäer ihnen
dankbar.

Meine Damen und Herren, im Juni wird der NATO-Rat in
Berlin tagen. Künftige Aufgaben der NATO und die Sicherheit in
Europa werden wichtige Themen sein. Ebenso wie die Thematik ist
auch der Tagungsort Ausdruck der veränderten Lage in Europa.
Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Treffen in Berlin
undenkbar gewesen. Heute gehört es zur Normalität.

Beim NATO-Gipfel im Januar 1994 in Brüssel hat die Allianz den Staaten
Mittel-, Ost- und Südosteuropas eine "Partnerschaft für den Frieden"
angeboten. Zugleich hat die Allianz bekräftigt, daß sie für die
Mitgliedschaft anderer europäischer Staaten offen ist. Das Bündnis
will damit zu Sicherheit und Stabilität im kommenden Europa
beitragen. Die vor kurzem vorgelegte Studie zur NATO-Erweiterung
zeichnet den Weg für die weitere Entwicklung vor. In diesem Jahr
wird die Allianz den intensiven Dialog mit den Ländern Mittel- und
Osteuropas fortführen.

Wichtig ist es, gerade jetzt die praktische
Zusammenarbeit des Bündnisses mit den Ländern des ehemaligen
Warschauer-Paktes weiter voranzubringen. Dabei sind bereits gute
Fortschritte erzielt worden. Ich denke zum Beispiel an die
gemeinsamen Übungen im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden, an denen sich neben Soldaten aus NATO-Staaten auch
Einheiten zum Beispiel aus Polen, der Tschechischen Republik und
Rumänien beteiligt haben. Ich nenne auch die Bereitschaft Ungarns,
sein Territorium für die Organisation des Nachschubs für die
amerikanischen Truppenteile in Bosnien zur Verfügung zu stellen.
Der Wunsch - und dies sage ich mit Nachdruck - unserer östlichen
Nachbarstaaten, dem Bündnis beizutreten, ist legitim. Er wird von
demokratischen Staaten in unserem gemeinsamen Europa
vorgebracht. Er findet breite Unterstützung auch in den Parlamenten
und in der Öffentlichkeit der NATO-Mitgliedstaaten.

An die Öffnung
der NATO müssen wir mit Sorgfalt und politischer Umsicht
herangehen, da es dabei um Schritte von grundlegender Tragweite
für das Bündnis selbst und für die Sicherheit in einem kommenden
Europa geht. Wir Deutsche und Europäer haben ein elementares
Interesse daran, daß die NATO auch in Zukunft stabil und
handlungsfähig bleibt. Wir haben aber auch größtes Interesse daran,
ein partnerschaftliches, freundschaftliches Verhältnis zu Rußland und
der Ukraine zu entwickeln. Wir müssen die wohlverstandenen
Sicherheitsinteressen Rußlands und der Ukraine berücksichtigen. Es
versteht sich dabei von selbst, daß es für eine Frage dieser
Bedeutung nur schädlich sein kann, wenn sie zum Thema in dem
russischen, aber auch in dem amerikanischen
Präsidentschaftswahlkampf würde.

Das Bündnis nimmt die
russischen Besorgnisse ernst. Es hat sich daher von Anfang an zur
Entwicklung und Vertiefung der Zusammenarbeit mit Rußland bereit
erklärt. Die Bundesregierung ist hierfür nachdrücklich eingetreten.
Es ist unser Wunsch, daß diese Zusammenarbeit in ein besonderes
Verhältnis der NATO zu Rußland einmündet, das zum Kern der
künftigen Sicherheitsarchitektur in Europa werden könnte.

Wir müssen die Veränderungen in Rußland zur Kenntnis nehmen. Wir
sollten zu keinem Zeitpunkt vergessen, daß Rußland ein großes Land
ist, ein Land mit einer großen Geschichte, einer großen Tradition und
mit wichtigen Beiträgen zur Kultur der Menschheit. Die Einbeziehung
Rußlands in den Friedensprozeß im ehemaligen Jugoslawien kann in
diesem Sinne wegweisend sein für eine neue Qualität der
Beziehungen zwischen Rußland und der NATO. Diese
Zusammenarbeit kann ein Modell für das künftige Zusammenwirken in
Europa sein.

