zum Amtswechsel des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes am 8. Mai 2006 in Berlin:
- Bulletin 45-1
- 12. Mai 2006
Sehr geehrter Herr Hoppenstedt!
Sehr geehrter Herr Haasis!
Herr Bundeskanzler!
Herr Vizepräsident des Deutschen Bundestages!
Liebe Kollegen aus dem Kabinett!
Lieber Herr Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Öttinger!
Liebe Frau Köhler!
Liebe Frau Rau!
Ich begrüße Sie alle, meine Damen und Herren Kollegen aus den Parlamenten, ganz herzlich und freue mich, lieber Herr Hoppenstedt, heute dabei zu sein, wenn ein in der Tat bewegendes Ereignis stattfindet. Der Staffelstab, wie Sie es eben nannten, wird von Ihnen an Herrn Haasis übergeben.
Sie haben uns mit Ihren Worten und Ihren sehr grundsätzlichen Einschätzungen eben noch einmal etwas über die Sparkassengruppe vermittelt, die auf etwas blicken kann, was in der Tat nicht alle in der Republik haben, nämlich das Vertrauen von 63 Prozent der Menschen, von fast zwei Dritteln, wie Sie es sagten, und dies in einer Zeit, in der sich unser Land und die Welt durchaus im Umbruch befinden.
Wenn man über das Wort "Sparkasse" nachdenkt, wird einem deutlich – mir zumindest –, dass Sparkassen und soziale Marktwirtschaft in der gesamten Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sehr eng miteinander zusammengehangen haben und wohl auch weiter zusammenhängen. Wenn man fragen würde, woran es sich festmachen lässt, dass man vertrauen kann, dann stellt man fest, dass die Sparkassen eine ganz wesentliche Rolle gespielt haben. Sie sind im Übrigen durch die kommunalen Vertreter in den Sparkassen auch ein Bindeglied zwischen Verwaltung vor Ort, Politik vor Ort, zwischen dem, was nah bei den Menschen stattfindet, und dem, was die Finanzinstitute zu leisten haben. Daraus hat sich eine ganz spezielle Form von Verantwortlichkeit ergeben.
Sie haben mit mich sehr beeindruckenden Worten davon gesprochen, wie die Zeitläufe heute sind und wie in Zeiten der Globalisierung, wie in Zeiten der Beschleunigung, in Zeiten eines auch viel weiter gefassten Wettbewerbs diese Institutionen weiter ihre Rolle nah am Menschen übernehmen können. Das wird eine Frage sein, die Sie sicherlich weiter bewegt, die aber auch Ihren Nachfolger bewegen wird. Ich hatte neulich mit dem Präsidenten der Europäischen Kommission eine relativ lange Gesprächspassage, weil mich der Bundesfinanzminister gebeten hatte, in einem bestimmten Zusammenhang auch noch einmal über die Frage zu sprechen – wir haben ja morgen Europa-Tag: Wie ist das eigentlich mit dem Verständnis der Menschen für Europa, für die Notwendigkeit von Europa und den Spielräumen, die Politik vor Ort eingeräumt werden, den nationalen Besonderheiten, den Möglichkeiten, der eigenen Kultur, der eigenen Geschichte entsprechend Politik zu gestalten und dennoch die europäische Integration voranzubringen?
Ich glaube, am Beispiel der Sparkassen dokumentiert sich das. So will ich auch gleich vorweg sagen, dass die Sparkassen auch Sparkassen sein sollen und dürfen und dass das eine gewisse Ausschließlichkeit hat. Dafür werben wir jedenfalls ganz intensiv, weil Namen eben auch Markenzeichen sind, wobei der Inhalt auch zum Namen passen muss.
Wenn ich vielleicht noch die verschämte Bitte äußern darf, dass Ihnen nahe stehende Kreditinstitute nicht kontraproduktiv wirken, dann ist es für die Politik auch noch länger so. Die, die sich mit der Frage befassen, wissen, was ich meine.
Ich habe gerade davon gesprochen, dass wir in einer Welt leben, die sich der Globalisierung nicht nur stellen muss, sondern in der Deutschland seine Chancen sucht, und zwar mit seinen ganz spezifischen Eigenheiten. Und diese Eigenheiten heißen eben kleine Unternehmen, mittelständische Unternehmen, Familienunternehmen, die qua Struktur auf eine lange Existenzgeschichte angelegt sind, die ihre Erfolgsstory integrativ sehen – über eine lange Zeiteinheit ausgedehnt und nicht punktuell. Ich glaube, dass diese Art zu denken im Übrigen auch in einer globalen Welt und in den globalen Finanzmärkten zum Schluss die erfolgreichste sein wird.
