gesamteuropaeische verantwortung der eg fuer die staaten mittel- und suedosteuropas - rede des bundeskanzlers in bayerisch-eisenstein

  • Bundesregierung | Startseite
  • Bulletin

  • Bundeskanzler

  • Schwerpunkte 

  • Bundesregierung

  • Aktuelles

  • Mediathek 

  • Service   

bundeskanzler dr. helmut kohl hielt anlaesslich der
wiedereroeffnung des eisenbahngrenzuebergangs bayerisch-
eisenstein am 2. juni 1991 folgende rede:

ich bin der einladung zur wiedereroeffnung des
eisenbahngrenzueberganges bayerisch-eisenstein gern gefolgt.
wir sind hier zusammengekommen, um ein ereignis zu feiern, das
weit ueber diese region hinaus bedeutung hat: deutsche,
tschechen und slowaken ruecken im herzen europas endlich
wieder zusammen.
ueber 40 jahre trennte uns der sogenannte eiserne vorhang.
auch durch diesen bahnhof verlief eine unmenschliche
grenze, die verhinderte, dass menschen zueinander kommen
konnten. in der mitte europas wurden deutsche, tschechen
und slowaken voneinander getrennt, weil die
kommunistischen machthaber es so wollten.
gerade die menschen in dieser region hatten unter der
trennung schwer zu leiden. in der einweihung des neuen
grenzueberganges kommt zum ausdruck, dass die widernatuerliche
teilung unseres kontinents ihr ende gefunden
hat - auch fuer die csfr und deutschland.
dass wir uns heute an dieser stelle und bei diesem anlass
darueber freuen duerfen, verdanken wir besonders den
menschen in der csfr, die sich freiheit, demokratie und
achtung ihrer menschenrechte friedlich erkaempft haben. der
erfolg dieser friedlichen revolution wird stets mit dem
namen von praesident vaclav havel verbunden sein.
er hat das unrechtsregime in seinem land entschieden
bekaempft. er ist unbeirrt fuer die wahrheit eingetreten und
hat dafuer grosse persoenliche opfer in kauf genommen.
heute tritt er mit seiner ganzen moralischen autoritaet fuer
verstaendigung und versoehnung ein - auf dem weg in ein
vereintes europa, oder, um es in seinen worten zu sagen,
fuer die "heimkehr nach europa".
zu dieser "heimkehr nach europa" gehoert auch die
wiedereroeffnung des grenzueberganges bayerisch-eisenstein. nicht
nur fuer die tschechen und slowaken, auch fuer uns deutsche
ist es ein wichtiges ereignis, dass west-ost-verkehrswege
eroeffnet und ausgebaut werden.
wir wissen auch aus der erfahrung unserer eigenen
landsleute in den neuen bundeslaendern, dass sich unsere
nachbarn in mittel-, ost- und suedosteuropa jetzt in einer
schwierigen zeit des uebergangs zur freiheitlichen ordnung, zur
sozialen marktwirtschaft befinden und dass sie unsere
solidaritaet, unsere hilfe und unterstuetzung brauchen.
wir duerfen nicht zulassen, dass freiheit und die schaffung
einer rechtsstaatlichen demokratie ueberschattet werden von
den problemen des wirtschaftlichen neuaufbaus.
ich habe mich mit allem nachdruck dafuer eingesetzt - und
deshalb begruesse ich es ganz besonders -, dass die csfr jetzt
dem europarat angehoert und sich damit - wie es in dessen
satzung heisst - zu den geistigen und sittlichen werten
bekennt, die das gemeinsame erbe der europaeer sind und
auf denen jede wahre demokratie beruht.
wir treten daher nachdruecklich dafuer ein, dass die
europaeische gemeinschaft ihre anstrengungen verstaerkt, die
reformprozesse in mittel-, ost- und suedosteuropa zu
foerdern.
zur gesamteuropaeischen verantwortung der gemeinschaft
gehoert auch, dass die laender in mittel- und suedosteuropa,
die die politischen und wirtschaftlichen voraussetzungen
erfuellen, mitglied der eg werden koennen.
die erstmalige eroeffnung der eisenbahnstrecke landau an
der isar-eisenstein-pilsen und die errichtung des
bahnhofes bayerisch-eisenstein im jahre 1877 begruendete
hoffnungen, der verkehr ueber den boehmerwald koenne der
grenzregion wirtschaftliche impulse geben.
heute schaffen wir die voraussetzung dafuer, dass sich diese
hoffnungen in einem zusammenwachsenden europa
verwirklichen lassen. ihre region, liebe mitbuergerinnen und
mitbuerger, hat jetzt die chance, ihre zukunft im zentrum
eines neuen gesamteuropaeischen wirtschaftsraumes zu
finden.
die bundesregierung wie auch die landesregierungen in der
