Erklärung der Bundesregierung zur Auswärtigen Kulturpolitik - Abgegeben vom Bundesminister des Auswärtigen vor dem Deutschen Bundestag

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Der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Klaus Kinkel, gab in der 110. Sitzung
des Deutschen Bundestages am 13. Juni 1996 folgende Erklärung der
Bundesregierung zur Auswärtigen Kulturpolitik ab:

Frau Präsidentin,
meine Damen und Herren,

unser heutiges Thema ist hochaktuell. Es geht um das Selbstverständnis und das
Bild unseres wiedervereinten Landes. Es geht um unsere Rolle im Geben und
Nehmen der Kulturen der Weltgemeinschaft.

Deutschland ist nicht nur Industrie- und Handels-, sondern auch Kulturnation.
Kunst und Kultur haben ihren Wert in sich. Sie entspringen einem elementaren
Empfinden der Menschen.

Unsere kulturellen Traditionen und Leistungen sind nicht nur ein
unverzichtbarer Teil unserer Identität, unseres Selbstverständnisses als
Deutsche und Europäer. Sie haben uns in der Vergangenheit mehr als alles
andere dabei geholfen, die Achtung und Sympathie der Völkergemeinschaft zu
gewinnen.

Die tausendfachen persönlichen Bande und Freundschaften, die vom
Goethe-Institut, vom Akademischen Austauschdienst, der
Alexander-von-Humboldt-Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und
anderen Kulturmittlern für unser Land geschlossen und gepflegt werden, sind
ein ganz kostbares Gut. Dadurch wurden und werden oft lebenslange Brücken
gebaut. Die Bundesregierung und auch der Bundestag ­ da bin ich sicher ­
werden diese Brücken auch in Zukunft pflegen. Das bleibt eine der
Grundvoraussetzungen für eine gute Zukunft unseres Landes.

Der Bericht zur Auswärtigen Kulturpolitik, über den wir heute debattieren,
belegt: Die Auswärtige Kulturpolitik ist und bleibt für die Bundesregierung
ein wichtiger, integraler, gleichberechtigter Bestandteil unserer Außenpolitik.

Trotz knapper Kassen und großer neuer Herausforderungen ist es gelungen, ihre
Substanz und ihre Qualität zu bewahren und neue Chancen zu nutzen. Wir haben
auf die Umbrüche seit 1989 auch im Bereich der Kultur mit einer großen
Kulturinitiative in Mittel- und Osteuropa und in den GUS-Staaten reagiert. Die
Bundesregierung hat damit für die deutsche Kultur und Sprache, soweit es
unsere Kräfte zuließen, eine historische Chance genutzt. Das war zugleich ein
wichtiges politisches Signal.

Das wiedervereinte Deutschland ist sich nicht selbst genug, wie manche
befürchtet haben. Wir verstehen uns als Europäer, als weltoffene und
weltzugewandte Deutsche im Sinne Thomas Manns. Wir wollen und können auch
von anderen lernen, vor allem natürlich auch aus unserer eigenen Geschichte.

Alles, was wir haben, ist immer im Austausch mit unseren Nachbarn entstanden,
niemals ohne oder gegen sie. Deshalb ist unser Kurs ein für allemal
europäisch. Wir wissen sehr genau, daß Interesse, Verantwortung und
Solidarität in unserer einen Welt nicht voneinander zu trennen sind. In diesem
europäischen partnerschaftlichen und verantwortungsbewußten Sinne verstehen
wir Deutschland als Kulturnation. In unserem Haus der Kulturen der Welt in
Berlin ist das zu einem praktischen Stück deutscher Politik geworden.

All das erforderte und erfordert große Anstrengungen. Dafür gebührt vor allem
den vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer
Mittlerorganisationen, allen voran des Goethe-Instituts, Dank und Anerkennung.
Sie haben mehr als einmal ­ leider Gottes war das in den letzten Jahren
dringend notwendig ­ aus der Not eine Tugend gemacht und knappe Mittel mit
viel Einsatz und Phantasie wettgemacht. Sie vertreten jeden Tag draußen in der
Welt das Bild unseres Landes und die Prinzipien unserer Auswärtigen
Kulturpolitik. Das sind: Dialog statt Monolog, Kulturstaat statt Staatskultur,
globale Lerngemeinschaft statt simpler Kulturexport.

Unsere Mittler sind ­ es ist wichtig, das zu betonen ­ dabei organisatorisch
unabhängig und gestalten ihr Programm in eigener Verantwortung. Gerade das ist
zu einem unverwechselbaren Markenzeichen unserer Selbstdarstellung im Ausland
geworden, und das muß auch so bleiben.

