prinzipien deutscher politik und europaeischer partnerschaft - rede von staatssekretaer dr. Hennig

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der parlamentarische staatssekretaer beim
bundesminister der verteidigung, dr. ottfried hennig, hielt
vor dem bund deutscher nordschleswiger in sankelmark
am 11. januar 1992 folgende rede:

zu den treffen der deutschen nordschleswiger bin ich wie
in der vergangenheit auch heute sehr gerne gekommen. ich
habe hier immer ein stueck grenzueberschreitendes europa
erfahren und erlebe es so, wie ich es mir fuer unseren ganzen
kontinent wuensche: respekt, loyalitaet und toleranz als
wichtige grundlagen der beziehungen zwischen nationaler
minderheit und der grossen mehrheit eines staatsvolkes und
umgekehrt.
so manche auslaendische staatsfuehrung wuerde ich mir hier,
diesseits und jenseits der deutsch-daenischen grenze, als
gaeste zum praktischen anschauungsunterricht wuenschen.
auch wenn nicht alles perfekt sein mag - und wo ist das
schon so, wo menschen am werke sind -, so koennten doch
viele menschen auf unserem kontinent freier atmen und
muessten nicht darueber nachdenken, ihrer heimat den
ruecken zu kehren, wenn ihre politiker dem deutschen
und daenischen beispiel folgen wuerden.
es liegt wenig mehr als zwei jahre und zwei monate zurueck,
dass ich das letzte mal zu ihnen sprechen konnte. ich sage
das so exakt - und ich muss das in diesen bewegten und
bewegenden zeiten so exakt sagen -, weil diese begegnung
genau fuenf tage vor der oeffnung der berliner mauer
stattfand.
als ich zu ihnen sprach, stand die bundesrepublik
deutschland - und nicht nur sie - noch stark unter dem eindruck
des gorbatschow-besuchs in bonn, und in weiten teilen
europas war so etwas wie eine aufbruchstimmung zu verspueren:
das kleine ungarn hatte den mut, den eisernen vorhang zu
oeffnen, und unsere landsleute flohen zu zehntausenden
aus dem sozialistischen massengefaengnis ddr. sie flohen
auch ueber unsere botschaften in prag, warschau und
anderswo.
die bilder verdienen es, in erinnerung gerufen zu werden -
allzuschnell neigen wir dazu, uns neuen eindruecken zu
oeffnen, ohne uns der epochalen bedeutung der damaligen
vorgaenge wirklich bewusst zu sein.
ich habe vor wenig mehr als zwei jahren in tingleff vom
scheitern des sozialismus gesprochen und von dem versuch,
mit hilfe dieser untauglichen ideologie kuenstlich einen
zweiten staat in deutschland zu konstruieren. wer die welt nicht
durch eine rote oder zumindest rosarote brille sah, wusste
doch: man kann ein volk nicht gegen seinen willen teilen
und den abgetrennten teil hinter mauer und stacheldraht
einsperren wollen.
es war den einsichtigen klar, dass auch diese menschen ihre
grundrechte, freiheit, demokratie und die chance auf
wohlstand wahrnehmen wollten - rechte und chancen, die
ihnen wie uns zustanden, aber vorenthalten wurden.
ich habe damals woertlich gesagt: "wir westdeutschen
bleiben dabei: der kern der deutschen frage ist freiheit, wie
es bundeskanzler helmut kohl formuliert hat. es ist die
freiheit, fuer die wir uns entschieden haben. wir sind fuer
menschenrechte, demokratie und selbstbestimmung, weil wir an
diese freiheit glauben. die, die bei uns meinten, die
kommunistische ordnung sei fuer immer unueberwindbar und man
muesse sich darauf einstellen, haben in wirklichkeit nur
bewiesen, dass sie von der idee der freiheit letztlich nicht
ueberzeugt sind. wir aber, wir hatten den langen atem,
und wir werden ihn auch in zukunft haben, der vielleicht
noch notwendig ist, um unser ziel zu erreichen - und das
heisst: freiheit und demokratie fuer alle europaeer, fuer alle
deutschen.
die deutschen in der ddr werden eines tages auch ueber
die nationale frage frei entscheiden koennen - und
selbstverstaendlich werden wir jede entscheidung akzeptieren:
sie muss nur frei sein. darunter kann es keine loesung geben.
ich selbst habe nicht den geringsten zweifel, wie diese freie
entscheidung ausfallen wird. es wird eine entscheidung fuer
die einheit in freiheit sein, fuer ein einiges deutschland in
einem europa freier voelker."
