- Bulletin 121-90
- 10. Oktober 1990
der bundeskanzler sandte an dr. dr. h. c. karl dedecius,
frankfurt/m., zur verleihung des diesjaehrigen
friedenspreises des deutschen buchhandels folgendes
glueckwunschschreiben:
sehr geehrter herr dedecius,
zur verleihung des diesjaehrigen friedenspreises des
deutschen buchhandels spreche ich ihnen meine herzlichen
glueckwuensche aus. mit dieser hohen auszeichnung findet
ihr engagement fuer kulturelle begegnung, verstaendigung
und versoehnung zwischen den voelkern eine verdiente
wuerdigung.
sie selbst haben die taetigkeit des uebersetzers einmal mit
der eines faehrmannes verglichen. in der tat verbindet der
uebersetzer, was voneinander getrennt ist. er ueberwindet
entfernung und distanz und nimmt grenzen ihre
abgrenzende bedeutung. mit diesem schoenen bild haben sie
zugleich ihr eigenes lebenswerk treffend beschrieben.
wie kaum ein zweiter haben sie dazu beigetragen, dass vor
allem die polnische literatur der gegenwart in ihrem
reichtum, in ihrer vielfalt und ihrer grossen aktualitaet einem
breiten publikum in unserem lande naehergebracht wurde.
als ein wegbereiter des kulturellen austausches zwischen
deutschen und polen, u. a. auch als gruender und leiter des
deutschen polen-instituts, haben sie wertvolles zur
verstaendigung zwischen deutschen und polen beigetragen und
geholfen, vorurteile abzubauen. immer wieder haben sie
auf gemeinsame kulturelle traditionen unserer beiden
voelker und auf ihren anteil an der kultur europas hingewiesen.
beide, deutsche wie polen, fuehlen sich zu recht als
europaeische kulturnationen.
das bewusstsein einer europaeischen zusammengehoerigkeit
und solidaritaet zu festigen und zu staerken, war ihnen stets
ein besonderes anliegen, getreu dem ausspruch des
polnischen nationaldichters adam mickiewicz: "europas lage ist
dergestalt, dass es ab nun unmoeglich wird, dass irgendein
volk einzeln auf dem weg des fortschritts ginge".
heute, da unser kontinent immer mehr zusammenwaechst,
die vision von einem geeinten europa wirklichkeit zu
werden beginnt und zusammenarbeit, begegnung und
austausch an die stelle von konfrontation und nationalismus
treten, ist diese maxime aktueller denn je zuvor. wir
verdanken es ganz entscheidend maennern und frauen wie
ihnen, dass das gefuehl der zusammengehoerigkeit waechst
und grenzen ueberwunden werden koennen.
die verleihung des friedenspreises des deutschen
buchhandels 1990 an sie ist fuer mich anlass, ihnen fuer ihr
verstaendigungswerk herzlich zu danken. fuer uns deutsche, die
wir in freier selbstbestimmung die einheit und freiheit
unseres vaterlandes in vollem einvernehmen mit unseren
partnern und nachbarn aus west und ost vollendet haben, ist
die zeit reif fuer eine endgueltige und dauerhafte
aussoehnung mit dem polnischen volk.
was zwischen deutschen und franzosen moeglich war, kann
und muss jetzt endlich zwischen deutschen und polen
moeglich werden. mit ihrer pionierarbeit haben sie einen
wichtigen beitrag fuer das gelingen dieser grossen nationalen
aufgabe geleistet.
ich wuensche ihnen weiterhin schaffenskraft, gesundheit
und wohlergehen.
mit freundlichen gruessen
ihr
helmut kohl