Wir müssen uns, um in Deutschland diesen Herausforderungen zu begegnen, natürlich fragen: Wie können wir die Veränderungen so gestalten, dass unsere Stärken als Stärken weiterentwickelt werden und wir trotzdem bereit sind, uns anderen Ideen und anderen Wettbewerbern zu stellen? Dabei geht es – und das zeichnet ja die Politik der großen Koalition aus – immer wieder um eine Neujustierung der Balance zwischen staatlicher Regulierung auf der einen und persönlicher Freiheit und Verantwortung auf der anderen Seite.
Das deutsche Dreisäulenmodell der Banken, Sparkassen und Volksbanken ist ein Modell, das ohne staatliche Regulierung nicht existieren könnte, von dem wir trotzdem der Meinung sind, dass es ein hohes Maß an Freiheitlichkeit garantiert. Deshalb ist es mit Sicherheit wichtig, dass wir darüber sprechen – und das haben Sie eben getan –: In welcher Art und Weise reagieren wir denn auf Globalisierung? Die Antwort auf Globalisierung kann mit Sicherheit nicht die Antwort einer immer höheren Zentralisierung sein, sondern kann an vielen Stellen heißen: Kleinere Einheiten stärken. Deshalb geht meine Bitte an alle, die den Sparkassen verbunden sind, natürlich auch bei allem Effizienzdenken, dem sie unterworfen sind, nicht dem modischen Trend so weit hinterherzulaufen, dass das, was immer die Unterscheidbarkeit der Sparkassen ausgemacht hat, zum Schluss zur Ununterscheidbarkeit wird. Wir wollen durchaus, dass wir die Sparkassen noch von den anderen unterscheiden können.
Ihr Beifall ermutigt mich, aber Sie wissen auch, dass das in den nächsten zehn, zwanzig Jahren nicht einfacher werden wird. Manche Tendenz, insbesondere in Regionen, in denen wenige Menschen pro Quadratkilometer wohnen, deutet heute schon darauf hin, dass die Ortsnähe, die der Betroffene sosehr liebt, nur noch unter großer Mühe aufrechterhalten werden kann. Ich bitte Sie: Finden Sie hier die richtige Balance, sonst wird es mit der Unterscheidbarkeit schwieriger.
Die Politik muss, so wie sich die Sparkassen dem Veränderungsprozess gestellt haben, natürlich auch Antworten geben. Ich glaube, eine Antwort im Zusammenhang mit der Diskussion, die wir mit den Sparkassen geführt haben, ist ganz nah an der Föderalismusreform zu sehen. Wenn die Menschen begreifen sollen, wie die Verantwortlichkeiten strukturiert sind, dann ist es ganz wichtig, dass für jede Ebene auch ein Verantwortlicher gefunden wird – ein Defizit, das wir in der Europäischen Union zurzeit beklagen. Für europäische Vorkommnisse Verantwortliche zu finden ist gemeinhin schwieriger als für kommunale. Insofern ergibt sich daraus häufig eine Intransparenz, die für demokratische Mechanismen immer ausgesprochen schädlich ist. Wir haben deshalb gesagt, die Föderalismusreform ist eine der zentralen Aufgaben, der wir uns verpflichtet fühlen – nicht nur wir; ich sage das auch über die Parteien der großen Koalition hinaus, wenn ich die FDP zum Beispiel anschaue –, weil die Verantwortlichkeit der Länder und die Verantwortlichkeit des Bundes wieder in einer klareren Weise getrennt werden müssen, wie es im Übrigen der Intention der Väter und Mütter des Grundgesetzes immer entsprochen hat. Es hat hier Fehlentwicklungen gegeben.
