- Bulletin 14-95
- 24. Februar 1995
Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister des
Innern und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Eduard
Lintner, gab zu der Rauschgift-Jahresbilanz 1994 am 21.
Februar 1995 folgende Erklärung ab:
Im Jahr 1994 haben Polizei und Zoll insgesamt 1590 kg Heroin (1993: 1095 kg), 767 kg Kokain (1993: 1051 kg), 120
kg Amphetamin (1993: 117 kg), 29627 LSD-Trips (1993: 23442),
4033 kg Haschisch (1993: 4245 kg) und 21660 kg Marihuana
(1993: 7107 kg) sichergestellt. Von den erstmals gesondert
ausgewiesenen Amphetamin- bzw. Methamphetaminderivaten,
wie z.B. Ecstasy, ICE, MDE etc. wurden insgesamt 231 185
Konsumeinheiten beschlagnahmt. Außerdem wurden 30 (1993:
22) Rauschgiftlabore, davon 17 (1993: 15) Amphetaminlabore
aufgehoben. Die Zahl der polizeilich erstmals auffälligen
Konsumenten harter Drogen stieg insgesamt um 11,2 Prozent
auf 14512 von 13050 im Jahre 1993. Die höchsten
Steigerungsraten sind mit 91,1 Prozent bei den
LSD-Konsumenten (1993: 168, 1994: 321) und mit 46,7 Prozent
bei den Gebrauchern sonstiger harter Drogen, wie z.B.
Ecstasy (1993: 334, 1994: 490) zu verzeichnen. Bei den
Kokainkonsumenten beträgt der Zuwachs 33,2 Prozent (1993:
3234, 1994: 4307), bei den Amphetamin-Konsumenten 24,1
Prozent (1993: 1880, 1994: 2333). Die Zahl der polizeilich
erstmals erfaßten Heroingebraucher ist nur leicht um 1,5
Prozent (1993: 8377, 1994: 8501) gestiegen. Die
rauschgiftbedingten Todesfälle sind um 6,6 Prozent von 1738
im Jahre 1993 auf 1624 zurückgegangen. Nach der
Rauschgift-Bilanz des Bundeskriminalamtes kann auch für das
Jahr 1994 keine merkliche Entspannung der
Rauschgiftsituation festgestellt werden. Die Zahl der polizeilich
erstmals auffälligen Konsumenten harter Drogen ist gegenüber
1993 wieder angestiegen. Der starke Zuwachs bei Kokain,
Amphetamin einschließlich seiner verschiedenen Derivate und
bei LSD zeigt, daß sich die Rauschgiftnachfrage eher von
Heroin weg bewegt und sog. Leistungsdrogen,
"euphorisierende Stimmungsmacher" von einer offenbar auch
jüngeren Konsumentenschicht vermehrt nachgefragt werden.
Allerdings bedingt der zu beobachtende Mischkonsum
(Polytoxikomanie), daß Mehrfacherfassungen nicht vermieden
werden können. Trotz leicht positiver Tendenzen in einigen
Teilbereichen, etwa ein weiterer Rückgang bei den
Rauschgifttoten, ist deshalb nach wie vor eine zurückhaltende
Bewertung der Entwicklung angezeigt. Wenngleich der
Heroinkonsum immer noch überwiegt, müssen unsere
drogenpolitischen Maßnahmen, vor allem im Bereich
Aufklärung, aber auch ursachenorientierte Prävention noch
stärker an der Gruppe jugendlicher und heranwachsender
Konsumenten vor allem von synthetischen "Fitmacher"-Drogen
ausgerichtet werden. Traditionelle Drogenhilfe und Beratung
müssen weiterentwickelt, angepaßt und noch differenzierter
gestaltet werden. Nach allen bisherigen Erfahrungen sind diese
Konsumenten eher sozial unauffällig und angepaßt, was gerade
hier eine hohe Dunkelziffer vermuten läßt. Der Frage nach den
Ursachen für die wachsende Beliebtheit dieser als
"Party-Drogen" verharmlosten Suchtmittel wie den
Entstehungsbedingungen für Drogenkonsum überhaupt kommt
dabei eine zentrale Bedeutung zu. Auch auf diesem Feld
müssen sich Wissenschaft und Forschung noch intensiver mit
dem Phänomen Sucht befassen. Wirkungsvolle
Suchtprävention ist machbar, das zeigt auch die nachlassende
Nachfrage nach Heroin. Deshalb müssen die Bemühungen, eine
Art gesamtgesellschaftliche Präventionsinitiative zustande zu
bringen, weiter verstärkt werden. Dabei ist die frühestmögliche
Vorbeugung, d.h. bereits im vorschulischen Kindesalter
wichtig. Durch die Stärkung von Problemlösungskompetenz,
Konfliktfähigkeit und Selbstvertrauen wird die
Widerstandskraft gegen Suchtverhalten generell gestärkt.
