preussen und die deutsche nation - rede von staatssekretaer dr. hennig in muenchen

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der parlamentarische staatssekretaer beim
bundesminister fuer innerdeutsche beziehungen, dr. ottfried
hennig, hielt zum thema "preussen und die deutsche
nation" auf einem preussenabend im festsaal des
kuenstlerhauses in muenchen am 2. dezember 1987
folgende rede:

preussen und die deutsche nation, - dies ist ein wichtiges,
weitgespanntes und interessantes thema der deutschen
geschichte, der gegenwart und auch der zukunft. als
preusse in bayern vor einem wohl ueberwiegend preussischen
zuhoererkreis ueber die rolle preussens und der deutschen
nation zu sprechen, ist eine reizvolle und interessante
aufgabe, der ich heute abend gerne nachkommen will. im
uebrigen fuehlen wir ostpreussen uns im patenland bayern
ganz ausserordentlich wohl und bescheinigen unseren
bayerischen freunden gerne, dass sie laengst im guten sinne
preussen geworden sind, preussen aus neigung und
ueberzeugung. hoffentlich werden sie nie die letzten preussen
seinue
beide, preussen und das deutsche reich, sind in ihrer
geschichte waehrend der letzten drei jahrhunderte auf das
engste verbunden gewesen und haben sich gegenseitig
beeinflusst.
preussen hatte sich innerhalb nur eines jahrhunderts unter
dem "soldatenkoenig" friedrich wielm i. und seinem sohn,
friedrich ii., zu einem der groessten und bedeutendsten
einzelstaaten in deutschland, ja zu einer europaeischen
grossmacht entwickelt.
ohne die grossmachtpolitik und ohne den machtwillen
preussens waere es - dies kann man mit einiger gewissheit
sagen - nicht zur reichsgruendung von 1871/72 gekommen,
deren motor preussen gewesen ist.
ohne die preussisch-deutsche nationalstaatsgruendung waere
deutschland wahrscheinlich weiterhin groesstenteils ein wenig
entwickeltes land wie nach 1815 geblieben, mit vereinzelten
inseln des wohlstandes, aber in zahlreiche einzel- und
kleinstaaten zersplittert und durch unzaehlige zollschranken
geteilt und behindert.
erst preussen hat durch den unter seiner fuehrunggeruendeten
zollverein und spaeter - nach der reichsgruendung von
1871 - durch die von ihm begonnene vereinheitlichung der
verwaltung, der gesetzgebung und des wirtschaftsgebietes
entscheidend zur modernisierung und zum aufstieg
deutschlands beigetragen.
ohne den aufstieg preussens und die von ihm ausgehende
reichsgruendung waere nach meinung des bekannten
deutschen historikers friedrich meinecke - ich zitiere -:
"deutschland zunaechst ein depressionsgebiet geblieben,
in das die winde der macht vom ausland her staendig
hineingeweht und auch sturm und verderben genug
haetten bringen koennen. es haette, aeusserlich gesehen,
foederalistisch gegliedert erscheinen koennen, aber dies waere
ein foederalismus der schwaeche und abhaengigkeit gewesen -
ein dauernder rheinbund vielleichtue"
- soweit friedrich meinecke.
wie stark preussen auf das deutsche kaiserreich eingewirkt
hat, zeigt nicht nur die personalunion zwischen dem
hat, zeigt nicht nur die personalunion zwischen dem
preussischen koenigund dem deutschen kaiser, auch scheinbar
nebensaechliches macht den grossen einfluss deutlich, den
preussen auf das deutsche reich ausgeuebt hat:
-so wurde zum beipiel die erste zentrale
regierungsbehoerde des neugegruendeten reiches, das
bundeskanzleramt - der vorlaeufer des spaeteren reichskanzleramtes -,
mit hilfe einer preussischen anleihe in hoehe von 20 000,-
talern ins leben gerufen und zunaechst in den raeumen
des preussischen staatsministeriums einquartiert.
-die kaiserhymne, die bei feierlichen anlaessen gesungen
wurde, basierte auf der preussischen koenigshymne, wobei
die worte "koenig" einfach durch "kaiser" ersetzt worden
waren.
-und schliesslich: der reichsgruendungstag, der 18. januar
1871, geht natuerlich auf den alten preussischen
kroenungstag vom 18. januar 1701 zurueck.
bei diesen beispielen will ich es bewenden lassen.
ich begruesse es sehr, dass das wichtige thema preussen und
die deutsche nation in den letzten jahren wieder verstaerkt
von den historikern ins bewusstsein gerueckt wird und auch in
der bevoelkerung auf interesse stoesst.
dies war jedoch nicht immer so. ich erinnere nur an das
ende der sechziger jahre, in denen die diskriminierung der
worte pflichtbewusstsein, dienen, vaterland und nation bei
uns weit fortgeschritten war. wer diese begriffe bei uns
gebrauchte, musste darauf gefasst sein, nicht nur auf skepsis
und kritik, sondern auch auf zynische ablehnung zu stossen.
es scheint, dass der furchtbare missbrauch patriotischer
begriffe waehrend der zeit des nationalsozialismus sich erst
eine generation spaeter voll ausgewirkt hat. diese
einstellung war aber auch kennzeichen eines zeitgeistes, der
ausdruecklich nichts mit jenen staatsbildenden und
staatserhaltenden tugenden und einsichten zu tun haben wollte,
die preussen gross gemacht haben. heute naehert man sich
- im vergleich zu frueheren jahren - wieder viel
unbefangener diesem thema. wer einen blick auf den buechermarkt
wirft und aufmerksam die medien verfolgt, wird feststellen,
dass das nachdenken ueber preussen und deutschland in den
letzten jahren ohne zweifel erheblich an tiefe gewonnen
hat.
fragt man nach den gruenden fuer diesen
bewusstseinswandel, so haengt diese entwicklung sicherlich auch mit
dem wiederaufkommenden geschichtsbewusstsein, mit dem
wachsenden interesse an historischen themen zusammen.
