- Bulletin 30-95
- 12. April 1995
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hielt anläßlich des 45.
Hochschulverbandstages am 23. März 1995 in Mannheim folgende
Rede:
I.
Lieber Herr Präsident Schiedermair,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Herr Minister,
Herr Oberbürgermeister,
Magnifizenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen, Herr Präsident, für die Gelegenheit, heute vor dem
Deutschen Hochschulverbandstag über ein Thema reden zu können,
das für die deutsche Gegenwart und Zukunft von existentieller
Bedeutung ist. Ich bin gerne hierher nach Mannheim gekommen,
um über die Chancen der Forschung in Deutschland zu sprechen.
Sich diesem Thema zu stellen, heißt zunächst einmal, den offenen
Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und
Wirtschaft zu suchen. Jeder dieser drei Bereiche hat seine
spezifischen Aufgaben. Aber zugleich müssen wir uns darum
bemühen, die Probleme des jeweils anderen zu verstehen. Mit einem
Wort: Wir sollten verstärkt miteinander - und weniger übereinander -
reden. Ausdruck dieses offenen Dialoges ist auch der von mir
eingesetzte "Rat für Forschung, Technologie und Innovation". Wir
haben uns gestern zur konstituierenden Sitzung
zusammengefunden. Dieses Gespräch und die Planung für die
nächsten Monate zeigen, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Es
war auch meine klare Absicht bei der Neubildung der
Bundesregierung nach der Bundestagswahl im vergangenen
Oktober, durch Zusammenlegung der bisher getrennten
Bundesressorts Bildung und Forschung zu einem gemeinsamen
Ministerium Kräfte zu bündeln. Ich danke dem Deutschen
Hochschulverband und insbesondere Ihnen, Herr Professor
Schiedermair, für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Auch wenn
es heute nicht mehr selbstverständlich ist, "Danke!" zu sagen, auch
wenn häufig eher Nörgeln und Miesmachen an der Tagesordnung
sind, so möchte ich meinen Dank hier ganz ausdrücklich erweitern:
Wir Deutsche haben nach der Erfahrung der letzten 50 Jahre allen
Grund zur Dankbarkeit. Als Sie mich eben so freundlich hier in
meiner heimatlichen Umgebung begrüßt haben, dachte ich - wie
viele Menschen in Ludwigshafen und Mannheim in dieser Woche -
an jenen Tag vor 50 Jahren, als ein paar Meter entfernt von hier die
Rheinbrücke gesprengt wurde. Wenn wir uns daran erinnern, was in
den vergangenen 50 Jahren aufgebaut worden ist, dann gehört dazu
für mich insbesondere der Dank an die Gründergeneration unserer
Republik. Ich habe vor wenigen Tagen das Glück gehabt, zum 90.
Geburtstag meines Doktorvaters sprechen zu können. Wenn ich auf
die damalige Zeit zurückblicke, dann denke ich auch an viele
phantastische Männer und Frauen, die den Wiederaufbau der
deutschen Universitäten gestaltet haben. Mein Dank gilt ebenfalls
jenen, die heute an unseren Hochschulen forschen und lehren -in
überfüllten Hörsälen und unter völlig veränderten gesellschaftlichen
Verhältnissen. Sie helfen auch heute der jungen Generation, ihren
Weg zu finden. Wir haben keinen Grund zu Pessimismus. Gerade
wir Deutsche haben nach den vergangenen 50 Jahren vielmehr
allen Anlaß zu einem realistischen Optimismus! Wir alle müssen
zusammenarbeiten, um gemeinsame Erkenntnisse in die Tat
umzusetzen. Ich gehöre nicht zu denen, die sich immer nur vor
wichtigen Wahlen öffentlichkeitswirksam mit einer langen Liste von
Beratern mit Professorentitel schmücken. Es ist wichtig, ständig
miteinander im Dialog zu bleiben. Die Politik kann es sich nicht
leisten, auf wissenschaftliche Erkenntnisse und die Beratung durch
Fachleute zu verzichten. Umgekehrt sollten die Experten bei ihren
Urteilen über politische Entscheidungen immer auch
berücksichtigen, daß Politik nicht in einem Seminar über die reine
Lehre stattfindet. Politik muß immer eine Vielfalt von Bedürfnissen
und einander oft widerstreitender Interessen mitbedenken. Sie muß
nach einem Ausgleich streben und entsprechend handeln. Wenn wir
