- Bulletin 44-90
- 11. April 1990
bundeskanzler dr. helmut kohl sprach anlaesslich des
125jaehrigen bestehens der basf am 6. april 1990 in
ludwigshafen folgendes grusswort:
lieber herr albers,
lieber herr seefelder,
verehrte festgaeste - und vor allem:
liebe mitarbeiterinnen und mitarbeiter der basf!
zum 125jaehrigen bestehen der basf gilt ihnen mein
herzlicher glueckwunsch. sehr gerne bin ich heute zu ihrem
festakt hier nach ludwigshafen gekommen, und zwar aus
mehreren gruenden:
erstens wegen der bedeutung und der verdienste dieses
unternehmens um meine heimatstadt ludwigshafen und
um die gesamte region. zweitens wegen meiner
persoenlichen verbundenheit mit der basf, bei der ich schon
als werkstudent erste praktische erfahrungen sammeln konnte.
und drittens komme ich als bundeskanzler zu ihnen: unser
land steht vor den groessten herausforderungen seit dem
ende des zweiten weltkrieges. jetzt gilt es, die deutsche
einheit zu vollenden. damit kommt auf sie als unternehmer
und arbeitnehmer wie auch auf die bundesregierung
besondere verantwortung zu.
i.
die 125jaehrige unternehmensgeschichte der basf gibt
anlass, einen moment rueckschau zu halten: im jahre 1915
zum 50. und auch 1940 zum 75. geburtstag des
unternehmens herrschte krieg. das erste runde jubilaeum der basf
in friedlichen zeiten war erst 1965, als hier in diesem hause
das 100jaehrige bestehen festlich begangen werden konnte.
inzwischen leben wir seit bald 45 jahren in frieden, freiheit
und wachsendem wohlstand. nie zuvor seit gruendung der
basf gab es eine so lange periode inneren und aeusseren
friedens und erfolges. und nie zuvor waren die
perspektiven fuer die menschen, besonders fuer die jugend, so
guenstig wie heute. das ist um so mehr ein grund, sie alle zu
dem erreichten zu beglueckwuenschen: die
unternehmensleitung, den betriebsrat, die mitarbeiterinnen und
mitarbeiter. und besonders auch die vielen ehemaligen "aniliner".
sie alle haben am soliden fundament des unternehmens
mitgebaut.
ii.
ludwig erhard wuenschte der basf zum 100. geburtstag fuer
das naechste jahrhundert "den erfolg, der aus fleiss, klarheit
und zielstrebigkeit erwaechst". heute laesst sich sagen:
dieser wunsch ist in den vergangenen 25 jahren bereits in
erfuellung gegangen.
die basf steht in glaenzender verfassung da. in ein paar
wochen werden sie, lieber herr dr. albers, auf der
hauptversammlung ihres unternehmens wiederum ein
hervorragendes ergebnis vorlegen koennen. zugleich ist dies
fuer sie persoenlich eine wichtige wegmarke. sie werden den
vorstandsvorsitz in juengere haende uebergeben.
ihre arbeit und ihre leistung stehen fuer das erfolgsrezept
der basf: naemlich die bereitschaft, technische,
wirtschaftliche und oekologische herausforderungen aktiv
anzunehmen, und dies zum wohle der beschaeftigten ebenso wie
unserer wirtschaft insgesamt. ihnen, lieber herr dr. albers,
gilt mein herzlicher glueckwunsch zu dieser leistung. in
einigen wochen wird ihr nachfolger, herr dr. strube, seine
neue aufgabe uebernehmen. auch ihm wuensche ich erfolg
und eine glueckliche hand.
iii.
meine damen und herren, auf die deutsche industrie
kommen am anfang der neunziger jahre grosse aufgaben zu. ich
nenne nur
- die verwirklichung der einheit deutschlands,
- die vollendung des europaeischen marktes ab 1992,
- den tiefgreifenden wandel im osten europas,
- ausgleich von oekonomie und oekologie bei uns und
- nicht zuletzt: die verantwortung gegenueber den
menschen in der dritten welt.