besonders deutlich wurde dies zum beispiel durch die ende
der siebziger und anfang der achtziger jahre gezeigten
grossen ausstellungen ueber die staufferzeit, kaiser karl den
iv., preussen sowie friedrich den grossen, die alle einen
enormen zulauf, ja besucherrekorde zu verzeichnen hatten.
ich bin uebrigens der ueberzeugung, dass hier auch wirkungen
einer erneuerten deutschlandpolitik zu beobachten sind, in
der die deutsche frage nicht einfach abgeschrieben ist,
sondern deutlich und unmissverstaendlich als grosse
zukunftsaufgabe deutscher politik ausgewiesen wird. ich verweise in
diesem zusammenhang auf den beschluss der
bundesregierung, in berlin das deutsche historische museum und in
bonn das haus der geschichte der bundesrepublik
deutschland zu errichten. die zeiten scheinen endgueltig
ueberwunden zu sein, in denen sich die beschaeftigung mit
der geschichte im wesentlichen auf die zwoelf jahre der
nationalsozialistischen diktatur beschraenkte und in denen
die kultusministerkonferenz der laender 1978 in einem
beschluss zu mehr beschaeftigung mit der deutschen frage
auffordern musste, es dann aber leider in den einzelnen
laendern in sehr unterschiedlichem masse tat, am wenigsten
in nordrhein-westfalen, hamburg und bremen. in diesem
zusammenhang ist auch der kuerzlich gefasste beschluss der
kultusminister der laender vom anfang oktober 1987
besonders zu begruessen, das fach geschichte wieder staerker im
schulunterricht zu beruecksichtigen.
die deutschen stellen sich wieder die frage, wie es zur
gegenwaertigen situation gekommen ist und wie man die
zukunft gestalten soll. in der bundesrepublik deutschland
fragen sich viele junge leute, welches selbstbewusstsein sie
als deutsche entwickeln sollen, welche identitaet sie haben.
sie suchen nach orientierungswissen, um die gegenwart
besser verstehen zu koennen. es wurde deutlich, dass man
ein staatsbewusstsein, ein verstaendnis fuer die werte und
den auftrag des grundgesetzes nur entwickeln kann, wenn
man sich ueber die eigene vergangenheit im klaren ist.
ein weiterer grund fuer das verstaerkte interesse an der
nation und das gewachsene geschichtsbewusstsein ist aber
auch darin zu sehen, dass sich die nationalstaaten trotz der
steigenden bedeutung supranationaler zusammenschluesse
und der politik der europaeischen integration und entgegen
allen unkenrufen nicht aus der geschichte verabschiedet
haben. wenn ich es recht sehe, und das sagt ein ganz und
bis zum letzten ueberzeugter europaeer, haben die
nationalstaaten ihre aufgabe in der gegenwart noch lange nicht
verloren. ganz im gegenteil, sie sind die rechtliche und
politische gestalt, in der die zur unabhaengigkeit
aufgestiegenen voelker asiens und afrikas ihre zukunft zu ordnen
suchen. aber auch die voelker, mit denen die bundesrepublik
deutschland in der europaeischen gemeinschaft eng
verbunden ist, halten alle an der nationalen selbstaendigkeit als
grundlage ihrer politischen existenz fest. der nationalstaat
ist in der heutigen staatenwelt nach wie vor die normale
erscheinungsform der politischen unabhaengigkeit eines
volkes, wenn er inzwischen auch eine in vielen aspekten
ganz andere ausformung und bedeutung hat, als das vor
hundert jahren der fall war. bleiben wir realistisch: eine
welt ohne nationen ist zur zeit nicht vorstellbar. sie bieten
auch heute in der modernen welt die verlaessliche form und
den praegenden rahmen der zugehoerigkeit der menschen
zu einer gemeinschaft, zu einem volk. die europaeische
integrationspolitik, die von mir nicht nur aus vollem herzen
bejaht wird, sondern deren zu langsames tempo ich
beklage, bedeutet in der ueberschaubaren zeit eben nicht,
dass nationalstaaten einfach verschwinden. im gegenteil,
sie bleiben und bilden die basis fuer ein
zusammenwachsendes europa.
es ist unverkennbar, dass die renaissance des
geschichtsbewusstseins, das interesse an der deutschen nation und
die beschaeftigung mit preussen nicht auf die bundesrepublik
deutschland beschraenkt sind, sondern eine
gesamtdeutsche erscheinung darstellen. wie sehr die gemeinsame
geschichte die beiden staaten in deutschland verbindet,
zeigt gerade die preussische geschichte, die - wie immer
man sie bewertet - eine der wichtigen geistigen klammern
der fortbestehenden deutschen nation ist.
sieht man einmal von den preussischen gebieten jenseits
der oder und neisse ab, so erstreckten sich weite teile
preussens ueber das heutige gebiet beider staaten in
deutschland, wobei die preussischen stammlande auf dem
gebiet der ddr und weiter oestlich liegen. vom territorium
der bundesrepublik deutschland ist etwa die haelfte
ehemaliges preussisches staatsgebiet, allerdings gehoerten diese
gebiete bis auf berlin nicht zum altpreussisch-brandenburgi-schen kern
bestand.
aber auch in anderer hinsicht haben wir in der
bundesrepublik deutschland preussisches erbe angetreten. von den
1945 aus ihrer heimat vertriebenen oder geflohenen vielen
millionen deutschen stammte die ueberwiegende zahl aus
ost- und mitteldeutschland und somit zum groessten teil aus
preussischen gebieten. diese menschen haben in
gesellschaftlicher und landsmannschaftlicher hinsicht die
westdeutsche gesellschaft entscheidend mitgepraegt sowie mit
ihrem pflichtbewusstsein, ihrem arbeitswillen und ihren
faehigkeiten zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen
aufbau wesentlich beigetragen. etwa 30 prozent der
westdeutschen elite - so hat man mitte der sechziger jahre
ausgerechnet - stammt aus ost- und mitteldeutschland.
