Herausforderungen und Chancen der Informationsgesellschaft - Rede des Bundeskanzlers in Paderborn

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Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt zur Eröffnung des Heinz Nixdorf
MuseumsForums am 24. Oktober 1996 in Paderborn folgende Rede:

Liebe Familie Nixdorf,
lieber Herr Dr. Schmidt,
sehr geehrter Herr Erzbischof,
Frau Ministerin,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin heute sehr gern hierher nach Paderborn gekommen, um gemeinsam mit
Ihnen das Heinz Nixdorf MuseumsForum zu eröffnen. Hier wird ein Signal für die
Zukunft unseres Landes gesetzt. Ich möchte allen, die zum Gelingen des
Projekts beigetragen haben, gratulieren und ein herzliches Wort des Dankes
sagen.

Ich habe vorhin die Gelegenheit gehabt, einen kurzen Rundgang durch die
Ausstellung zu machen. Das Werk lobt den Meister. Wer durch diese Räume geht,
spürt das Vermächtnis Heinz Nixdorfs – seine Bedeutung, seine Leistung, seine
Schaffenskraft und vor allem seinen Wunsch, sein Werk an kommende Generationen
weiterzugeben. All dies spiegelt sich im Aufbau und der didaktischen
Aufbereitung dieser Ausstellung wider. Schon der Name „MuseumsForum“
verspricht ein ungewöhnliches Museumserlebnis. Den meisten wird es so gehen
wie mir: Eine Zeit lang kann man den Erklärungen folgen. Man versteht, worum
es geht. Manches, das hier gezeigt wird, übersteigt aber das eigene Wissen.
Das muß man einfach zur Kenntnis nehmen.

Die Zeitreise durch die Entwicklung der Informationstechnik, die Exponate und
das vielfältige mediale Angebot ziehen den Besucher gleich in Bann. Ich bin
ganz sicher, daß die Botschaft Heinz Nixdorfs mit diesem Haus lange
weiterwirken wird und daß es Signale für die Zukunft setzt.

Es gefällt mir sehr, wie in diesem Haus Zukunftstechnologien aus der
geschichtlichen Entwicklung heraus verständlich gemacht werden. Die Geschichte
lehrt uns, wie sehr der technische Fortschritt das Leben der Menschen
erleichtert und bereichert hat. In diesem MuseumsForum wird nicht allein
Vergangenheit betrachtet. Es wird auch der Bogen in die Gegenwart und in die
Zukunft gespannt. Hier wird in schnellen Schritten Menschheitsgeschichte
durchwandert. So erhalten wir einen Eindruck dessen, was wir auf unserem Weg
in die Informationsgesellschaft bereits erreicht haben und eine Vorstellung
von dem, was noch vor uns liegt.

Zugleich wird deutlich, in welch unglaublich kurzer Zeitspanne der technische
Fortschritt – vor allem in den letzten Jahrzehnten – die Menschheit, die
Gegenwart und unser Leben verändert hat. Dies geschieht hier auf eine Art und
Weise, die auch für den Laien verständlich ist. Und das ist wichtig. Wenn wir
die Menschen für das Neue gewinnen wollen, so dürfen die Experten mit ihren
Fachbegriffen nicht unter sich bleiben. Es muß unser Ziel sein, daß möglichst
viele verstehen, worum es geht. Sie haben hier ein neuartiges Museumskonzept
realisiert, das diesem Anliegen Rechnung trägt. Man kann der Stadt Paderborn
zu einem solchen Haus nur gratulieren.

