Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Ich möchte Ihnen heute Abend etwas gestehen: Für die meisten meiner Landsleute ist Ihr wunderschönes Land ein Sehnsuchtsort – aber ich selbst war noch nie hier. Viele Deutsche träumen davon, nach Kanada auszuwandern – jede zehnte Kanadierin und jeder zehnte Kanadier hat deutsche Wurzeln. Und wenn man in Deutschland lebt, aber nicht gleich ans Auswandern denkt, dann möchte man wenigstens hier Urlaub machen, Ihr wunderschönes Land entdecken und bereisen. Gut eine halbe Million Deutsche machen das jedes Jahr. Warum also schaffe ich es erst – mit 67 Jahren – hierher zu Ihnen zu kommen und mit eigenen Augen zu sehen, wovon meine Landsleute so schwärmen: Ihre beeindruckende Natur, Ihre lebendige und vielfältige Gesellschaft, Ihre herzliche Gastfreundschaft?

Ich habe lange über diese Frage nachgedacht, viel länger, als mein Flug über den Atlantik gedauert hat. Aber – und jetzt kommt mein zweites Geständnis: Eine einfache Antwort habe ich gar nicht gefunden. Denn tatsächlich verbindet unsere beiden Länder, verbindet Deutschland und Kanada, so viel. Wir teilen gemeinsame Werte und Überzeugungen wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir teilen das Ziel einer gerechteren und inklusiveren Gesellschaft, in der jede und jeder die gleichen Chancen hat, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Glauben. Und wir pflegen sehr enge, auch sehr persönliche politische Beziehungen.

Deutschland und Kanada verbindet eine Partnerschaft, die gerade in dieser Zeit des Krieges, der Krisen und der Umbrüche wichtiger ist denn je. Wir haben immer schon gewusst, dass wir einander mögen – aber nun ist es so, dass wir einander auch brauchen.

In Deutschland sagen wir gern: „Das Beste kommt erst noch.“ Und ich glaube, das ist dann auch die schlüssigste Erklärung dafür, warum ich noch nie in Kanada war. Ich habe mir das Beste tatsächlich bis zum Schluss aufgespart.

Meine Frau und ich freuen uns sehr, heute Abend hier bei Ihnen im National Arts Centre zu Gast zu sein. Genauso freut uns, dass auch Eric Gauthier mit seinen Tänzerinnen und Tänzern hier ist, deren Aufführung Sie gerade genießen durften. Ein Weltstar aus Kanada, der ein einzigartiges Tanzensemble in Deutschland aufgebaut hat: Kann es ein eindrucksvolleres, ein faszinierenderes Beispiel für die tiefen und vielfältigen Verbindungen zwischen unseren Ländern geben?

Liebe Gäste, wir haben heute Abend noch ein zweites kulturelles Glanzstück auf dem Programm: Beethovens Fünfte, die Schicksalssinfonie. Eine Sinfonie, die wie kein anderes Musikstück den Weg von Leid, Sehnsucht, Entschlossenheit und Standhaftigkeit bis hin zu Freude und Jubel nachzeichnet. Mein Dank gilt Alexander Shelley und dem National Arts Centre, die uns alle mit einer der berühmtesten Kompositionen aller Zeiten begeistern werden.

Herzlichen Dank für den wunderbaren Empfang in Ihrem Land, für Ihre Freundlichkeit und Wärme. Und nun wünschen meine Frau und ich Ihnen allen einen wundervollen Abend!