das notwendige Verständnis füreinander aufbringen, wird es uns
gelingen, das wiedervereinigte Deutschland gemeinsam in eine gute
Zukunft zu führen. Natürlich haben wir in der Geschichte der
Bundesrepublik auch Fehler gemacht. Dazu gehört für mich, daß
wir uns nicht genügend um einen besseren Personalaustausch
zwischen Universitäten und Parlamenten gekümmert haben. Dabei
ist die Abgeordnetentätigkeit von Hochschulprofessoren früher
nichts Ungewöhnliches gewesen. Ich wünsche mir, daß wir die Kraft
aufbringen, diese lebendige Beziehung wieder herzustellen. Wenn
wir hier nicht handeln, brauchen wir uns über mangelnde Ideen in
der Politik nicht zu beklagen. Wir sollten die anstehende Reform des
öffentlichen Dienstes auch dazu nutzen, um dessen Attraktivität für
Wissenschaftler und Fachleute aus den verschiedensten Bereichen
zu erhöhen. Ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit von
Wissenschaft und Politik ist die Zusammenarbeit von Wissenschaft
und Wirtschaft. In diesem Zusammenhang möchte ich als
rühmenswertes Beispiel aus den letzten Jahren das Engagement
des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft bei der
Einrichtung von Stiftungsprofessuren speziell in den neuen
Bundesländern nennen. Es ist ein wichtiger Beitrag für den Aufbau
einer wettbewerbsstarken Forschungslandschaft in Ostdeutschland.
Sie haben es zu Recht angesprochen, Herr Präsident: In den
vergangenen viereinhalb Jahren ist in den neuen Ländern auf vielen
Gebieten Großartiges geleistet worden. Die erneuerten oder ganz
neu errichteten Hochschul- und Forschungseinrichtungen dort
gehören ganz gewiß dazu. Sie genügen -zwar noch nicht überall,
aber doch in vielen Bereichen -heute bereits internationalen
Ansprüchen. Sie sind immer mehr in den internationalen
Wissenschaftsaustausch einbezogen. Daran haben Sie, der
Deutsche Hochschulverband und seine Mitglieder, ganz
entscheidenden Anteil. Meine Damen und Herren, wir brauchen
nicht nur ein besseres Verständnis zwischen Politik, Wissenschaft
und Wirtschaft, wir brauchen auch den intensiven Dialog über die
Grenzen einzelner Wissenschaftszweige hinweg. Forschung ist zu
allererst der Wahrheitssuche verpflichtet. Diesem Auftrag kann sie
nur gerecht werden, wenn sie frei ist. Freiheit umfaßt aber dabei
immer auch die Verpflichtung zum Dienst am Allgemeinwohl.
Deshalb dürfen wir die Frage nach dem Nutzen der Forschung nicht
auf die rein wirtschaftliche Verwertbarkeit einengen. Bei aller
Notwendigkeit ökonomischen Denkens wäre es ein Fehler, die
geistig-kulturelle Dimension unserer Zukunftsgestaltung zu
vernachlässigen. Mein Amt verpflichtet mich dazu, die
ökonomischen und die ökologischen Herausforderungen stark in
den Vordergrund zu stellen. Aber ich habe die Sorge, auch aus
meiner internationalen Erfahrung heraus, daß wir heutzutage fast
nur noch die ökonomische Dimension sehen; die geistig-kulturelle
Dimension wird häufig vernachlässigt. Wir Deutsche haben vor 50
Jahren und in der darauffolgenden Zeit mehr als andere erlebt, daß
die Bereitschaft zum Aufbruch sehr viel mit unserer geistigen
Einstellung, mit unseren kulturellen Grundlagen zu tun hat. Dies hat
auch das Bild unseres Landes in der Welt geprägt. Wenn Sie heute
etwa nach Indien gehen, so werden Sie natürlich auf die
Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft angesprochen, auf
unsere hohen Exporte und auf unser System der beruflichen
Bildung. Aber unvergessen ist dort zum Beispiel auch die Leistung
der deutschen Indologen. Auch wenn etwa die
Philosophie-Studenten an den wichtigsten japanischen Universitäten
immer noch Deutsch können müssen, so sollten wir stolz sein auf
das Erbe einer großen Vergangenheit. Deshalb möchte ich -obwohl
wir hier viel über Forschung und damit auch über
Naturwissenschaften sprechen - die heutige Gelegenheit
ausdrücklich dazu nutzen, um eine Lanze für die
Geisteswissenschaften zu brechen. Sie sind keine brotlosen Künste!
