bei der Stifterversammlung der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) am 23. November 2000 in Hamburg-Harburg:
- Bulletin 79-3
- 23. November 2000
"Hochschulen im 21. Jahrhundert – Zwischen staatlicher, gesellschaftlicher und eigener Verantwortung"
Sehr geehrte Herren und Damen,
Sie erinnern sich an die schönen Worte aus dem "Zarathustra", bei denen wir uns beim Lesen fragten, auf wen das wohl zutreffen könne: "Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Taten voraus wirft und immer noch mehr hält, als er verspricht".
Weshalb sie mir bei der Vorbereitung auf die Stifterversammlung wieder in den Sinn kamen, ist offensichtlich: Die TUHH hat in Deutschland Modellfunktion:
- als Forschungsuniversität hat sie hohes internationales Renommee, statt Fakultäten gibt es hier interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte und Studiendekanate,
- es war die erste Hochschule mit einem Globalhaushalt,
- bei den Drittmitteln steht die TUHH weit oben im Ranking der DFG,
- 1992 wurde eine eigene Technologieverwertungsgesellschaft gegründet - die erste dieser Art an einer deutschen Hochschule und
- mit 19 Prozent liegt der Ausländeranteil bei den Studierenden schon jetzt weit über dem Durchschnitt – bei steigender Tendenz.
Ich muss hier also nicht die üblichen Wünsche äußern, sondern Sie geben mir die Möglichkeit, über die aktuellen hochschulpolitischen Fragen hinaus auch etwas zur Zukunft unserer Hochschulen zu sagen. Speziell zur Finanzierung (I), zur internationalen Ausrichtung (II) und zur Rolle der neuen Medien (III).
Bildung und Wissenschaft haben für diese Bundesregierung Priorität! Denn Bildung und Forschung entscheiden darüber, wie wir morgen leben werden. Sie schaffen die Grundlage für unsere wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Zukunft. Bildung ist die Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie bietet Orientierung in einer Welt, die immer komplexer wird. Bildung ist der Mörtel, der die Häuser des globalen Dorfs, in dem wir leben, zusammenhält.
Wir haben den Kurs neu bestimmt: Trotz Haushaltskonsolidierung und engen finanziellen Spielräumen haben wir mit dem Haushalt 2001 die Ausgaben für Bildung und Forschung nun schon das dritte Mal in Folge kräftig erhöht. Er beträgt im kommenden Jahr knapp 16 Milliarden DM (15,97) einschließlich der Zinsersparnisse aus den UMTS-Versteigerungserlösen, die wir unter anderem für eine Zukunftsinitiative an unseren Hochschulen einsetzen. Das ist eine Steigerung von 9,5 Prozent.
Aber es geht nicht nur um mehr Geld, sondern auch um strukturelle Verbesserungen. Die technische und gesellschaftliche Wirklichkeit verändern sich heute immer schneller. Angesichts der vielfältigen Veränderungen und Entwicklungen müssen wir uns heute fragen: Was sind die Herausforderungen, vor denen wir stehen?
- Unsere Hochschulen brauchen mehr Autonomie, mehr Flexibilität und eigenständige Profilbildung, wenn sie im internationalen Wettbewerb attraktiver sein wollen.
- Unsere Aus- und Weiterbildungseinrichtungen müssen sich im globalen Kontext orientieren und einen Platz suchen. Konkret heißt das, unsere Hochschulen auf allen Ebenen internationaler zu gestalten, also Lehrende und Lernende, Lehrstoff, Methoden und Zertifizierung der Abschlüsse aus der nationalen Gebundenheit zu befreien.
- Hochschulen müssen künftig für einen weltweiten Bildungsmarkt attraktive Weiterbildungskonzepte entwickeln.
- Ziel von Bildung und Ausbildung ist es, Menschen zu befähigen, informiert verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen, neue Entwicklungen aufgreifen und Initiativen entwickeln zu können.
