erklaerung der bundesregierung zur beitrittserklaerung der volkskammer der ddr, abgegeben von bundeskanzler dr. helmut Kohl vor dem deutschen bundestag

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bundeskanzler dr. helmut kohl gab in der 221. sitzung des
deutschen bundestages am 23. august 1990 zur "beitritts
erklaerung der volkskammer der deutschen demokratischen
republik" folgende erklaerung der bundesregierung ab:

frau praesidentin,
meine sehr verehrten damen und herren,

die volkskammer der ddr hat heute nacht mit einer mehrheit
von mehr als 80 prozent der abgegebenen stimmen folgenden
beschluss gefasst:

die volkskammer erklaert den beitritt der ddr zum
geltungsbereich des grundgesetzes der bundesrepublik
deutschland gemaess artikel 23 des grundgesetzes mit
wirkung vom 3. oktober 1990.

sie geht dabei davon aus, dass

- die beratungen zum einigungsvertrag zu diesem termin
abgeschlossen sind,

- die zwei-plus-vier-verhandlungen einen stand erreicht
haben, der die aussen- und sicherheitspolitischen
bedingungen der deutschen einheit regelt,

- die laenderbildung so weit vorbereitet ist, dass die wahl
der laenderparlamente am 14. oktober 1990 durchgefuehrt
werden kann.

die ueberwaeltigende mehrheit der abgeordneten der volks
kammer hat hiermit uns alle in die pflicht genommen.
der heutige tag ist ein tag der freude fuer alle deutschen. am
mittwoch, dem 3. oktober 1990, wird der tag der wieder
vereinigung gekommen sein. es wird ein grosser tag in der
geschichte unseres volkes sein. nach mehr als vierzig jahren
geht in erfuellung, wozu die praeambel des grundgesetzes "das
gesamte deutsche volk" auffordert: "in freier selbstbestimmung
die einheit und die freiheit deutschlands zu vollenden".
wie koennte man den willen der deutschen in zeitlos gueltiger
weise besser zum ausdruck bringen? die vaeter und muetter
unseres grundgesetzes bewiesen mit der formulierung der
praeambel weitsicht, klarheit des geistes und
geschichtsbewusstsein.
meine damen und herren, der heutige tag ist zugleich auch ein
tag der dankbarkeit. unser respekt und unsere anerkennung
gelten den kolleginnen und kollegen in der volkskammer und
der regierung der ddr, die mit ihrem klaren votum den
entscheidenden schritt zur einheit unseres vaterlandes getan
haben. als frei gewaehlte abgeordnete haben sie damit in
eindrucksvoller weise den auftrag erfuellt, den ihnen unsere
landsleute in der ddr in der volkskammerwahl am 18. maerz dieses
jahres erteilt hatten.
es hat in den vergangenen vierzig jahren in nahezu allen
fraktionen des deutschen bundestages maenner und frauen
gegeben, die sich - vom ersten tag des zusammentretens des
bundestages an - leidenschaftlich und mit ganzer kraft fuer das
ziel der freiheit und einheit aller deutschen eingesetzt haben.
stellvertretend fuer viele moechte ich den frueheren spd-
vorsitzenden kurt schumacher zitieren. in der debatte ueber die
erste regierungserklaerung von konrad adenauer im september
1949 sagte er:

wir wuenschen, dass bei aller verschiedenheit der
auffassungen sozialer, politischer und kultureller natur die
angelegenheit der deutschen einheit ueberall in deutschland die
angelegenheit der gleichen herzenswaerme und der gleichen
politischen entschiedenheit wird.