Alle unsere Ziele - Zukunft gewinnen, Friede und Freiheit sichern,
soziale Not bannen, eine menschliche Gesellschaft bauen -werden
wir nicht allein mit einem wachsenden Bruttosozialprodukt erreichen.
Von entscheidender Bedeutung ist eben auch die geistig-kulturelle
Dimension unseres Tuns. Sie sagt etwas aus über unsere Werte
und damit über unsere Menschlichkeit. Die Geisteswissenschaften
sind eine maßgebliche Orientierungshilfe gerade bei der Gestaltung
unserer modernen Zivilisation. Veränderung beginnt in den Köpfen
der Menschen, und deshalb ist es so entscheidend, daß wir uns die
Fähigkeit zum Umdenken bewahren. Einer Gesellschaft, die sich nur
an vordergründigem Zweckmäßigkeitsdenken ausrichtet, werden am
Ende Kreativität und Vitalität, Menschlichkeit und Wärme ausgehen.
Deshalb ist es eine wichtige Zukunftsaufgabe, daß wir unser
kulturelles Erbe pflegen und die Geisteswissenschaften nicht
hintanstellen. Gerade die Bedeutung der Geschichtswissenschaft
-um dieses wichtige Beispiel herauszugreifen -kann kaum
überschätzt werden: Das Wissen um Vergangenes hilft uns, die
Gegenwart zu verstehen und die Zukunft verantwortungsvoll zu
gestalten. So wenig sich die Geschichte im einzelnen wiederholt, so
sehr kann sie uns doch wertvolle Wegweisungen und Lehren
vermitteln. In diesen Wochen und Monaten erinnern wir uns an das
Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
vor 50 Jahren. Die Auseinandersetzung mit diesem dunkelsten
Kapitel unserer Geschichte ist eine bleibende Aufgabe. Darauf
werden wir uns in besonderem Maße bei den kommenden
Gedenkfeiern am 8. Mai sowie in den Tagen davor und danach
besinnen. Wenn in Berlin am Abend des 8. Mai Staatspräsident
Mitterrand, Vizepräsident Gore, Premierminister Major und
Ministerpräsident Tschernomyrdin sprechen werden - 20 Kilometer
Luftlinie entfernt von jenem Haus, in dem 50 Jahre zuvor die
Potsdamer Konferenz tagte -, dann wird deutlich, welchen Weg wir
in den vergangenen fünf Jahrzehnten zurückgelegt haben. Wir sind
eben nicht nur davongekommen. Wir haben - neben mancher Hilfe
von außen - auch selbst viel dazu beitragen können, um im
Bewußtsein für die Geschichte eine gute Zukunft zu gestalten. Auch
die 40 Jahre der Teilung unseres Vaterlandes und die damit
verbundenen schmerzhaften Wunden müssen wir jetzt als unsere
gemeinsame Geschichte annehmen. Wer die eigene Geschichte
nicht kennt - oder nicht kennen will -, wer bestimmte Phasen
verdrängt oder sich beliebig nur gute oder schlechte Seiten
heraussucht, der wird den geistigen Herausforderungen der Zukunft
nicht gewachsen sein. Erst vor dem Hintergrund zweier Diktaturen
auf deutschem Boden in diesem Jahrhundert wird vielen der Wert
der Freiheit richtig bewußt. Nur wer um das Grauen
jahrhundertelanger europäischer Bruderkriege weiß, erkennt die
Bedeutung der europäischen Einigung für den Frieden auf unserem
Kontinent. Wir begreifen vielleicht heute mehr denn je die
Notwendigkeit, daß der Nationalstaat in ein geeintes Europa
eingebracht werden muß, ohne daß dies einen Verlust nationaler
Identität bedeutet. Wir sollten nicht vergessen, daß es hier um eine
Frage von Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert geht. Auch in
den wenigen "goldenen Jahren" der Weimarer Republik hat man
geglaubt, es sei ein Zeitalter des ewigen Friedens ausgebrochen.