Nach dem Ende einer jahrzehntelangen ideologischen Auseinandersetzung hat die
Frage des Zusammenlebens der Kulturen neue Aufmerksamkeit gefunden ­ zu Recht.
Das Bewußtsein um die kulturelle Identität hat im globalen Dorf des
ausgehenden 20. Jahrhunderts eine Renaissance erlebt. Das hat Positives, aber
leider auch Negatives. Nicht nur in Bosnien, sondern weltweit erleben wir
heute ein Wiederaufflammen längst überwunden geglaubter kultureller,
religiöser und ethnischer Gegensätze und Konflikte. Es wäre schlimm, wenn wir
nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zulassen würden, daß die Menschheit ihre
Kräfte jetzt in einem Konflikt der Kulturen zerreiben würde. Deshalb ist der
Dialog der Kulturen als Friedensstandort und gemeinsame Überlebenspolitik der
Menschheit so wichtig geworden.

Im übrigen muß sich auch der Westen mit seinen Werten hinterfragen lassen. Es
wird immer wichtiger, die Erfahrungen und Diskussionen anderer Länder und
Regionen in unsere kulturelle Öffentlichkeit einzubringen und von ihnen zu
lernen. Das heißt: Kulturaustausch im Wortsinne als echte Zweibahnstraße. Das
verlangt Zuhören, das verlangt Offenheit, und das verlangt
Unvoreingenommenheit von allen Seiten.

Die Verbreitung der Kultur und die Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und
Frieden sind unlösbar mit der Würde des Menschen verbunden.

Dieser Satz aus der Präambel der UNESCO-Verfassung bringt unser Verständnis
von Auswärtiger Kulturpolitik auf den Punkt. Für uns hat diese Auswärtige
Kulturpolitik im Dreieck Freiheit, Menschenrechte und Entwicklung große und
unersetzbare Bedeutung.

Das ist aber auch die große Bewährungsprobe, vor der der Dialog zwischen den
Kulturen heute steht, vor allem gegenüber den islamischen Kulturen mit ihren
1,2 Milliarden Gläubigen. Unsere Kultur ist die einer offenen Gesellschaft.
Wir diskutieren offen, auch selbstkritisch, über alle wichtigen Fragen. So
stellen wir uns auch nach draußen dar. In den islamischen Ländern herrscht zum
Teil ein anderes Verständnis vor. Das hat im wesentlichen Ursachen in der
Geschichte. Also müssen wir mit unseren islamischen Partnern reden. Dialog ist
notwendig und nicht Ausgrenzung.

Vor allem müssen wir uns vor falschen Pauschalurteilen und falschen
Feindbildern hüten. Der Fundamentalismus umfaßt nicht den ganzen Islam. Die
erbittertste Auseinandersetzung mit ihm wird innerhalb des Islam selbst
geführt. Die islamischen Länder müssen andererseits wissen, daß Toleranz und
Offenheit eine Zweibahnstraße sind und für gesellschaftlichen Rückschritt ein
hoher wirtschaftlicher Preis zu zahlen ist. Diesen Preis zahlen leider die
Menschen, nicht die Regierungen.

Wer den Sprung der asiatischen Tiger analysiert, kommt an den konfuzianischen
Tugenden nicht vorbei. Wer sich fragt, weshalb gerade die USA beim Schritt in
die Informationsgesellschaft die Nase vorn haben, stößt auf die spezifische
amerikanische Kultur des Fortschritts. Kurz ausgedrückt: Standortwettbewerb
ist im Kern Kulturwettbewerb, Wettbewerb zwischen den Gesellschaften, ihre
Einstellung zum Wandel, zum Fortschritt, zur Technologie und zur Erziehung.

Jeder, der unsere Standortdiskussion verfolgt, weiß, wie wichtig es für uns
Deutsche in unserer jetzigen Lage ist, auch auf diesem Gebiet dazuzulernen.
Nur wenn wir über unsere Grenzen hinausschauen, werden wir in der Lage sein,
das Richtige für unser Land zu tun. Aber es geht nicht nur um Wettbewerb. Die
UNO-Städtekonferenz in Istanbul hat gerade wieder verdeutlicht, wie sehr
unsere Welt zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden ist.

Kulturaustausch heißt in diesem Zusammenhang gemeinsames Nachdenken über
gemeinsame Lösungen, über eine Kultur des Überlebens, die Mensch und Natur,
Okönomie und Ökologie wieder in Übereinstimmung bringt. Auch deshalb ist der
Kulturaustausch eine so wichtige Zukunftsinvestition in den Standort
Deutschland. Deshalb darf unsere Diskussion über den Standort Deutschland
nicht allein auf das Wirtschaftliche verengt werden.