frau praesidentin, meine damen und herren, der beschluss der
volkskammer schafft endlich klarheit darueber, wann die einheit
deutschlands vollendet wird. darauf kann sich jetzt jedermann
innerhalb wie ausserhalb deutschlands einstellen. das gilt
insbesondere auch fuer jene, die etwa in der ddr investieren
wollen.
der heutige tag ist aber auch ein tag der erinnerung an das
leid, das die teilung unseres vaterlandes ueber so viele
menschen gebracht hat. wir erinnern uns an die maenner und
frauen, die 1945 aus den konzentrationslagern buchenwald
und sachsenhausen befreit und die wenig spaeter dort erneut
eingesperrt wurden. viele andere wurden in straflager
verschleppt, nicht zuletzt und gerade auch mitglieder der
demokratischen parteien, und wir wissen bis heute nicht genau,
von wie vielen es dann nie wieder ein lebenszeichen gab. es waren
zehntausende.
nicht vergessen duerfen wir die opfer der willkuerjustiz, die im
dienste der sed-diktatur stand. fuer uns bleibt unfassbar, dass
von deutschen gerichten auf dem gebiet der ddr ueber 75000
menschen aus politischen gruenden verurteilt worden sind. viele
sind in der haft gestorben, andere wurden wegen sogenannter
staatsverbrechen hingerichtet.
was den menschen in der ddr am 17. juni 1953 widerfuhr, hat
die praesidentin der volkskammer, frau bergmann-pohl, in der
gemeinsamen gedenkstunde von abgeordneten unserer
parlamente am 17. juni beschrieben. sie sagte:
sie erlebten eine staatsmacht, die nicht mehr die interessen
der buerger, sondern nur noch sich selbst vertrat.
die schreckliche bilanz der politischen verfolgung seit 1945
geht ueber seelenlose zahlen hinaus, was sagen sie schon ueber
das schicksal des einzelnen? wir wollen auch an alle jene
denken, die bei dem versuch, von deutschland nach deutschland
zu gehen, ihr leben verloren. ueber 190 deutsche wurden
an der unmenschlichen grenze ermordet, die unser vaterland
vierzig jahre lang zerschnitt. sie wollten ganz einfach in
freiheit ein menschenwuerdiges leben fuehren.
und noch vor gut anderthalb jahren, im januar 1989, erklaerte
honecker, die mauer werde noch in hundert jahren stehen.
zehn monate spaeter wurde sie ueberwunden.
frau praesidentin, meine damen und herren, angesichts der
vielen bilder und nachrichten, die taeglich auf jeden von uns
einstuermen, sollten wir uns vergegenwaertigen, wie tiefgreifend
die veraenderungen in den vergangenen zwoelf monaten
gewesen sind. morgen jaehrt sich - um nur ein beispiel zu
nennen - zum erstenmal der tag, an dem tadeusz mazowiecki zum
polnischen ministerpraesidenten gewaehlt wurde.
ich moechte hier in besonderer dankbarkeit auch an miklos
nemeth erinnern, den damaligen ministerpraesidenten ungarns.
er gab uns vor fast genau zwoelf monaten die zusage, ungarn
werde seine grenzen fuer die fluechtlinge aus der ddr oeffnen.
damit wurde der erste stein aus der berliner mauer
geschlagen.
ihnen allen sind die weiteren stationen des weges bekannt, an
dessen ende wir mit dem 3. oktober 1990 angelangt sein
werden.
das tempo der entwicklung wurde von unseren landsleuten in
der ddr bestimmt, von ihrem ruf nach freiheit und nach
einheit.
zu dem ruf "wir sind das volkss" trat schon bald hinzu auch der
ruf "wir sind ein volkss". auf eine mich persoenlich besonders
bewegende weise wurde das bei meiner rede vor der ruine