Und trotzdem kam nur acht Jahre nachdem Aristide Briand und
Gustav Stresemann 1925 den Friedensnobelpreis erhalten hatten,
Hitler an die Macht; sechs Jahre später brach der Zweite Weltkrieg
aus. Die bösen Geister der Vergangenheit, deren schreckliche
Auswirkungen wir jetzt tagtäglich in den Fernsehbildern vom Balkan
sehen, können auch anderswo in Europa wieder zum Vorschein
kommen.
II.
Meine Damen und Herren, wir haben Grund zur Zuversicht, daß wir
den Aufbruch ins 21. Jahrhundert erfolgreich gestalten werden. Wir
leben in einer Zeit epochaler Umbrüche. Deutschland hat vom Ende
des Ost-West-Konflikts in besonderer Weise profitiert. Wir haben
die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit erreicht. Wir haben
allen Grund, für dieses Geschenk der Geschichte dankbar zu sein.
Jetzt geht es darum, das wiedervereinigte Deutschland in eine
gesicherte Zukunft zu führen. Wir gehören neben Japan und den
USA zu den großen Exportnationen. Aber wir stehen heute vor
vielfältigen Aufgaben in der Welt und in unserer eigenen
Gesellschaft - Herausforderungen, zu deren Bewältigung
Wissenschaft und Politik Antworten geben müssen. In der
internationalen Arbeitsteilung vollzieht sich ein tiefgreifender
Wandel. Nicht mehr nur in Fernost, auch unmittelbar vor unserer
Haustür, in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, wachsen starke
Konkurrenten und wichtige Handelspartner heran. Von dieser
Entwicklung werden für Forschung und Handel zunehmend positive
Impulse ausgehen. Bisher hat der Austausch von Wissen und
Waren die Wohlfahrt der beteiligten Länder letztlich noch immer
gefördert. Deshalb ist es so wichtig, daß wir Deutsche - auch in
unserem eigenen Interesse - Vorkämpfer des freien Welthandels
sind, wie dies etwa bei der Debatte im Rahmen der Uruguay-Runde
des GATT geschehen ist. Ich plädiere leidenschaftlich dafür, daß wir
die besonderen Chancen beherzt nutzen, die gerade mit den
politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in unseren östlichen
Nachbarstaaten verbunden sind. Dazu gehört auch eine verstärkte
Zusammenarbeit mit mittel- und osteuropäischen Hochschulen. In
diesen Ländern gibt es einen regelrechten "Hunger" nach
Kooperation mit westlichen Ländern, vor allem auch mit uns
Deutschen. Da wir in unserer eigenen Geschichte selbst erlebt
haben, was es bedeutet, abgekapselt zu sein, sollten gerade wir
Verständnis für die Erwartungen haben, die in Krakau, in Prag und
anderswo mit der Öffnung nach Westen verbunden sind. Es kommt
noch etwas hinzu: Ich beobachte schon seit langem, daß sich
gerade in diesem Teil Europas das Interesse an der deutschen
Sprache enorm vergrößert hat. Allerdings habe ich auch den
Eindruck, daß man bei uns - ich sage dies vor allem an die Adresse
der Bundesländer - noch nicht genügend begreift, welch ein
Glücksfall dies für unser Land ist! Dies hat nichts mit
Sprachchauvinismus zu tun. Aber wir müssen doch einmal
überlegen, ob jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen ist, etwas für
unsere Muttersprache in der Welt zu tun. In den mittel- und
osteuropäischen Ländern sowie in der ehemaligen Sowjetunion
lernen heute knapp 14 Millionen Menschen Deutsch, davon sind elf
Millionen Schüler. In einzelnen Ländern - wie zum Beispiel in
Ungarn, in Tschechien oder in der Slowakei - haben rund 50
Prozent aller Schüler Deutsch-Unterricht. In der Frage der Pflege
unserer Muttersprache in der Welt ist für uns jetzt die Jahreszeit des
Säens gekommen. Davon werden wir - und die kommende
Generation in noch stärkerem Maße - Nutzen haben. Meine Damen
und Herren, was wir angesichts der veränderten Lage in der Welt
brauchen in unserem Land, ist eine ehrliche Standortbestimmung.
