Papst Johannes Paul II. in der Bundesrepublik Deutschland vom 21. bis 23. Juni 1996 (Teil zwei von drei)

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Papst Johannes Paul II. stattete der Bundesrepublik Deutschland vom 21. bis
23. Juni 1996 einen dritten Pastoralbesuch ab.

Verabschiedung am Brandenburger Tor

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt bei der Verabschiedung von Papst Johannes
Paul II. am Brandenburger Tor in Berlin am 23. Juni 1996 folgende Ansprache:

Heiliger Vater,
liebe Berlinerinnen und Berliner,
liebe Landsleute von nah und fern,
verehrte Gäste,

dies ist ein Tag der Freude für unser Land, insbesondere für die deutsche
Hauptstadt Berlin! Heiliger Vater, Sie sind ein Freund der Deutschen. Sie
kennen unser Land, Sie kennen seine Menschen. Sie sind uns in Deutschland
immer herzlich willkommen!

Als Sie 1980 und dann 1987 die Bundesrepublik als Oberhaupt der katholischen
Kirche besuchten, war Deutschland noch geteilt. Das polnische Volk, Ihr Volk,
lebte noch unter kommunistischer Diktatur. Heute, Heiliger Vater, sind wir
zusammen durch das Brandenburger Tor gegangen. Die Mauer ist verschwunden. An
der Überwindung der totalitären und glaubensfeindlichen Ideologie, durch die
unser Kontinent, unser Land und diese Stadt Berlin gespalten wurden, haben Sie
einen entscheidenden Anteil. So haben Sie ganz wesentlich mit dazu
beigetragen, daß der Traum von der Wiedervereinigung Deutschlands in Erfüllung
ging. Wir Deutsche verdanken Ihnen viel.

Sie haben sich nie mit der widernatürlichen Teilung Europas durch den Eisernen
Vorhang abgefunden. Gerade Sie haben Millionen von Menschen, die bis vor
wenigen Jahren unter dem kommunistischen Regime leben mußten, ermutigt, die
Hoffnung auf ein Leben in Freiheit nicht aufzugeben. Sie haben der
Freiheitsbewegung in Polen, aber auch in anderen Staaten Mittel- und
Osteuropas moralischen Rückhalt und damit immer wieder Selbstvertrauen
gegeben. Sie wußten, daß das scheinbar unerschütterliche kommunistische System
vor der Geschichte letztlich keinen Bestand haben konnte, weil es dem Wesen
des Menschen widerspricht.

Wir sind soeben gemeinsam durch das Brandenburger Tor gegangen. Für uns alle
war das ein tief bewegender Augenblick. Es ist keine sieben Jahre her, da
stand hier noch die Berliner Mauer, eine der unmenschlichsten
Grenzbefestigungen der Geschichte. Sie fiel wie die Mauern von Jericho ­ vor
allem durch den lauten Ruf nach Freiheit. Heute symbolisiert das Brandenburger
Tor Freiheit, Verständigung, Völkerfreundschaft und Frieden.

Heiliger Vater, Sie haben heute in einer feierlichen und unvergeßlichen
Zeremonie im Olympiastadion zwei Märtyrer aus unserem Volk seliggesprochen ­
Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner. Beide stehen für einen unerschrockenen,
lebendigen Glauben auch während der dunkelsten Jahre unserer Geschichte. Nur
wenige Schritte von hier entfernt setzte sich Domprobst Lichtenberg für die
verfolgten Juden ein, die Sie, Heiliger Vater, einmal die "älteren Brüder" der
Christen genannt haben. Die Besinnung auf diese beiden herausragenden
Persönlichkeiten unserer Kirche wird dazu beitragen, die Erinnerung an das
andere, an das bessere Deutschland wachzuhalten, das auch die Nazi-Barbarei
nicht zerstören konnte. Ich denke in dieser Stunde auch an herausragende
Zeugen der evangelischen Kirche. Stellvertretend für viele nenne ich Dietrich
Bonhoeffer.

