Opfer des Terrorismus im Auswärtigen Dienst - Ansprache des Bundesministers des Auswärtigen

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Der Bundesminister des Auswärtigen, Hans-Dietrich Genscher, hielt anläßlich einer Gedenkfeier für die Opfer terroristischer Gewalt im Auswärtigen Dienst am 8. Oktober 1987 im Auswärtigen Amt in Bonn folgende Ansprache:

Auf sechs schlichten Bronzetafeln, die im Auswärtigen Amt angebracht sind, steht zu lesen:

Hasso Freiherr Rüdt von Collenberg Saigon 5. Mai 1968

Karl Graf von Spreti Guatemala 5. April 1970

Dr. Heinz Hillegaart Stockholm 24. April 1975

Andreas Baron von Mirbach Stockholm 24. April 1975

Souhair Daou Beirut 16. August 1985

Dr. Gerold Edler von Braunmühl Bonn 10. Oktober 1986.


Diese sechs Menschen verbindet ein gemeinsames Schicksal, und uns verbindet dieses Schicksal mit ihnen: sie alle starben durch Mörderhand in Ausübung des Auswärtigen Dienstes unseres Landes.

Nach dem Tode von Botschafter Karl von Spreti schrieb eine deutsche Zeitung: „Worum es jetzt geht, ist die Erinnerung zu wahren: die Erinnerung an die Person und ebenso an die Tat."

Der Tod Rüdt von Collenbergs führt uns zurück in die Zeiten des Vietnam-Krieges. Rüdt von Collenberg war Vertreter des Botschafters in Saigon und bei dessen Abwesenheit Geschäftsträger. Sein Name bleibt eng verbunden mit der humanitären Hilfe, die unser Land in jener Zeit den Vietnamesen, gleichgültig welcher der beiden Kriegsparteien sie angehörten, geleistet hat.

Rüdt von Collenberg hat sich mit Besonnenheit, Klugheit und großem persönlichen Mut unserer in Saigon lebenden Landsleute angenommen und sie in besonders gefährlichen Situationen in die relative Sicherheit unserer Botschaft verbracht. Um hier die richtigen Entscheidungen treffen zu können, mußte er sich ständig über die Sicherheitslage in der Stadt auf dem laufenden halten. Diesem Ziel diente auch sein letzter Weg. Er war, als er starb, ein Mann von 35 Jahren. Auf Grund seiner Fähigkeiten und seiner Charaktereigenschaften genoß er großes Ansehen weit über den Rahmen unseres Dienstes hinaus.

Die Nachrufe in der deutschen Öffentlichkeit machten deutlich, daß der Auswärtige Dienst über Persönlichkeiten verfügt, die ihre Aufgabe auf eine vorbildliche Weise erfüllen. Diese Erfahrungen haben wir auch beim Tod unserer anderen Kollegen gemacht.

Karl Graf von Spreti war, bevor er 1956 in den Auswärtigen Dienst überwechselte, Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Er hat unser Land in fünf verschiedenen Staaten vertreten. Häufig stand er vor schweren Aufgaben. Mit zwei Ländern, in denen er unser Land vertrat, wurden die diplomatischen Beziehungen während seiner Amtszeit abgebrochen. Solche Situationen mit Würde, Ruhe und Umsicht durchzustehen, braucht es einen guten Mann. Trotz einer Krankheit nahm Graf von Spreti seinen Dienst mit großer Gewissenhaftigkeit wahr. Seine Mörder nahmen keine Rücksicht auf sein Alter und seine Krankheit. Trauer und Bestürzung über seinen Tod waren nicht nur in unserem Lande allgemein. Graf von Spreti war der erste Botschafter überhaupt, der das Opfer einer gezielten terroristischen Aktion wurde. Der Welt wurde deutlich, daß wir damit in eine neue Phase der Gewalttätigkeit eingetreten waren. Das Entsetzen über diese Untat war weltweit und allgemein. Diese Verbrechen waren in weit entfernten Ländern geschehen, in denen extreme Umstände herrschten. Der Schock war daher um so größer, als wir erleben mußten, welchen Gefahren die Angehörigen unseres Dienstes auch in Europa ausgesetzt sind.