Meine Damen und Herren, die kollektive Verteidigung
bleibt der Kernauftrag der Allianz. Das Bündnis muß aber auch
zunehmend in der Lage sein, Krisen zu bewältigen und Sicherheit
und Stabilität in ganz Europa zu gewährleisten. Zur Wahrnehmung
dieser neuen Aufgaben müssen die bisherigen politischen und
militärischen Strukturen und Verfahren der Allianz angepaßt und
weiterentwickelt werden. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei die
Mitwirkung von Nichtmitgliedern an Friedensoperationen.

Schlankere und flexiblere Strukturen des Bündnisses sind aber auch
nötig, um die weitere Entwicklung und Ausgestaltung der europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität voranzubringen. Europa muß
künftig in der Lage sein, militärische Aufgaben in Einzelfällen in
Abstimmung mit dem Atlantischen Bündnis selbst zu erfüllen. Ich
begrüße ganz besonders, daß Frankreich sich entschieden hat,
künftig innerhalb der Atlantischen Allianz an der Reform der NATO
mitzuwirken und seine Zusammenarbeit mit den militärischen und
militärpolitischen Organen der NATO zu intensivieren. Die
europäische Handlungsfähigkeit im Bündnis wird davon profitieren.

III.

Meine Damen und Herren, wenige Jahre vor der Jahrtausendwende
befinden wir uns in Europa in einer Übergangsphase von historischer
Tragweite. Nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs, dem
Zusammenbruch des Kommunismus und der friedlichen
Wiedervereinigung Deutschlands eröffnen sich für unseren Kontinent
Möglichkeiten eines neuen Miteinanders. Diese gilt es, durch den
weiteren Aufbau Europas zu nutzen. Frieden und Freiheit auf
unserem Kontinent sind keineswegs selbstverständlich. Sie müssen
täglich neu gesichert werden. Denn an die Stelle der unmittelbaren
Bedrohung zu Zeiten des Ost-West-Konflikts sind unkalkulierbare,
nicht minder große Risiken getreten.

Es gibt keine vernünftige
Alternative zu einem immer engeren Zusammenschluß der
europäischen Völker. Wir alle brauchen das vereinte Europa. Die
Politik der europäischen Einigung ist in Wirklichkeit die Frage von
Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert. Der Nationalismus hat -
denken wir nur an die ersten fünfzig Jahre dieses Jahrhunderts -
unserem Erdteil großes Leid gebracht.

"Der Nationalismus, das ist
der Krieg." So hat es auch mein verstorbener Freund Francois
Mitterrand am 17. Januar 1995 vor dem Europäischen Parlament in
Straßburg gesagt. Fehlt der Schwung zur Fortsetzung des
europäischen Einigungswerkes, dann gibt es nicht nur Stillstand,
sondern auch Rückschritt. Wir wollen - und das sage ich mit
Nachdruck für die große Mehrheit der Deutschen - aber kein Zurück
in den Nationalstaat alter Prägung. Er kann die großen Probleme des
21. Jahrhunderts nicht lösen.

Wir brauchen Europa aber auch, damit
unser gemeinsames Wort in der Welt Gewicht hat. Wir können
unsere gemeinsamen Interessen nur dann angemessen zur Geltung
bringen, wenn wir mit einer Stimme sprechen und unsere Kräfte
bündeln. Und wir brauchen Europa, um auf den Weltmärkten
konkurrenzfähig zu bleiben. Nur gemeinsam können wir uns im
weltweiten Wettbewerb mit den anderen großen Wirtschaftsräumen
behaupten.

Wir Deutsche haben darüber hinaus ganz spezifische
Gründe, weshalb wir mehr als andere das vereinte Europa brauchen.
Wir haben mehr Nachbarn als jedes andere Land in Europa. Was
dort geschieht, berührt uns unmittelbar - und umgekehrt. Gerade wir
verdanken der europäischen Einigung vieles. Deutschland hat ein
elementares nationales Interesse daran, daß eines Tages alle seine
Nachbarn der Europäischen Union angehören. Es ist aber auch ein
Gebot der Vernunft, daß wir Deutsche uns immer wieder bewußt
machen, wie unsere Nachbarn uns sehen. Dieses Bild wird auch
heute noch durch historische Belastungen geprägt, aber auch durch
die Bevölkerungszahl von 80 Millionen Menschen und
Wirtschaftskraft des vereinten Deutschland. Deutsche Außenpolitik
muß deshalb klar zu den Grundsätzen und Zielen der europäischen
Einigung stehen. Es ist daher das Ziel der von mir geführten
Bundesregierung, den europäischen Einigungsprozeß entschlossen
voranzubringen und ihn unumkehrbar zu machen.