Die Erinnerung an den Widerstand gegen Unrecht und Unterdrückung gehört zum
moralischen Fundament unserer Bundesrepublik Deutschland. Ganz bewußt haben
die Väter und Mütter des Grundgesetzes die "Verantwortung vor Gott und den
Menschen" an den Beginn unserer Verfassung gestellt, die heute die Verfassung
unseres wiedervereinigten Vaterlands ist. Auf diesen Satz sollten wir uns
immer wieder neu besinnen.

Wir müssen gemeinsam dafür Sorge tragen, daß die Freiheit in unserer
Gesellschaft nicht in Orientierungslosigkeit umschlägt. Freiheit ­ das ist die
Erfahrung der Geschichte dieses Jahrhunderts, und man soll gerade an diesem
Platz darüber sprechen ­ bedeutet immer auch Verantwortung, sonst schlägt sie
in neue Formen der Abhängigkeit um. Gelebte Verantwortung braucht die
Besinnung auf das eigene Gewissen, auf den Mitmenschen und vor allem auf Gott.
Gerade in diesem besonderen Sinne ist die Stimme der christlichen Kirchen auch
in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft unverzichtbar. Die Frohe
Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung
und Halt.

Ich wünsche mir, Heiliger Vater, daß von Ihrem Besuch in Deutschland ein
Signal ausgeht ­ ein Signal der Ermutigung für Christen, Verantwortung in
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Christenpflicht und
Bürgerpflicht sind untrennbar miteinander verbunden. Das gilt nicht zuletzt
für die große Aufgabe unserer Zeit, die Einigung Europas. Es waren vor allem
in ihrem Glauben tief verwurzelte, der Ökumene verpflichtete Christen, die
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges darangingen, im freien Teil unseres
Kontinents die Europäische Gemeinschaft aufzubauen. Sie handelten in vollem
Bewußtsein der geistig-kulturellen Traditionen, die alle Völker Europas
miteinander verbinden. Wir wollen und dürfen niemals aus den Augen verlieren,
daß wir in Europa vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft bilden. Sie
selbst, Heiliger Vater, haben dies ausgedrückt, als Sie einmal vom "Genius
Europas" sprachen.

Ich wünsche mir, daß die katholischen und die evangelischen Christen noch
stärker als bisher die neuen Chancen zum Dialog mit den orthodoxen Christen in
Europa nutzen. Es geht gewissermaßen für die Zukunft Europas darum, einen
ökumenischen Bogen von den Klöstern und Kapellen Irlands bis hin zu den
Kirchen und Kathedralen von Kiew und Moskau zu schlagen. Für eine gute Zukunft
unseres Kontinents ist es ebenso wichtig, daß sich die drei großen
monotheistischen Weltreligionen ­ Judentum, Christentum und Islam ­ auf ihre
gemeinsamen Wurzeln besinnen und vom Geist der Brüderlichkeit leiten lassen.

Jetzt, am Ende dieses Jahrhunderts, das hier in Berlin, in Deutschland, in
Europa und in der Welt so viel Leid und Elend gesehen hat, haben wir die
großartige Chance, das Haus Europa wetterfest für die Zukunft zu bauen. Das
ist die beste Voraussetzung für Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert. Ich
setze darauf, daß die christlichen Kirchen die Menschen überall in Europa
ermutigen, sich an diesem Friedenswerk zu beteiligen.

Heiliger Vater, Sie haben mit Ihrem Besuch bei uns in Deutschland Zeichen der
Hoffnung und des Aufbruchs gesetzt. Sie haben vielen Menschen in Paderborn,
hier in Berlin und in ganz Deutschland Freude gebracht und Mut gemacht. Ihr
Zuspruch hat vielen Kraft für die Zukunft gegeben. Ich danke Ihnen im Namen
meiner Landsleute für Ihren Besuch. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen.

Papst Johannes Paul II. hielt bei der Abschiedszeremonie am Brandenburger Tor
in Berlin folgende Ansprache:

Liebe Berliner,
meine Damen und Herren,

es ist die Stunde des Abschieds und für mich ein zutiefst bewegender
Augenblick, in den heutigen Abendstunden mit Ihnen hier am Brandenburger Tor
im Herzen Berlins zusammentreffen zu können.