Diese Chance muss jeder und jede haben, unabhängig davon, aus welcher Familie jemand kommt. Die Reform der Ausbildungsförderung – die sich gerade im Gesetzgebungsverfahren befindet – ist ein wesentlicher Schritt in diese Richtung. Durch die Erhöhung der Freibeträge und Bedarfssätze erhöhen wir die Fördersätze, außerdem wird der Kreis der Geförderten um rund 80.000 junge Leute aus einkommensschwächeren Familien und aus Familien mit mittleren Einkommen erweitert. Wir ermöglichen BAföG-Empfängern nach zwei Semestern im Inland ein komplettes Auslandsstudium innerhalb der Europäischen Union. Studierende aus alten und neuen Bundesländern werden endlich gleichgestellt.
I. Finanzierung
Unsere Politik verfolgt das Ziel, Chancengleichheit herzustellen. Studiengebühren für das grundständige Studium sind damit unvereinbar. Wir dürfen junge Menschen nicht mit Studiengebühren vom Studium abschrecken, denn schon heute gibt es in Deutschland mit 28 Prozent pro Jahr erheblich weniger Studienanfänger als die USA (44 Prozent), Israel (49 Prozent), Finnland (58 Prozent) oder andere skandinavische Länder haben. Ich strebe hier eine bundeseinheitliche Regelung an und hoffe, dass sich die Länder noch auf einen Staatsvertrag einigen, ansonsten bin ich gezwungen, dies über eine HRG-Novelle zu regeln.
Anstatt Studiengebühren zu fordern, müssen wir verstärkt privates Vermögen und Kapital für Bildung und Wissenschaft mobilisieren. Ein Vorbild hierfür ist zum Beispiel die Arbeit des "Welcome Trust" in Großbritannien. Niedersachsen plant sogar, bestehende staatliche Hochschulen in Stiftungen umzuwandeln. Rechtlich ist das möglich. Ökonomisch sinnvoll ist das auch, weil die Chance der Universitäten, zusätzliche Mittel einzunehmen, damit größer wird. Bei der Umwandlung muss allerdings sichergestellt werden, dass solche Hochschulen auch künftig ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen wollen und können.
Die Bereitschaft zu stiften, gilt es also zu unterstützen. Die Bundesregierung hat mit der Novellierung des Stiftungsrechts eine wichtige Entscheidung auch zur Förderung der Hochschulen gefällt. Und die Unternehmenssteuerreform gibt den Betrieben zusätzliche finanzielle Freiräume, sich stärker für Bildung und Forschung zu engagieren.
Die Stifter hier an der TUHH haben viel zur Entwicklung und zum guten Ruf der Universität beigetragen. Wer an der TUHH lehrt oder studiert, lebt nicht in einem Elfenbeinturm. Das persönliche Vorbild der Stifter, die Verbundenheit von Universität und Region, der Austausch mit den vielen ausländischen Studierenden und auch die Technologieverwertungsgesellschaft schaffen hier ein Lernumfeld, das die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht aus den Augen verliert.
Das zu hundert Prozent privat finanzierte Northern Institute of Technology (NIT) auf dem gemeinsamen Campus ist ein Schmuckstück der TUHH. Es ist elitär im positiven Sinne: Im englischsprachigen Studiengang Global Engineering werden Master-Studiengänge mit fachübergreifenden, projektorientierten Zusatzangeboten in Management, Recht, Geisteswissen und deutscher Sprache angeboten. Dreißig Studienplätze stehen pro Jahrgang für ausländische Studierende zur Verfügung. Alle erhalten ein Stipendium. Ziel ist die Ausbildung einer global denkenden Führungspersönlichkeit, bei der Verständnis für die sozio-kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen im deutschen und europäischen Wirtschaftsraum geweckt werden soll. Das schreiben sie selbst. Und ich wünsche mir natürlich, dass Sie dieses Ziel auch erreichen. Der ganzheitliche Ansatz, den sie damit verfolgen, wird hoffentlich auch Vorbild für andere Hochschulen sein.