die bemuehungen der sed, preussen und die deutsche
geschichte staerker fuer sich in anspruch zu nehmen, sind
gerade in der letzten zeit immer deutlicher geworden. die
wiederentdeckung friedrichs des grossen und bismarcks,
aber auch die vereinnahmung luthers und der
reformationszeit sowie die staerkere beruecksichtigung der
territorialgeschichte der laender sachsen, thueringen und
mecklenburg sind anzeichen fuer einen zugriff der ddr auf ihr
passende teile der ganzen deutschen geschichte.
wenn aus friedrich dem grossen, der frueher von der sed
als aggressiver "erstschlagstratege" und "bankrotteur"
bezeichnet wurde, einer - ich zitiere - "der groessten
hohenzollernkoenige" wird, der die meisten potentaten seiner zeit
an intellekt und politischer einsichtsfaehigkeit uebertroffen
habe, und wenn aus dem frueher als "fuerstenknecht"
geschmaehten martin luther jetzt nach erich honeckers
aussage einer der "groessten soehne des deutschen volkes" wird,
zeigt dies, wie sehr sich im einzelnen das bild gewandelt
hat. es ist zugleich ein eingestaendnis dafuer, dass sich ein
sozialistisches "ddr-national-bewusstsein", das honecker
nach dem abschluss der ostvertraege in abgrenzung zur
bundesrepublik deutschland angestrebt hatte, in der
bevoelkerung nicht verankern liess. die sed erkannte, dass eine
beschraenkung auf die geschichte der deutschen
arbeiterbewegung und der kommunistischen partei, auf die
revolutionaeren ereignisse der deutschen geschichte und die
deutsch-sowjetische freundschaft nicht ausreicht. sie
versucht deshalb, mit der vereinnahmung und popularisierung
der deutschen und insbesondere der preussischen
geschichte ihr legitimationsdefizit abzubauen und sich als
die vollstreckerin der deutschen geschichte darzustellen.
sie versteht sich ganz bewusst als ein teil der
"natinalgeschichte des deutschen volkes" und versucht, ihre
existenz durch die selektive inanspruchnahme der deutschen
geschichte, durch berufung auf die sogenannten
fortschrittlichen kraefte in der deutschen geschichte zu untermauern.
deren legitimes und logisches ergebnis sei - so soll man
das verstehen - die ddr, im gegensatz zur bundesrepublik
deutschland.
es erscheint mir jedoch sehr zweifeaft, ob dieses neue,
umfassendere geschichtsbild der ddr-offiziellen und die
proklamierung einer sozialistischen deutschen nation von
der bevoelkerung in der ddr als glaubwuerdig empfunden
werden. allein die tatsache, dass die mauer noch steht, der
schiessbefehl bis heute nicht abgeschafft worden ist und
jedes jahr viele tausende von ausreiseantraegen gestellt
werden, sprechen eklatant dagegen.
auch wenn die ddr jetzt einzelne persoenlichkeiten, wie
beispielsweise friedrich den grossen und bismarck,
differenzierter als frueher betrachtet, so ist sie bis heute
nicht von ihrer klassenkampf-betrachtung der deutschen wie
insbesondere auch der preussischen geschichte abgegangen,
nach der die bundesrepublik deutschland angeblich alles
"reaktionaere" und die ddr alles "fortschrittliche" der
deutschen geschichte verkoerpert. hier werden nach
politischideologisch voellig einseitigen vorgaben aus der sicht der
sed traditionswuerdige entwicklungslinien fuer das "erbe" der
ddr abgeleitet.

darueber hinaus stehen die von der sed beanspruchten
traditionen allzu deutlich mit ihrer tagtaeglichen politik in
widerspruch. wer sich auf luther beruft, kann auf dauer
dem christlichen gewissen seinen respekt nicht versagen
und kinder zum hass erziehen, der darf nicht die
unantastbarkeit der kirchen missachten und in kirchlichen raeumen
stasi-razzien gegen ein harmloses umwelt-blaettchen
inszenieren. wer friedrich den grossen wuerdigt, der wird auch
dessen leitspruch, dass jeder nach seiner facon selig
werden solle, nicht permanent missachten koennen. wer goethe
beansprucht, kann nicht so viele seiner dichter und
schriftsteller zur inneren oder aeusseren emigration zwingen.
gleichwohl halte ich es fuer sehr bemerkenswert, dass auch
die sed an der deutschen geschichte und an der
deutschen nation nicht vorbeikommt. aus dieser sicht wird von
ihr auch eine wiedervereinigung unter sozialistischen
vorzeichen nicht ausgeschlossen. honecker hat dies mit blick
auf die bundesrepublik deutschland vor einigen jahren
besonders deutlich und praegnant so ausgedrueckt:
"der sozialismus klopft eines tages auch an eure tuer,
und wenn der tag kommt, an dem die werktaetigen der
bundesrepublik an die sozialistische umgestaltung der
bundesrepublik deutschland gehen, dann steht die frage
der vereinigung beider deutscher staaten vollkommen
neu. wie wir uns dann entscheiden, daran duerfte wohl
kein zweifel bestehen."
man muss sich darueber im karen sein, dass es sich hierbei um
eine laengerfristige perspektive der ddr handelt. dies zeigt
jedoch, dass sich die ddr die gesamtdeutsche option auch
in zukunft offenhaelt.
deshalb rate ich ganz dringend, das thema der
fortbestehenden einheit der nation und der preussisch-deutschen
geschichte nicht etwa der sed oder radikalen kraeften bei
uns zu ueberlassen, sondern es als unser aller, der
demokratischen parteien, vorrangiges anliegen aktiv aufzugreifen.