Wir müssen uns fragen, wo Deutschland heute bei Bildung und
Forschung, bei Investitionen und Produktion im internationalen
Vergleich steht - wie unsere Perspektiven sind und was wir
verbessern können. Dabei bin ich nicht bereit, von vornherein ein
negatives Bild zu malen. Im Ausland versteht man dieses oft zu
beobachtende Verhalten von uns Deutschen ohnehin nicht. Daß wir
uns selber schlecht machen, hält man dort oft für einen Trick. Die
Wahrheit ist: Wir Deutschen sind nicht schlechter geworden, aber
andere haben zum Teil kräftig aufgeholt. Wir müssen deshalb vieles
ändern. Dabei wird starres Festhalten am Status quo uns am Ende
nicht weiterbringen. Wir wissen mehr denn je, daß die Stunde der
Erneuerung in Wirtschaft und Gesellschaft angesagt ist. Und wir
wissen vor allem, daß die Zeit für Entscheidungen drängt.
Forschung verträgt sich eben nicht mit jener Überregulierung, die in
unserer Gesellschaft in vielen Fällen wie ein Korsett die Luft zum
Atmen nimmt. Ich sage das ganz selbstkritisch auch an die Adresse
des Staates, und ich mache dabei keinen Unterschied zwischen
Bund und Ländern. Forschung verträgt sich schon gar nicht mit
einer voreiligen, ängstlichen Überregulierung ganzer Zukunftsfelder.
Die Entwicklung in der Gentechnik hat gezeigt, wie man sich durch
Überängstlichkeit um Chancen bringen kann. Natürlich dürfen wir
auch Risiken moderner Techniken nicht verschweigen oder
verdrängen. Ich bin nicht blind fortschrittsgläubig. Wir haben in
diesem Jahrhundert gelernt, daß nicht alles, was
wissenschaftlich-technisch machbar ist, auch ethisch erlaubt ist.
Wir müssen uns aber auch die Frage stellen, ob wir wirklich schon
alles können und auch zu tun bereit sind, was nötig ist, um den
Hunger in der Welt zu stillen, Krankheiten zu heilen und die
Schöpfung zu bewahren.
III.
Meine Damen und Herren, neben der Schaffung von Freiräumen
und gezielten Anreizen für Forschung und Innovation geht es heute
vor allem auch um ein neues gesellschaftlich-politisches Klima, das
dem Neuen und dem Fortschritt aufgeschlossen gegenübersteht.
Ohne ein solches Klima werden all unsere Bemühungen um
angemessene Gesetze und Verordnungen wenig ausrichten können.
Wir müssen uns in diesem Zusammenhang auch Gedanken darüber
machen, was zu einem zeitgemäßen Verständnis von "Kulturnation"
gehört. Der Begriff hat für mich überhaupt nichts mit geistiger Enge
zu tun, sondern sehr viel mit Offenheit für neue Horizonte. Ich
glaube, daß die in Deutschland früher übliche Unterscheidung
zwischen Zivilisation und Kultur stärker nachwirkt, als vielen bewußt
ist. Hochtechnologieprodukte, der Übergang von der Mechanik zur
Elektronik, Spitzenleistungen in Chemie, Physik und Medizin sind
aber nicht nur Produkte und Ergebnisse einer angeblich
geringzuschätzenden technischen Zivilisation. Sie sind zugleich
ganz großartige kulturelle Leistungen. Deutschland ist arm an
Rohstoffen. Deshalb müssen wir Deutsche uns in besonderer Weise
auf den Zuwachs von Wissen und Können stützen. Die seit Anfang
der achtziger Jahre neu geschaffenen Arbeitsplätze entstanden
überwiegend in forschungsintensiven Industrien und innovativen
Dienstleistungen. Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen,
daß dies in Zukunft noch stärker der Fall sein wird. Es muß uns
nachdenklich stimmen, meine Damen und Herren, daß seit 1989 der
Anteil der Wirtschaft an den Forschungsaufwendungen in
Deutschland in fast allen Wirtschaftszweigen rückläufig ist, und daß
nur etwa ein Zehntel der deutschen Industrieproduktion auf
Erzeugnisse der Spitzentechnik entfällt und deutsche Unternehmen
gerade in diesem Bereich Weltmarktanteile verloren haben.