II. Internationale Ausrichtung
An unseren Hochschulen, im internationalen Austausch und bei der Kommunikation im Internet entsteht eine globale Mittelschicht, die das Gesicht des 21. Jahrhunderts prägen wird. Nur wenn unsere Hochschulen Qualifikationen für einen weltweiten Wirkungskreis vermitteln, werden sie auch gefragt sein. Wir müssen attraktive Bedingungen schaffen, um renommierte Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Deutschland zu ziehen. Sie sind eine conditio sine qua non für unseren künftigen wirtschaftlichen Wohlstand - und auch eine kulturelle und menschliche Bereicherung. Die Bundesregierung fördert deshalb verstärkt den internationalen Austausch von Lehrenden und Lernenden. Deutschland wird für ausländische Forscher und hochspezialisierte Arbeitskräfte aber nur dann attraktiv sein, wenn wir eine transparente Zuwanderungspolitik betreiben und Integration nicht mehr als Einbahnstraße definieren. Für Spitzenkräfte sollte es künftig normal sein, am Arbeitsplatz in Deutschland einen ausländischen Kollegen zu haben und selbst in dieser Rolle einige Zeit im Ausland verbracht zu haben.
Beim globalen Standortwettbewerb um die besten Köpfe schneiden bisher die USA am besten ab. 50 Prozent der Doktorgrade werden in den USA an Ausländer vergeben; 50 Prozent der Spitzenforschung wird dort durch Nichtamerikaner erbracht. Die USA verfolgen hier seit Jahren eine sehr intelligente Politik – während wir Widerstände gegen die Einführung einer Green Card für Spezialisten überwinden und uns mit dem Gerede über eine deutsche Leitkultur herumschlagen müssen. Die deutsche Botschaft in Washington hat eine Umfrage unter deutschen Wissenschaftlern in den USA durchgeführt, nach der die Mehrheit dieser Wissenschaftler zur Rückkehr nach Deutschland grundsätzlich bereit ist. Dreißig Prozent der Wissenschaftler finden allerdings die Arbeitsbedingungen in Deutschland unattraktiv, so dass sie erst einmal ihre wissenschaftliche Laufbahn in den USA fortsetzen wollen. Sie haben in den USA bereits Rechte erworben, die sie in Deutschland erst nach der Habilitation hätten. So können sie beispielsweise eigenständig Drittmittel beantragen.
Im Zentrum der Kritik steht dabei immer wieder das Habilitationsverfahren. Es ist zu langwierig. Es ist nicht transparent. Es zementiert verkrustete hierarchische Strukturen. Mit der Dienstrechtsreform setze mich deshalb dafür ein, Strukturen zu schaffen, die eine frühe Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses gewährleisten. Denn wir müssen dem wissenschaftlichen Nachwuchs früh Verantwortung geben, nur so wird er aktiv gestaltender Teil der globalen Mittelschicht.
Mit der Einführung der Juniorprofessur sollen junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen künftig bereits mit Anfang 30 – und nicht erst mit durchschnittlich über 40 Jahren - die Möglichkeit erhalten, selbständig zu forschen und zu lehren. So halten wir die besten Köpfe im Land und fördern unseren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. Außerdem werden wir – und dies ist ein wichtiger Teil der Dienstrechtsreform – unsere Professoren künftig nach Leistung bezahlen und nicht nur nach Alter oder für die Treue zum Staat, wie es noch unser traditionelles Dienstrecht vorsah, das aus dem vorletzten Jahrhundert stammte.
Die Argumente des Hochschulverbandes, dass unser wissenschaftlicher Nachwuchs Anleitung brauche, überzeugen mich nicht. Dafür braucht es kein Abhängigkeitsverhältnis. Spätestens mit Anfang 30 haben alle, um die es hier geht, die volle Verantwortung in allen anderen Bereichen ihres Lebens übernommen: Für sich selbst und zum Teil auch schon für ihre Kinder. Weshalb sollte der Beruf davon ausgenommen sein? Und weshalb nur im Bereich von Forschung und Lehre? Während schon ein Zwanzigjähriger ein Unternehmen gründen und leiten kann?
