bei der Eröffnung des Europäischen Hansemuseums am 27. Mai 2015 in Lübeck:
- Bulletin 73-1
- 27. Mai 2015
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Frau Kosok und Frau Menken,
sehr geehrter Herr Pfeifer und Herr Heller,
sehr geehrte Kollegen aus den Parlamenten,
aus dem Deutschen Bundestag, aus dem Landtag,
meine Damen und Herren,
insbesondere auch Vertreter der Hansestädte von nah und fern,
auch aus meinem eigenen Wahlkreis, wenn ich das sagen darf, in Gestalt des Oberbürgermeisters von Greifswald,
ich freue mich, gemeinsam mit Ihnen das Europäische Hansemuseum zu eröffnen. Ich bin gerne dafür nach Lübeck gekommen. Der Bürgermeister hat ja schon Vermutungen darüber angestellt. Die Tatsache, dass es sich um ein europäisches Hansemuseum handelt, hat dabei natürlich eine Rolle gespielt, genauso wie die Tatsache, dass es etwas ist, das aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden ist.
Lübeck hat ein neues Juwel – ein Juwel, das Einblicke in bewegende Kapitel der Jahrhunderte währenden Hansezeit gibt. Es macht Geschichte erlebbar und lebendig, auch weil es manche Verbindungslinie zum Hier und Heute zieht. Dass das Europäische Hansemuseum nun in Lübeck seine Heimat gefunden hat, liegt auf der Hand, auch wenn man andere Hansestädte hoch achtet. Die Stadt wurde im Mittelalter als „Königin der Hanse“ bezeichnet. Im 14. Jahrhundert nannte sie Kaiser Karl IV. in einem Atemzug mit Rom, Venedig, Pisa und Florenz. Heute zählt die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auf Schritt und Tritt zeigt sich die große Tradition Lübecks als freie Reichs- und Hansestadt.
Das Burgkloster-Areal markiert den strategisch wichtigen Ausgangspunkt für die Gründung Lübecks im Jahr 1143. Damals stiegen niederdeutsche Kaufleute in den Ostsee-Handel ein – ein entscheidender Schritt für die Entwicklung der Hanse. Deshalb ist allein die Wahl des Standorts des Museums ein traditions- und selbstbewusstes Bekenntnis zu den Wurzeln Lübecks und eines sehr wohlverstandenen Hanseatentums.
Darüber hinaus überzeugt die Architektur mit einem gelungenen Brückenschlag über historische Epochen hinweg. Das sanierte Burgkloster, die archäologische Grabungsstätte und das zeitgenössische Gebäude fügen sich zu einer Einheit zusammen. Daraus sprechen rund 5.000 Jahre Geschichte zu uns – von der Jungsteinzeit über das Mittelalter bis zur Gegenwart. Deshalb kann ich zu diesem einzigartigen Ensemble nur gratulieren. Der Glückwunsch geht an viele, aber ganz besonders auch an den Architekten, Herrn Heller. Zu würdigen sind sowohl das Konzept als auch die Umsetzung.
Der Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit findet in der Ausstellung eine konsequente Fortführung. Sie bringt ihren Besuchern die Hanse aus verschiedenen Perspektiven näher – und das, wie es die moderne Museumskultur verlangt, auch interaktiv. Sie verdeutlicht, dass das einstige Kaufleute- und Städtebündnis seine Spuren eben bis in unsere Zeit hinterlassen hat.
Damit sind wir auch bei der Tatsache, dass die Hanse der erste große erfolgreiche Wirtschaftsverbund Europas war. Er hatte am längsten Bestand: länger als ein halbes Jahrtausend. – Wenn man an ein halbes Jahrtausend denkt: Wir haben vor gar nicht langer Zeit 50 Jahre Römische Verträge gefeiert; die Europäische Union muss sich also noch anstrengen. – Die Hanse erstreckte sich über Länder- und Staatsgrenzen hinweg. Die Mitglieder dachten und handelten grenzüberschreitend. Der Austausch fand nicht nur in Handel und Finanzwesen, sondern auch in Fragen der Gerichtsbarkeit und im kulturellen Leben statt.
Der französische Historiker Philippe Dollinger beschrieb in seinem klassischen Werk zur Hanse deren einheitsstiftendes Wirken – ich zitiere ihn: „Auf ihren Schiffen sind genauso gut geistige und künstlerische Strömungen verbreitet wie Waren transportiert worden.“ So entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg aus gemeinsamen Interessen in vielerlei Hinsicht auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und ich vermute: Wir profitieren heute noch davon.