Lassen Sie mich beginnen mit einem vielfachen Dank. Mein Dank gilt zuerst dem
Herrn Bundespräsidenten für seine Einladung, Deutschland zu besuchen. Die
überaus freundlichen Worte, mit denen er mich am Freitag bei meiner Ankunft
auf dem Flughafen Paderborn/Lippstadt willkommen geheißen, und die
Herzlichkeit, mit der er mich heute morgen auf Schloß Bellevue hier in der
Bundeshauptstadt empfangen hat, haben mich unter Ihnen wie zu Hause fühlen
lassen.

Herr Bundeskanzler, ich bin sehr glücklich über Ihre Anwesenheit. Sie sind der
Baumeister der neugewonnenen Einheit Ihres Volkes. Sie haben die
weltgeschichtliche Chance genutzt, siebzehn Millionen Landsleuten die Freiheit
zu erringen und die Einheit des deutschen Volkes zu vollenden. Sie haben es
gewagt, den Menschen Ihres Landes um der Einheit in Freiheit willen nicht
geringe Opfer zuzumuten. Möge Gott Ihnen und Ihrem deutschen Vaterland die
Kraft geben, dieses Werk zu vollenden.

Mein aufrichtiger Dank geht ebenso an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, der
Sie mit dem Herrn Bundeskanzler so bedenkenswerte Worte an uns alle gerichtet
haben. Ferner begrüße ich die Präsidentin des Deutschen Bundestages sowie den
Parlamentspräsidenten von Berlin, die Mitglieder der Bundesregierung, des
Berliner Senats sowie die Damen und Herren Abgeordneten des Deutschen
Bundestages und des Parlaments von Berlin.

Mein inniger Dank gilt dem deutschen Episkopat, Euch, meinen Mitbrüdern im
Bischofsamt, die Ihr diese Reise wesentlich mitgestaltet habt. Für Euch ist
diese Reise auch eine Reise dessen,

­ der im Auftrag Christi, des Hauptes der Kirche, die Gläubigen aufsucht, um
sie im Glauben zu stärken und zu ermutigen,

­ der mit den Sprechern der getrennten Schwestern und Brüder zusammentrifft,
um die Suche nach der Einheit zu vertiefen,

­ der den Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in diesem Land begegnet,
um ihnen nochmals die Hochachtung der katholischen Kirche zum Ausdruck zu
bringen,

­ der allen Menschen nichts anderes als die befreiende Botschaft des
Evangeliums verkündigen möchte und die Erkenntnis Jesu Christi, die alles
übertrifft (vergleiche Philipper 3,8).

Eure Nähe, liebe Brüder im Bischofsamt, erfüllt mich mit Zuversicht; es ist
die Sendung des einen Herrn, die Euch und mich beseelt, es ist die eine Liebe,
die Euch und mich erfüllt: daß nämlich die Botschaft von der Liebe Gottes, die
auch vor dem Kreuz nicht zurückschreckte, die Herzen aller Menschen erreicht
und sie in selbstloser Liebe antworten läßt.

Mein Dank geht insbesondere an meine Mitbrüder Georg Maximilian Kardinal
Sterzinsky und Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, deren Erzdiözesen ich
besuchen durfte. Danken möchte ich ferner dem Herrn Vorsitzenden Eurer
Bischofskonferenz für die sehr herzlichen Worte zum Abschied.

An dieser Stelle danke ich all denen, die diesen Besuch in mühevoller und
sorgfältiger Arbeit vorbereitet, und denen, die den reibungslosen Ablauf
gewährleistet haben, sowie den Mitarbeitern der Medien, die ihn begleitet
haben.

Die Berliner und die Deutschen haben mich bei diesem Besuch ihre Verbundenheit
und Nähe spüren lassen. Ihnen allen sage ich meinen herzlichsten Dank.

Es war von allem Anfang an mein aufrichtiger Wunsch, bei diesem Pastoralbesuch
in Deutschland auch nach Berlin zu kommen. Zunächst wollte ich natürlich den
Gläubigen dieses Erzbistums begegnen, die wie alle Berliner die schmerzvolle
Spaltung ihrer Stadt über Jahrzehnte erdulden mußten und trotzdem sich nicht
haben beirren lassen und in innerer Verbundenheit und Solidarität erfuhren,
daß die Macht der Gewalt und des Zwanges, der Mauern und des Stacheldrahtes
die Herzen der Menschen nicht auseinanderreißen konnte.