fuer diese aufgaben steht die deutsche wirtschaft so gut da
wie seit jahrzehnten nicht mehr. konjunktur, investitionen
und beschaeftigung erreichen rekordwerte. dies alles ist uns
nicht in den schoss gefallen. es ist das ergebnis solider
arbeit, unternehmerischen weitblicks und nicht zuletzt
aber auch das vernuenftige miteinander von arbeitgebern
und arbeitnehmern, von unternehmerverbaenden und
gewerkschaften hat hierzu entscheidend beigetragen.
als investitions- und innovationsstarke branche traegt gerade
die chemie wesentlich dazu bei, dass die bundesrepublik
deutschland auch im europa von morgen zu den ersten
adressen in der welt gehoeren wird.
unser hoher lebensstandard und auch unser hohes
gesundheitsniveau waeren ohne die erfolge der chemie in
forschung und produktion undenkbar. denn fortschritt in
den naturwissenschaften nuetzt den menschen unmittelbar:
etwa in der krankheitsbekaempfung, aber auch auf vielen
anderen gebieten. ebenso unbestritten ist: gesellschaftlicher
nutzen und missbrauchsmoeglichkeiten liegen bei aller
wissenschaftlich-technischen erkenntnis nahe beieinander.
dies gilt nicht zuletzt fuer die rasanten fortschritte im
bereich der gentechnik. hier geht es darum, technisch und
wirtschaftlich machbares mit dem ethisch verantwortbaren in
einklang zu halten. darauf zielt auch der gesetzentwurf der
bundesregierung ab, den der bundestag letzte woche
verabschiedet hat. am 1. juli soll das gesetz in kraft treten.
damit wird rechtssicherheit fuer investoren und buerger
geschaffen. das beispiel gentechnik zeigt: die
verantwortung der industrie reicht weit ueber den engen bereich
des rein wirtschaftlichen hinaus.
so hat gerade die basf gegenueber ihrer belegschaft und
der stadt ludwigshafen immer auch soziales und
gesellschaftliches engagement bewiesen. ich nenne nur die
betriebliche krankenversicherung seit 1884 und neuerdings
- zum 125jaehrigen bestehen - eine betriebliche
pflegeversicherung. dazu gehoert ebenso der traditionell hohe
stellenwert der kulturfoerderung.
neben grossen verdiensten gab es dunkle kapitel in der
unternehmensgeschichte. dazu zaehlen verstrickungen in der
zeit der nationalsozialistischen gewaltherrschaft. erinnert
sei auch an ungluecksfaelle, so 1921 und 1948, als hunderte
von menschen ihr leben verloren.
entscheidend ist aber: aus fehlern und versaeumnissen
wurde gelernt. in dieser hinsicht ist in den zurueckliegenden
jahrzehnten viel geleistet worden: angefangen beim
arbeitsschutz bis hin zur wohl groessten globalen
herausforderung unserer zeit, dem umweltschutz.
iv.
meine damen und herren, besonders beim schutz von
mensch und umwelt sind unsere gemeinsamen
bemuehungen erfolgreich vorangekommen. das belegen die fakten:
- die qualitaet des rheinwassers ist betraechtlich gestiegen
durch die wirksamen anstrengungen der unternehmen
und gemeinden bei der abwassersanierung.
