Heinz-Galinski-Schule in Berlin - Symbol für Öffnung und Toleranz - Ansprache des Bundespräsidenten in Berlin

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Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Veranstaltung zur
Eröffnung der Heinz-Galinski-Schule in Berlin am 15. September 1995
folgende Ansprache:

Frau Präsidentin des Abgeordnetenhauses,
Herr Regierender Bürgermeister,
Herr Kanal, Herr Bubis,
meine Damen und Herren,

auch ich sehe heute zum ersten Mal in natura diesen Bau, die
Heinz-Galinski-Schule, zu deren Einweihung wir uns versammelt haben.
Und der erste Eindruck, der mir durch den Kopf schießt, ist der: Es ist
ein Wunder geschehen! Zunächst ist - gemessen an dem, was früher
Juden in unserem Land zugefügt wurde - die reine Tatsache ein
Wunder, daß es jetzt wieder eine neue jüdische Schule in Berlin gibt,
und Kinder, die hineingehen können. Neues, junges Leben sprießt an
dem Ort, wo es schon einmal, vor den Zeiten des Krieges,
zweiundzwanzig jüdische Grund-, Mittel- und Oberschulen gegeben hat.
Bei einer jüdischen Einwohnerschaft von - damals - 173000 Menschen.
Jetzt sind es - und man darf sagen "wieder" - 10000 Menschen, die die
Jüdische Gemeinde zu Berlin bilden. Ein wahres Wunder scheint mir
auch dieser Bau selbst zu sein, in einer von Grün umgebenen
Landschaft, was man allerdings mehr ahnen kann, man sieht noch nicht
viel. Das Grün, in dem diese Schule leben wird, strahlt Optimismus aus
und Lebensfreude. Ich bin nie so gern in die Schule gegangen, aber ich
glaube, ich würde hier ganz gerne Kind sein. Hoffentlich gibt es hier
überhaupt Kinder, denn ich sehe so gut wie keine. Wenn ich den
Architekten dieses Gebäudes, Zvi Hecker, richtig verstehe, dann liegt
ein weiteres und nicht das geringste Wunder darin, daß er seine Pläne
überhaupt realisieren durfte. Er sei nach Berlin gekommen, so habe ich
gehört, und da habe man ihm sinngemäß gesagt: "Herzlichen
Glückwunsch! Sie haben den ersten Preis, aber wir können die Schule
nicht bauen, denn Sie haben die Baugesetze nicht eingehalten." Nun
steht sie doch, aller - vielleicht sogar notwendigen - rechtlichen
Reglementierung und Bürokratie zum Trotz, und - schon der erste
Eindruck zeigt - sie zeigt auch Phantasie. Sie wollen die Schule auch für
nichtjüdische Schüler öffnen. Selbst wenn diese Absicht sofort wieder
ihre Begrenzung findet, wahrscheinlich nicht durch Rechtsvorschriften,
sondern durch die reale Aufnahmekapazität, so ist das doch ein sehr
wichtiges und willkommenes Symbol für Öffnung und für Toleranz, wie
wir sie uns wechselseitig wünschen und schenken wollen. Ein Wort
heute, nicht das geringste, muß dem Mann gelten, nach dem Sie die
Schule benannt haben: Heinz Galinski. Seiner Beharrlichkeit und
seinem zähen Mut, das darf man ohne Übertreibung sagen, ist es vor
allem zu verdanken, daß es wieder eine ansehnliche, lebendige und
lebhafte Gemeinde in Berlin gibt. Ich weiß nicht, ob Heinz Galinski noch
in die Planungen der neuen Schule eingeschaltet war. Aber auf jeden
Fall: Er hätte sich gefreut und wäre hochzufrieden damit gewesen. Die
Namensgebung, die sein Lebenswerk weiterträgt und in die Zukunft
fortschreibt, ist eine sympathische und würdige Geste, die ihm gerecht
wird. Vom Architekten Zvi Hecker übernehme ich den Satz, der auch
Heinz Galinskis Leben und Wirken präzise umschreiben könnte:
"Überleben ist nicht nur ein physischer, sondern auch ein geistiger
Akt." Das ist in diesem Gebäude ganz plastisch wahr geworden. Da das
hier ein Ort für Kinder und ihre Lehrer sein soll, möchte ich ein Zitat
von Erich Kästner aus dem "Fliegenden Klassenzimmer" vorlesen, das
ich dieser Schule auf ihrem hoffentlich erfolgreichen Weg als Motto
mitgeben möchte. Da heißt es:

Und schreibt euch hinter die Ohren, was ich jetzt sage: Mut ohne
Klugheit ist Unfug; und Klugheit ohne Mut ist Quatsch! Die
Weltgeschichte kennt viele Epochen, in denen dumme Leute mutig oder
kluge Leute feige waren .
. .
Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird
das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde:
ein Fortschritt der Menschheit.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie das hier in dieser Schule vermitteln und
lernen können.