fuenf tage spaeter wurde die mauer geoeffnet, aber selbst an
diesem tage noch kam dem berliner regierenden buergermeister
momper der gedanke an die wiedervereinigung wie
ein ideologischer alptraum vor: wiedersehen, aber nicht
wiedervereinigung, das war seine vorstellung.
die politischen kraefte, die in der geschichte der
bundesrepublik deutschland die einfuehrung der sozialen
marktwirtschaft durchsetzten, die die westintegration, den
eintritt in die nato, den aufbau und beitritt zur europaeischen
gemeinschaft, die den nato-doppelbeschluss durchsetzten
und damit die linken ultras im ostblock in die schranken
wiesen, dieselben kraefte haben die historische chance zur
wiedervereinigung erkannt und konsequent in konkrete
politik umgesetzt.
wir haben deutschland wiedervereinigt, und wir haben das
in einer weise getan, die die deutschen und ihre nachbarn
zuversichtlich stimmen kann. die wirtschaftlichen fragen
sind auf gutem wege geloest zu werden, und auch die in
vierzig jahren erzwungene entfremdung wird abgebaut, je
mehr, laenger und freier die menschen miteinander kontakt
haben koennen.
vor allem aber ist die wiedervereinigung in einer weise
gelungen, die keinen unserer europaeischen nachbarn
irritieren oder gar beaengstigen muss. wir haben allen die hand
gereicht und haben auch, und das sage ich als gebuertiger
ostpreusse sehr bewusst, wir haben auch die grenzen
anerkannt, die aus kriegs- und nachkriegsunrecht entstanden
sind. wir haben das getan um des friedens und der zukunft
europas willen.
die zukunft europas ist nicht irgend etwas abstraktes,
etwas, worueber europa-begeisterte philosophieren, und
noch weniger etwas, was wir den bruesseler buerokraten
ueberlassen duerften. europas zukunft ist unsere zukunft, die
zukunft aller voelker unseres kontinents.
diese zukunft kann nicht bestimmt werden durch das
politische denken in ueberkommenen imperialen kategorien, in
den vorstellungen des 19. jahrhunderts. nicht england,
deutschland oder frankreich koennen in diesem europa das
sagen haben. nur mit einem partnerschaftlichen, die
interessen auch der kleineren staaten beruecksichtigenden
denken koennen wir europa bauen.
wir muessen endlich zu einer realpolitik auf der grundlage
gemeinsamer freiheitlicher und demokratischer prinzipien
kommen, nur sie sichern die einheit in der vielfalt,
unterschiedliche kulturen und traditionen unter einem
gemeinsamen dach. in einem, wie es konrad adenauer schon 1961
formulierte, "europaeischen haus der freiheit".
wir alle muessen endlich freiheitliche prinzipien und nicht
egoistisches nationales denken als grundlage akzeptieren.
dann wuerden auch die schlimmen vorgaenge im ehemaligen
jugoslawien ein ende finden.
zu den bedrueckenden erfahrungen seit dem ende des
sowjet-imperiums gehoert es fuer mich, dass die gefahr
nationalen interessendenkens in europa immer noch groesser zu
sein scheint als die uebereinstimmung in den fragen der
politischen moral und ethik. dass europa noch nicht
imstande war, den bedraengten kroaten den frieden zu
sichern, ist zutiefst erschuetternd und beschaemend.
der sozialismus hat europa ein erbe der materiellen und
moralischen zerstoerung hinterlassen, das in der geschichte
unseres kontinents kaum ein beispiel kennt. wenn sich die
von uns als richtig erkannten ideale menschenrechte,
freiheit und demokratie ueberall und dauerhaft durchsetzen
sollen, dann muessen alle europaeer anpacken. das heisst
unter anderem auch, dass an die stelle des von den
sozialisten errichteten eisernen vorhanges keine
wohlstandsgrenze treten darf. der westen und norden europas
muessen jenen hilfe leisten, die dieser hilfe beduerfen, und
es muss eine hilfe zur selbsthilfe sein.
diese forderung resultiert nicht einmal nur aus moralisch
begruendetem altruismus, politischer naechstenliebe
sozusagen. diese forderung hat auch fuer uns im westen und
norden europas konkrete bedeutung: wenn die menschen
osteuropas keine perspektive mehr in ihrer heimat sehen,
werden sie die perspektive in den wohlhabenden staaten
europas suchen. millionen von emigranten wuerden die
unaufhaltsame folge sein. das kann niemand wollen, vom
elend der entwurzelten abgesehen, wuerde das auch die
sogenannten reichen staaten europas wirtschaftlich und
politisch ueberfordern.