Nirgendwo sonst haben sich während der gewaltsamen Teilung Ihres Landes die
Sehnsüchte nach Einheit so sehr mit einem Bauwerk verbunden wie hier. Das
Brandenburger Tor wurde von zwei deutschen Diktaturen besetzt. Den
nationalsozialistischen Gewaltherrschern diente es als imposante Kulisse für
Paraden und Fackelzüge, und von den kommunistischen Tyrannen wurde dieses Tor
mitten in dieser Stadt zugemauert. Weil sie Angst vor der Freiheit hatten,
pervertierten die Ideologen ein Tor zur Mauer. Gerade an dieser Stelle
Berlins, die zugleich zur Nahtstelle Europas wurde, zur unnatürlichen
Schnittstelle zwischen Ost und West, gerade an dieser Stelle offenbarte sich
für alle Welt sichtbar die grausame Fratze des Kommunismus, dem die
menschlichen Sehnsüchte nach Freiheit und Frieden suspekt sind. Vor allem aber
fürchtet er die Freiheit des Geistes. Auch sie wollten die braunen und roten
Diktatoren zumauern.

Menschen waren durch Mauern und tödliche Grenzen voneinander getrennt. Und in
dieser Situation wurde das Brandenburger Tor im November 1989 Zeuge davon, daß
Menschen das Joch der Unterdrückung abschüttelten und zerbrachen. Das
geschlossene Brandenburger Tor stand da wie ein Symbol der Trennung; als es
endlich geöffnet wurde, wurde es zum Symbol der Einheit und zum Zeichen dafür,
daß die Forderung des Grundgesetzes nach Vollendung der Einheit und Freiheit
Deutschlands in freier Selbstbestimmung erfüllt ist. So kann man zu Recht
sagen: Das Brandenburger Tor ist zum Tor der Freiheit geworden.

An diesem so geschichtsträchtigen Ort fühle ich mich veranlaßt, an Sie alle,
die Sie hier anwesend sind, an das deutsche Volk, an Europa ­ das auch zur
Einheit in Freiheit gerufen ist ­ an alle Menschen guten Willens einen
dringenden Appell für die Freiheit zu richten. Möge dieser Appell auch jene
Völker erreichen, denen bis heute das Recht auf Selbstbestimmung verweigert
wird, jene nicht wenigen Völker ­ es sind sogar viele ­, bei denen die
Grundfreiheiten der Person ­ die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die
politische Freiheit ­ nicht gewährleistet sind.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein
Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit
bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit
verpflichtet. Sonst hat seine Freiheit keinen festeren Bestand als ein schöner
Traum, der beim Erwachen zerbricht. Der Mensch verdankt sich nicht sich
selbst, sondern ist Geschöpf Gottes; er ist nicht Herr über sein Leben und
über das der anderen; er ist ­ will er in Wahrheit Mensch sein ­ ein Hörender
und Horchender: Seine freie Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und
dauerhaft entfalten, wenn sie auf der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben
ist, als unzerbrechlichem Fundament gründet. Dann wird der Mensch sich
verwirklichen, ja über sich hinauswachsen können. ­ Es gibt keine Freiheit
ohne Wahrheit.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo
Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind ­ in dem Wissen um
die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott
und den Menschen. Da ­ und nur da ­, wo sie zusammen für die Freiheit
einstehen und in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie
erhalten. Die Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der
anderen, aller anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene
Lebensfeld begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich
selbst sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. In
Solidarität gelebte Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz für
Gerechtigkeit im politischen und sozialen Bereich und lenkt den Blick auf die
Freiheit. ­ Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Die Freiheit ist ein überaus kostbares Gut, das einen hohen Preis verlangt.
Sie verlangt Hochherzigkeit, und die schließt Opferbereitschaft mit ein; sie
verlangt Wachsamkeit und Mut gegenüber den Kräften, die sie von innen oder von
außen bedrohen. In der Haltung der Opferbereitschaft sind im alltäglichen
Leben viele Menschen mit Selbstverständlichkeit zu Verzicht bereit ­ in der
Familie oder unter Freunden. Opfer für die Freiheit bringen die, die für die
Verteidigung nach innen oder nach außen Nachteile in Kauf nehmen, die anderen
erspart bleiben ­ bis hin zu Gefahren für Leib und Leben. Keiner kann sich von
seiner persönlichen Verantwortung für die Freiheit dispensieren. Es gibt keine
Freiheit ohne Opfer.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Berlin ist eine zutiefst lebendige und in vielerlei Hinsicht kreative Stadt.
In ihrer unübersehbaren Internationalität treffen hier vielfältige Traditionen
und Lebensformen aufeinander. Berlin ist eine anerkannte Stadt der Kultur und
der Kunst, des Filmes und der Museen, ein Ort des Austausches und der
Vermittlung. Mir liegt sehr viel an der Aussagekraft dieser Formen
menschlicher Kultur, ist es doch die Gabe, mit unseren Kräften die göttliche
Schöpfung weiterzuführen und zu konkretisieren.