bundesrepublik setzen sich mit nachdruck dafuer ein, dass die
zusammenarbeit zwischen den bundeslaendern und den
teilrepubliken in der csfr sowie zwischen den regionen
beiderseits der grenze intensiviert wird.
eine verbesserung der situation dieser region bedingt
natuerlich eine verbesserung der verkehrsverhaeltnisse. das
gilt auch fuer die eisenbahn. wir erleben in der bundesrepublik
zur zeit einen umdenkungsprozess, den ich fuer wichtig
halte: wir verlagern einen beachtlichen teil des verkehrs,
vor allem des schwerlastverkehrs, von der strasse wieder
zurueck auf die bahn.
um die grenzuebergreifende zusammenarbeit zu verbessern,
wollen wir eine gemischte kommission einsetzen, an der
insbesondere auch vertreter der grenznahen regionalen und
kommunalen koerperschaften sowie nichtstaatliche
organisationen beteiligt werden.
besondere aufmerksamkeit werden wir dabei einem hoechst
dringenden thema widmen: der erhaltung der natuerlichen
lebensgrundlagen in den grenzregionen, dem
grenzueberschreitenden umweltschutz.
noch in diesem jahr wollen wir eine umfassende vertragliche
grundlage mit der csfr vereinbaren, die den weg in eine
zukunft der freundschaft, partnerschaft und guten
nachbarschaft weist. es soll ein werk der versoehnung werden.
versoehnung ist aber nur moeglich, wenn man die geschichte
kennt, und wir wollen unsere geschichte nicht verdraengen,
wir wollen aus ihr fuer die zukunft lernen: fuer die
generationen unserer kinder und enkel, die das schicksal der
generationen ihrer gross- oder urgrosseltern nie erleben sollen:
zwei schreckliche kriege.
in das werk der versoehnung zwischen unseren laendern und
voelkern wollen wir auch die heimatvertriebenen
einbeziehen. sie haben entscheidend zum aufbau unseres
freiheitlichen gemeinwesens beigetragen. sie haben sich
bereits vor ueber 40 jahren in ihrer stuttgarter charta zum
gewaltverzicht bekannt und den weg zur groesseren einheit
europas gewiesen. die bundesregierung wird ihnen und ihren
organisationen ein fairer und verstaendnisvoller
gespraechspartner bleiben.
meine damen und herren, wir alle erleben in europa
dramatische veraenderungen, von denen wir vor wenigen
jahren nur zu traeumen wagten. am 9. november 1989 - das
ist noch keine zwei jahre her - wurde in berlin die mauer
geoeffnet. am 3. oktober 1990 - vor nicht einmal einem
jahr - haben wir auf friedlichem weg und mit zustimmung
aller unserer nachbarn die einheit unseres vaterlandes
wiedergewonnen.
wir stehen heute erst am anfang einer gesamteuropaeischen
entwicklung, die keiner besser beschrieben hat als praesident
havel in seiner beeindruckenden rede vom 15. maerz 1990:
"die zeit ist ... reif, uns endlich mit freundschaftlichem
laecheln und der gewissheit die hand zu reichen, dass wir
einander nicht mehr fuerchten muessen, weil uns die
gemeinsame und teuer bezahlte achtung vor dem menschenleben,
den menschenrechten, den buerger-freiheiten und dem
allgemeinen frieden verbindet."
vor acht tagen war ich auf kreta, um aller soldaten zu
gedenken, die dort vor 50 jahren ihr leben verloren haben.
als ich ueber die graeberfelder ging, las ich namen und
geburtsdaten: viele 18- und 19jaehrige haben dort ihr leben
verloren, soldaten aus mehreren nationen. neben den
graebern standen ihre ueberlebenden kameraden, die jetzt um
die 70 jahre alt sind, und man sah ihren gesichtern an, wie
dankbar sie sind, dass wir jetzt in einer friedlichen zeit
leben. bei allen sorgen und noeten und trotz der grossen
herausforderung, die wir deutsche bei der verbesserung der
lebensverhaeltnisse unserer mitbuerger in den neuen bundeslaendern
zu bewaeltigen haben - wie auch unsere nachbarn in der
csfr, polen und ungarn -, gibt es grund zur freude, weil
wir in frieden und freiheit leben duerfen. die jungen
menschen heute sind die erste generation in europa seit langem,
die die chance hat, ein ganzes leben in frieden und freiheit
fuehren zu koennen.
lassen sie uns zusammen - deutsche, tschechen und
slowaken - nach unseren besten kraeften mitbauen an einem
europa der freiheit und der menschenrechte. das ist unsere
chance. nutzen wir sie gemeinsam!