Gleichzeitig müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß neues Wissen
der Produktentwicklung um 10 bis 15 Jahre vorausgeht. Deswegen
können wir uns bei der Sicherung von Wachstum und
Beschäftigung von morgen nicht auf das Wissen von heute
verlassen. Als exportabhängiges Land sind wir in besonderem Maße
auf den internationalen Austausch von Ideen, von Know-how und
Forschungsergebnissen angewiesen. Deshalb muß es uns zu
denken geben, wie wir bei der Zahl der weltmarktrelevanten Patente
ins Hintertreffen geraten sind: Während Deutschland und Japan im
Jahr 1973 mit jeweils etwa 6 000 Patentanmeldungen etwa gleichauf
lagen, ist die Zahl der deutschen Anmeldungen bis 1992 auf rund 4
500 zurückgegangen. Japan hingegen verzeichnete mit 14 000
Anmeldungen im Jahr 1992 über dreimal so viele wie Deutschland.
Wir müssen uns auch vergegenwärtigen, was es bedeutet, daß sich
im Jahr 2000 - also in nur fünf Jahren - unter den zehn wichtigsten
Industrienationen der Welt sieben asiatische Staaten befinden
werden. Das heißt für uns, meine Damen und Herren, daß wir auch
für Wissenschaftler ein weltoffenes und attraktives Land sein
müssen. Sie, Herr Präsident, haben eben von den jungen
Ausländern gesprochen, die bei uns studieren. Ihre Zahl ist in
manchen Bereichen stark rückläufig. Studenten aus Japan oder
China studieren statt dessen vermehrt in den USA, dort aber sind
die deutschen Studenten wiederum deutlich unterrepräsentiert. Es
liegt doch in unserem eigenen Interesse, daß junge Menschen mit
18 Jahren eben nicht über ihren Rentenbescheid nachdenken,
sondern daß sie den Traum vom Leben träumen und - auch später
im Beruf - mobil sind, daß sie nicht schon mit 29 Jahren genau
fixiert haben wollen, wo ihr Lebensmittelpunkt einmal sein wird. Wir
wollen doch, daß junge Menschen aus Deutschland ins Ausland
gehen, um dort eine Zeitlang zu leben und zu arbeiten. Dies setzt
allerdings voraus, daß Auslandsaufenthalte nicht zum Nachteil in der
schulischen und beruflichen Laufbahn gereichen. Deutschland
verfügt nach wie vor über viele Forscher und Wissenschaftler, die
weltweit zur Spitze gehören. Wenn wir dennoch ein nachlassendes
Interesse von seiten des wissenschaftlichen Nachwuchses anderer
Länder an einem Studium oder Forschungsaufenthalt in
Deutschland verzeichnen, so ist jeder von uns aufgerufen, den nach
wie vor guten, zum Teil ausgezeichneten Ruf unserer universitären
Ausbildung zu erhalten und zu verbessern. Ich begrüße deshalb
Initiativen wie das Angebot der Hochschulrektorenkonferenz, an der
Verbesserung der Hochschulbeziehungen mit dem Ausland aktiv
mitzuwirken. Mein Wunsch dabei wäre: Schauen Sie nicht nur in
westliche Länder, zu denen wir 40 Jahre lang gute Beziehungen
aufgebaut haben. In Kiew, in Sankt Petersburg und anderen Städten
in unserer östlichen Nachbarschaft wartet man förmlich darauf, das
moderne Deutschland kennenlernen zu können. Aber, und das
wissen Sie viel besser als ich, die Leistungsfähigkeit der
Hochschulen in Deutschland wird angesichts steigender
Studentenzahlen mehr und mehr beeinträchtigt. Die Humboldt"sche
Idee der Einheit von Forschung und Lehre hat weiterhin Gültigkeit.