ohne polemik muessen wir eine nuechterne analyse der
vorgaenge in anderen teilen deutschlands vornehmen. man
sollte sich vor allem darueber im klaren sein, dass es der ddr
bei ihrer hinwendung zur deutschen geschichte nicht um
eine preussen- oder luthernostalgie geht, sondern in erster
linie um handfeste politik.
fuer die bundesrepublik deutschland, die kein amtlich
verordnetes geschichtsbild, sondern konkurrierende
geschichtsauffassungen kennt, bedeutet dies eine herausforderung,
der sie sich stellen muss. hier sind vor allem die
historiker bei uns gefragt, die sich mit dem professioneller
gewordenen geschichtsbild der ddr auseinandersetzen
muessen.
in welchem sinne koennen wir heute von dem fortbestand
einer gemeinsamen nation in deutschland sprechen, und
welchen anteil hat preussen daran? der nationbegriff hat in
deutschland eine lange geschichte, die keineswegs zu
einer einheitlichen festlegung gefuehrt hat. es hat die
verschiedensten versuche gegeben, die definition dessen,
was eine nation ist, auf einen einfachen nenner zu bringen
und an bestimmten kriterien festzumachen. ich erinnere in
diesem zusammenhang nur an den begriff der kultur-
und sprachnation, wie er im gefolge herders von
friedrich meinecke vor ausbruch des ersten weltkriegs
aufgegriffen wurde. nicht umsonst ist gerade dieser begriff
in deutschland so populaer geworden, ging er doch
angesichts der ueber jahrhunderte de facto fehlenden staatlichen
einheit davon aus, dass sprache, kultur und geschichte die
eigentlich konstitutiven elemente einer nation seien.
oder denken sie an den begriff der staatsnation, der
im gefolge der franzoesischen revolution nach deutschland
kam und spaeter von max weber aufgenommen wurde. er
sah das entscheidende kriterium einer nation in der
identifikation von nation und staatsverband. aber: begriffe
koennen meistens nicht die ganze wirklichkeit erfassen. das gilt
besonders fuer die vielfaeltige entstehungsgeschichte der
europaeischen nationen.
nation wird nicht nur durch sprache bestimmt. das
bekannteste beispiel ist hier die schweiz, in deren staatsverband
vier sprachen nebeneinander existieren, von denen drei
auch in groesseren nachbarlaendern gesprochen werden. aber
keiner wuerde in zweifel ziehen, dass die schweiz eine nation
ist. dass staat und nation nur selten deckungsgleich waren,
zeigt unter anderem das beispiel unserer nation. die
deutschen waren schon lange nation, bevor sie einen
nationalstaat hatten. sie haben in ihrer mehr als eintausendjaehrigen
geschichte immer in mehreren staatlichen gebilden
existiert. auch nach der reichsgruendung blieben millionen von
menschen, die sich als deutsche empfanden, territorial
ausserhalb des staatsverbandes, waehrend im
bismarckreich auch starke nationale minderheiten lebten.
die tatsache, dass eine nation in ihrem staat erst seit relativ
kurzer zeit zusammenlebt, aendert gar nichts an dem gefuehl
ihrer zusammengehoerigkeit. den italienern, die sich
ebenfalls erst in der mitte des vorigen jahrhunderts in einem
nationalstaat zusammengeschlossen haben, wuerde man ja
auch nicht ihr nationalbewusstsein oder ihren anspruch auf
nationale einheit absprechen.
die genannten beispiele zeigen, dass ausser den
aufgefuehrten kriterien noch ein weiteres hinzukommen muss, auf das
der franzoesische religionsphilosoph ernest renan vor fast
genau hundert jahren hingewiesen hat. auf die frage, was
eine nation denn ausmache, hat er eine schon klassisch
zu nennende antwort gegeben, die so ganz fuer die lage
der deutschen nation im geteilten deutschland passt:
"l'existence d'une nation c'est un ple'biscite des tous les
jours" - die nation ist eine bestaendige volksabstimmung.
fuer renan erwuchsen die staerksten bindungen aus
gemeinsamen leiden und pflichten, aus ihnen entstehe die nation
als grosse solidarische gemeinschaft. anders gesagt: die
nation ist gekennzeichnet durch die staendige und
bestaendige bekundung des willens zur zusammengehoerigkeit.
"die deutsche nation besteht fort, getragen durch das
bewusstsein der deutschen in west und ost", hat
bundeskanzler helmut kohl in seiner regierungserklaerung vom
13. maerz 1987 festgestellt.
lassen sie mich an dieser stelle auch noch mit einer
scheinbar unausrottbaren legende aufraeumen, die immer
wieder in der literatur und in medien und auch mitunter von
historikern vertreten wird. danach haette preussen-deutschland
im 19. und 20. jahrhundert bei der gruendung seines
nationalstaates einen von der uebrigen europaeischen
geschichte abweichenden "sonderweg" beschritten, der
von friedrich ii. und bismarck ueber wielm ii. quasi
naturgegeben bei hitler und im zweiten weltkrieg enden musste.
preussen habe - so diese vorstellung - dabei eine
massgebliche und unheilvolle rolle gespielt.
vor allem nach 1945 hat diese sicht eine starke verbreitung
bei uns und vor allem auch bei den ehemaligen gegnern
deutschlands im zweiten weltkrieg gefunden. bei den von
den alliierten erwogenen teilungsplaenen der kriegszeit hat
dieser anti-preussen-affekt damals eine zentrale rolle
gespielt. preussen sollte danach von den anderen zu
errichtenden teilstaaten isoliert und gewissermassen unter
quarantaene gestellt werden. der preussische staat galt vielen als
der inbegriff allen uebels. heute setzt sich auch im ausland
zum grossen teil wieder eine differenziertere sicht durch.
die wiederentdeckung preussens bei uns war gluecklicherweise
mit der einsicht verbunden, dass es in der preussischen
geschichte viel positives gibt, an das es zu erinnern gilt und
an das wir heute anknuepfen koennen.

