Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

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Eigentlich braucht es nach den vergangenen anderthalb Jahren der Pandemie, die uns allen noch in den Knochen stecken, gar keine Begründung mehr, warum Wissenschaft wichtig ist.

Die Offenheit für wissenschaftliche Erkenntnisse, das breite Interesse vieler Menschen an wissenschaftlichen Podcasts und Reportagen, nicht zuletzt eine wissenschaftsfreundliche politische Kultur: sie alle haben uns in der Krise gutgetan und uns geholfen, der Pandemie gemeinsam die Stirn zu bieten.

Gleichermaßen braucht es eigentlich auch gar keine Begründung mehr, warum die Förderung von Wissenschaft so wichtig ist. Wer würde bezweifeln, wie wichtig jahrelange Grundlagenforschung und Anwendungserprobung für unseren Kampf gegen das Virus waren? Von dessen Sequenzierung über die Behandlung bis zum Wunder der Impfstoffe in Rekordzeit – wer will da noch ernsthaft das finanzielle Fundament der Wissenschaft in Frage stellen? Von der Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für unseren Wohlstand und die Lösung anderer drängender Probleme ganz zu schweigen.

Ja, es könnte alles so einfach sein. Doch der Ungeist der Wissenschaftsfeindlichkeit ist nie ganz gebannt – und die materiellen Herausforderungen bleiben enorm. Renovierungsbedürftige Hochschulbauten und kostspielige Großprojekte, jahrelange Forschungen ohne unmittelbare Anwendungsperspektive im Grundlagenbereich und wissenschaftlich geschulter Nachwuchs, der planbare Karrierewege einfordert und zugleich auch in Wirtschaft und Verwaltung händeringend gesucht wird – die Realität weiß um die Tücken, und die Bedarfe sind riesig.

Eines jedenfalls ist klar: Es mangelt nicht an Gründen, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung angemessen auszustatten, und ihre Grundlagen sicherzustellen, muss auch in Zukunft unsere gemeinsame Aufgabe sein – auch wenn nach der Pandemie die Kassenlage kritisch überprüft wird. Im Gegenteil: Die Wissenschaft hat einen Anspruch auf ein gutes materielles Fundament – und Staat und Gesellschaft müssen auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bereit sein, die weiter steigenden Bedarfe zu decken.

Heute feiern wir hundert Jahre Deutsche Forschungsgemeinschaft und hundert Jahre Stifterverband – beides gemeinsam, und das mit gutem Grund.

Wer heute über die Arbeit dieser beiden großen Organisationen nachdenkt, der erkennt ein produktives Nebeneinander von staatlicher, privatwirtschaftlicher und stiftungsgetragener Förderung von Wissenschaft und Forschung. Sowohl der Staat als auch die privaten Förderer haben sich gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten für das Wissen entschieden und das auch finanziell zum Ausdruck gebracht. Erst in dieser gemeinsamen Kraftanstrengung wird vieles möglich.

Den Gründern der damaligen „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ wäre die heutige finanzielle Ausstattung geradezu traumhaft vorgekommen. Ja, die Ausgangslage ist ganz anders als vor einem Jahrhundert. Aber ein historisches Plakat des Stifterverbands mit der Aufschrift „Forschung heißt Arbeit und Brot!“, das zeigt bis heute, was auf dem Spiel steht.

Unser Land ist arm an Rohstoffen, aber reich an Ideen, und in der Wissenschaft liegt unsere Zukunft. Vom Klimawandel über die Digitalisierung bis zu gesellschaftlichen und philosophischen Fragen: Wir werden den Weg in die Zukunft nicht im Dunkeln finden, wir brauchen das Licht der Wissenschaft.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Stifterverband sind starke Stützen unserer Wissenschaft. Sie gehen gemeinsam voran, etwa beim Forschungsschiff Meteor oder mit dem Communicator-Preis, der im vergangenen Jahr ebenfalls ein kleines Jubiläum feierte.

Der Erfolg Ihrer Arbeit misst sich nicht nur an Finanzmitteln und Zitationen, sondern auch daran, erfolgversprechende Ansätze früh zu erkennen – gerade dann, wenn sie innovativ und unkonventionell sind. Ihr Erfolg misst sich daran, wie gut Sie die Entwicklung des Wissenschaftssystems begleiten und befördern.

Ihr Erfolg misst sich auch daran, wie gut Sie im Dialog mit der Gesellschaft bleiben, um Vertrauen werben und sich in unserer Demokratie einbringen. Und der Erfolg von Wissenschaft misst sich ganz besonders auch daran, dass sie ihre eigene Vergangenheit aufarbeitet und ihrer Verantwortung für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie gerecht wird.

Liebe Deutsche Forschungsgemeinschaft, lieber Stifterverband, bei keiner dieser Erfolgsvariablen brauchen Sie den Blick der Öffentlichkeit zu scheuen!

Ich wünsche Ihren beiden großen Einrichtungen alles Gute zum 100. Geburtstag – und ich vertraue fest darauf, dass sie auch in den nächsten hundert Jahren unserem Land dabei helfen werden, unser Wissen über die Welt zu mehren und die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu meistern.

Vielen Dank – und viele weitere Erfolge!