der frauenkirche in dresden sowie wenige tage darauf bei der
oeffnung des brandenburger tores ende des vergangenen
jahres sichtbar.
zuallererst, meine damen und herren, haben wir daher heute
unseren landsleuten in der ddr dafuer zu danken, dass wir in
wenigen wochen die freiheit und einheit deutschlands
vollendet haben werden.
sie haben mit ihrem mut, mit ihrer besonnenheit und vor allem
mit ihrer freiheitsliebe ein beispiel gegeben, wie sich eine
gewaltsame diktatur friedlich ueberwinden laesst. dies wird fuer
alle zeit zu einem der grossartigen kapitel der deutschen
geschichte gehoeren.
die deutschen in ost und west haben waehrend der
vergangenen zwoelf monate bewiesen, dass sie gegen die versuchung
nationaler ueberheblichkeit gefeit sind. das ist ein ausdruck
demokratischer reife und nachbarschaftlicher gesinnung. in
ueber vierzig jahren einer stabilen rechtsstaatlichen demokratie
haben wir uns in europa und weltweit vertrauen erworben. dies
galt und gilt unter allen regierungen, die in diesen vierzig
jahren in der bundesrepublik deutschland regiert haben.
es ist dies ein vertrauen, ohne das wir die staatliche einheit
deutschlands jetzt gewiss so rasch nicht wiederherstellen
koennten. wir wollen auch fuer dieses vertrauen dankbar sein.
dank schulden wir unseren westlichen freunden und partnern,
vor allem jenen drei verbuendeten, die besondere
verantwortung in bezug auf berlin und deutschland als ganzes
tragen und die in diesen jahrzehnten unsere freiheit gesichert
haben.
ich nenne insbesondere unsere amerikanischen freunde, allen
voran praesident george bush, der sich gerade in den letzten
monaten als ein treuer freund der deutschen erwiesen hat.
ich nenne ebenso staatspraesident francois mitterrand, der am
14. februar dieses jahres erklaerte: "wer koennte nicht
verstehen, dass dieses so lange geteilte volk nach einheit strebt?
... die deutschen sollen wissen, dass ich, wie die mehrheit der
franzosen, den bruederlichen wunsch ausspreche, dass das
schicksal fuer sie einen gluecklichen lauf nehmen moege."
ich moechte dem heute hinzufuegen, dass die bruederliche
verbundenheit zwischen dem deutschen und dem franzoesischen volk
das herzstueck der aussenpolitik eines vereinten deutschlands
auf dem weg zu einem vereinten europa bleiben wird.
wir sind teil der westlichen wertegemeinschaft, und das wird
so bleiben. geschlossenheit und standfestigkeit des
buendnisses haben sich gerade in entscheidenden augenblicken
bewaehrt. wir haben vor wenigen wochen auf dem nato-gipfel
in london weitreichende beschluesse gefasst. sie sind ein
erneuter beweis fuer die konstruktive rolle des buendnisses bei
der bewahrung und gestaltung des friedens in freiheit auf
unserem kontinent.
eine wesentliche voraussetzung dessen, was sich jetzt
vollzieht, wurde auch mit unserer politik fuer die europaeische
einigung geschaffen. die politik der europaeischen integration hat
mit ihrer ausstrahlungskraft dazu beigetragen, der freiheit, den
menschenrechten und der selbstbestimmung in mittel-, ost-
und suedosteuropa zum durchbruch zu verhelfen. sie wird dazu
beitragen, dass dieser wandel von dauer bleibt.
dank schulden wir auch den mutigen buergerrechtsbewegungen
in polen und ungarn.
auch sie haben mit ihrem vorbildlichen einsatz fuer eine
friedliche revolution die entwicklung in der ddr moeglich gemacht.
