zur Eröffnung der Special Night des Europäischen Musiksommers Berlins / young.euro.classic am 15. August 2007 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin:
- Bulletin 80-2
- 15. August 2007
Liebe Musikerinnen und Musiker,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, Sie als Schirmherr der Special Night des Europäischen Musiksommers herzlich begrüßen zu dürfen.
Ich werde Sie nicht lange aufhalten, sondern mich an ein Wort Martin Luthers halten: "Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör bald auf!"
Obwohl ich den schönsten Job der Welt habe, will ich ohne langes Drumherumreden eingestehen, dass ich die Mitglieder dieser vier einzigartigen Kammerensembles ein bisschen beneide.
Nicht um Ihr Lampenfieber, auch nicht um die harte Arbeit und die Strapazen, die Sie auf sich genommen haben, um uns heute Abend zu begeistern und uns für lange Zeit zu beeindrucken.
Nein, ich beneide Sie schlicht und einfach ein bisschen darum, dass Sie ein Musikinstrument beherrschen. Das wollte ich selber schon vor vielen Jahren lernen, aber ich bin nie dazu gekommen.
Einmal, dachte ich, wäre es fast so weit gewesen. Als Junge war ich – wie alle Kinder – schrecklich neugierig, was ich zu Weihnachten bekommen sollte. Als meine Mutter die viele Fragerei nicht mehr aushielt, hob sie ihre beiden Hände und machte lebhafte Auf-und-Ab-Bewegungen mit allen zehn Fingern.
Ich dachte, ich bekomme Klavierunterricht! Sie können sich vorstellen, wie aufgeregt ich war. Tatsächlich habe ich stattdessen eine alte Reiseschreibmaschine bekommen.
Den zweiten Grund, warum ich Sie heute Abend gerade als Politiker ein wenig beneide, will ich mit den Worten Victor Hugos so umschreiben: "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist."
Eine solche Ausdrucksform würde ich mir manchmal auch für die politische Bühne wünschen: Statt öffentlicher Kakophonien wünschte ich, dass man öfter ebenso diszipliniert wie leidenschaftlich vorgetragene, wohlklingende Gemeinschaftsleistungen genießen könnte, wie wir das Glück heute Abend haben werden – noch dazu in einem besonders schönen Ambiente und zugleich von einem deutsch-chinesischen Kammerensemble, das schon neugierig macht, bevor die ersten Töne gespielt worden sind.
Für mich selber ist es eine besonders schöne Abwechslung, mit Blick auf China einmal nicht über Globalisierung, Wettbewerbsdruck, Exportbilanzen, Währungsrelationen und anders mehr aus der Welt der Ökonomie sprechen zu müssen.
Sondern einfach ohne falsches Pathos die Tatsache für sich sprechen zu lassen, dass es wie so oft in der Geschichte einmal mehr die Musik ist, die junge Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern zusammenbringt. Es ist die Musik, die diese jungen Menschen Gemeinsames entdecken lässt und die aus vormals Fremden vielleicht sogar Freunde macht.
Dass die Welt im Zeitalter der Globalisierung kleiner wird, ist eine mittlerweile recht banale Erkenntnis. Viele Menschen haben Angst davor.
Dass es aber auch die Hoffnung gibt, dass die Welt zusammenwachsen kann und die Menschen einander auch kulturell, ja im wahrsten Sinne des Wortes menschlich näher kommen können – genau das zeigen die jungen Musikerinnen und Musiker aus China und Deutschland heute Abend.
Dieses noch sehr junge Orchester macht damit mehr möglich als ein deutlich älteres, weltberühmtes Orchester aus dieser Stadt – jedenfalls dann, wenn man dem großen Loriot glauben will.
Der hatte die Berliner Philharmoniker in seiner Festrede aus Anlass ihres 100-jährigen Bestehens vor ziemlich genau 25 Jahren als etwas Einzigartiges gelobt, weil sie nichts weniger seien als "Botschafter einer Sprache, die überall verstanden wird: bis hin nach Wilmersdorf, Steglitz, Friedenau, Pankow ..."
Die jungen Frauen und Männer des deutsch-chinesischen Kammerensembles sind da – im Ernst – um ein Vielfaches weiter. Dazu gratuliere ich Ihnen allen, die das geschafft und möglich gemacht haben, mit großem Respekt.
Freuen wir uns auf einen schönen, unsere eigenen Horizonte erweiternden Abend.