hierbei ist vor allem auf die freiheitlichen und liberalen
traditionen preussens hinzuweisen. ich erinnere nur an die
schritte, die preussen als erster staat in europa in richtung
auf glaubens-, gewissens- und religionsfreiheit gegangen
ist. der grosse kurfuerst oeffnete die tore seines im
dreissigjaehrigen krieg schwer geschaedigten landes und rief die in
frankreich verfolgten hugenotten, die aus wien
vertriebenen juden sowie niederlaendische sektenangehoerige und
reformierte in sein land. erwaehnen moechte ich in diesem
zusammenhang nur das 1685 erlassene "edikt von
potsdam". spaeter kamen auch die aus salzburg vertriebenen
lutheraner hinzu. im 18. jahrhundert stand preussen in
europa an der spitze der laender, die toleranz verwirklichen.
die bemerkung friedrichs des grossen, hier koenne jeder
nach seiner facon selig werden, fand ihren gesetzlichen
niederschlag im allgemeinen preussischen landrecht von
1794, das jedem einwohner im staat - ich zitiere -
"glaubens- und gewissensfreiheit" garantierte, begriffe, die uns
im grundgesetz, artikel 4, wiederbegegnen. das preussen
friedrichs lieferte den ansatz, glaubens-, gewissens- und
religionsfreiheit verfassungsrechtlich bis heute zu sichern.
das war auch der tiefere grund fuer das gedenken der
evangelischen kirche von berlin-brandenburg in der
nicolaikirche zu potsdam anlaesslich seines 200. todestages.-
es war gleichzeitig eine mahnung an die sed, die
bis heute staendig das toleranzgebot missachtet und
praktizierende christen in der ddr benachteiligt und
drangsaliert.
trotz der absoluten monarchie herrschte in preussen nicht
nur untertanengeist. es ist richtig: zu preussen und potsdam
gehoerten der zopf und der korporalsstock, das
spiessrutenlaufen und das wacheschieben, gehoerten
kasernenhofmauern und der exerzierdrill des alten dessauer. aber
dies ist nur die eine seite. in preussen herrschte gleichermassen
die tradition des frei verantworteten dienens. das prinzip,
das jeder fuer die folgen seiner handlung verantwortung
traegt, gehoerte zum staendigen kodex des adels und des
preussischen offizierscorps. die preussische geschichte ist
reich an beispielen, dass die oft angeprangerte
"kasernenhofmentalitaet" in diesen kreisen eben nicht das ideal
preussens war. ein beispiel ist der oberst von der marwitz, der
lieber seinen abschied nahm, als einem pluenderungsbefehl
friedrichs zu folgen, ebenfalls erwaehnenswert ist die tat
des generals von york, der im kriege seine truppen dem
gegner zufuehrte. nach landlaeufigen begriffen war das
landesverrat, landesverrat allerdings fuer die freiheit des
landes, dem er diente. und schliesslich stehen in dieser
tradition des frei verantworteten dienens bis zum ungehorsam
und - in letzter konsequenz - bis zur rebellion auch die
verschwoerer gegen hitler, unter denen sich viele alte
traditionsreiche preussische namen befinden. von den
preussischen adelsfamilien, gegen die sich die fuerchterliche rache
hitlers richtete, seien als beispiele die namen bernstorff,
haeften, hammerstein, moltke, plettenberg, schlabrendorff,
schulenburg, schwerin, trott zu solz, witzleben und york
genannt.
stellvertretend fuer sie sei henning von tresckow mit einigen
saetzen vom april 1943 zitiert, als er anlaesslich der
konfirmation seiner beiden soehne in der potsdamer garnisonkirche
ihnen zu bedenken gab:
"vom wahren preussentum ist der begriff der freiheit
niemals zu trennen. wahres preussentum heisst synthese
zwischen bindung und freiheit . . . nur in der synthese
liegt die deutsche und europaeische aufgabe des
preussentums, liegt der preussische traumue"
viele der widerstandskaempfer des 20. juli, die sich
zunaechst von der in potsdam zur schau gestellten
symbiose von nationalsozialismus und preussentum am
21. maerz 1933, dem tag von potsdam, angesprochen

fuehlten, wurden spaeter eines besseren belehrt und
rechtfertigten ihr denken und handeln gerade mit dem hinweis auf
preussische traditionen und tugenden, die hitler verraten
habe.
auch aus der preussischen geschichte bis 1933 gibt es
beispiele, die es wert sind, wieder staerker ins bewusstsein
gerueckt zu werden. allzuoft ist die reformunfaehigkeit des
politischen systems in preussen in richtung auf eine
parlamentarisierung betont worden. dies hat dazu gefuehrt, dass
die demokratischen traditionen preussens uebersehen
wurden.
preussen hat nach der abschaffung des drei-klassen-wahlrechts
und der umgestaltung der verfassung in der
weimarer zeit ein parlamentarisches system entwickelt, das sich
bei aller kritik als stabiler erwies als die weimarer republik
selbst und die meisten anderen in ihr
zusammengeschlossenen laender.
die regierung in preussen blieb durch alle legislaturperioden
hindurch ohne unterbrechung arbeitsfaehig, waehrend im
reich die koalitionen auseinanderbrachen und lediglich
eine durchschnittsdauer von zirka acht monaten besassen.
die demokratisch gewaehlte regierung in preussen um otto
braun konnte am anfang der dreissiger jahre nur mit gewalt
durch den sogenannten "preussenschlag" beseitigt werden,
waehrend der reichstag schon seit laengerem keine
regierungsfaehigen demokratischen mehrheiten mehr zustande
brachte. auch diese juengeren demokratischen traditionen
preussens sollte man sich bei einem urteil ueber diesen staat
vergegenwaertigen.
und schliesslich sind unter den positiven leistungen, die
preussen hervorbrachte, die qualitaet und leistung seiner
verwaltung hervorzuheben. sie wurde nach 1871/72 zum
erheblichen teil vom deutschen kaiserreich uebernommen
und hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich in
deutschland ein funktionierendes und modernes
staatswesen entwickelt hat.