Hier im Heinz Nixdorf MuseumsForum geht es um ein Thema, das die Zukunft
unseres Landes im 21. Jahrhundert entscheidend bestimmen wird. Tatsächlich
geht der Wandel zur Informationsgesellschaft bereits heute in weiten Bereichen
schneller voran, als es vielen bewußt ist. Heute werden zum Beispiel weltweit
mehr Personalcomputer verkauft als Autos – dies ist eine Tatsache, die vor 25
Jahren als undenkbar bezeichnet worden wäre. Wir alle sind Zeugen der großen
Veränderungen in der Informationstechnik und vor allem auch im Medienangebot –
ein Trend, der immer mehr an Bedeutung gewinnt. Deshalb sollten wir uns mit
den Chancen, aber auch mit den Risiken der neuen Techniken beizeiten vertraut
machen. Es hieße, der Verantwortung auszuweichen, wenn man sich die neuen
Chancen, aber auch die damit einhergehenden Risiken nicht bewußt macht. Daß
wir am Ende dieses Jahrhunderts der neuen Technik und den neuen technischen
Entwicklungen durchaus auch kritisch gegenüberstehen, braucht an sich nicht
schlecht zu sein.

Das gesellschaftliche Klima in Deutschland ist dem Neuen gegenüber häufig eher
von Skepsis als von Neugier geprägt. Ein Jahrhundert, das so viel Not, Elend
und Leid hervorgebracht hat – auch durch wissenschaftliche Entdeckungen
ungeahnten Ausmaßes – muß auch Skepsis fördern. Es ist nicht alles, was
wissenschaftlich machbar ist, auch ethisch erlaubt. In diesem Zusammenhang
stellt sich übrigens zunehmend nicht zuletzt bei jungen Leuten die Frage nach
der Werteordnung. Es gibt berechtigte Fragen: Was bedeutet die
Informationsgesellschaft für den einzelnen? Wie greift sie in unsere sozialen
Strukturen, in das Leben der Menschen ein? Wie können wir sie sinnvoll – und
das heißt auch immer – menschlich gestalten? Dazu leistet dieses Haus – das
zum Nachdenken einlädt – einen wesentlichen Beitrag.

Um den Übergang in das Informationszeitalter erfolgreich zu bewältigen, führt
auch die Bundesregierung einen intensiven Dialog mit allen Beteiligten. Fast
zeitgleich mit dieser Veranstaltung eröffnen die Minister Rüttgers und Rexrodt
in Bonn das „Forum Info 2000“. Es dient dem heute so notwendigen Gespräch über
die gesellschaftlichen und kulturellen Herausforderungen der
Informationsgesellschaft.

Meine Damen und Herren, dieses MuseumsForum steht ganz in der Tradition seines
Namensgebers Heinz Nixdorf. Mit Pioniergeist entwickelte er Rechner und
Techniken. Er hat mit Mut und Stehvermögen Gewaltiges bewegt. So wurde er zum
Wegbereiter der dezentralen Datenverarbeitung, die heute praktisch alle
Lebensbereiche erfaßt hat. Heinz Nixdorf war ein Unternehmer mit einem wachen
Sinn für gesellschaftliche Verantwortung. Die Schaffung von Arbeitsplätzen
stand für ihn im Vordergrund. Er freute sich über jeden Arbeitsplatz, den er
in seinem Unternehmen neu einrichten konnte.

Heinz Nixdorf wußte um moderne ökonomische Entwicklungen und um die
Notwendigkeit zur Rationalisierung, zu der uns gerade heute der harte
internationale Wettbewerb zwingt. Er war sich aber vor allem bewußt, daß es
auf die Menschen ankommt – so wichtig Erfindungsgeist auch sein mag. Er wußte,
daß ein Unternehmer, der die Menschen nicht im Blick hat, der nicht auf sie
zugeht, sie nicht versteht und seine Entscheidungen nicht an ihnen ausrichtet,
auch heute kein moderner Unternehmer ist.

Auch deshalb sollten wir Vorbilder wie Heinz Nixdorf wieder stärker in den
Vordergrund stellen. Das gilt insbesondere für das Thema Ausbildung: Heinz
Nixdorf wußte, wie sehr die Zukunft unseres Landes von der Jugend abhängt. Er
wußte, wie wichtig es ist, daß der 14- oder 15jährige bei seinem ersten
Schritt in die Welt des Erwachsenen eine erstklassige Ausbildung erhält. Er
hat jungen Leuten in einem Ausmaß Ausbildung ermöglicht, das beispielhaft ist:
In seinem Unternehmen war jeder zehnte Arbeitsplatz ein Ausbildungsplatz.