Meine Damen und Herren,
Ende März wird in Turin die Regierungskonferenz zur Reform
der Europäischen Union zusammentreten. Es wird eine der
vorrangigen Aufgaben der Konferenz sein, der Europäischen Union
ein klareres Profil in der Außen- und Sicherheitspolitik zu geben. Ich
bin mir dabei bewußt, daß die Skepsis hier gerade im Blick zurück auf
die Erfahrung der letzten Jahre groß ist. Dennoch gilt: Europa muß
künftig bereit sein, bei Aufgaben der europäischen und
internationalen Krisenbewältigung mehr Verantwortung zu
übernehmen. Hierbei kommt der WEU eine wichtige Rolle zu, sowohl
als europäischer Pfeiler des Atlantischen Bündnisses als auch als
Verteidigungskomponente der Europäischen Union. Ohne eine
Verteidigungskomponente wird das Werk der europäischen Einigung
immer unvollständig bleiben.

Wir dürfen nicht erwarten, daß die
Vereinigten Staaten bei der Vielzahl möglicher Konflikte immer die
Rolle des Ordnungshüters im europäischen Haus übernehmen.
Deswegen sind verstärkte europäische Bemühungen um die
Fortentwicklung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik
erforderlich. Die Schaffung einer eigenständigen europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität wird gewiß nicht von heute
auf morgen verwirklicht. Aber wir müssen jetzt substantielle
Weichenstellungen vornehmen. Ziel ist und bleibt für uns mittelfristig
die Integration der WEU in die Europäische Union. Die
Regierungskonferenz muß uns auf diesem Weg auf der Grundlage
des Maastrichter Vertrages ein gutes Stück voranbringen.

Die Regierungskonferenz sollte nach Schritten zur Annäherung beider
Institutionen suchen. Weitgehende Übereinstimmung besteht schon
darüber, die Ziele der sogenannten Petersberger Erklärung der WEU
zu humanitären Einsätzen und friedenserhaltenden Maßnahmen im
Maastrichter Vertrag zu verankern. Dies wäre in der Tat ein wichtiger
Schritt nicht nur für die institutionelle Annäherung, sondern würde
auch die EU-Mitgliedstaaten stärker an die WEU heranführen, die
dort noch nicht Mitglied sind. Darüber hinaus sollten wir auch an eine
Richtlinienkompetenz des Europäischen Rats für die WEU sowie eine
Solidaritätsklausel für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union
analog zur Beistandsgarantie im WEU- und NATO-Vertrag denken.
Es kann nicht angehen, daß in der Europäischen Union, die wir als
Solidargemeinschaft verstehen, die einen für Sicherheit und
Verteidigung zuständig sind, und die anderen für den Handel.

Meine Damen und Herren, ohne eine wirkliche Gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik, ohne die Bündelung der Kräfte ihrer
Mitgliedstaaten wird die Europäische Union ihre Werte und
Interessen in Europa wie weltweit auf Dauer nicht zum Tragen
bringen können. Wir müssen deshalb bei der Regierungskonferenz -
neben der weiteren Heranführung der WEU an die Europäische
Union - auch die Bestimmungen des Maastrichter Vertrages zur
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik konsequent
fortentwickeln. Dazu sollten wir meines Erachtens Bereiche
gemeinsamen europäischen Interesses festlegen und uns für diese
auf gemeinsames Handeln verpflichten. Natürlich brauchen wir dafür
auch die geeigneten Instrumente und Strukturen. Bislang sind die
Möglichkeiten in Brüssel unzureichend, notwendige Analysen als
Grundlage für unser gemeinsames Handeln zu erstellen. Um
handlungsfähig zu sein, müssen wir im übrigen auch bessere
Voraussetzungen schaffen, um mit einer Stimme zu sprechen.

Meine Damen und Herren,
für die Sicherheit in Europa ist die Entwicklung in
unseren Nachbarregionen von entscheidender Bedeutung.
Notwendig sind gemeinsame nachhaltige Anstrengungen zur
Förderung von politischer und wirtschaftlicher Stabilität in diesen
Regionen. Ich nenne hier neben Mittel- und Osteuropa vor allem die
Mittelmeerregion von Nordafrika bis zum Nahen Osten.