die bundesrepublik deutschland hat fuer den osten europas
grosse leistungen erbracht, aber leider kann man das nicht
fuer alle staaten diesseits der ehemaligen grenze sagen, die
europa und deutschland teilte.
ich muss aber als mitglied der bundesregierung ganz offen
feststellen, dass deutschland an den grenzen seiner
leistungsfaehigkeit angelangt ist. wir haben, wie sie wissen,
sehr grosse leistungen auch fuer das gebiet der ehemaligen
ddr zu erbringen, und das noch auf jahre hinaus.
wer immer wieder den angeblich zu grossen einfluss
deutschlands in osteuropa kritisiert, sollte nicht klagend
ueber den europaeischen marktplatz ziehen, sondern mit
anpacken und helfen. unser ziel ist es nicht, eine irgendwie
geartete dominanz in osteuropa zu gewinnen. das liegt
nicht in unserem interesse, wir sind genug mit uns und
unseren problemen beschaeftigt. vielmehr gilt: ganz west-
und nordeuropa ist in und fuer osteuropa gefordert, japan
und die usa sind es in gleicher weise.
unsere staatliche hilfe fuer osteuropa ist, wie ich gesagt
habe, keineswegs nur altruistisch oder karitativ motiviert.
das waere ehrenwert, wuerde aber die probleme nicht
grundsaetzlich angehen. unsere hilfe fuer osteuropa ist auch teil
einer freiheitlich-demokratischen stabilisierungsstrategie fuer
diesen teil unseres kontinents.
bemerkenswert scheint mir aber, in welchem ausmass
gemeinnuetzige organisationen, privatinitiativen und
einzelpersonen bemueht sind, die not in den ehemaligen
sowjetischen republiken, in kroatien oder rumaenien zu lindern.
die privatspenden, auch in den faellen von weltweiten
naturkatastrophen, sind enorm. unsere kirchlichen
einrichtungen in deutschland, die katholischen und die
evangelischen, werden durch ihre mitglieder in den stand versetzt,
jaehrlich mehr als 1,5 mrd. dm fuer die sogenannte dritte
welt aufzuwenden.
diese materiellen beispiele, denen ich noch viele andere
hinzufuegen koennte, mehr aber noch die immateriellen
beispiele - auch sehr bewegende individueller zuwendungen -
sagen, so glaube ich, mehr aus ueber unser verhaeltnis zum
ausland und zu auslaendern als jene extremistischen
krakeeler, die mit volksverhetzenden parolen zum hass gegen
auslaender aufrufen oder gar gewalttaten gegen auslaender
begehen.
diese vorkommnisse sind eine schande fuer unser land, und
mir ist sehr wohl bewusst, welchen schaden diese kleine zahl
von rechtsbrechern dem internationalen ansehen
deutschlands zufuegen. aber diese primitiven schlaegertypen und
politischen schmutzfinken sind nicht deutschland. es macht
die sache nicht besser, aber leider gibt es sie in allen
laendern - nur, soweit es deutschland betrifft, scheinen sie
alte aengste zu bestaetigen. das ist, davon bin ich ueberzeugt,
unbegruendet.
repraesentativ ist eine andere realitaet: wir haben in mehr
als 40 jahren ein friedliches und freundschaftliches
verhaeltnis zu unseren nachbarstaaten gefunden und ein ebenso
friedliches und freundschaftliches miteinander mit unseren
auslaendischen mitbuergern gelernt und gelebt. das wird auch
in zukunft so bleiben. wir werden keinen terror dulden,
keinen hass und keine gewalt: wir muessen ueber die grenzen
der demokratischen parteien hinweg den rechtsstaat gemeinsam
gegen jede form von politischem extremismus verteidigen.
aber ich sage auch deutlich, dass wir angesichts bestimmter
probleme, die von den extremisten als vorwand missbraucht
werden, den kopf nicht in den sand stecken duerfen. genau
das, so fuerchte ich, tun in deutschland die opposition im
bundestag und weite teile der veroeffentlichten meinung,
wenn es um das asylrecht geht.
unser grundgesetz garantiert politisch verfolgten asyl. das
ist die grundsaetzliche und positive seite. die praxis aber
zeigt etwas merkwuerdiges: zwei drittel aller in europa
gestellten asylantraege werden in deutschland gestellt,
uebrigens nur zwei prozent in grossbritannien. wer unbefangen
an diese fragestellung herangeht, muss doch sagen: hier
stimmt etwas nicht. warum reisen sehr viele asylbewerber
durch andere demokratische rechtsstaaten nach
deutschland, um erst hier asyl zu begehren?