Nach der in den Jahren 1993/94 im Auftrag des
Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführten Befragung
zur Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik
Deutschland lehnt die ganz überwiegende Mehrheit, nämlich
9/10 der befragten 12- bis 25jährigen den Gebrauch jeglicher
illegaler Drogen ab. Die Anzahl der Raucher und
Alkoholkonsumenten hat nach dieser Erhebung um 14 bzw. 12
Prozent abgenommen. Die Einstellung, die durch diese positive
Entwicklung deutlich wird, gilt es zu stärken. Sie ist auch das
Ergebnis der gezielten und kontinuierlichen Aufklärungsarbeit
über die Gefahren des Suchtmittelkonsums in den letzten
Jahren. Die Tatsache, daß in der genannten Altersgruppe der
Anteil der aktuellen Haschischkonsumenten von 1990 bis
1993/94 von 6 auf 10 Prozent angestiegen ist, ist deshalb
besonders bemerkenswert, weil in diesem Zeitraum sowohl in
den Medien als auch im politischen Raum die Diskussion um
eine Liberalisierung des Umgangs mit Rauschgiften,
insbesondere einer Legalisierung sog. "weicher Drogen"
verstärkt geführt wurde. Daß dies zumindest die
Probier-Neugierde stimuliert hat und gerade Jugendliche ohne
Drogenerfahrung dem Haschischkonsum bei seiner
Verharmlosung eher zuneigen, steht auch bei Fachleuten außer
Zweifel und entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung.
Ähnlich negative Auswirkungen sind für die bereits erwähnten
"Party-Drogen" zu befürchten. Allzuoft beschränkt sich
öffentliche Berichterstattung auf das mit dem Konsum
angeblich verbundene "Feeling". Die unbestreitbaren
gesundheitsschädigenden und unter Umständen sehr ernsten
Mißbrauchsgefahren kommen dabei zu kurz. Wie die
letztjährigen Sicherstellungsmengen zeigen, reagiert die
Anbieterseite prompt auf "Signale", zumal, wenn sie eine
Zunahme der Nachfrage erwarten lassen. Nie zuvor wurden
durch Polizei und Zoll derart große Mengen an
Cannabisprodukten beschlagnahmt, wie im Jahre 1994. Die
Verhinderung einer Großeinfuhr von 21 t Cannabiskraut durch
Hamburger Zollbeamte und der Anstieg der Haschisch- und
Marihuana-Beschlagnahmen alleine auf dem Flughafen
Frankfurt um das 36- bzw. 30fache sind eindeutige Indikatoren
für eine von den Rauschgiftkartellen erwartete größere
Absatzchance für sog. weiche Drogen. Die Größenordnungen
beim Schmuggel synthetischer Drogen und die wachsende Zahl
enttarnter illegaler Rauschgiftlabore sprechen für eine
entsprechende Einschätzung ebenfalls für diesen
"Nachfragebereich". Und auch bei den anderen Rauschgiften
wie Kokain und Heroin hält der Zufuhrdruck unvermindert an.