Um Deutschland zum bevorzugten internationalen Wissenschaftsstandort zu machen, ist es außerdem notwendig, noch mehr Studiengänge international auszurichten und damit Vergleichbarkeit zu schaffen. Deshalb betreiben wir die wechselseitige Anerkennung von Hochschulabschlüssen und die Akkreditierung von Studiengängen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen. Bisher wurden 450 Bachelor- und Master-Studiengänge bei uns genehmigt, weitere sind beantragt.
Ein Erfolg im Rahmen unserer gemeinsamen Internationalisierungsstrategie ist auch die Tatsache, dass die Länder englischsprachige Studienangebote an den Hochschulen eingeführt haben. Es ist nun endlich möglich, hier ein Studium zu beginnen, auch wenn man noch nicht Deutsch spricht. Wir müssen den Generationenwechsel auch dazu nutzen, mehr Geschlechtergerechtigkeit in den "heiligen Tempeln der Wissenschaft" zu schaffen und den noch immer viel zu geringen Anteil von Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen zu erhöhen. Vor allem in den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen – da steht Deutschland in Europa an drittletzter Stelle. Wir sind rückständig. Manche Entwicklungsländer schneiden besser ab als wir. Für ein Land, das international renommierter Wissenschaftsstandort sein will, ist das ein blamables Ergebnis. In der Bundesrepublik erlangen seit Anfang der 90er Jahre mehr Frauen als Männer die Hochschulreife. Aber schon unter den Erstsemestern stellen die Männer knapp die Mehrheit. Nur ein Drittel der Doktorarbeiten werden von Frauen eingereicht und nur 15 Prozent aller Habilitationen. Weniger als sechs Prozent der C4-Professuren sind bei uns mit Wissenschaftlerinnen besetzt. In Frankreich dagegen stellen Frauen fast 20 Prozent der Professoren, in Portugal und Spanien 17 beziehungsweise 13 Prozent. Mein Ziel ist die Erhöhung des Frauenanteils auf 20 Prozent bis zum Jahr 2005. Wir müssen Rückständigkeit in Fortschritt verwandeln. Das möchte ich mit dem Programm "Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre" erreichen. Mit Initiativen wie "be.ing – in Zukunft mit Frauen" will ich außerdem den Anteil der Studentinnen in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen deutlich steigern.
Die Gleichstellung von Männern und Frauen ist eines unserer großen gesellschaftlichen Reformprojekte. Ich bin überzeugt, dass wir eine zukunftsfähige Gesellschaft nur durch die gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen und die konsequente Einbeziehung weiblicher Sichtweisen erreichen können. Nur so können wir den auf überkommenen Traditionen beruhenden Status quo überwinden.
III. Rolle der neuen Medien
Das globale Weltdorf ist auf der virtuellen Ebene längst Wirklichkeit geworden. Auf der globalen Wissenschaftslandkarte des elektronischen Netzes darf Deutschland kein weißer Fleck sein. Unsere Hochschulen müssen sich dort stärker positionieren, wenn der Wissenschaftsstandortes Deutschland mehr internationale Anziehungskraft haben soll. Wenn unsere Hochschulen auf dieser virtuellen Landkarte künftig einen Platz finden wollen, müssen sie sich dazu ins elektronische Netz begeben. Wir leben heute in einer Wirklichkeit, in der jeder von uns, also wir alle, globale Akteure sind - ich erinnere an den Treibhauseffekt und das Ozonloch. Daher muss auch Bildung und Wissenschaft im globalen Rahmen stattfinden und ihn thematisieren. Möglich ist das, indem deutsche Studierende sich in Lernangebote aus anderen Kontinenten einloggen – und wir Vorlesungen für andere Länder ins elektronische Netz stellen.