Andreas Baron von Mirbach und Heinz Hillegaart wurden Opfer des Überfalls deutscher Terroristen auf die Deutsche Botschaft in Stockholm am 24. April 1975. Ich erinnere mich an jede einzelne Minute dieses Tages. Den Ruf Heinz Hillegaarts: „Hört ihr mich, hört mich doch!" - diesen Ruf dürfen wir nicht vergessen.

Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart starben, weil sie dem Auswärtigen Dienst angehörten, der eine als Verteidigungsattache in den letzten Jahren seines Lebens, der andere als Berufsdiplomat. Beide hatten sich durch ihre Person und ihre Arbeit die hohe Achtung ihrer Kollegen und Mitmenschen erworben.

Souhair Daou starb am 16. August 1985 als Fahrer unseres Botschafters in Beirut durch eine Kugel aus einer Maschinenpistole. Der heimtückische Anschlag galt dem deutschen Botschafter. Gerade deshalb wird durch seinen Tod das menschenverachtende Wesen des Terrorismus besonders deutlich. Ihm ist es gleichgültig, wie viele und welche Menschen bei seinen Anschlägen sterben. Auch Souhair Daou ist in Ausübung seines Dienstes, der unser aller Dienst ist, gestorben. Durch sein Lebensopfer gehört er für immer zu uns.

Die Ermordung Gerold von Braunmühls steht uns allen noch so schrecklich nah vor Augen, daß wir kaum begreifen können, daß inzwischen schon ein ganzes Jahr vergangen ist. Gerold von Braunmühl war für mich, er war für alle einer der in jeder Hinsicht besten und qualifiziertesten Mitarbeiter unseres Dienstes. Er ist uns in dieser Stunde nahe, wie unmittelbar nach seinem Tode, als wir uns in der Beethovenhalle zusammenfanden. Der Schock, der bis heute in seiner Familie und in uns nachwirkt, macht uns wieder bewußt, welche Schmerzen die Familien der von 1968 bis 1985 im Dienste unseres Landes getöteten Kollegen empfanden und empfinden. Ihnen allen gilt unser Mitgefühl und unsere Solidarität. Auch Sie gehören durch das Opfer, das Sie unserem Dienst und unserem Lande bringen mußten, zu uns. Diese Stunde soll ein sichtbarer Ausdruck dieser fortdauernden Verbundenheit sein.

Als Hasso Rüdt von Collenberg 1968 in Saigon starb, gab es den Begriff „Terrorismus" als Bezeichnung eines weltweiten politischen Problems noch nicht. Aber es gab einen mit harter Grausamkeit geführten Krieg in Vietnam. Der moderne Krieg, gleichgültig, mit welchen der heute zur Verfügung stehenden Waffen er geführt wird, ist anonym. Wenn er ausbricht, trifft er jeden, den Soldaten wie den Zivilisten.

Wenn wir gegen den Krieg kämpfen und für den Frieden eintreten, dann geschieht dies nicht zuletzt auch im Namen der menschlichen Kultur, die wir gegen die Barbarei des Krieges zu schützen verpflichtet sind. Friedensgesinnung muß umfassend sein.

Ein deutscher Journalist hatte beim Tode Rüdt von Collenbergs eine deutliche Vorahnung von diesen Zusammenhängen. Das Wort „Terror" taucht zum ersten Mal in seinem Nachruf auf. Wir kennen die Motive der Mörder in diesem Falle nicht. Aber wir wissen, daß sie Terror ausüben wollten. Der Tod Hasso Rüdt von Collenbergs mahnt uns, dem Krieg, wo immer er sich zeigt, in uns oder draußen in der Welt, unseren Friedenswillen entgegenzusetzen. Karl Graf von Spreti wurde in einem Lande ermordet, dessen soziale, Spannungen ein unerträgliches Maß erreicht hatten. Dies ist der Boden, auf dem Terror und Gewalt wachsen. Keiner ist mehr sicher. Auch nicht der Unbeteiligte. Ja, Karl Graf von Spreti wurde gerade deswegen ermordet, weil er unbeteiligt war. Denn es war und ist das Ziel der geiselnehmenden Terronsten, die gehaßte Regierung in jedem Fall bloßzustellen: entweder gibt sie den terroristischen Forderungen nach, dann hat sie kapituliert und ihre Autorität in der Bevölkerung ist erschüttert - oder sie bleibt fest und wird dann vor der Weltöffentlichkeit und dem Entsendestaat für den Tod eines unschuldigen und unbeteiligten Opfers verantwortlich gemacht. Durch beides soll sie geschwächt werden.