Ausbildungsplätze für junge Menschen zu schaffen – das ist heute und in den
kommenden Jahren eine der zentralen Herausforderungen für unser Land. Wir
haben in den nächsten neun Jahren das Glück, eine steigende Zahl junger
Schulabgänger zu haben. In absehbarer Zeit werden aber diejenigen, die heute
darüber klagen, daß sie Lehrstellen schaffen sollen, nach Lehrlingen suchen
müssen. Deswegen sollten wir die Zeit, die uns jetzt gegeben ist, nutzen. Wir
können die Zukunft nur gewinnen, wenn wir gut ausgebildete Arbeitskräfte
haben.

Um die Zukunft gestalten zu können, müssen wir die Realität sehen. Zu den
größten Herausforderungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert gehört die sich
abzeichnende dramatische Überalterung der deutschen Bevölkerung. Deutschland
gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenziffer in Europa. Es ist
absehbar, wohin eine solche Entwicklung führt: Heute sind 16 Prozent der
Gesamtbevölkerung über 65 Jahre alt, bis zum Jahr 2030 wird dieser Anteil auf
30 Prozent ansteigen! Das bedeutet eine grundlegende Veränderung unserer
Gesellschaft – vor allem auch für die sozialen Sicherungssysteme.

Meine Damen und Herren, Heinz Nixdorf hat immer wieder betont, daß man neue
Arbeitsplätze nicht herbeireden und schon gar nicht erzwingen kann. Das gilt
auch heute angesichts von fast vier Millionen Arbeitslosen in unserem Land.
Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist unser wichtigstes innenpolitisches
Ziel. Wir haben in der alten Bundesrepublik zwischen 1983 und 1992 über drei
Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Warum soll dies jetzt nicht in der
größer gewordenen Bundesrepublik wieder möglich sein? Um neue Arbeitsplätze zu
schaffen, müssen wir Deutschland innovativer und für Investitionen attraktiver
machen. Dazu müssen wir alle umdenken und uns auf neue Herausforderungen
einstellen.

Die Welt um uns herum verändert sich dramatisch. An die Konkurrenz von
kleineren dynamischen Wettbewerbern aus Fernost hatten wir uns schon fast
gewöhnt. Aber nur wenigen ist bewußt, was es bedeutet, daß jetzt auch ein Land
wie die Volksrepublik China auf die Weltmärkte drängt. Hinzu kommt die
Konkurrenz vor unserer eigenen Haustür, in Mittel- und Osteuropa. Dort
entwickeln sich neue Handelspartner und Konkurrenten für uns. So kostet die
Facharbeiterstunde in Prag sechs D-Mark – hierzulande in der gleichen Branche
46 D-Mark. Wir können dieses Problem nicht dadurch lösen, daß wir Löhne
absenken, sondern langfristig nur, indem wir besser werden.

Angesichts dieser Ausgangslage ist es um so wichtiger, daß wir gewohnte
Strukturen und Verfahren überprüfen. Insbesondere müssen wir die Chancen, die
mit neuen Technologien verbunden sind, nutzen. Das gilt für die neuen
Informations- und Kommunikationstechniken in besonderem Maße.

Der Bereich der Kommunikation – die Informationstechnik und die Medien –
gehört heute zu den weltweit größten Wirtschaftszweigen. Sein Gesamtumsatz
beträgt über 4000 Milliarden D-Mark. Er liegt also über dem Sozialprodukt der
Bundesrepublik Deutschland. Für die Zukunft rechnen Experten für diese Branche
mit Wachstumsraten von zehn Prozent pro Jahr. Allein in Deutschland liegt der
Umsatz von informationstechnischen Produkten und Dienstleistungen bei über
380 Milliarden D-Mark. Das sind mehr als zehn Prozent unserer gesamten
Wirtschaftsleistung. Besonders der Multimediamarkt wird nach einhelliger
Expertenmeinung in Zukunft stark wachsen. Das bedeutet, es werden neue
Technologien, neue Geschäftsfelder und neue Berufe entstehen.

