bei der zentralen Feierstunde zum Volkstrauertag am 19. November 2000 im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes in Berlin:
- Bulletin 78-2
- 19. November 2000
Verehrter Herr Bundespräsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
"Die unwandelbare Freundschaft und der ewige Frieden zwischen den Völkern – sind das denn Träume?", so fragte Ludwig Börne beinahe 100 Jahre vor dem Grauen des Ersten und beinahe 125 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Seine Antwort war: "Nein, der Hass und der Krieg sind Träume, aus denen man einst erwachen wird."
So gesehen, sind wir 1945 aus einem entsetzlichen Traum, aus einem Alptraum erwacht. Aus einem Alptraum, der den Ersten Weltkrieg um ein vielfaches an Schrecken überbot. Aus einem Alptraum, der von deutschem Boden ausgegangen war und mehr als 55 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Heute, am Volkstrauertag, denken wir an diese Opfer und an alle Opfer von Krieg und Gewalt.
Es ist wichtig, dass es diesen Tag gibt. Denn dieses Gedenken, diese Trauer über die Toten der beiden Weltkriege ist kein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Auch 55 Jahre nach dem schrecklichsten aller Kriege sind viele Wunden noch nicht verheilt. Zu schmerzhaft sind die Lücken, die unsere toten Angehörigen, Freunde und Bekannte in unserem Leben hinterlassen haben.
Die Erinnerung, die Bilder von damals stehen allen, vor allem meiner Generation, die den Zweiten Weltkrieg – wenn auch als Kinder – noch erlebt haben, immer und immer wieder vor Augen. Aber sie sind hoffentlich auch den Jüngeren vertraut, die von ihren Eltern, von ihren Großeltern, von Zeitzeugen erfahren haben, was damals geschehen ist.
Es sind die Bilder des Leids und der Zerstörung. Es sind Bilder von ausgemergelten und erschöpften Menschen. Es sind Bilder voller Hoffnungslosigkeit. Es sind Bilder aus Gefangenenlagern, von Appellplätzen der Konzentrationslager, von Flucht und Vertreibung. Es sind Bilder von verzweifelten Vätern und Müttern, von Ehefrauen, die vergeblich auf die Heimkehr ihres Sohnes oder Ehemannes warteten. "Im Frieden werden die Väter von ihren Kindern begraben, im Krieg aber die Kinder von ihren Vätern", so hat es Herodot vor 2500 Jahren gesagt.
Seit dem Krieg sind es die Bilder der Kriegsgräberstätten in ganz Europa, die uns nahe gehen. Wer vor diesen Gräberfeldern steht, wer die unzähligen Gräber Namenloser sieht, der kann die Schicksale erahnen, die sich hinter jedem einzelnen Kreuz und hinter jedem Grabstein verbergen.
Die Friedhöfe der Gefallenen sind Gedenkstätten und Mahnmale zugleich. Albert Schweitzer hat gesagt: "Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens und ihre Bedeutung wird immer zunehmen."
Es ist wichtig, dass es diesen Volkstrauertag gibt. Denn auch heute noch gehören für viele Menschen Hass und Gewalt und Terror und Krieg zu ihrem Alltag. Ich denke an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Ich denke an den Krieg in Tschetschenien und die vielen anderen Konflikte in der Welt. Wir denken in diesen Wochen an die blutigen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, wo Hass wieder aufgeflammt ist und täglich Menschen getötet werden, bis in diese Stunde hinein.
Zum Volkstrauertag 1956 mahnte Konrad Adenauer "Der Mensch vergisst, aber zuweilen vergisst er, so fürchte ich, zu leicht und zu schnell." Wir dürfen nicht vergessen, was gewesen ist.
Wir erinnern an die über 55 Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben gelassen haben.
Wir erinnern an die 1,2 Millionen Soldaten, deren Schicksal noch immer ungeklärt ist. Eine drückende Ungewissheit, denn jeder von uns weiß, wie tröstlich es ist, wenigstens an das Grab eines Menschen gehen zu können, wenigstens zu wissen, wo er liegt.
Wir erinnern an die Soldaten, die von einer verbrecherischen, im Größenwahn verblendeten Führung sinnlos geopfert wurden. Noch am 5. Mai 1945 gab Keitel per Erlass den Befehl, weiterzukämpfen.
Wir erinnern an die vielen Hunderttausenden, die aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr in ihre Heimat zurückkamen. Das Holzkreuz von Wolkowo – wir haben es vorhin gehört – ist ein Symbol für das Leiden der Menschen, die Jahre nach dem Ende des Krieges fern der Heimat starben.
Wir erinnern an die Menschen, die in den Bombennächten in Dresden, in Hamburg, in Berlin, in Coventry, in Rotterdam und in vielen anderen Städten in ganz Europa umgekommen sind.
Wir erinnern an die Menschen, die in den Konzentrationslagern, in den Gestapo-Gefängnissen ermordet wurden. Wir beispielsweise in Thüringen fühlen in Buchenwald und in Mittelbau-Dora die "unheimliche Nähe der modernen Barbarei", wie Semprun es genannt hat.