Durch den Tod Karl von Spretis wurde uns und der Welt endgültig klar, daß die Diplomaten aller Länder ein bevorzugtes Opfer des Terrorismus geworden waren. Sie sind es bis heute geblieben. Es ist kein Zufall, daß die diplomatischen Dienste aller Länder mit großer Energie den internationalen Terrorismus bekämpfen.

Den Terrorismus bekämpfen, heißt zunächst, seine Ursachen bekämpfen. Wie wir im Falle Rüdt von Collenbergs den Krieg als Ursache des Terrorismus erkannt haben, so erkennen wir im Tode Graf von Spretis extreme soziale Spannungen als eine Ursache - nicht als eine Rechtfertigung - des Terrorismus. Wenn wir mit allen unseren Kräften für eine gerechte Welt eintreten - das heißt für eine Welt, in der Gerechtigkeit herrscht zwischen den Völkern und in den Völkern, für eine Welt, in der die elementaren Menschenrechte beachtet werden - und dazu gehören unbedingt auch die sozialen Menschenrechte - so tun wir dies, weil wir in der Ungerechtigkeit eine der Hauptursachen der Gewalt erblicken, die immer wieder Gegengewalt erzeugt. Die friedliche Welt, die wir erstreben, kann sich nur auf Achtung der Menschenrechte und auf soziale Gerechtigkeit gründen. Der Tod Graf von Spretis mahnt unseren Dienst und unser Land, sich dieser Aufgabe stets bewußt zu sein. Der Tod von Souhair Daou lenkt unseren Blick auf das Leiden und den Terror im Libanon. Wenn wir den Terrorismus beseitigen wollen, dann müssen wir unseren Beitrag zur Regelung der ungelösten Probleme unserer Welt leisten. Denn sonst werden sie immer wieder Gewalt gebären. Das Gegenteil von Gewalt ist das Gespräch, in die Sprache der Diplomatie übersetzt: Verhandlungen. Welche Konflikte auf der Welt sich auch immer zeigen, unser Land ist stets gegen die Sprache der Waffen und stets für die Sprache der Verhandlungen. Die Städtenamen Saigon, Guatemala, Beirut führen uns deutlich vor Augen, daß der Terrorismus ein internationales Phänomen geworden ist. In der Welt bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß der Terrorismus der Feind jeder menschlichen Ordnung ist, welche staatliche Form sie sich auch immer gegeben haben mag. Und so ist die gesamte Staatengemeinschaft aufgerufen, sich gegen den Terrorismus zusammenzuschließen. Es darf kein Land der Erde geben, das ihm Unterschlupf gewährt. Dafür zu werben und zu wirken, ist auch eine wichtige Aufgabe unseres Auswärtigen Dienstes, zu der uns die Toten, derer wir heute gedenken, verpflichten. Die Attentate in Stockholm und in Bonn wurden nicht von Ausländern, sondern von Deutschen begangen. Machten sie sich in Schweden die freiheitlichen Strukturen einer uns befreundeten Demokratie zunutze, um ihr verbrecherisches Vorhaben auszuführen, so erfolgte der Anschlag auf Gerold von Braunmühl zu unserem Entsetzen mitten im Zentrum unserer eigenen Demokratie.