Armut, Elend und Perspektivlosigkeit der jungen Generation sind
Nährboden für religiösen Fanatismus, der seinerseits immer mehr
zu einer Bedrohung des Friedens wird. Für die Zukunft dieser
Region ist es von schicksalshafter Bedeutung, daß der
Friedensprozeß zwischen Israel und den arabischen Staaten
ein Erfolg wird. Man sollte nicht glauben, daß Verträge allein
den Frieden schaffen, sie können aber
das Tor zum Frieden öffnen. Doch wenn der Großteil der
Bevölkerung keine Perspektive für eine menschliche und friedliche
Zukunft sieht, wächst die Gefahr einer Radikalisierung und von
Fundamentalismus. Europa muß zusammen mit anderen Ländern
seinen Beitrag zur Umsetzung des Friedensprozesses leisten. Wir
sollten auch sorgfältig prüfen, ob nicht wie nach dem Zweiten
Weltkrieg für den Wiederaufbau in Europa eine Art Marshall-Plan
für die Entwicklung eines befriedeten Nahen Osten notwendig wäre.

Meine Damen und Herren, die europäischen Bemühungen zur
Stärkung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik dürfen
nicht zu einer Schwächung der transatlantischen Partnerschaft
führen. Wir müssen beides tun: Europa Handlungsfähigkeit geben
und die transatlantischen Bindungen festigen. Diese haben uns über
vierzig Jahre ein Leben in Frieden und Freiheit gesichert. Sie sind
und bleiben für die Sicherheit und Stabilität in Europa von vitaler
Bedeutung.

Wir wollen die Partnerschaft Europas mit den
Vereinigten Staaten weiter festigen und vertiefen. Dazu gehört eine
stärkere Abstimmung und Zusammenarbeit in allen Bereichen
gemeinsamen Interesses. Wir begrüßen die Transatlantische Agenda
und den Aktionsplan für die nächsten Jahre, die bei dem Gipfeltreffen
der spanischen EU-Präsidentschaft mit Präsident Clinton am 3.
Dezember 1995 vereinbart wurden. Es ist das Ziel deutscher
Außenpolitik, die deutsch-amerikanischen Beziehungen angesichts
veränderter weltpolitischer Rahmenbedingungen weiter zu vertiefen.
Dazu gehören der Ausbau unserer Zusammenarbeit in Wirtschaft,
Wissenschaft und Kultur und vor allem auch mehr Begegnungen
zwischen jungen Menschen beiderseits des Atlantik.

Im November 1993 haben Präsident Clinton und ich das
Deutsch-Amerikanische Akademische Konzil ins Leben gerufen, das
vor allem für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein
Forum der Begegnung sein soll.
Auch beim wirtschaftlichen Austausch sind noch längst
nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich wünsche mir, daß mehr
deutsche Firmen in den Vereinigten Staaten und mehr amerikanische
Firmen in Deutschland, und ganz besonders in den neuen
Bundesländern, investieren. Das ist eine gute Investition in die
Zukunft.

IV.

Meine Damen und Herren,
wir Deutsche hatten mit der Teilung unseres Landes ganz unmittelbar
unter dem Kalten Krieg zu leiden. Aus dieser Erfahrung wissen wir:
Frieden und Freiheit sind nicht zum Nulltarif zu haben. Vor zwei Jahren
sagte ich an dieser Stelle:
"Gerade die historische Erfahrung gebietet es, daß Deutschland nicht
beiseite steht, wenn es um Frieden und Freiheit in der Welt und
Europa geht. Wir wollen und müssen an der Seite unserer Partner
Verantwortung übernehmen." Und ich fügte hinzu: "Verläßlichkeit
und Bündnisfähigkeit sind das Grundkapital der deutschen
Außenpolitik. Deutsche Sonderwege in Europa und der Welt führen
unweigerlich in die politische Isolierung."