Wir erinnern an die Juden, an die Sinti und Roma und an alle, die aus religiösen, politischen oder anderen Gründen umgebracht wurden, nur weil sie nicht in das grauenvolle Weltbild eines menschenverachtenden Regimes passten.
Und wir erinnern auch an die tausend Toten, die an einer unsinnigen Grenze starben, nur weil sie von Deutschland nach Deutschland wollten. Wir erinnern an alle Opfer von Gewalt überall in der Welt, auch hier in unserem eigenen Land bis in die letzten Monate dieses Jahres.
Aber dieser Volkstrauertag im Jahr 2000 ist nicht nur ein Tag der Trauer und ein Tag des Gedenkens an die Toten. Er muss auch ein Tag für die Lebenden sein. Erinnern verpflichtet zum Nachdenken und Nachdenken verpflichtet zum Handeln. Die leidvollen Erfahrungen mit überstandenen Diktaturen verpflichten uns, uns für Frieden, Freiheit und Demokratie zu engagieren.
Der von Hitler und seinem Regime angezettelte Krieg hat nicht nur grenzenlos unmenschliches Leid über uns gebracht, er erbrachte am Ende die Teilung unseres Landes, die Teilung Europas und der Welt. Aber inzwischen haben wir zehn Jahre deutsche Wiedervereinigung begangen. Inzwischen ist der Ost-West-Gegensatz überwunden. Und Nationen, die sich nach dem Ende des Krieges in unterschiedlichen Machtblöcken feindlich gegenüberstanden, arbeiten freundschaftlich in der Nato und hoffentlich bald auch in der Europäischen Union zusammen. Aus den Kriegsgegnern des Zweiten Weltkrieges sind Freunde geworden, die gemeinsame Friedenkorps bilden.
Es war ein Zeichen der Hoffnung, dass der Botschafter der russischen Föderation im April dieses Jahres Bürger und Organisationen, die sich um die Pflege russischer Kriegsgräberstätten in Deutschland verdient gemacht hatten, zu sich bat.
Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass wir in Deutschland seit 55 Jahren im Frieden leben. Warum ist in unseren Schulbüchern mehr über den 30-jährigen Krieg und den 100-jährigen Krieg zwischen Frankreich und England zu lesen, als über den 55‑jährigen Frieden in der Mitte Europas?
Auch die Arbeit des "Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge" ist ein Zeichen der Hoffnung. Seit über 80 Jahren, seit seiner Gründung 1919, bemüht sich der Volksbund um die Erhaltung und Pflege der Kriegsgräber. Und es ist gut, dass der Volksbund seit 1990 auch Soldatenfriedhöfe und Kriegsgräber in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks pflegen kann.
Wer Soldatengräber pflegt und betreut, der dient der Versöhnung und dem Frieden. Wir danken den vielen ehrenamtlichen Helfern, den Bundeswehrsoldaten, den Jugendlichen, die Gräber pflegen oder vergessene Grabstätten wieder herrichten. Die Bilder der Tausenden von Jugendlichen aus der ganzen Welt, die in den "Camps" des Volksbundes gemeinsam arbeiten, sind eine Ermutigung für eine Zukunft in Frieden und Freiheit.
Diese Zeichen der Hoffnung mahnen uns. Über alle Aufgaben und Alltagssorgen dürfen wir nicht vergessen: Die Voraussetzungen, einen dauerhaften Frieden in ganz Europa zu schaffen, waren nie so gut wie heute.
Wenn wir am Volkstrauertag der Toten gedenken, dann geht es nicht um "Heldenverehrung". Theodor Heuss hat es gesagt:
"Die in den Gräbern ruhen, ... wollen gar nicht, dass wir mit lauten Worten sie "Helden" nennen. Sie haben für uns gekämpft, gezagt, gelitten, sie sind für uns gestorben. Sie waren Menschen wie wir. Aber wenn wir in der Stille an den Kerzen stehen, vernehmen wir ihre gefasst gewordenen Stimmen: Sorgt Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt. Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern!"
Es ist das Vermächtnis der Toten, dass wir aus den Kriegen, aus den Auseinandersetzungen zwischen den Völkern, die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass aus der Trauer und aus der Erinnerung an unsere Toten die Entschlossenheit wächst, den Frieden bei uns, den Frieden in Europa und in der ganzen Welt zu sichern.
Kriegsgräber und die Gräber der Opfer von Gewalt sind Lernorte. Sie sind Lernorte der Menschlichkeit und der Achtung vor dem Leben eines jeden Menschen.
Deswegen ist der Volkstrauertag ein Tag der Achtung vor der Menschenwürde. Und deswegen ist es unsere Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass dieser Tag heute und in Zukunft ein Zeichen für Frieden und Versöhnung setzt.
Dann bleibt "der ewige Frieden zwischen den Völkern", von dem Börne sprach, in Deutschland und in Europa und irgendwann in der Zukunft – so hoffen wir – auch auf der ganzen Welt kein Traum! Lasst uns den Frieden zur Wirklichkeit machen!