Das BMBF fördert deshalb in den nächsten drei Jahren mit 400 Millionen DM aus den UMTS-Erlösen die Entwicklung multimedialer Lernangebote, neue Fernstudienangebote und Kombinationen mit der Präsenzlehre. Damit soll sowohl die Qualität der Lehre verbessert als auch der Anteil des betreuten Selbststudiums vergrößert werden.
Die virtuelle Hochschule ist dabei ein besonders ehrgeiziges Projekt, das wir nachhaltig unterstützen. Auf längere Sicht sollen online-Angebote für jedes Fach zur Verfügung stehen. Wichtig ist, dass wir diese Angebote von vornherein kooperativ entwickeln und internationale Maßstäbe bei der Qualitätssicherung und Zertifizierung setzen. Ich habe dazu einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Die vier oder fünf tragfähigsten Konzepte für die virtuelle Hochschule der Zukunft werden wir fördern. Die Chancen, die virtuelle Hochschulen bieten, liegen auf der Hand und müssen genutzt werden. Es gibt aber auch Bedenken und Entscheidungsfragen. So kritisiert der US-Informatikprofessor Joseph Weizenbaum, dass bei der virtuellen Hochschule die Ordnung von Wissen und der Zugang zu Wissen im Vordergrund stünden, aber nicht die Bewertung des Wissens.
In den USA werden die Studierenden im Rahmen der virtuellen Universität von Moderatoren und Tutoren betreut, nicht aber von erfahrenen Wissenschaftlern. Das ist eine Lösung, die sparsam-effizientem Personaleinsatz Priorität einräumt. Im Endeffekt läuft dies aber auf eine Verschulung des Studiums hinaus. Ob man per e-mail eine Wissensfrage klärt oder in einem vollen Hörsaal eine These gegen einen Professor vertreten muss, wirkt sich sehr unterschiedlich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Ich wende mich damit nicht gegen den Einsatz von Tutoren und Moderatoren – ganz im Gegenteil -, aber der Professor darf nicht auf dem Wege der virtuellen Hochschule aus der Lehre verschwinden.
Denn die Diskussion und die Bewertung von Wissen werden heute immer wichtiger. Wir brauchen nicht nur gut qualifizierte Fachkräfte, sondern kritische und verantwortungsfähige Fachwissenschaftler. Wir müssen deshalb Modelle für die virtuelle Hochschule entwickeln, mit denen kritisches und reflektiertes Denken ebenso gefördert werden wie die Vermittlung von Wissen. Auf die Vorschläge des Ideenwettbewerbs dazu, bin ich deshalb gespannt. Ich bin auch erstaunt, welche Vorstellungen manche im Zusammenhang mit der virtuellen Hochschule entwickeln. Die Bertelsmann-Studie "Vision 2005" etwa schlägt ein Drei-Klassen-System von Hochschulen vor: Das sieht neben Elitehochschulen und der virtuellen Universität die staatlichen Hochschulen als Auffangbecken für alle diejenigen vor, die sich ein Studium an einer der anderen Hochschulen nicht leisten können.
Solchen Modellen wird jedenfalls diese Regierung eine Absage erteilen. Wir brauchen Eliten, aber Leistungseliten, keine Geldeliten. Wir werden deshalb nicht an der Entstehung eines akademischen Klassensystems mitwirken, bei dem die staatlichen Hochschulen letztendlich zu Schmuddelkindern werden.
Langer Rede kurzer Schluss: Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind gewaltig: Wir werden in diesem Jahrhundert Wohlstand und Frieden für eine wachsende Zahl von Menschen bewahren und schaffen müssen – und das bei wachsenden ökologischen Risiken. Zu einer guten Ausbildung gehört deshalb unverzichtbar neben exzellentem Fachwissen auch globales Verantwortungsbewusstsein.
Unsere Hochschulausbildung wird erst dann gelungen sein, wenn der wissenschaftliche Nachwuchs, zehn Jahre nachdem er sein Studium beendet hat, uns an das Zarathustra-Zitat denken lässt: "Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Taten voraus wirft und immer noch mehr hält, als er verspricht".