Niemand kann voraussagen, wieviele neue Arbeitsplätze dadurch geschaffen
werden. Aber soviel scheint festzustehen: Es werden in Europa mehrere
Millionen sein. In Deutschland wird es im Jahr 2000 voraussichtlich mehr
Arbeitsplätze in diesem Sektor geben als in der Automobilindustrie.

Die Weiterentwicklung von Mikroelektronik und Multimedia wird allerdings in
anderen Bereichen zum Abbau von Beschäftigung führen. Das ist das große
Problem, vor dem wir hier stehen: Es soll nicht abgebaut, sondern es muß
umgebaut werden. Aber – und dies sei jenen gesagt, die meinen, durch
Verweigerung könne man Zukunft sichern – wenn wir die Möglichkeiten der neuen
Technologien nicht ausschöpfen, werden wir im Weltmaßstab zurückfallen. Um es
in der Sprache der Fußballer zu sagen: Wir spielen natürlich immer noch in der
Weltliga mit. Wenn wir unsere Chancen zum Umbau nicht nutzen, werden wir
wahrscheinlich in der Regionalliga spielen. Das würde sicherlich weniger
Anstrengung erfordern, aber wir können und dürfen uns diese Bequemlichkeit
nicht leisten. Gerade den technischen Fortschritt im Kommunikationsbereich
müssen wir nutzen, um in Deutschland neue Arbeitsplätze zu schaffen!

Die Bundesrepublik hat dabei gute Voraussetzungen. Ich denke dabei vor allem
an seine Menschen. Deutschland ist ein Land mit hervorragendem Sozialklima.
Viele unserer Nachbarn im Ausland beneiden uns darum. Gerade im Hinblick auf
die Kontroversen und Auseinandersetzungen dieser Tage möchte ich das mit allem
Nachdruck unterstreichen.

Unsere technische Infrastruktur ist hervorragend. So ist zum Beispiel die
Glasfaser-Verkabelung weit fortgeschritten, in den neuen Bundesländern ist sie
sogar bereits flächendeckend. Damit sind wesentliche Voraussetzungen für die
Entwicklung neuer elektronischer Dienste und Multimedia-Anwendungen
geschaffen.

Auch Arbeitgeber und Gewerkschaften, Banken und Unternehmen sowie
Ausbildungsstätten und Forschungseinrichtungen müssen ihren Beitrag zur
Zukunftsfähigkeit unseres Landes leisten. Wenn sich jetzt alle, die
Verantwortung tragen – Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer –
zusammenschließen, dann hat unser Land gute Chancen.

Ich wünsche mir mehr von jenem Wagemut und jenem Gestaltungswillen, die Heinz
Nixdorf zeit seines Lebens ausgezeichnet haben. Wir brauchen in Deutschland
eine neue Kultur der Selbständigkeit. Hilfen für Existenzgründer sind deshalb
ein wichtiger Bestandteil des Programms der Bundesregierung für mehr Wachstum
und Beschäftigung. Der Mittelstand ist mit zwei Dritteln aller Arbeitsplätze
heute nicht nur der größte Arbeitgeber; mit seiner Kreativität, innovativen
Dynamik und seinem Mut, neue Ideen auch umzusetzen, legt er auch das Fundament
für die meisten Arbeitsplätze von morgen. Gerade im Bereich der neuen
Informations- und Kommunikationsdienste liegen für den Mittelstand vielfältige
neue Chancen.

Wichtig ist auch, daß wir Forschung und Entwicklung in diesem Zukunftssektor
weiter intensivieren. Das gilt sowohl für Basistechnologien als auch für
praktische Verfahren. Wir haben hervorragende Forscher und exzellente Teams.
Aber nur wenn wir das Tempo von der Erfindung bis zum Markterfolg erhöhen,
werden wir die wirtschaftliche Stellung Deutschlands halten und damit auch
unser Sozialsystem in Zukunft sichern können.

Dies ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Der
von mir einberufene Rat für Forschung, Technologie und Innovation hat beim
Thema Informationsgesellschaft Handlungsbedarf vor allem auf drei
Aufgabenfeldern festgestellt, nämlich bei den gesellschaftlichen und
kulturellen Voraussetzungen, im Bereich Forschung, Technik und Anwendungen
sowie bei den rechtlichen Rahmenbedingungen.