Der Terrorismus stellt unser Land vor besondere Probleme. Über seine Ursachen gibt es viele Theorien. Ich gestehe freimütig, daß keine davon mich ganz befriedigt. Überall sehen wir die Mörder und Bombenleger am Werk. Olof Palme, der uns an jenem furchtbaren Apriltag des Jahres 1975 so hilfreich zur Seite stand, ist inzwischen selbst das Opfer eines terroristischen Anschlags geworden. Der deutsche Terrorismus stellt sich uns heute als Teil des europäischen und des internationalen Terrorismus dar. Die Anschläge in den freien Demokratien Westeuropas machen uns auf bedrückende Weise klar, daß die Sicherung des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschenrechte allein noch nicht ausreichen, um den Terrorismus zu besiegen. All das ist nötig - doch wir müssen wohl noch tiefer fragen. Die Attentate der Terroristen sind Akte der Unmenschlichkeit. Gegen diese Unmenschlichkeit kämpfen wir mit allen Mitteln des Rechtsstaates. Aber woher kommt diese Unmenschlichkeit? Die Brüder Gerold von Braunmühls haben den Versuch des Gesprächs darüber unternommen. Die Terroristen haben nicht geantwortet. Die Gesinnung, die hinter dem Gesprächsangebot steht - trotz oder vielleicht gerade wegen des tiefen Schmerzes gemacht - verdient unseren Respekt.

Die Angehörigen des Auswärtigen Dienstes werden auch in Zukunft großen Gefahren ausgesetzt bleiben. Daraus erwächst für unseren Staat die Verpflichtung, alles Menschenmögliche zu tun, um die persönliche Sicherheit der Angehörigen unseres Dienstes zu gewährleisten. Gefährdete Personen müssen besonders geschützt, die Sicherheitsvorschriften in der Zentrale und in allen unseren Auslardsvertretungen, Residenzen und Bedienstetenwohnungen, verbessert, das Sicherheitsbewußtsein unserer Bediensteten muß erhöht werden. Die für all diese Maßnahmen erforderlichen Mittel müssen bereitgestellt werden. Doch wir wissen, vollkommenen Schutz gibt es nicht. Dies alles ist den Angehörigen unseres Dienstes bekannt. Sie tun hier in Bonn und in aller Welt ihre Pflicht in dem wachen und vollen Bewußtsein, daß sie, jeder einzelne von ihnen, persönlich gefährdet sind. Noch nie ist es jedoch geschehen, daß ein Bediensteter eine Versetzung in ein besonders gefährdetes Gebiet wegen dieser Gefährdung abgelehnt hatte. Ich möchte heute Ihnen allen, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und deren Familien,. meinen Dank und den Dank der Bundesregierung für diese Haltung aussprechen. Das ist der Geist, der unseren Dienst kennzeichnet. Daß unser Dienst seinen schweren Belastungen standhält, ist lebendiges Zeugnis dafür, daß die in unserem Hause traditionellen Tugenden nach wie vor lebendig sind: Einsatzbereitschaft, Opferbereitschaft und ein Corpsgeist, der sich durch tiefe menschliche Verbundenheit auszeichnet. Diese Tugenden wollen wir erhalten. Sie helfen uns, unseren Dienst für unser Land und für den Frieden zu tun, trotz der Gefahren, die uns durch den Terrorismus drohen und trotz so mancher anderer Schwierigkeiten und Probleme, denen unser Dienst ausgesetzt ist.

Gegenüber den sechs Tafeln mit den Namen unserer Kollegen hängt eine andere Bronzetafel, auf der die Namen von elf Mitgliedern des Auswärtigen Dienstes unseres Landes verzeichnet sind, die nach dem 20. Juli 1944 von dem damaligen deutschen Terror-Regime ermordet wurden. Auch sie kämpften für die Freiheit, für den Frieden und für die Gerechtigkeit. Alle siebzehn zusammen. sind Zeugen der besten Tradition des Auswärtigen Dienstes. Sie alle haben mit ihrem Leben Zeugnis abgelegt für die höchsten Ideale unseres Berufs.

Wenn wir ihrer gedenken, dann ist dies eine Traditionspflege, die vom Geist der Humanität, der Menschenwürde, der Freiheit und des Friedens getragen ist. In diesem Bekenntnis findet unser Dienst seine innere geistige Einheit.