Deshalb sind wir der Meinung, dass Entscheidungswege verkürzt werden müssen und dass auf diesem Wege auch klarer gesagt wird, wer für etwas zuständig ist. So werden wir im Bereich von Gaststättengesetzen und anderen Dingen Zuständigkeiten abgeben, so werden wir den Ländern an bestimmten Stellen mehr Verantwortlichkeit geben. Man mache sich nichts vor, das ist eine Diskussion, die aus meiner Sicht in Deutschland wieder sehr grundsätzlich geführt werden muss, weil viele doch den Eindruck haben, die zentrale Lösung sei die allerbeste. Wir werden dafür werben müssen, dass Wettbewerb unterschiedlicher Ansätze, unterschiedlicher Herangehensweisen die Systeme immer flexibler und lernfähiger gemacht hat. Aber im Bereich der Bildungspolitik gibt es eine sehr erbitterte Diskussion, die, wie ich uns alle nur bitten kann, sehr offensiv zu führen ist, weil das, was zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland ganz selbstverständlich ist, heute nicht mehr automatisch weiterhin selbstverständlich ist.
Den Kommunen darf ich sagen, dass die Föderalismusreform genau für das, was Kommunen in den vergangenen Jahren beschwert hat, hilfreich ist, weil sie nämlich ganz deutlich sagt, dass es nicht mehr erlaubt ist, den Kommunen Aufgaben zu übertragen, für die im Grunde keine Finanzierung mitgeliefert wird. Denn auch das zerstört die Freiheit vor Ort, und das muss verändert werden.
Wir haben uns vorgenommen, uns in einem weiteren Schritt – das zu bohrende Brett wird mindestens so dick wie das erste – auch mit den Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern zu befassen – ich schaue schon einmal in Richtung des Bundesfinanzministers. Aber wir lassen ihn nicht allein damit. Denn diese Diskussion wird nicht einfach, weil der Wettbewerb zwischen den Ländern dazu geführt hat, dass die Länder auch unterschiedliche Stärken und Schwächen entwickelt haben und daher sicherlich ein erbitterter Kampf stattfinden wird. Trotzdem wird auch dies von allergrößter Wichtigkeit sein. Wir werden uns dem globalen Wettbewerb nur durch eine staatliche Ordnung, eine Ordnung auch im Finanzdienstleistungssektor, stellen können, der innovativ ist und sich den Herausforderungen stellt.
Die Finanzbranche ist inzwischen eine der wichtigsten Branchen geworden. Sie hat 1,4 Millionen hoch qualifizierte Beschäftige. Wir sprechen oft über den Maschinenbau, über die Automobilindustrie, aber die Bedeutung der Finanzbranche für ein hoch entwickeltes Land wird oft noch unterschätzt. Ich glaube, dass wir insbesondere auch die Aufgabe haben werden, der Bevölkerung in ihrer Breite – und auch hier haben die Sparkassen natürlich eine hervorragende Möglichkeit und haben sie im Bildungsprogramm auch schon sehr häufig genutzt – etwas über die Funktionsmechanismen des Finanzdienstleistungssektors zu vermitteln.
Der Umgang der Deutschen mit Kapital, das Verständnis über die Mechanismen des Kapitalmarktes sind nicht ausreichend ausgeprägt. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt: Um den Herausforderungen der Globalisierung zu entsprechen, müssen wir das ändern. Wir werden deshalb auch darüber nachdenken, wie wir mehr Menschen an den Erfolg ihrer Unternehmen, in denen sie beschäftigt sind, beteiligen können, um einfach die Bindung an das Kapital im guten Sinne, an den Ertrag zu stärken und damit den Umgang mit Kapital zu einem selbstverständlichen Gut in unserer Gesellschaft zu machen, so wie es in anderen Bereichen gang und gäbe ist.
Die Sparkassen haben bewiesen, dass sie reformierbar, dass sie reformfreudig sind. Herr Hoppenstedt ist uns als jemand bekannt, der die Herausforderungen angenommen hat. Der Wegfall von Anstaltslast und Gewährträgerhaftung im Juli 2005 hatte erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftspolitik der öffentlichen Kreditinstitute. Sie haben sich dieser Herausforderung gestellt.
Wir haben – alle Bundesregierungen – bestimmte Anforderungen in Brüssel gemeinsam durchgekämpft, aber Sie sind auch ein unerbittlicher Kämpfer, da, wo es dem Dreisäulenmodell an den Kragen gehen soll. Auch das hat Sie immer ausgezeichnet, Herr Hoppenstedt, und das ist ja nichts Schlechtes.
Die Bilanz beziehungsweise die Einschätzung der Rating-Agenturen fiel für diesen Reformprozess positiv aus. Und Sie werden jetzt vor der Aufgabe stehen, eine flächendeckende Versorgung für den Mittelstand unter den neuen Bedingungen zu gewährleisten. Ich will an dieser Stelle noch einmal sagen, dass die mittelständische Sicherung unter den Bedingungen der Globalisierung für mich zu den zentralen Notwendigkeiten gehört, um ein erfolgreiches Deutschland aufzubauen und weiterzuentwickeln.