Die Bundesregierung ist dabei, die in ihrem Verantwortungsbereich stehenden
Maßnahmen zügig umzusetzen. Es geht um einen reibungslosen und schnellen
Aufbau der Märkte für neue Produkte und Dienstleistungen. Außerdem muß es sich
für deutsche Unternehmen lohnen, die Entwicklung neuer Dienste im Inland zu
belassen. Aufgrund der Globalisierung der Märkte und der internationalen
Beweglichkeit von Arbeitsplätzen gerade im Multimedia-Bereich kommt es
entscheidend darauf an, eine möglichst geringe Regelungsdichte zu haben.

Meine Damen und Herren, ich weiß, daß viele die sich abzeichnenden
Veränderungen und vor allem ihr hohes Tempo mit Skepsis betrachten. Deshalb
müssen wir auch an jene denken, die die oft unerbittlichen Normen von
Schnelligkeit, Anpassungsfähigkeit und analytischer Intelligenz nicht so ohne
weiteres erfüllen können. Es wäre inhuman, wenn diese Männer und Frauen an den
Rand gedrängt und zu Außenseitern gemacht würden. Viele derjenigen, die diese
Voraussetzungen nicht mitbringen, haben dafür andere wichtige Begabungen: etwa
die Begabung zur gelebten Mitmenschlichkeit. Bei aller technischen
Entwicklung, die wir haben, stellt sich doch auch die Frage, ob wir dafür den
Preis von immer weniger Wärme im Umgang miteinander zahlen müssen.

Die neuen Kommunikationstechniken müssen zum Beispiel auch für ältere Menschen
anwenderfreundlich gestaltet und nutzbar gemacht werden. Ich spreche nicht
ohne Grund auch in diesem Zusammenhang von den Älteren in unserem Land: Die
Zahl der über 100jährigen hat sich in den letzten 16 Jahren von knapp über
1000 auf über 4500 vervierfacht; bis zur Jahrtausendwende werden wir fast drei
Millionen über 80jährige haben. Die Frage, wie wir Menschlichkeit und eine
hochtechnologisch entwickelte und technisierte Gesellschaft miteinander
verbinden können, stellt sich immer deutlicher.

Die jungen Menschen in unserem Land haben den großen Vorteil, daß sie mit den
modernen Informations- und Kommunikationsmitteln aufwachsen. Sie erlernen den
Umgang mit dem Computer oft spielerisch; er ist Teil ihres Lebens, Teil ihrer
Welt. Allerdings frage ich mich, ob unsere Schulen die junge Generation
insgesamt ausreichend auf den Wandel zur Informationsgesellschaft vorbereiten.
Wir dürfen zum Beispiel nicht zulassen, daß junge Menschen Gefahr laufen, ihre
Muttersprache nur mangelhaft zu erlernen. Es gilt, die großartigen Chancen,
die die neuen Techniken eröffnen, sinnvoll zu nutzen und umfassend auch in der
Schule einzusetzen, beispielsweise im Fremdsprachenunterricht oder in der
Landeskunde.

Die Schüler müssen auf neue Möglichkeiten frühzeitig aufmerksam gemacht
werden. So wäre durch die neuen Techniken auch eine gemeinsame Projektarbeit
von Schülern aus unterschiedlichen Ländern leichter möglich. Ich denke an
gemeinsame Projekte im Geschichtsunterricht – etwa deutscher und französischer
Partnerschulen. Solche Beispiele ließen sich für nahezu alle Fächer finden.

Die Bundesregierung hat deshalb gemeinsam mit der TELEKOM AG die Initiative
„Schulen ans Netz“ ins Leben gerufen. Sie hat das Ziel, 10000 deutsche Schulen
in möglichst kurzer Zeit an Datennetze anzuschließen. Ich finde es erfreulich,
daß die Heinz Nixdorf-Stiftung und die Bertelsmann-Stiftung sich in einem
mehrjährigen Gemeinschaftsprojekt nicht nur aktiv an dieser Initiative
beteiligen; sie fördern auch die Lehrerfortbildung in den Schulen und die
Lehrtätigkeit an den Hochschulen in vielfältiger Weise.