die auswirkungen spueren wir noch heute, und mit einem
seitenblick auf die ausgezeichnete bayerische verwaltung
darf ich mir die bemerkung erlauben, dass diese positive
preussische tradition hier besonders wirksam ausgebaut
wurde. aber auch in anderer hinsicht draengt sich mir der
eindruck auf, dass heute der freistaat bayern die
vorbildfunktion und die vorreiterrolle, die preussen fuer deutschland
frueher spielte, uebernommen hat. ein fluechtiger blick
beispielsweise auf das bayerische ausbildungssystem und die
leistungen ihrer schueler zeigen jedem unvoreingenommenen
sehr schnell, dass das humboldtsche ideal einer breiten
allgemeinbildung in der schule hier am ehesten in
deutschland verwirklicht wird.
oder denken sie an die wirtschaftlichen erfolge bayerns. so
wie der grosse kurfuerst, der soldatenkoenig und der alte fritz
beispielsweise ihr land durch die ansiedlung der
hugenotten, niederlaender und anderer verfolgter foerderten, die neue
wirtschaftliche fachkenntnisse und produktionsverfahren
nach preussen mitbrachten, so streben heute bedeutende
industrieunternehmen vorwiegend nach sueddeutschland. in
bayern und baden-wuerttemberg - das weiss heute fast jedes
kind - findet die high-tech-industrie bessere
voraussetzungen als anderswo. auch in dieser hinsicht haben sich
die bayern als die besten preussen erwiesenue aber lassen
sie mich zu meinem eigentlichen thema zurueckkehren.
die fragwuerdige these vom preussisch-deutschen
sonderweg, der die deutschen angeblich ins verderben gefuehrt
habe, geht von der existenz eines allgemeingueltigen weges
zur europaeischen nationalstaatsgruendung aus, den es in
wirklichkeit niemals gegeben hat. war aber deutsche
geschichte nur deshalb angeblich ein "irrweg" und "sonnderweg",-
weil sie anders verlief als die der britischen inseln
und der usa jenseits des atlantik, die doch beide nicht ohne
schwere innere und aeussere auseinandersetzungen wurden,
was sie sind? auch an der wiege der italienischen
staatsgruendung im 19. jahrhundert stand ein krieg, der weg der
amerikanischen nation war durch einen blutigen
buergerkrieg gekennzeichnet.
die deutsche geschichte musste schon deshalb anders
verlaufen, weil geographie, geschichte und europaeische
machtpolitik sie anders formten. besonderheiten zeichnen
jede nationalgeschichte aus, und es scheint mir eine
deutsche besonderheit zu sein, die eigentuemlichkeiten unserer
geschichte zu etwas ganz besonderem zu stilisieren.
ohne die ruecksicht auf eigentuemlichkeiten der
verschiedenen europaeischen voelker, ohne die sicht auf die vielfach
gegliederte grundstruktur europas kann weder die
europaeische noch die geschichte eines europaeischen landes und
volkes begriffen werden.
ausserdem darf die tatsache nicht uebersehen werden, dass
die nationen europas eine gemeinsame geschichte haben.
kommunizierende vielfalt und wechselseitige
beeinflussung sind die haupteigenschaften, die die europaeische welt
seit dem mittelalter kennzeichnen. unsere, die deutsche
und insbesondere die preussische geschichte, ist ein teil
dieser europaeischen geschichte. so ist europa auch ein teil
unserer historischen identitaet.
in deutschland ist die nationalstaatliche einheit erst spaet
gewonnen worden. aber in der kurzen epoche des
preussisch-deutschen nationalstaates bismarckscher praegung
haben die deutschen ein bis heute nachwirkendes
nationalbewusstsein entwickelt. die spaete gruendung des
nationalstaates mag eine der ursachen fuer das intensive empfinden
des nationalgedankens gewesen sein, der vom
nationalsozialismus missbraucht wurde.
wie ist die lage heute: zwar ist preussen durch einen
einmaligen akt der siegermaechte 1947 durch
kontrollratsbeschluss einfach aufgeloest worden, doch besteht
deutschland und in ihm die erinnerung an das geistige und kulturelle
erbe preussens, an seine historischen leistungen und
traditionen fort. auch die deutsche nation besteht
selbstverstaendlich fort. es gibt zwei staaten in deutschland, die
besondere beziehungen unterhalten und die fuer einander
nicht ausland sind, es gibt die deutschen ostgebiete, es gibt
deutsche minderheiten auch in mehreren staaten ost- und
suedosteuropas. es gibt eine im grundsatz klare und durch
das bundesverfassungsgericht bestaetigte rechtslage.
ich bin sicher, dass diese vielfaeltigen teilungsversuche nicht
die endgueltige antwort der geschichte auf die deutsche
frage sein werden. in der grossen mehrheit fuehlen sich die
deutschen hueben und drueben einander national verbunden
und einem volk zugehoerig. das bewusstsein der nationalen
einheit ist trotz aller staatlichen und gesellschaftspolitischen
trennung immer noch selbstverstaendlich und intakt. nicht
zuletzt sind dafuer auch die zahlreichen menschlichen
beziehungen jenseits und diesseits der innerdeutschen grenze
ursaechlich und kennzeichnend. neben den schon vor dem
letzten weltkrieg vorhandenen vielfachen beziehungen der
deutschen im reiche, von flensburg bis passau und von
koenigsberg bis aachen, von bremen bis kattowitz und von
stralsund bis freiburg - neben diesen natuerlich
entstandenen verwandtschaften sind durch den krieg und die
nachkriegsgeschehnisse millionenfach neu menschliche
verbindungen entstanden.