- die luft wurde durch rauchgasentschwefelung und
stickoxydreinigung von kraftwerken sowie durch die
abgasreinigung von kraftfahrzeugen entscheidend
verbessert.
auf beiden feldern leistet die basf ihren beitrag. ich nenne
die ludwigshafener klaeranlage und die
rauchgasentschwefelungsanlage hier im kraftwerk mitte. natuerlich
gilt: umweltschutz faengt zuallererst zu hause an. jeder fuer
sich muss seine verantwortung erkennen, ob im betrieb oder als
privater verbraucher. daneben ist enge internationale
umweltpartnerschaft notwendig. auf diesem weg koennen weltweit
taetige unternehmen wie die basf wichtige funktionen
ausueben. sie haben die chance und pflicht, ueberall massstaebe
fuer umweltvertraegliche produkte und verfahren zu setzen.
v.
meine damen und herren, im uebrigen verdeutlicht nichts
den fundamentalen zusammenhang zwischen hoher
wirtschaftlicher leistungsfaehigkeit und wirksamem
umweltschutz mehr als die heutige situation in der ddr. an
boeden, luft, wasser und natur wurde in der ddr ein
unvorstellbarer raubbau betrieben - zu lasten der menschen und
der folgenden generationen.
jetzt ist der weg frei zu einem echten neubeginn. denn die
menschen in der ddr haben grossen mut im kampf um ihre
freiheit bewiesen. sie haben mit der wahl am 18. maerz ein
unmissverstaendliches votum abgegeben: fuer die soziale
marktwirtschaft, fuer die einheit deutschlands in der mitte
eines friedlichen, freien und vereinten europa.
diese bundesregierung hat nie zweifel aufkommen lassen:
wir wollen die einheit deutschlands - in guter partnerschaft
mit unseren nachbarn in ost und west, mit den voelkern
europas und mit unseren partnern in der atlantischen
allianz. wirtschaftliche und politische vereinigung sind eine
chance fuer alle deutschen und mit sicherheit ein gewinn fuer
europa. natuerlich uebersehe ich keineswegs die probleme -
etwa bei den altlasten in der chemischen industrie der ddr.
gleichwohl ist das potential fuer lohnende investitionen und
neue arbeitsplaetze gross.
vereint mit unseren landsleuten in der ddr gehen wir jetzt
daran, dort eine aehnliche aufbauleistung zu erbringen wie
hier seit 1948. darin liegt auch fuer uns in der bundesrepublik
deutschland eine grossartige chance. damals, 1948, zog
ludwig erhard durchs land mit seiner vision vom "wohlstand
fuer alle". und natuerlich stiess auch er auf kleinmut und
pessimismus. ihm wurde entgegengehalten: soziale
marktwirtschaft aus dem nichts koenne doch nicht funktionieren.
aber sie funktionierte, weil die weichen richtig gestellt
wurden und die menschen fest entschlossen ans werk gingen.
dies wird auch in der ddr gelingen.
deswegen werden wir jetzt mit entschlossenheit den weg
zur einheit weitergehen. gerade in die aktuelle diskussion
hinein will ich hier sagen: wenn in den naechsten 14 tagen
die regierung der ddr gebildet ist, werden wir sofort die
notwendigen gespraeche fuehren. ich bin fest entschlossen,
bis anfang mai die grundorientierungen zur waehrungsunion
mit wirtschafts- und sozialgemeinschaft mit der
ddr festzulegen. das heisst, noch zu beginn des sommers
sollen unsere landsleute in der ddr klarheit haben -
arbeitnehmer und unternehmer ebenso wie rentner und
sparer.
sie muessen wissen, dass es nach den schlimmen jahren des
realen sozialismus aufwaertsgeht. sie muessen wissen, dass
es sich mehr denn je lohnt, in ihrer heimat zu bleiben und
den neubeginn zu gestalten. ich fuege hinzu: die
hauptanstrengungen fuer ein besseres leben werden die buerger in
der ddr selbst leisten. wer wollte bezweifeln, dass sie dies
angesichts hoher qualifikation und leistungsbereitschaft
koennen.
dazu gehoert allerdings eine politik der sozialen
marktwirtschaft, die vernuenftige rahmenbedingungen setzt und die
moeglichkeit eroeffnet, dass leistung sich in zukunft auch fuer
unsere landsleute wieder lohntue
gewiss, es gibt noch eine menge zu sanieren und zu
modernisieren. aber ich bin sicher: die menschen in der ddr
werden es gemeinsam mit uns schaffen. deshalb
unterstreiche ich noch einmal: fuer diese bundesregierung ist
es ganz selbstverstaendlich, unseren landsleuten in der ddr
waehrend des uebergangs zur sozialen marktwirtschaft zu
helfen. damals, 1948, haben die usa uns mit dem marshall-
plan den anfang erleichtert. jetzt werden wir dies fuer die
ddr leisten. dabei ist die heutige ausgangslage ungleich
guenstiger.