Wir müssen in den Schulen dazu kommen, daß der Gebrauch der neuen Techniken
ebenso erlernt wird wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Aber die „persönliche
Medienkompetenz“, von der heute manche reden, kann nicht alles sein. In der
Computerwelt darf die Lesekultur nicht verlorengehen und auch nicht die
Fähigkeit, in einem guten Stil zu schreiben.

Natürlich werden die neuen Medien dem Buch Konkurrenz machen. Aber dennoch
glaube ich nicht, daß dieses klassische Medium vom Untergang bedroht ist. Auch
die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr hat dies erneut unter Beweis
gestellt. Bücher bieten mehr als schnelle Informationen! Der verantwortliche
Umgang mit den neuen Medien setzt nicht nur technische Fertigkeiten voraus,
sondern auch Urteilsvermögen und die Orientierung an Wertmaßstäben. Auch dazu
müssen wir die jungen Menschen immer wieder anleiten. Genauso wie beim
Fernsehen sollten wir uns daran erinnern, daß auch der Computer einen Knopf
zum Ausschalten hat. Auch das gehört zur Freiheit!

Meine Damen und Herren, was die Freiheit von Informationen und Meinungen
bedeutet, wird deutlich, wenn wir wenige Jahrzehnte zurückschauen. Ich bin
noch als Kind in der NS-Zeit aufgewachsen und war bei Kriegsende 15 Jahre alt.
Ich habe die großen Zäsuren – Kapitulation, Zusammenbruch, Gründung der
Bundesrepublik, Gründung der DDR und den Bau der Mauer – noch lebhaft in
Erinnerung.

Fast auf den Tag genau vor vierzig Jahren – am 23. Oktober 1956 – begann der
Volksaufstand in Ungarn, ein großes Ereignis der jüngsten Geschichte. Der
Ungarn-Aufstand 1956 entlarvte die Brutalität und Menschenverachtung des
kommunistischen Imperiums endgültig. Sie konnten noch einmal mit den Panzern
alles zusammenschießen, sie konnten die revolutionäre Regierung gefangennehmen
und hinrichten, sie konnten den alten Budapester Kardinal Mindszenty
gefangennehmen und verleumden. Die Zeit hat letztlich über diese Diktaturen
gesiegt.

Totalitäre Herrschaft bedeutet immer auch den alleinigen Zugriff auf fast alle
Informationsmittel. Dieses Monopol zu brechen war daher stets das erste Ziel
all jener, die nach Freiheit und Demokratie strebten. Der freie Austausch von
Informationen und Meinungen wird natürlich in dem Maße immer mehr
gewährleistet, in dem die moderne technische Entwicklung das Bremsen eines
solchen freien Austauschs immer unmöglicher macht.

Angesichts der schon heute absehbaren Fortschritte in diesem Bereich wird es
sich bald kein Staat mehr leisten können, seinen Bürgern Informationen
vorzuenthalten – jedenfalls dann nicht, wenn er wirtschaftlich und
technologisch mithalten will. Die Manipulation der Bevölkerung durch
staatliche Propaganda wird immer schwieriger. Das ist eine Chance für mehr
Freiheit. Wir müssen diese Freiheit als Freiheit in Verantwortung verstehen.
Dann haben wir eine gute Chance, das Glück der Völker und der einzelnen
Menschen zu gewährleisten.

Auf Dauer kann man ökonomisch-technische Eliten nicht in fachlicher Hinsicht
wie Erwachsene, in politischer Hinsicht wie Kleinkinder behandeln. Der freie
Austausch von Informationen und Meinungen ist eine Gefahr für autoritäre und
diktatorische Regime. Er ist Grundlage für Freiheit und Demokratie. Er
entspricht unserem Bild vom Menschen, der in eigener Verantwortung über sich
selbst bestimmt.

Ich wünsche dem Heinz Nixdorf MuseumsForum und allen seinen Mitarbeitern viel
Erfolg und seinen Besuchern anregende und lehrreiche Stunden.