ueber 93 prozent der auslaender, die in der bundesrepublik
deutschland um asyl nachsuchen, werden von unseren
unabhaengigen gerichten nicht als verfolgte, mithin auch
nicht als asylberechtigte anerkannt. waehrend der langen,
sich ueber jahre hinstreckenden gerichtsverfahren wird
auch diese ueberwaeltigende mehrheit von dem gemeinwesen
bundesrepublik deutschland, also den buergern, alimentiert.
die buerger wenden dafuer jaehrlich mehrere milliarden dm
auf. dieses geld koennten wir angesichts so vielfaeltiger
draengender probleme besser investieren: zur stabilisierung der
demokratie in osteuropa, in unseren neuen bundeslaendern,
vor allem aber auch in den laendern der sogenannten dritten
welt. damit wuerden auch die ursachen dieser
wanderungsbewegungen von sued nach nord effektiver angegangen.
die bundesregierung befuerwortet daher eine
grundgesetzergaenzung, die das asylrecht unter einen vergleichbaren
gesetzesvorbehalt stellt, wie wir dies bei den grundrechten
der freiheit der person, der freizuegigkeit oder der
unverletzlichkeit der wohnung oder den anderen grundrechten
seit jahrzehnten ohne diskussion akzeptieren. anders kann
ja auch ein gemeinwesen nicht funktionieren. wir wollen
mit der grundgesetz-ergaenzung die missbrauchsgefahr des
grundrechtes auf asyl einschraenken und damit letztlich
auch den wesensgehalt des asylrechtes dauerhaft sichern.
mit ihnen hier im saal bin ich einig, dass eine europaeische
regelung die allerbeste waere - aber sie ist leider kurzfristig
nicht in sicht, und in deutschland muessen wir in diesem jahr
mit taeglich mehr als 1000 asylbewerbern rechnen.
das los dieser menschen ist oft bedrueckend und beruehrend,
aber deutschland kann nicht die probleme der ganzen welt
loesen. deutschland hat auch nicht die historischen,
kulturellen und wirtschaftlichen verpflichtungen wie die alten
kolonialmaechte grossbritannien und frankreich, vor allem
aber ist deutschland kein einwanderungsland nach
amerikanischem oder australischem vorbild. dazu fehlen uns
entscheidende voraussetzungen.
ich sage: hilfe fuer verfolgte: ja, hilfe bei der
problemloesung in den heimatlaendern der asylbewerber: ja,
deutsche generalverantwortung fuer alle denkbaren
wirtschaftlichen und politischen weltprobleme: nein.
wir wollen helfen, wo wir koennen, und am besten waere es
- uebrigens waere das auch die effizienteste loesung -, wenn
dies in europaeischer zusammenarbeit geschaehe. ich halte
mehr von europaeischer kooperation in fragen, die mehrere
oder alle staaten der gemeinschaft betreffen, als von
nationalen alleingaengen. die freizuegigkeit in europa und das
eg-weite niederlassungsrecht sind hier schritte in die
richtige richtung, uebrigens auch ein eg-weites kommunales
wahlrecht fuer alle eg-buerger.
der intensivierte europaeische austausch bringt uns allen
menschliche und wirtschaftliche vorteile. im besonderen
erhoffe ich mir auch eine staerkung der einsicht, dass im
ausgehenden 20. jahrhundert und angesichts immer staerker
zusammenwachsender maerkte und produktionsstaetten viele
probleme nur noch grenzuebergreifend und im europaweiten
ansatz geloest werden koennen.
wir befinden uns im neunten jahr eines wenn auch
inzwischen leicht abgeflachten wirtschaftsaufschwunges, aber
diese phase unterscheidet sich in bemerkenswerter weise
von der zeit, die wir in deutschland vor dem jahreswechsel
1982/83 erlebten.
dieser aufschwung, den wir allen belastungen und
herausforderungen zum trotz auch in diesem jahr fortsetzen
werden, haengt von voraussetzungen und bedingungen ab,
die ganz wesentlich von der bundesregierung geschaffen
wurden. um so wichtiger ist es, dass die laender in ihrer
strukturpolitik mitziehen, damit die voraussetzungen fuer
den aufschwung nicht auf landesebene leichtfertig oder aus
ideologischem uebermut beschaedigt werden.