Wenn wir uns die ganz großen Unternehmen anschauen, dann stellen wir fest, dass sie natürlich eine Leuchtturmfunktion haben. Aber Beschäftigungszuwachs, Ausbildungsgarantien, viele andere Merkmale einer innovativen und wachsenden Volkswirtschaft wird es nur mit dem Mittelstand geben. Deshalb gibt es hier eine enge Interaktion zwischen erfolgreicher Wirtschaftspolitik und dem Funktionieren der Sparkassen. Denn Mittelständler sind Ihre wesentlichen Kunden, die bei Ihnen sozusagen zu Hause sind, was die Versorgung mit Krediten anbelangt.
Zum Thema "Basel II" kann ich berichten – völlig unstrittig –, dass es eine Eins-zu-Eins-Umsetzung einer EU-Richtlinie in deutsches Recht gibt. Wir haben bei der Umsetzung dieser EU-Richtlinie allerdings konsequent alle möglichen Wahlrechte genutzt, die den Nationalstaaten bei ihrer Umsetzung eingeräumt wurden. Deshalb glaube ich, dass es auch hier ganz wichtig sein wird, dass das, was in "Basel II" mühselig verhandelt wurde, nämlich die Existenz einer Langfristkultur im Kreditgeschäft, auch erhalten bleibt. Dass das an den einzelnen Beispielen durch die Sparkassen vorexerziert wird, ist meine ganz herzliche Bitte.
Meine zweite Bitte ist, dass bei all dem, was "Basel II" an Transparenz notwendig macht, der gesunde Menschenverstand bei der Vergabe von Krediten nicht völlig auf der Strecke bleibt. Ich sage das als Physikerin, die davon überzeugt ist, dass man alles völlig rational abbilden kann. Aber irgendwann ist dann die Quantenmechanik mit ihrer Unschärfe hinzugekommen, und es gibt Dinge, die hat man im Gefühl. Diesem Gefühl muss ein kleiner Spielraum gegeben werden und es muss sich dann aber auch durch entsprechende Erfolgsbilanzen in einer Langfristbetrachtung wiederfinden.
Wir werden politisch das, was für die Entwicklung des Mittelstandes notwendig ist, tun, insbesondere in der Erarbeitung einer Unternehmenssteuerreform. Von ersten Gedankengängen haben Sie gelesen. Eine Unternehmenssteuerreform ist auf der einen Seite insbesondere wichtig in Bezug auf die Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, auf der anderen Seite aber auch in Bezug auf die – wie wir es so schön nennen – Rechtsformneutralität, also die Gleichbehandlung von Personengesellschaften und Kapitalgesellschaften – ein Punkt, der im internationalen Vergleich an Bedeutung gewinnt.
Ich will an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich sagen: Wir werden mit einem ersten Schritt zum 1. Januar 2007 insbesondere das Erbschaftssteuerrecht reformieren, so, wie wir es auch in der Koalitionsvereinbarung festgelegt haben, bei dem deutlich wird – dies ist ein Signal an die Personengesellschaften –: Wer auch in Zeiten der Globalisierung sein Kapital im Betrieb behält, der wird dadurch belobigt, anerkannt, gefördert, dass ihm die Erbschaftssteuer erlassen wird. Die Entscheidung für das Kapital im Betrieb muss anerkannt werden angesichts der Möglichkeiten, mit Kapital anderweitig beziehungsweise ganz anders zu wirtschaften. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger psychologischer Schritt, den die Bundesregierung durchsetzen wird.
Wir werden uns dem Thema "Bürokratieabbau" widmen und haben dies zum Teil schon getan. Das ist ein Thema im gesamten Mittelstand. Das ist aber auch ein Thema im Bereich der Finanzmärkte – für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kreditinstitute von allergrößter Bedeutung – gerade in Grenzregionen, in denen man dem internationalen, insbesondere dem europäischen Vergleich, unmittelbar ausgesetzt ist. Wenn man im europäischen Binnenmarkt wirtschaftet, dann ist insbesondere in den Grenzregionen erkennbar, wohin sich die jeweiligen Unternehmer orientieren, und wir wissen, dass dies bei Ihnen, bei den Sparkassen, ein intensiv diskutiertes Thema ist. Ich denke, auch die Aufsichtsbehörden werden es in ihren Verhaltensweisen stärker berücksichtigen. Darüber wird es immerwährende Diskussionen geben. Die sollten Sie aber auch selbstbewusst einfordern. Ich fordere Sie durchaus dazu auf; daraus kann nur Vernünftiges entstehen.