auf die dreizehn millionen vertriebenen aus den deutschen
ostgebieten, aus ost- und westpreussen, pommern und
schlesien, aus dem sudetenland und den verschiedenen
ost- und suedosteuropaeischen vertreibungsgebieten, die im
bundesgebiet eine zweite heimat gefunden und das
bewusstsein der zusammengehoerigkeit gestaerkt haben,
habe ich bereits eingangs hingewiesen. der freistaat
bayern verdient ein besonders grosses dankeschoen fuer
die art und weise, wie er vertriebene und fluechtlinge aus
dem sudetenland, aus ost- und westpreussen und vielen
anderen vertreibungsgebieten aufgenommen und inte-
griert hat und dies auch bis zum heutigen tage tut.
doch was sind nun die erfahrungen, die wir aus der
vergangenheit, aus der deutschen und preussischen geschichte bei
der zukuenftigen gestaltung unserer nation zu
beruecksichtigen haben?
wenn wir eines aus unserer juengeren geschichte gelernt
haben, dann vor allem dieses: unser verstaendnis von
nation muss unaufloeslich mit den prinzipien der freiheit, der
selbstbestimmung und der demokratie verbunden bleiben.
das ist die wichtigste lehre unserer geschichte. die einheit
der nation darf nicht auf kosten der freiheit unseres volkes
erreicht werden. die freiheit hat immer vorrang vor der
einheit.
die deutsche einheit koennten wir schon morgen von
moskau und den deutschen kommunisten haben, wenn wir
bereit waeren, auf die deutsche freiheit zu verzichten. aber
dies ist keine sinnvolle perspektive - nicht fuer uns und nicht
fuer unsere landsleute in der ddr, die ja gerade unter dem
verlust der freiheit zu leiden haben. deshalb geht es uns
auch nicht einfach um eine irgendwie geartete deutsche
einheit allein, sondern es geht uns um das
selbstbestimmungsrecht der deutschen. selbstbestimmung meint
freiheit, dies umschliesst dann auch die freiheit zur einheit.
die deutsche frage ist in ihrem kern daher nicht nur ein
territoriales problem, sondern sie ist in erster linie eine
frage der freiheit. dass hier in der tat die kernfrage liegt,
wird vollends deutlich, wenn man bedenkt, dass die deutsche
teilung bestandteil der europaeischen teilung ist: die
trennungslinie, die europa teilt, verlaeuft zwischen demokratie
und totalitarismus. die freiheit ist der kern nicht nur der
deutschen, sondern zugleich auch der europaeischen frage.
ihr ziel ist die friedliche verwirklichung des
selbstbestimmungsrechtes fuer alle deutschen im rahmen der
ueberwindung der spaltung europas. deutschlandpolitik bedeutet
hierbei substantielle europaeische friedenspolitik, weil sie
auf die freiheit aller europaeischen voelker gerichtet ist.
unterdrueckung ist die ursache der spannung, die den
frieden gefaehrdet.
friedensfoerdernd in diesem sinne ist der freie und
ungehinderte austausch von personen, informationen und
meinungen, wie er in der ksze-schlussakte vereinbart worden ist.
die ddr haette in diesem bereich noch eine ganze menge
positiver aufgaben zu verrichten. nach aussen hin frieden
zu fordern, nach innen aber feindbilder zu predigen und die
menschen zum hass zu erziehen, foerdert nicht gerade ihre
glaubwuerdigkeit. nur wer selbst friedfertig ist, kann
glaubhaft zur gestaltung des friedens beitragen, denn frieden
beginnt zu hause. politische haeftlinge, schiessbefehl und
erziehung zum hass sind ein taeglicher widerspruch zu
friedensbeteuerungen nach aussen.
die zukuenftige gestaltung der nation, die wiedervereinigung
der deutschen ist fuer uns nur auf einem friedlichen
wege vorstellbar. einen anderen weg kann es und darf es
nicht geben. auch das sollten wir aus der geschichte gelernt
haben. ein krieg darf nie wieder sein, und unter keinen
umstaenden darf er von deutschem boden ausgehen.
lassen sie mich in diesem zusammenhang auf ein dokument
hinweisen, welches immer noch viel zu wenig beachtet wird.
die vertriebenen, die von den schrecken und leiden des
zweiten weltkrieges besonders betroffen waren, haben in
ihrer charta der heimatvertriebenen aus dem jahre 1950 in
aller deutlichkeit auf rache und vergeltung verzichtet und
sich von anfang an zum weg der verstaendigung bekannt.
die deutschlandpolitik der bundesrepublik deutschland
unterliegt einem absolutem gewaltverbot. dies ergibt sich
zwingend aus dem grundgesetz. besonders
hervorgehoben wurde es dann noch einmal sowohl gegenueber den
westmaechten im artikel 7 absatz 2 des deutschland-vertrages
vom 26. mai 1952, als auch gegenueber den partnern
der ostvertraege, so zum beispiel im moskauer vertrag von
1970. zukuenftige regelungen bezueglich der deutschen
nation koennen und duerfen nur mit friedlichen mitteln
angestrebt werden.
aus der geschichte unserer nation sollten wir auch diese
erkenntnis beruecksichtigen: eine loesung der deutschen
frage im alleingang kann es nicht geben. sie wuerde unsere
freiheit und existenz gefaehrden sowie auf den erbitterten
widerstand unserer nachbarn stossen. die eindeutige
verankerung unseres staates in der westlichen gemeinschaft
von demokratien war fuer uns nicht nur eine entscheidung fuer
die westliche wertegemeinschaft, sondern sie war und ist
fuer uns die einzige moeglichkeit, im ost-west-konflikt zu
bestehen, ohne unsere freiheitliche gesellschaftsordnung
aufgeben zu muessen. nur auf dem fundament unserer
einbindung in den westen koennen wir erfolgreich
deutschlandpolitik betreiben. die vorstellungen, wie sie bei der
aeusseren rechten und linken herumgeistern, wir koennten
uns aus der gegebenen weltpolitischen situation
ausblenden und uns unter der parole der "deutschen
selbstbehauptung" auf den weg eines deutschen neutralismus begeben,
halte ich fuer voellig abwegig. deutschland besitzt fuer eine
solche option die falsche groesse und liegt dafuer an der
falschen stelle. es waere ein untauglicher versuch, aus dem
ost-west-konflikt auszusteigen. ein neutrales deutschland,
das muss man klar sehen, waere fuer die kontinentale
grossmacht sowjetunion eine unwiderstehliche machtpolitische
verlockung. man muss sich nur einmal die landkarte
ansehen, um zu erkennen, dass ein neutrales deutschland - den
gesetzen der politischen physik folgend - von der
schwerkraft der sowjetunion angezogen werden wuerde. wer
gegenueber der expansiven und oft genug auch aggressiven
sowjetideologie mit dem gedanken einer deutschen
neutralitaet spielt, der leidet an realitaetsverlust und
selbstueberschaetzung.