Ich rufe daher alle Künstler und Wissenschaftler auf, ihre Gaben zum
konstruktiven Aufbau einer umfassenden "Zivilisation der Liebe", wie ich es,
nach meinem Vorgänger Paul VI., gelegentlich genannt habe, zu nutzen, einer
Zivilisation, "die auf den universellen Werten des Friedens, der Solidarität,
der Gerechtigkeit und der Freiheit gegründet ist. Die ,Seele` der Zivilisation
der Liebe ist die Kultur der Freiheit, die Freiheit des einzelnen und die
Freiheit der Nationen, die in einer selbstgegebenen Solidarität und
Verantwortung gelebt werden kann" (Ansprache vor der UNO-Vollversammlung, 5.
Oktober 1995, 18).

Wenn einer die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der
Freiheit. In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los,
weil ihm am anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen gelingt. So
fallen die Schranken der Selbstbezogenheit, und so findet man die Freude am
gemeinsamen Einsatz für höhere Ziele. Achtet die unantastbare Würde eines
jeden Menschen, vom ersten Moment seiner irdischen Existenz bis hin zum
letzten Atemzug! Erinnert Euch immer wieder an die Erkenntnis, die Euer
Grundgesetz allen anderen Erklärungen voranstellt: Die Würde des Menschen ist
unantastbar! Befreit Euch zur Freiheit in Verantwortung! Öffnet die Tore für
Gott!

Das neue Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein
freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete
Fenster, durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen kann.
Europa braucht nicht zuletzt deshalb überzeugte Türöffner, also Menschen, die
die Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung. Nicht nur
Deutschland, sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen Beitrag der
Christen.

Den Berlinern und allen Deutschen, denen ich dankbar bin für die friedliche
Revolution des Geistes, die zur Öffnung dieses Brandenburger Tores führte,
rufe ich zu: Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für Euch
und alle Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den
Geist der Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch
die Öffnung Eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören, verkündige ich: Die Fülle und die
Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus.

Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die Tür. In ihm ist den
Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit und des Lebens. Er ist
der, der den Menschen wirklich frei macht, indem er die Finsternis aus dem
menschlichen Herzen vertreibt und die Wahrheit aufdeckt. Er vollendet seinen
Weg als unser Bruder und seine Solidarität mit uns in der Hingabe seines
Lebens für uns. So befreit er uns von Sünde und Tod. Er läßt uns in unserem
Nächsten sein eigenes Angesicht, das Gesicht des wahren Bruders, erkennen. Er
zeigt uns das Antlitz des Vaters und wird für alle das Band der Liebe.

Christus ist unser Erlöser, ist unsere Freiheit.

Der Tag neigt sich dem Abend zu. Aber wir bewahren in unseren Herzen das
Licht, dessen wir uns heute haben erfreuen dürfen. Und wir bleiben eins in der
Hoffnung, die uns beseelt. Vor meiner Rückkehr nach Rom lade ich Sie herzlich
ein zu einem Wiedersehen in der Ewigen Stadt beim Großen Jubiläum des Jahres
Zweitausend.

Gott segne Berlin, Gott beschütze Deutschland!