Die gemeinsame Tradition spiegelt sich auch heute nicht zuletzt in vielen Bauwerken wider. Wer etwa in Riga über den Marktplatz geht, wie ich das letzte Woche tun konnte, der sieht vor dem geistigen Auge zum Beispiel auch Danzig, Stralsund oder Lübeck. Unter uns hier sind viele, die mit ihrer Anwesenheit ja auch die anhaltende Verbundenheit einstiger und heutiger Hansestädte zum Ausdruck bringen – und das jeweils zu Recht und jeweils mit Stolz auf die eigene Herkunft. Denn die Hanse hat europäische Geschichte maßgebend mitgeschrieben. Sie wirkte identitätsstiftend. Auf sie sind Wurzeln zurückzuführen, auf denen unser europäisches Miteinander auch heute noch beruht. Wir haben wieder einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, wir bündeln unsere Interessen, wir bauen auf Konsens und Solidarität, wir setzen auf Eigenverantwortung und Mitverantwortung.
Damit können wir an die zentrale Erfahrung der Hanse anknüpfen, dass wir gemeinsam stärker sind und mehr für alle erreichen, als wenn jeder für sich selbst agieren würde. Daher gibt es auch heute das Bemühen um Einigkeit in der Europäischen Union – immer wieder und in allen aktuellen Fragen. Das ist manchmal langwierig, das ist oft unbequem, aber das war auch bei der Hanse so. Letztlich können wir auch heute sagen: Der Nutzen wiegt den Aufwand immer wieder auf.
Lösungen, wenn sie Bestand haben sollen, lassen sich immer nur im Dialog finden. Dialog wiederum lebt vom Willen und von der Fähigkeit zum Kompromiss. Beides wird getragen vom Bewusstsein für das, was einen verbindet. Deshalb setzen wir in der Europäischen Union im Innen-, aber auch in unserem Außenverhältnis immer wieder auf Dialog. Wir halten an Gesprächsfäden fest – selbst bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten. Aber eines ist klar: Wenn Europa mit einer Sprache spricht, dann bringt es seine Interessen und Überzeugungen auch weltweit besser zu Gehör – dann können wir uns besser einbringen in die Gestaltung der Welt von morgen.
Damit bin ich immer noch ganz nah bei den Anliegen des Europäischen Hansemuseums. Denn dieses Museum bietet auch Raum, den Blick nach vorn zu richten. Das halte ich für sehr wichtig. Das sogenannte Hanselabor lädt unter anderem dazu ein, sich mit Fragen einer zukünftigen Weltwirtschaftsordnung zu befassen.
Meine Damen und Herren, dass im und mit dem Europäischen Hansemuseum Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft überhaupt möglich sind, verdanken wir vor allem hanseatischem Bürgersinn – unterstützt vom Land Schleswig-Holstein und der Hansestadt Lübeck. Auch der Bund hat sich an der Sanierung des Burgklosters finanziell beteiligt.
Entscheidend aber war der überaus großzügige Einsatz der Possehl-Stiftung. Dafür gebührt vor allem Ihnen, Frau Menken und Herr Pfeifer, ein herzlicher Dank. Wie es bei Hanseaten so ist: Frau Menken guckt erst einmal ganz selbstverständlich, als ob gar nichts Außergewöhnliches passiert wäre. So gehört sich das auch. Und dennoch sage ich herzlichen Dank. Ihre Unterstützung des Hansemuseums dürfte gewiss im Sinne Emil Possehls liegen. Er hatte vor 100 Jahren etwas als Auftrag und Vermächtnis hinterlassen, das wir heute wohl als „corporate social responsibility“ bezeichnen – nachhaltig zu wirtschaften und Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen.
Lübeck darf sich glücklich schätzen, auf eine breite Tradition bürgerschaftlichen Engagements und zahlreiche gemeinnützige Stiftungen bauen zu können. Das Europäische Hansemuseum – das darf man wohl sagen – ist ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür, was Gemeinsinn zu bewirken vermag. Deshalb wünsche ich, dass sich alle, die hierherkommen, vom hanseatischen Geist dieses Ortes inspirieren lassen. Möge das Europäische Hansemuseum ein Leuchtturm in der nationalen und internationalen Museumslandschaft sein und weithin über die Stadtgrenzen Lübecks und über die Grenzen der Hanse hinaus Strahlkraft entwickeln.
Ich freue mich, dass ich heute hier mit dabei sein kann und dass ich gleich noch etwas zu sehen bekomme. Ich sage allen ein herzliches Dankeschön, die an diesem Projekt mitgewirkt haben, sowie ein herzliches Dankeschön an alle, die aus anderen Hansestädten gekommen sind und jetzt auch ein kleines Stück Zuhause hier in Lübeck haben.