die bundesregierung hat eine sozial ausgewogene,
bewusst marktwirtschaftliche wirtschaftspolitik betrieben.
der zusammenrueckende europaeische binnenmarkt kam hilfreich
hinzu. die vereinigung deutschlands hat wichtige impulse
mit sich gebracht, aber ich verkenne nicht, dass im
augenblick die probleme vielfach noch ueberwiegen. die
perspektive ist aber eindeutig positiv.
ich will damit nicht sagen, dass wir alles richtig oder gar
perfekt gemacht haben. wer so viele schwere probleme in so
kurzer zeit angeht wie die bundesregierung, beweist aber
einen bemerkenswerten mut.
die lage hat sich in deutschland positiv entwickelt, trotz
der lasten, die durch den golfkrieg, die neuen
bundeslaender, die reformstaaten in osteuropa sowie den
sowjetischen truppenabzug auf die bundesrepublik deutschland
zugekommen sind und zukommen. diese positive entwicklung
wurde geschafft, obwohl die konjunkturschatten in nahezu
allen anderen teilen der welt laenger geworden sind.
peinlich beruehrendes klagen ist insbesondere vor diesem
hintergrund kein ersatz fuer saubere wirtschaftliche und
politische analysen, klare problemloesungsvorschlaege und kluge
realisierungsstrategien. das jedenfalls gehoert fuer mich zu
einer guten politik, wenn man sich denn tatsaechlich einer
wirtschaftlich schwierigen situation ausgesetzt sieht.
keine gute, weil unaufrichtige politik ist es, wenn so
mancher politiker, der in der vergangenheit kein gutes haar an
der bundeswehr gelassen hat, ploetzlich ueber die aufloesung
bestimmter bundeswehrstandorte klagt. solche
damaskuserlebnisse finden regelmaessig dort und dann statt,
wenn bundeswehrstandorte fuer den eigenen wahlkreis oder die
eigene gemeinde wirtschaftliche bedeutung haben. das sind
fuer mich dann beispiele unserioeser politik.
deutschland hat im zuge des vereinigungsprozesses
einseitige vorleistungen fuer eine gesamteuropaeische
abruestung erbracht. hatten bundeswehr und nva der ehemaligen
ddr zusammen 670000 soldaten, so hat sich das
wiedervereinigte deutschland auf eine obergrenze von 370000
soldaten verpflichtet.
dieser abruestungsprozess hat sicher nicht zu verkennende
folgen fuer manche gemeinde, deren kaufkraft zum teil
erheblich von den bundeswehrangehoerigen und
zivilbediensteten ebenso abhaengt wie - im besonderen die
mittelstaendische - wirtschaft und das handwerk.
hier sind regionalpolitische probleme entstanden, und fuer
ihre loesung ist in erster linie das land zustaendig. die
gemeinden haben einen anspruch vor allem auf
konzeptionelle, in die zukunft weisende hilfe ihrer
landesregierungen.
wir muessen die kirche doch wirklich im dorf lassen, und ich
akzeptiere es nicht, wenn jahrelang nach abruestung gerufen
wird, und wenn sie dann kommt, soll es ploetzlich heissen: so
haben wir das nicht gemeint.
abruestung ist aber nur ein aspekt unserer deutschen
sicherheits- und verteidigungspolitik. wir sind zeugen eines
prozesses, der die welt in dramatischer weise und in einem sich
immer mehr beschleunigenden tempo veraendert. die alten
untauglichen versuche sind endgueltig gescheitert, eine
internationale ordnung zu bewahren, die gegen willen der
betroffenen menschen entstanden war.
die aufloesung der sowjetunion macht das ebenso deutlich
wie die vorgaenge im sich aufloesenden jugoslawien. dass die
demokratischen voelker europas und nordamerikas bisher
nichts konkretes getan haben oder haben tun koennen, um
das leiden der kroaten zu beenden und ihr leben und ihre
menschenrechte zu schuetzen, das gehoert fuer mich zu den
bedrueckendsten erfahrungen des eben zu ende gegangenen
jahres.
unsere nationale lage - im besonderen in bezug auf unsere
neuen bundeslaender - und das internationale bezugsfeld, in
das deutschland gestellt ist, erfordern zwingend eine
grundsatztreue, berechenbare politik, um spannungen zu
vermeiden, eine prosperierende wirtschaft, um die materiellen
probleme zu loesen, und die faehigkeit, unser demokratisches
gemeinwesen nach aussen zu schuetzen.