Sie muß aber unter veränderten Bedingungen immer wieder
aktualisiert werden. Nur so können wir sicherstellen, daß die Qualität
universitärer Forschung und die Qualität des wissenschaftlichen
Nachwuchses keinen Schaden nehmen. Die Zeit ist reif, um auch in
der Bildungspolitik zu Entscheidungen zu kommen, die das
Gesamtsystem von Wissenschaft und Forschung, Bildung und
Ausbildung verbessern. Natürlich ist dies auch eine Frage der
Finanzen; aber ich glaube nicht, daß es nur eine Frage des Geldes
ist. Es gibt viele Beispiele dafür, daß verschiedene deutsche
Universitäten unter gleichen finanziellen Bedingungen ganz
unterschiedliche Ergebnisse aufweisen. Ich weiß, daß seit längerem
- wie in vielen anderen Berei- chen - die Finanzierung des
Hochschulbereichs als unzureichend beklagt wird. Diese Klage
richtet sich nicht nur an die Länder, die für die personelle und
sachliche Ausstattung zuständig sind, sondern auch an den Bund.
Und ich mache es mir nicht so einfach zu sagen: Dies ist Sache der
Länder, und dies ist Sache des Bundes. Wir haben hier eine
gemeinsame Verantwortung. Angesichts der schwierigen
öffentlichen Finanzlage gibt es für zusätzliche Sonderprogramme
jedoch zur Zeit keine Spielräume. Der Wettbewerb um begrenzte
finanzielle Ressourcen wird härter. Für mich stellt sich die Frage, ob
in diesem Wettbewerb die Prioritäten nicht völlig neu diskutiert
werden müssen. Ich bin sicher, daß die Universität als Ort von
Forschung und Leben einen neuen Stellenwert haben muß. Wir
haben uns in den Wochen nach der Regierungsneubildung intensiv
darüber unterhalten, inwieweit eine Konzentration der
Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau auf wichtige Kernbereiche
möglich ist, um neue Finanzierungsspielräume zu gewinnen. Ein
weiteres Ziel ist ein revidiertes Gemeinsames
Hochschul-Sonderprogramm für alle Länder. Ich sage es noch
einmal: Mir geht es nicht darum, die Schuld zwischen Bund und
Ländern hin- und herzuschieben. Ich bin überzeugter Föderalist.
Aber wir sollten auch zwischen den Ländern Prioritäten setzen: Wer
40 Jahre Zeit hatte, eine moderne Hochschullandschaft zu gestalten,
der muß heute zurückstehen gegenüber denen, die erst seit vier,
fünf Jahren diese Möglichkeit besitzen.
IV.
Meine Damen und Herren, die Länder können auch die notwendigen
Strukturreformen entscheidend voranbringen. Dabei können
Hochschulreformen nicht gegen die Universitäten, sondern immer
nur mit ihnen zum Erfolg geführt werden. Das Erfordernis, die
Staatsaufgaben einzuschränken und mehr Freiräume in unserer
Gesellschaft zu schaffen, muß auch in der Hochschulpolitik zu
Konsequenzen führen. Deshalb ist es erforderlich, die Spielräume
für die Eigenverantwortung der Hochschulen zu erweitern. Wenn wir
vom "schlanken Staat" sprechen, so sollten wir der Autonomie der
Universität einen ganz hohen Stellenwert geben. Lassen Sie uns das
doch gemeinsam einmal ausprobieren! Es muß ja nicht alles für die
Ewigkeit geregelt werden. Auch die Hochschulreform der siebziger
Jahre war in vieler Hinsicht ein Experiment - das können wir doch
ruhig einräumen und entsprechende Veränderungen vornehmen.
Unsere Hochschulen müssen die Chance haben, neue Ansätze und
innovative Formen der Lehre und Forschung selbst zu erproben.