Wir wollen insbesondere durch die Einrichtung eines Normenkontrollrates sicherstellen, dass wir einmal über die gesamte Gesetzgebungsbreite messen, welche Bürokratiekosten durch Informations- und Meldepflichten entstehen. Ich glaube, dass wir im Vergleich zu Ländern, die dies schon vor Jahren getan haben, dann auch in die Lage versetzt sein werden, Bürokratiekosten zu quantifizieren. Das ist in Holland wunderbar gelungen. Dann können Sie auch über die Reduktion von Bürokratie sprechen, was ansonsten immer eine sehr allgemeine, von jedem in der Überschrift geteilte Diskussion ist, die aber nie quantifizierbar und damit nie abrechenbar ist.
Auch im Finanzbereich gibt es eine ganze Reihe von Richtlinien und Gesetzen, auf die wir das sehr gut anwenden können. Die Einführung des Standardkostenmodells halte ich für einen ganz wichtigen Schritt, genauso wie den, dass wir jetzt schon in einem Mittelstandsentlastungsgesetz erste konkrete Bürokratieabbaumaßnahmen einleiten. Für die Frage des Abbaus der Bürokratie bitte ich Sie, die Vertreter der Wirtschaft, auch der Finanzinstitute, um aktive Mithilfe. Wir haben das mit dem Bundeswirtschaftsminister besprochen. Es ist oft wichtig, uns aus Ihrer Perspektive auf die Wirkung von Gesetzen hinzuweisen, die wir erarbeitet haben, und die sich uns in ihrer Vielfalt oft noch gar nicht darlegt, sondern immer erst vor den Betroffenen.
Ich sage aber auch – und wenn ich Herrn Faltlhauser hier sehe, denke ich gleich ans bayerische Kabinett, das neben anderen Landeskabinetten in Bezug auf Bürokratieabbau sehr viel getan hat –: Bürokratieabbau ist eine ganz schwierige Sache, weil jede bürokratische Regelung auch ihre Profiteure hat. Die Profiteure haben die Eigenschaft, dass sie sich meist lauter zu Wort melden als die, die nicht davon profitieren. Insofern müssen wir schon dazu kommen, dass wir als Gesellschaft dazu bereit sind, uns darauf einzulassen, dass Bürokratieabbau in jedem Einzelfall nicht eine Verringerung von Freiräumen bedeutet, sondern eine Vergrößerung. Eine Vergrößerung von Freiräumen eröffnet Chancen. Aber dort, wo Chancen sind, sind auch Risiken denkbar. Eine Gesellschaft, die jedes Risiko scheut, endet entweder ständig vor Gericht oder aber in einer völligen Verregulierung.
Dies zu verstehen, ist ein gesellschaftlicher Lernprozess. Ich erzähle dieser Tage immer die Geschichte von der Kurzform der Fahrradverordnung, bei der die Ministerpräsidenten uns zum Schluss geholfen haben, dass sie nicht in Kraft tritt; 32 Seiten zum Wohle des deutschen Radfahrers, insbesondere der radfahrenden Kinder. Die Zahl der Beschwerdeführer – für den Fall, dass es eine solche Verordnung nicht gibt – war beeindruckend. Die meisten Verkehrsunfälle geschehen mit Fahrrädern, viele Unfälle davon mit Kindern. Nur dem Umstand, dass der Kanzleramtsminister Vater von drei Kindern ist, war es zu verdanken, dass erstmals darauf hingewiesen wurde, dass die Unfälle meistens mit nicht intakten Fahrrädern geschehen, und nicht mit solchen, die normgerecht ausgestattet sind. Als diese Art von Beschwerdeführung vorbei war, kamen plötzlich die Industrieverbände und haben dem staunenden Kanzleramtsminister unterbreitet, dass überhaupt nur mit der in Deutschland eingeführten Normung von Bremsen und Rückstrahlern und den entsprechenden Einfallswinkeln des Lichts garantiert werden kann, dass die entsprechenden Fahrradteile noch in Deutschland produziert werden. Wenn man das alles nicht mehr normte, kämen die asiatischen Produkte auf den Markt, weil die billiger sind, und das könne ja nicht sein.