Durch koordinierte Maßnahmen und insbesondere die
intensivierte Zusammenarbeit von Polizei und Zoll gelingt es
den Ermittlungsbehörden zunehmend, bei der Bekämpfung der
Organisierten Rauschgiftkriminalität Erfolge zu erzielen. So
haben gerade im Jahr 1994 eine Reihe spektakulärer
Ermittlungsfälle in der Bundesrepublik zur Festnahme und
strafrechtlichen Verfolgung nicht nur der jeweiligen Kuriere
und Kleindealer, sondern auch der Organisatoren und
Drahtzieher des Rauschgiftgeschäfts geführt. Dabei hat sich
einmal mehr die ausgesprochen wertvolle Arbeit unserer
Rauschgiftverbindungsbeamten in zwischenzeitlich 25 Ländern
bewährt. Erfolgreich war aber auch die große
Übereinstimmung und Entschlossenheit im kompromißlosen
Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität auf internationaler
Ebene. Bei den Hilfen und der Betreuung Suchtkranker und
Gefährdeter dürfen wir in unseren Anstrengungen um noch
differenziertere Reaktionsmöglichkeiten nicht nachlassen. Vor
allem der für einen nachhaltigen Therapieerfolg so wichtigen
Nachsorge muß mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der
Rückgang der Zahl der Drogentoten weist auch auf Fortschritte
und deutliche Verbesserungen im Bereich der Drogenhilfe und
Therapie hin. Vor allem der Ausbau niedrigschwelliger
Angebote, wie z.B. Notschlafstellen, stationäre
Krisenintervention und korrekt durchgeführte und begleitete
Substitutionsprogramme mit Methadon, haben neben einer
Reihe anderer Faktoren diese positive Entwicklung gefördert.
Die nach den einzelnen Ländern sehr unterschiedliche Bilanz
der Rauschgifttoten belegt deutlich, daß es nicht nur eine
Ursache für den Rückgang der Todesfälle gibt und schon gar
nicht alleine die Methadonprogramme hierfür entscheidend
sind. So ist etwa in Nordrhein-Westfalen die Zahl der
Drogentoten um 2 Prozent gestiegen, in Bayern, wo man mit
dem Einsatz von Methadon zurückhaltend ist, um 3,1 Prozent
zurückgegangen. Angesichts von 10 Todesfällen infolge
Kokainkonsums im vergangenen Jahr stellt sich zudem die
Frage nach geeigneten Hilfeangeboten, wenn sich der Konsum
illegaler Rauschgifte mehr und mehr von Heroin wegentwickelt.
Auch noch so niedrigschwellige Konzepte zur Verhinderung
der fatalen Folgen der Drogensucht müßten langfristig
scheitern, wenn es nicht gelingt, letztlich die Motivation für
eine Abstinenztherapie zu fördern. Auch müssen solche
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die
für die Abhängigen einen dauerhaften Ausstieg aus der Sucht
erstrebenswert machen. Hier sind insbesondere auch eine
intensive Begleitung nach einer Therapie, Wohnraum,
Arbeitsplatz und eine permanente Betreuungsmöglichkeit in
Krisensituationen von entscheidender Bedeutung. Die
Bundesregierung wird sich auch weiterhin allen
Liberalisierungs- bzw. Legalisierungsforderungen beharrlich
widersetzen, da ihre Folgen vor allem bei den jungen
Generationen nicht verantwortet werden könnten. Viele
Beispiele zeigen, daß ein erleichterter Zugang zu Drogen die
Bereitschaft zum Konsum fördert. Vor allem für die
synthetischen Rauschgifte würde ein permanenter Wettlauf um
besseren Stoff für immer stärkere "Glücksgefühle" in Gang
gesetzt, mit fatalen Folgen für die Konsumenten. Mit ihrer
Drogenpolitik sieht sich die Bundesregierung auch in großer
Übereinstimmung mit einer Vielzahl kompetenter Fachleute und
der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Wer einerseits
Werbeverbote und Konsumverzicht für Alkohol und
Tabakwaren einfordert, kann ehrlicherweise und ohne in
hohem Maße widersprüchlich zu sein, nicht gleichzeitig den
"freien Umgang" mit Rauschgiften propagieren.