Das deutsche System der
Bildungskoordination zwischen Bund, Ländern und Hochschulen hat
sich in der Vergangenheit - trotz allem, was man im einzelnen daran
kritisieren kann - bewährt. Jedoch wünsche ich uns in Zukunft mehr
Mut, daß wir neue Wege nicht nur miteinander erörtern, sondern
tatsächlich auch öffnen und tatkräftig beschreiten. Die
Bundesrepublik Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten eine
enorme Bildungsexpansion erlebt. Das durchschnittliche
Qualifikationsniveau der Deutschen hat sich spürbar erhöht. Wir alle
wissen, daß diese Entwicklung nicht reibungslos verlaufen ist. So
war es eine Fehleinschätzung zu glauben, daß die Hochschulen
nach dem sogenannten Öffnungsbeschluß von Bund und Ländern
1977 nur vorübergehend überlastet sein würden. Die Wahrheit ist:
Wir haben uns getäuscht. Ich nehme mich da gar nicht aus. Die
Zahl der Studierenden ist seitdem in Westdeutschland um fast 90
Prozent gestiegen, während die Zahl der Lehrlinge stagniert. Wir
haben jetzt rund 1,9 Millionen Studenten und 1,6 Millionen Lehrlinge
in Deutschland. Ich weiß, daß sich diese Zahlen wegen der
unterschiedlichen Dauer der Ausbildung nicht ohne weiteres
vergleichen lassen. Sie sind aber ein Indiz für Fehlentwicklungen.
Die Herausforderungen einer Industrie- und
Dienstleistungsgesellschaft lassen sich mit dem einseitigen Ausbau der akademischen
Qualifikation nicht meistern. Ich sage dies, auch wenn ich Gefahr
laufe, dafür wieder alle möglichen altmodischen Etiketten angehängt
zu bekommen. Aber das ist mir ziemlich gleichgültig. Niemandem
sollen Bildungschancen genommen werden. Jeder junge Mensch
soll auch in Zukunft die Möglichkeit haben, zu dem
Bildungsabschluß zu kommen, für den er auf Grund seiner
Begabung und Leistungsfähigkeit geeignet ist. Wer das Opfer des
Lernens auf sich nehmen kann und will, dem sollen die Türen dazu
offenstehen. Aber, meine Damen und Herren, wir beobachten in
Deutschland seit den sechziger Jahren ein zunehmendes
Prestigedenken, das darauf hinausläuft, allein das Zertifikat einer
Universität als wirkliche Qualifikation anzuerkennen. Damit geht eine
Geringschätzung der beruflichen Ausbildung einher, die zu unguten
Entwicklungen geführt hat, obwohl unser duales System doch einer
der meistgeforderten Exportartikel aus dem deutschen
Bildungsbereich ist. Gerne zitiere ich meine ehemalige, mir
besonders verbundene Kollegin Margaret Thatcher, die gesagt hat:
Das duale System ist das beste in der Welt. Und wenn Sie es ist,
die das sagt, dann sollten wir Deutsche das endlich begreifen! Wir
müssen gemeinsam erreichen, daß unsere Hochschulen wieder
unter Bedingungen arbeiten, die Spitzenleistungen in Wissenschaft
und Forschung ermöglichen. In einem Klima, in dem
Spitzenleistungen anerkannt werden, gedeiht auch die Qualität der
Lehre am besten. Sie setzt das Engagement des einzelnen
Hochschullehrers voraus. Die Offenheit der Hochschullehrer für die
Studenten bleibt immer eine besondere, auch menschliche
Verpflichtung. Es ist auch das Ziel der Bundesregierung, die
Fachhochschulen in ihrer Leistungsfähigkeit zu stärken. Sie haben
sich im Rahmen unseres Systems als leistungsfähiger und attraktiver
Hochschultyp durchgesetzt. Mit ihrem besonders engen Praxisbezug
entsprechen sie den Erfordernissen einer modernen
Industriegesellschaft und bieten den jungen Menschen durch eine
solide Ausbildung gute Zukunftschancen. Zwei Drittel unserer
Ingenieure und fast die Hälfte unserer Informatiker und Betriebswirte
werden heute auf Fachhochschulen ausgebildet. Wir wollen die
Aufnahmekapazität in diesem Bereich entsprechend erhöhen.