die aktuellen und fuer jedermann sichtbaren probleme, die
unwaegbarkeiten oder kriegerische auseinandersetzungen
und politischer fanatismus in der sogenannten dritten welt
machen auch deutlich, dass wir einen grad der
selbstverteidigungsfaehigkeit benoetigen, der politische abenteurer
davon abhalten wird, unsere oder die sicherheit eines der
natopartner in frage zu stellen, weil dies fuer ihn selbst mit
einem unkalkulierbar hohen risiko verbunden waere. es kann
ueberhaupt keinen vernuenftigen zweifel daran geben, dass die
existenz der nato der wichtigste friedenssichernde faktor
der vergangenen jahrzehnte gewesen ist.
seit dem putschversuch in der sowjetunion wissen wir,
dass wir auch mit dem unwahrscheinlichen oder scheinbar
unmoeglichen rechnen muessen. niemand kann die entwicklung
der staaten und innerhalb der staaten voraussehen, die
aus der ehemaligen sowjetunion hervorgegangen sind.
niemand weiss, wie sich die durch den sozialismus
jahrzehntelang verdeckten nationalen konflikte in osteuropa und
in anderen regionen entwickeln werden.
die westlichen demokratien brauchen die moeglichkeit zum
wirksamen und nicht nur zum symbolischen selbstschutz, um
auf alle eventualitaeten vorbereitet zu sein, die wir nach den
erfahrungen der letzten monate nicht mehr in den bereich
negativer utopien verweisen koennen. dieser selbstschutz ist
im uebrigen das defensive verstaendnis der westdeutschen
streitkraefte, unserer bundeswehr, von anfang an gewesen.
jetzt gilt das fuer die gesamtdeutschen streitkraefte.
die komplexitaet der nationalen wie der internationalen
politik zeigt, dass wir uns nicht auf eine nabelschau
beschraenken koennen. unsere welt waechst in einer weise
zusammen, die vor einer generation noch kaum denkbar
schien. so sind nicht nur europaeische staaten unsere
nachbarn, mit denen wir keine probleme haben, sondern auch
voelker und staaten, die zwei oder vier flugstunden von uns
entfernt sind und mit denen wir durchaus probleme haben
koennen.
wie unsere europaeischen nachbarn und unsere
nordamerikanischen partner sind wir als funktionierende
demokratie und als wohlhabende nation in eine internationale
verantwortung gestellt. sie umfasst ein weites feld, zu dem
auch die entwicklungshilfe gehoert, die neben anderem mit der
hilfe gegen materielle not potentielle konflikte, ungerechte
strukturen und einen naehrboden fuer gewalt beseitigen soll.
zu dieser internationalen verantwortung gehoert eine
berechenbare, auf unseren freiheitlichen prinzipien basierende
aussenpolitik. dazu muss aber ganz selbstverstaendlich unsere
bereitschaft gehoeren, auch in anderen regionen - "out
of area" - bei der verteidigung von menschenrechten,
freiheit und demokratie mitzuwirken.
deutschland steht zu beginn des jahres 1992 vor einer
vielfalt von herausforderungen, problemen und aufgaben
- aber auch chancen. der soziale, wirtschaftliche und
oekologische aufbau in den neuen bundeslaendern, die durch
den sozialismus zu zeiten der ddr an den rand des ruins
gebracht wurden, eines ruins, den wir in seinem ganzen
ausmass erst nach und nach erkennen konnten, dieser
neuaufbau ist eine grosse investition in die zukunft
deutschlands.
es ist eine investition, zu der wir unsere freunde und
partner ausserhalb deutschlands einladen. wir wollen auch
in dieser hinsicht eine europaeische offenheit praktizieren,
die hoffentlich ueber deutschland hinaus bald ganz
selbstverstaendlich sein wird.
wir wissen, dass deutschland keine insel ist. wir muessen die
internationalitaet vieler probleme erkennen und die
notwendigkeit, sie als europaeer anzugehen. die nationalen
grenzen sind eine unglueckselige erfindung der neuzeit, die
wie alle epochen der geschichte auch ihre negativen
konsequenzen hatte.
wir wollen in europa moeglichst rasch alle grenzen
beseitigen und darueber auch die zaeune in unseren koepfen nicht
vergessen. auch die vielfalt wird in europa besser gedeihen
koennen, wenn wir sie von nationalen zwaengen befreien. wir
alle koennen dabei nur gewinnen - ideell wie materiell. und
wir koennen so eine friedliche, freie und demokratische
zukunft gestalten.