ebenso mit sorge sehe ich die seit einigen jahren immer
staerker werdende entwicklung in der spd, das ziel der
wiedervereinigung deutschlands aufzugeben. ich erinnere
in diesem zusammenhang nur an die aufforderung, die
chancen in der zwei-staatlichkeit zu suchen, oder an den
vorschlag, das wiedervereinigungsgebot aus der praeambel
des grundgesetzes zu streichen. dass diese forderungen
inzwischen nicht mehr nur von einzelpersonen, sondern
auch von der bundestagsfraktion der spd gestuetzt werden,
verdeutlicht ein erst kuerzlich erschienener aufsatz des
berliner bundestagsabgeordneten heimann, der das prinzip des
nationalstaates als ueberholt bezeichnet und ausdruecklich
- angesichts der erklaerten sowjetischen teilungspolitik - in
der "mehrstaatlichkeit" die europaeische aufgabe des
deutschen volkes sieht. deutlicher kann die absage der
sozialdemokraten an unsere verantwortung fuer die freiheit
unseres ganzen volkes wohl nicht mehr formuliert werden.
grosse teile der spd haben sich innerlich von der praeambel
des grundgesetzes, von der gemeinsamen zukunft der
deutschen und von manchen unserer bisher gemeinsamen
grundueberzeugungen verabschiedet.
das eigentlich schlimme an diesem vorgang besteht vor
allem darin, dass den menschen in anderen teilen deutschlands
zugemutet wird, sich in ihr schicksal, das durch eine
kommunistische diktatur gekennzeichnet ist, endgueltig zu
ergeben.
wir koennen einer derartigen deutschlandpolitik nur eine
klare absage erteilen. wer die deutsche nation in seiner
politik abschreibt, der verleugnet die geschichte und
taeuscht sich in den deutschen. wir deutsche empfinden uns
als ein unteilbares volk, auch wenn wir heute in mehreren
staaten leben muessen. deutschland ist geteilt, aber das
bewusstsein von der einheit der nation lebt in den
deutschen hueben und drueben.
niemand weiss, wie lange der zustand der teilung noch
andauern wird. keiner kennt die zukunft. aber wir alle
sollten aus der geschichte wissen, dass man auf die dauer
kein volk gegen seinen willen in unfreiheit und teilung
halten kann.
"einigkeit und recht und freiheit" fordert unsere
nationalhymne fuer das deutsche vaterland. solange dies dem
denken und fuehlen der allermeisten deutschen entspricht,
braucht uns um die zukunft nicht bange zu sein.
und noch eines koennen wir aus der deutschen geschichte
und speziell der preussischen lernen: entscheidend fuer das
ueberleben eines gemeinwesens - insbesondere in
krisenzeiten - ist die ungeschriebene, lebendige ordnung, die
einstellung der menschen zu ihrem staat.
auch bei uns laesst sich das phaenomen beobachten, dass trotz
relativen wohlstandes und gesicherter verhaeltnisse kritik
und staatsverdrossenheit eher zu- als abgenommen haben.
der staat ist fuer einige nur noch ein politischer grosskonzern
mit einer regierung als vorstand, einem parlament als
aufsichtsrat und den buergern als staatsaktionaeren, die
bei periodisch angesetzten generalversammlungen ihre
stimme abgeben. in diesem zusammenhang hat die
preussische graefin marion doenhoff vor einiger zeit die frage
gestellt, ob man abschied von preussen nehmen solle, und
darauf geantwortet - ich zitiere -:
"nein, denn das geistige preussen muss in dieser zeit
materieller begierden weiterwirken - sonst wird dieser
staat, den wir bundesrepublik nennen, keinen bestand
haben."
so will ich schliessen mit einem "zurueck-zu-preussen!"
dorthin sollten wir uns wenden, zu den ewigen werten, die
preussen grossgemacht haben. alle unsere elf kultusminister
sollten alle tugenden wieder lehren und lernen lassen, die
fuer das gute, das wahre, das einige deutschland stehen:
pflichterfuellung, vaterlandsliebe, ehre, unbestechlichkeit,
bescheidenheit, sparsamkeit im privaten und oeffentlichen
bereich, liberalitaet, toleranz, tapferkeit, mut, fleiss und
arbeitslust, sauberkeit, puenktlichkeit, abkehr von der
konsumsucht, hilfsbereitschaft, naechstenliebe, gastfreundschaft,
ehrlichkeit, loyalitaet und solidaritaet, furchtlosigkeit,
disziplin, kameradschaft, geist, friedensliebe, heimatliebe,
guete, mitleid, patriotismus, tatendrang, phantasie und
entwicklung kuenstlerischer faehigkeiten. kurz: mehr sein als
scheinen. das heisst: preussen.
gebt unserem vaterland in allen seinen teilen lesebuecher,
in denen diese tugenden verstaerkt gelehrt und gelernt
werdenue gebt unserem vaterland erzieher, die diese werte
vorleben und hochhalten! gebt unserem vaterland den
schuss preussen wieder, den es so dringend braucht! unsere
heimat, unser vaterland, wird es uns danken!