es ist fuer mich nicht nur ein ausdruck unserer dankbarkeit,
sondern auch ein gebot politischer klugheit, dass wir in einem
vereinten deutschland auch kuenftig alles tun werden, um die
reformprozesse in mittel-, ost- und suedosteuropa zu
unterstuetzen.
der erfolg einer freiheitlichen staats- und gesellschaftsordnung
in polen, in ungarn, in der csfr und auch in der sowjetunion
liegt in unserem interesse. es geht um ein werk des friedens,
das allen in europa zugute kommen wird.
dank, meine damen und herren, schulden wir nicht zuletzt
praesident michail gorbatschow. durch
seine reformpolitik und das neue denken in der sowjetischen
aussenpolitik - wir erleben das gerade in diesen tagen
angesichts der krise in der golf-region - ist der tiefgreifende
wandel in deutschland und in europa mit ermoeglicht worden.
ohne die achtung des rechts der voelker und staaten auf den
eigenen weg waeren die reformbewegungen der staaten des
warschauer pakts nicht erfolgreich gewesen. zum recht des
deutschen volkes auf den eigenen weg gehoert sowohl die
entscheidung, in einem gemeinsamen staat zusammenzuleben,
als auch die freiheit, zu waehlen, welchem buendnis dieser
gemeinsame staat angehoert.
bis vor kurzem gab es ja noch zweifel, ob die sowjetunion
bereit sein werde, zu akzeptieren, dass das vereinte
deutschland dem nordatlantischen buendnis angehoert. nach unseren
gespraechen mit praesident gorbatschow im kaukasus ist auch
diese letzte huerde fuer einen erfolgreichen abschluss der
zweiplus-vier-gespraeche aus dem weg geraeumt.
meine damen und herren, ein wort des dankes moechte ich
heute auch an die vielen millionen mitbuergerinnen und mitbuerger
in der bundesrepublik richten, die beharrlich an dem ziel der
einheit auch in zeiten festhielten, in denen so mancher schon
resigniert hatte.
seit 1945 kamen aus allen demokratischen parteien wichtige
beitraege dazu, dass der wille zur einheit nie erloschen ist.
wir alle muessen uns bewusst machen, was es heisst, dass wir in
so wenigen monaten das grosse ziel der einheit und freiheit
aller deutschen verwirklichen koennen. natuerlich und
verstaendlicherweise geht es in diesen tagen und wochen um
waehrung, um wirtschaft und finanzen. natuerlich geht es um
schwerwiegende soziale fragen, um ganz praktische alltagssorgen
vieler menschen. natuerlich geht es um so wichtige fragen wie
wahlverfahren und wahltermin.
vor allem aber geht es um den grossen historischen augenblick,
in dem wir deutschen in freier selbstbestimmung die einheit
und freiheit unseres vaterlandes vollenden.
wie das geschieht, ist in der neueren geschichte europas ohne
beispiel. es geschieht ohne krieg, ohne blutige revolution und
gewalt und in vollem einvernehmen mit unseren freunden und
partnern und nachbarn in west und ost.
wann je hat ein volk das glueck gehabt, jahrzehnte der
schmerzlichen trennung auf so friedliche weise zu
ueberwinden?
ein traum geht in erfuellung, an dessen verwirklichung zu
glauben viele - auch bei uns - schon aufgegeben hatten.
die vereinigung deutschlands ist das ergebnis einer
langangelegten, klugen politik. der grundstein zu dem, was sich
heute in deutschland vollzieht, wurde schon in den fuenfziger
jahren gelegt. auf eindrucksvolle weise erfuellt sich heute, was
konrad adenauer in seinen "erinnerungen" so beschrieben hat:

es gab stimmen, die den von mir gezeichneten weg nicht als
den weg zur deutschen einheit bezeichneten. aber es kam
darauf an zu erkennen, dass es zunaechst fuer uns keinen
anderen weg gab. die sowjets wuerden frueher oder spaeter
einsehen, dass sie sich mit dem westen verstaendigen muessten,
dass sie ihn nicht niederzwingen koennten. in einer solchen
friedlichen verstaendigung lag meine hoffnung und sah ich
unsere chance. sie wuerde allerdings nur dann fuer uns
gegeben sein, wenn wir uns im zeitpunkt einer solchen
allgemeinen einigung zwischen west und ost bereits als
zuverlaessiger partner des westens erwiesen haetten. nur dann
wuerde der westen bei einer verstaendigung unsere interessen
zu seinen eigenen machen.

wir haben an dieser politik, meine damen und herren, stets
festgehalten. in meiner regierungserklaerung vom 4. mai 1983
habe ich zu beginn der damaligen legislaturperiode hier erklaert:

die deutsche nation besteht fort. wir sind fuer das
selbstbestimmungsrecht aller voelker und fuer das ende der teilung
europas. wir werden alles tun, um in frieden und freiheit die
deutsche einheit zu erstreben und zu vollenden.

das vereinte deutschland wird als gleichberechtigtes glied in
einem vereinten europa dem frieden der welt dienen. deutschland,
unser vaterland, wird souveraen sein. bis 1994 werden alle
sowjetischen soldaten unser land verlassen haben, fuenfzig
jahre nachdem sie erstmals deutschen boden betraten.
wer haette diese entwicklung vor einem jahr fuer moeglich
gehalten?
meine damen und herren, die verantwortung, die jetzt auf uns
lastet, wiegt schwer. bei allem grund zur freude wissen wir,
dass uns die ueberwindung der alten wirtschafts- und
gesellschaftsordnung auf dem gebiet der heutigen ddr vor
aussergewoehnliche herausforderungen stellt.
jeder weiss: die wirtschaftliche situation in der ddr ist derzeit
durch den uebergang von einer kommunistisch-sozialistischen
planwirtschaft zur sozialen marktwirtschaft gekennzeichnet.
dass dieser uebergang alles andere als einfach ist, liegt auf der
hand.
vierzig jahre herrschaft des realen sozialismus zu lasten der
menschen in der ddr koennen nicht in knapp acht wochen nach
einfuehrung der waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion
ausgeglichen werden.
wer etwas anderes erwartet hat, dem fehlt die anschauung
dessen, was vierzig jahre real existierender sozialismus in der
ddr angerichtet haben.
ich habe in diesem jahr immer wieder auf die zu erwartenden
schwierigkeiten hingewiesen, nicht zuletzt bei der
unterzeichnung des staatsvertrages ueber die waehrungs-,
wirtschafts- und sozialunion und bei der ratifizierungsdebatte
hier im bundestag.
jetzt geht es um den wiederaufbau der ddr in allen bereichen.
dies ist sicher keine frage von tagen und monaten. das ist
eine frage der naechsten jahre. aber alle zeichen stehen
darauf, dass wir es gemeinsam schaffen werden.
dabei haengt der erfolg entscheidend davon ab, dass wir an
diesem wendepunkt deutscher geschichte alle gemeinsam
aeusserste anstrengungen unternehmen, um diese
herausforderung zu bestehen.
der staatsvertrag ueber die waehrungs-, wirtschafts- und
sozialunion hat hierfuer die notwendigen grundlagen geschaffen.
allein fuer die ersten achtzehn monate ist eine finanzielle
unterstuetzung fuer den ddr-haushalt in hoehe von 57 milliarden
dm vorgesehen. hinzu kommen kredite zur sanierung der
ddrwirtschaft und eine kraeftige anschubfinanzierung der
sozialversicherung. all dies war und
ist praktische solidaritaet in einer ungewoehnlich schwierigen
situation unseres volkes. mit dieser solidaritaet war
naturgemaess auch die erwartung verbunden, dass finanzmittel
dort rechtzeitig ankommen, wo sie dringend gebraucht werden.
die erfahrung der letzten wochen hat gezeigt, dass dies leider
nicht in allen bereichen sichergestellt werden konnte. wir
wissen, dass nicht zuletzt viele bauern zu recht dagegen
protestiert haben, dass das geld, das fuer sie bereitgestellt
wurde, im getriebe einer buerokratie haengengeblieben ist.
die bauern in der ddr brauchen selbstverstaendlich unsere
tatkraeftige und schnelle hilfe. seit dem 1. august ist die
landwirtschaft der ddr faktisch teil des europaeischen
agrarmarktes, und die bauern der ddr sind damit in die
gesamtsolidaritaet der eg einbezogen.
nach anfaenglichen schwierigkeiten sind die staatlichen
interventionen jetzt angelaufen. wir werden in zukunft mit
nachdruck - und angesichts der moeglichkeit der baldigen
vereinigung ist das um so leichter zu machen - auf eine schnelle
auszahlung der gelder draengen. auch die beschlossenen
liquiditaetshilfen muessen schneller und effizienter als bisher
ausgezahlt werden.
wir werden zusaetzlich - wir befinden uns jetzt in den
verhandlungen - den export von agrarguetern aus der ddr massiv
foerdern. damit wird der markt in der ddr, aber auch der markt