Dies ist genau die Art und Weise, wie wir der Globalisierung nicht Herr werden. Wenn wir uns an unsere schönen bürokratischen Regeln haften, dann wird das noch zwei oder drei Jahre klappen, und dann werden die asiatischen Rückstrahler und Bremsen trotzdem kommen und wir haben nichts gewonnen außer einer neuen Verordnung. Es ist uns gelungen, das insgesamt abzuwenden, und ich hoffe, es bleibt auch so. Es ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, in einem konkreten Fall bestimmte Regulierungen zu beseitigen oder zu vermeiden. Das müssen wir trotzdem tun.
Ich möchte für unsere Präsidentschaft in Europa für das nächste Jahr auch ankündigen, dass wir mit der Prozedur von "better regulations", wie die Angelsachsen so schön hoffnungsvoll sagen – das heißt nichts anderes als Abschaffung von Richtlinien –, weiter vorangehen. Es sind bis jetzt, glaube ich, etwa 60 Richtlinien der Europäischen Union abgeschafft worden. Das ist ein qualitativ völlig neues Herangehen, weil in der gesamten Existenz seit den Römischen Verträgen immer nur Richtlinien neu geschaffen wurden, die nicht so standhaft waren wie der Acquis Communitaire der Europäischen Union. Der Gedanke, dass man jetzt dort auch etwas, was sich nicht mehr als notwendig erweist, wegnimmt, bedarf der unbedingten Förderung. Und ich hoffe dabei auch auf die Unterstützung der Sparkassen.
Wir werden also mit unserer Unternehmenssteuerreform ein Beispiel setzen. Wir werden mit Bürokratieabbau ein Beispiel setzen, wir werden insgesamt der Wichtigkeit von Forschung und Innovation einen großen Schwerpunkt einräumen. Auch hier brauchen wir einen Mentalitätswechsel in Deutschland. Auch hier brauchen wir die Bereitschaft zur Anwendung von neuen Finanzierungsinstrumenten. Insbesondere – das sage ich mit Blick auf die Bundesforschungsministerin – brauchen wir interessante öffentliche Förderinstrumente, die die entsprechende Innovationskraft dann auch in wirtschaftliche Produkte überführen.
Es reicht nicht, wenn Deutschland nur das Land der Ideen ist. Deutschland muss aus seinen Ideen auch etwas machen. Dabei kommt den Sparkassen natürlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Wir freuen uns also auf einen Dialog mit Ihnen über die richtigen Förderinstrumente auf dem Weg in die Innovation. Denn gerade die ganz Kleinen bedürfen ja mit ihren guten Ideen der sorgsamen Hege und Pflege, und ich glaube, da geht uns heute noch manches verloren.
Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken für viele Aktivitäten der Sparkassen auf Feldern, die wir gar nicht jeden Tag sehen. Der Sparkassen-Schulservice ist ein solches Beispiel.
Herr Hoppenstedt hat sich diesen Bereichen immer mit großer Sorgfalt, Fürsorge und Leidenschaft gewidmet. Lieber Herr Hoppenstedt, so wie ich Ihnen wünsche, dass Sie mit einem guten Herzen für die Sparkassen und ihre vielen Aktivitäten weiterhin ein treuer Freund bleiben, so wünsche ich Ihnen, Herr Haasis, dass Sie in die Fußstapfen Ihres Vorgängers treten. Sie haben schon eine Geschichte im Bereich der Sparkassen, so dass uns da gar nicht bange ist. Sie werden diese Gruppe allerdings auch in weite, windreiche Gegenden führen; das ist schon absehbar.
Ich bitte Sie, Herr Haasis, dass Sie immer den Dialog mit uns, den Vertretern der Bundesregierung, suchen, genauso wie mit dem Deutschen Bundestag. Wir werden ein offenes Ohr haben. Als Abgeordnete, die zum großen Teil direkt gewählt sind, wissen wir um die Bedeutung der Sparkassen. Scheuen Sie sich nicht, auch das kontroverse Gespräch zu suchen, genauso wie ich Ihnen ankündige, dass wir, wenn wir nicht zufrieden sind, unsere Meinung sagen.
Insgesamt wünsche ich Ihnen Erfolg, Gesundheit und Gottes Segen. Alles Gute Ihnen, Herr Hoppenstedt. Alles Gute Ihnen, Herr Haasis in Ihrer neuen Funktion.