unsere exzellente konjunktur erlaubt es, die anstehende
anschubfinanzierung der arbeitslosenversicherung, der
rentenversicherung und der infrastrukturaufgaben in der
ddr zu uebernehmen und zwar ohne steuererhoehungen.
gerade steuererhoehungen wuerden den wirtschaftlichen
aufschwung unnoetig bremsen und kontraproduktiv wirken. und
ebenso falsch waere es, die einheit mit der inflatorischen
notenpresse finanzieren zu wollen. gemeinsam mit der
bundesbank werden wir vielmehr dafuer sorgen, dass unsere
d-mark das bleibt, was sie ist: eine der stabilsten und
begehrtesten waehrungen der welt. eine harte d-mark ist
zentrale voraussetzung fuer den raschen wirtschaftlichen
aufschwung in der ddr.
und jeder unternehmer weiss: deutschland wird bruecke zu
den laendern mittel-, ost- und suedosteuropas sein. jetzt gilt
es, neue maerkte zu erschliessen. hier liegen grosse chancen
fuer investitionen in die zukunft. dadurch werden gerade
auch hier bei uns arbeitsplaetze und einkommen sicherer.
vi.
meine damen und herren, die menschen in der ddr und in
den laendern mittel-, ost- und suedosteuropas loesen sich aus
ihrer oekonomischen selbstisolation. wir wissen aus eigener
erfahrung die grossen vorteile einer intensiven einbindung in
die weltwirtschaft zu schaetzen. die europaeische
gemeinschaft ist hier ein modell - nicht zuletzt mit grosser
anziehungskraft auf die reformlaender des ostens.
die vergangenen jahre haben uns ein gutes stueck
vorangebracht. wichtige weichen wurden gestellt. so ist der
europaeische binnenmarkt ein grosser schritt in eine zukunft
europas, in der die nationalstaaten alter praegung an
bedeutung verlieren werden.
fuer die europaeische wirtschafts- und waehrungsunion
wurden konkrete schritte vereinbart: zunaechst die vollstaendige
liberalisierung der kapitalmaerkte zum 1. juli diesen jahres
und dann ab dezember die regierungskonferenz zur
wirtschafts- und waehrungsunion.
neben dieser konferenz halten wir eine zweite parallele
regierungskonferenz zu den fragen der politischen union
europas fuer notwendig. vor uns liegt die chance, einen
gesamteuropaeischen wirtschaftsraum zu schaffen und weit
ueber die grenzen der europaeischen gemeinschaft hinaus
die freien voelker europas zu vereinen.
vii.
meine damen und herren, wir haben allen grund, dankbar
und voller vertrauen in die zukunft zu sehen. es ist nicht
ein vordergruendiger tagesoptimismus, sondern es ist das
vertrauen auf die eigene leistungsfaehigkeit, auf den willen
zum ja zur zukunft.
dabei sollten wir ein wort von hermann joseph abs zum
100jaehrigen bestehen der basf 1965 nicht vergessen: "die
erfolge der gruender waeren nur von kurzer dauer gewesen,
wenn die nach ihnen kommenden es ihnen an
erfindungsreichtum, ueberblick und entschlusskraft nicht
gleichgetan haetten."
jetzt liegt es an uns allen, unsere chancen
verantwortungsbewusst zu nutzenue lassen sie uns das gemeinsam
tun. zum nutzen der basf und der menschen, die hier arbeiten.
zum wohle unserer pfaelzischen heimat, zum wohle unseres
deutschen vaterlandes und zum wohle ganz europas.