bei uns spuerbar entlastet.
in staedten und gemeinden konnten vielfach notwendige
investitionen noch nicht in angriff genommen werden, obwohl mit
dem ersten staatsvertrag milliardenbetraege fuer
infrastrukturmassnahmen ausdruecklich vorgesehen und bereitgestellt
waren. hier sind inzwischen in zusammenarbeit zwischen bonn und
berlin notwendige konsequenzen gezogen worden. es muss
jetzt sehr schnell alles getan werden, damit die zur verfuegung
gestellten finanzmittel buerger und unternehmer ebenso
erreichen wie die landwirtschaft und die staedte und gemeinden.
nur so kann die wirtschaftliche entwicklung der ddr erfolgreich
in gang gebracht werden.
festzuhalten bleibt, dass uns der staatsvertrag ueber die
waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion in die lage versetzt,
den erwarteten anpassungsproblemen der ddr wirksam zu
begegnen. so haben wir zum beispiel von anfang an, um die
arbeitslosigkeit zu begrenzen, die moeglichkeit zur kurzarbeit
im vergleich zur bundesrepublik stark erweitert, dies vor allem,
um kurzarbeit mit den notwendigen massnahmen zur umschulung
und qualifizierung zu verbinden.
von dieser moeglichkeit wird zunehmend mit aktiver
unterstuetzung der bundesanstalt fuer arbeit gebrauch gemacht.
welche probleme hier zu bewaeltigen sind, zeigt die kuerzlich
vorgelegte untersuchung des ifo-instituts. dieses gutachten
beziffert die von der bisherigen sozialistischen planwirtschaft
hinterlassene verdeckte arbeitslosigkeit auf ueber eine million.
die zahlen sprechen fuer sich selbst.
gleichzeitig ist die umgestaltung der ddr-wirtschaft deutlich in
gang gekommen. so sind allein im ersten halbjahr 1990 in der
ddr ueber 2800 gemeinschaftsunternehmen mit partnern
ausserhalb der ddr zustande gekommen.
in der ddr selbst wurden in den ersten sechs monaten dieses
jahres gut 100000 neue betriebe gegruendet, vor allem im
handel und im handwerk. allein im juli ist noch einmal die
rekordzahl von ueber 35000 hinzugekommen.
auch bei der treuhandanstalt kommen jetzt offensichtlich die
notwendigen arbeiten besser in gang. die liquiditaet der
unternehmen fuer august und september konnte inzwischen in enger
zusammenarbeit zwischen treuhandanstalt, banken,
regierung der ddr und der bundesregierung gesichert werden.
nach verstaendlichen anlaufproblemen der treuhandanstalt
gehe ich davon aus, dass jetzt auch bei der privatisierung und
sanierung der ddr-betriebe zuegig fortschritte erzielt werden.
ich fuege hinzu: natuerlich koennen die schwierigen
anpassungsprobleme von 8000 unternehmen nicht kurzfristig
geloest werden. in diesem zusammenhang ist insbesondere auch
die reorganisation der aussenstellen der treuhandanstalt
ueberfaellig, damit eine konstruktive zusammenarbeit mit staedten
und gemeinden und privaten investoren vor ort zuegig vorankommt.
wichtig ist nicht zuletzt, dass auch die tatsachen nicht uebersehen
werden, die gerade in der jetzigen situation stabilisierend
wirken. so ist leider nur am rande in der oeffentlichkeit vermerkt
worden, dass die lebenshaltungskosten in der ddr im juli, also
im ersten monat der waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion,
um ueber fuenf prozent niedriger lagen als ein jahr zuvor. nimmt
man hinzu, dass loehne, gehaelter und renten im gleichen
zeitraum in der regel deutlich gestiegen sind, so ist ganz einfach
festzustellen, dass das realeinkommen und die kaufkraft der
buerger in der ddr in kurzer zeit zugenommen haben.
meine damen und herren, all dies ist kein grund, bei dem
erreichten stehenzubleiben. aber es zeigt, dass es in diesem
schwierigen wirtschaftlichen umstellungsprozess, nicht zuletzt
im vergleich zu den gravierenden wirtschafts- und
sozialproblemen anderer reformlaender in mittel-, ost- und
suedosteuropa, erhebliche aktivposten und auch begruessenswerte
fortschritte gibt.
ich nenne einen weiteren wichtigen punkt: angesichts der
unvermeidbar schwierigen probleme beim uebergang vom real
existierenden sozialismus zur sozialen marktwirtschaft ist
gelegentlich die behauptung zu hoeren, dass diese schwierigkeiten
ohne die schaffung der waehrungs-, wirtschafts- und
sozialunion haetten vermieden werden koennen.
meine damen und herren, wer dies behauptet, leugnet die
entwicklung der letzten monate und verdraengt die erfahrungen
dieses jahres.
ich erinnere noch einmal daran, dass zwischen november 1989
und februar 1990 knapp 300000 uebersiedler aus der ddr in
die bundesrepublik gekommen sind.
um dieser dramatischen entwicklung zu begegnen, waren nach
uebereinstimmender auffassung in diesem hause schnelle positive
signale fuer die verbesserung der lebensbedingungen der
ddr notwendig. dies war der entscheidende grund fuer die
einfuehrung der waehrungs-, wirtschafts- und sozialunion.
die bundesregierung und die koalitionsparteien halten an
dieser politik fest:

- verwirklichung der deutschen einheit in abstimmung mit
unseren partnern in der ddr sowie mit unseren nachbarn
und verbuendeten in west und ost,

- bewaeltigung der wirtschaftlichen uebergangsprobleme so, wie
dies bereits im staatsvertrag vom 18. mai 1990 vorgesehen
war,

- erwartung an alle verantwortlichen in politik und wirtschaft,
dass alles getan wird, um gemeinsam schritt fuer schritt
die schwierigkeiten des uebergangs vom sozialismus zur
sozialen marktwirtschaft zu bewaeltigen.

meine damen und herren, der weg zur deutschen einheit
erfordert gemeinsame anstrengungen und persoenliches engagement.
ich will dankbar wuerdigen, dass viele aus allen kreisen
unserer bevoelkerung bereits vorbildliches geleistet haben:
arbeitnehmer wie unternehmer, verbaende, gewerkschaften,
betriebsraete, leute aus dem mittelstand und nicht zuletzt -
auch das will ich hier besonders erwaehnen - die demokratischen
parteien in unserem land.
manche von uns haben allerdings vergessen: auch der beginn
der sozialen marktwirtschaft 1948 war alles andere als einfach.
wir hatten nicht nur starke preissteigerungen, massive
proteste, einen eintaegigen generalstreik und vieles andere mehr.
diese schwierigkeiten und diese durststrecke wurden
ueberwunden. es entstand ein bluehendes land, unsere
bundesrepublik deutschland.
wir stehen heute in der ddr vor schwierigen aufgaben. aber
wir haben alle voraussetzungen dafuer, sie zu meistern. manche
scheinen vergessen zu haben, dass eben der beginn der
sozialen marktwirtschaft 1948 alles andere als ein selbstlaeufer
war. aber dieses beispiel zu beginn der bundesrepublik kann uns
ansporn sein, nicht nur fuer eine vage hoffnung, sondern fuer die
ueberzeugung, dass sich die verhaeltnisse auch in der ddr rasch
bessern werden.
frau praesidentin, meine damen und herren, wir sollten und
- ich denke - wir duerfen an einem solchen tag einen augenblick
innehalten und uns die historische dimension dessen ins
bewusstsein rufen, was in diesen monaten geschehen ist und
weiter geschieht.
schauen wir nicht nur, so wichtig dies ist, auf die sich oft
ueberstuerzenden ereignisse und nachrichten des tages. wir
sehen die wirtschaftlichen schwierigkeiten, wir sehen die
probleme und die notwendigkeiten in der ddr.
aber wir sind uns auch bewusst, dass wir zeugen eines wahrhaft
weltbewegenden ereignisses und eines grossen augenblicks in
der geschichte unseres volkes sind.
lassen sie uns gemeinsam unserer verantwortung fuer alle
deutschen gerecht werden.