Im vergangenen Dezember haben wir den Beschluß gefaßt, uns mit
4000 Soldaten der Bundeswehr an der Internationalen Friedenstruppe
zur Absicherung des Friedensvertrages für Bosnien-Herzegowina zu
beteiligen. Deutschland unterstreicht damit auf konkrete Weise seine
Bereitschaft, bei der Sicherung des Friedens in Europa aktiv
mitzuwirken. Die mit großem Ernst geführte Debatte im Deutschen
Bundestag und die breite Zustimmung des Parlaments zu der
Entsendung des deutschen Kontingents im vergangenen Dezember
haben gezeigt, daß unser Land bereit ist, den gewachsenen
Erwartungen der Völkergemeinschaft an das vereinte Deutschland zu
entsprechen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich an dieser
Stelle etwas zur Einbettung unserer Bundeswehr in die
demokratische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland sagen.
Seit vierzig Jahren hat die Bundeswehr im Rahmen des Atlantischen
Bündnisses einen gewichtigen Beitrag zur Sicherung des Friedens
geleistet. Bei den Feiern anläßlich ihres vierzigjährigen Bestehens im
vergangenen Jahr ist deutlich geworden, daß die Bundeswehr sich
dabei auf den Rückhalt unserer Bevölkerung stützen kann. Dieser
Rückhalt ist auch deshalb gewachsen, weil die Erfahrungen im
früheren Jugoslawien, nur eine Flugstunde von Deutschland entfernt,
vielen Deutschen gezeigt haben, daß die deutschen Soldaten dort
gemeinsam mit ihren Kameraden aus der Allianz auch unsere Freiheit
und unseren Frieden garantieren.

Deutschland braucht eine Bundeswehr, die auch den veränderten
Anforderungen gerecht wird und entsprechend gerüstet ist. Dazu
gehört auch die Beibehaltung der Wehrpflicht.
Sie ist und bleibt Ausdruck der Bürgerverantwortung in einer
freiheitlich demokratischen Gesellschaft. Wir brauchen
Streitkräfte, die zur Landesverteidigung befähigt sind. Sie müssen
auch fähig sein, im Rahmen des Bündnisses auf Krisen zu reagieren.
Schließlich müssen sie für die Völkergemeinschaft zur Verfügung
stehen, wenn unsere Hilfe erforderlich ist.

Die Bundeswehr unterstützt in den letzten Jahren zunehmend die
Vereinten Nationen in Aufgaben der Friedenssicherung - wie zum
Beispiel in Jugoslawien und Irak ebenso wie zuvor in Kambodscha
und Somalia. Darin kommt auch ein Stück Solidarität mit unseren
Bündnispartnern zum Ausdruck, so wie wir sie über vierzig Jahre
bei der Gewährleistung unserer Sicherheit und Freiheit erfahren haben.
Diese Solidarität zu beweisen, sollte für uns Deutsche selbstverständlich
sein. Nach schwierigen innenpolitischen Diskussionen hat das
Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil im vergangenen Sommer
die notwendige rechtliche Klärung gegeben.

Die Herausforderungen, vor denen wir bei der Ausgestaltung der
Sicherheit für ein kommendes Europa stehen, wollen wir gemeinsam
mit unseren Partnern und Freunden bewältigen. Der Verbund wichtiger
Teile der deutschen Streitkräfte mit Einheiten europäischer Verbündeter
zeigt, welchen Weg wir zurückgelegt haben. Ich nenne das Euro-Korps,
die Zusammenarbeit in der deutsch-französischen Brigade sowie das
neugeschaffene deutsch- niederländische Korps als wichtige
Beispiele. Ich denke ferner an die zwischen Deutschland und
Frankreich ins Auge gefaßte Möglichkeit, es jungen Wehrpflichtigen
zu erlauben, den Wehrdienst im jeweils anderen Land zu leisten.
Diesem Beispiel sollten wir auch mit anderen Partnern folgen.

V.

Meine Damen und Herren, wer hätte noch vor zehn oder gar zwanzig
Jahren gedacht, daß wir heute gemeinsam in Europa soweit kommen
würden? Die Atlantische Allianz und das europäische Einigungswerk
haben ganz entscheidend zu Frieden, Freiheit und wachsendem
Wohlstand in Europa beigetragen. Dies haben wir trotz aller
Schwierigkeiten und mancher Rückschläge geschafft. Deswegen bin
ich mir sicher, daß Europa kommt, und dies gilt auch für die
Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Lassen wir den Kleinmut und
Engstirnigkeiten beiseite und gehen wir weiter Schritt für Schritt
voran - mit Ruhe und Geduld, Augenmaß und dem richtigen Kompaß.