Meine Damen und Herren, Auswärtige Kulturpolitik ist eine Gemeinschaftsaufgabe
von Bund, Ländern, Wirtschaft und Gesellschaft. Es muß aber in der Praxis noch
deutlicher werden: Wenn wir den neuen Anforderungen vor dem Hintergrund
knappen Geldes gerecht werden wollen, kommen wir an einer neuen, innovativen
Bündelung der Kräfte nicht vorbei. Deshalb mein Anstoß zur Einberufung eines
Beirates für Auswärtige Kulturpolitik. Deshalb auch meine Initiative für eine
intensivierte Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft. Hier muß im
Interesse unseres Landes stärker an einem Strang gezogen werden. Die
kulturelle Ausstrahlung und Präsenz sind vom wirtschaftlichen Erfolg heute
nicht mehr zu trennen.

Ich denke zum Beispiel an engere Zusammenarbeit deutscher Verleger oder der
Filmindustrie mit dem Goethe-Institut. Ein gutes Beispiel ist das vom
Goethe-Institut und DIHT gemeinsam entwickelte Konzept der Förderung von
Deutsch als Wirtschaftssprache. Die Fulbright-Kommission ermöglicht für ihre
US-Stipendiaten im Zusammenhang mit der Wirtschaft Praktika nach Abschluß
ihres Studiums. Warum sollte eigentlich so etwas nicht auch in Deutschland
gelingen, ebenso wie das Marketing von Stipendienprogrammen.

Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten der engeren Zusammenarbeit; wir
müssen sie nur aufgreifen. Ein Beispiel ist die Nutzung der modernen Medien.
Die revolutionären Entwicklungen in den Bereichen Information und
Kommunikation stellen auch für die Auswärtige Kulturpolitik eine Zeitenwende
dar. Hörfunk und Fernsehen spielen eine immer größere Rolle. Darauf stellen
wir uns ein. Im September 1994 gab es dazu in Asien einen hochrangig besetzten
gemeinsamen Tisch. Gerade hier drängt sich doch fast zwingend die
Notwendigkeit einer konzertierten Aktion aller gesellschaftlichen Kräfte auf.

Das Auswärtige Amt und die Mittlerorganisationen haben auch die
Herausforderung des Internets angenommen und daraus ein breites Angebot
entwickelt. Es reicht von deutschlandkundlichen Informationen über
Lehrmaterialien, Lehrveranstaltungen, Fortbildungsprogrammen bis hin zur
Eingliederung der Büchereien der Goethe-Institute in den USA in den
amerikanischen Bibliotheksverbund. Ich finde, das sind interessante und gute
Beispiele, wie wir vernetzt auch international vorgehen können.

Eines jedenfalls ist klar: Wir können uns den Luxus früherer Jahre nicht
leisten, nämlich Politik, Außenwirtschaft und Auslandskulturarbeit
nebeneinander zu betreiben. Das wird weiter nicht möglich sein.

Wir müssen Querverbindungen schaffen, Querstreben einziehen und neue Kräfte
mobilisieren. Lassen Sie mich allerdings dazu eines klar sagen:
Instrumentalisierung oder Kommerzialisierung unserer Kulturarbeit kann und
darf nicht das Thema sein. Die Bundesregierung will nicht Goethe sozusagen vor
das "Made in Germany" spannen. Kultur
und Wirtschaft spiegeln als komplementäre Größen das neue Bild Deutschlands in
der Welt, und natürlich darf und soll Kultur nicht zum Hilfsmittel der
deutschen Exportwirtschaft werden. Eine Gängelung der Kultur widerspräche auch
dem Geist unserer Verfassung. Sie wäre kontraproduktiv, denn
nur dort, wo die Kultur Freiraum hat, entfaltet sie ihre volle Ausstrahlung.

Meine Damen und Herren, historische Chancen im neuen Europa, neue
Herausforderungen in Asien und Lateinamerika und dazu engere finanzielle
Spielräume, das verlangt klare Prioritäten, regional wie sektoral. Das heißt
Vorrang
für Sprachförderung in Mittel- und Osteuropa, in den
GUS-Staaten, Wissenschafts- und Forschungszusammenarbeit in Asien, Erhaltung
des gut ausgebauten Schulwesens in Lateinamerika.

Es geht um mehr als Sprache und Wissenschaftsbeziehungen. Kunst und Kultur
sind viel mehr, gehen weit darüber hinaus. Konzerte, Ballette,
Kunstausstellungen, Dichterlesungen ­ all das öffnet eigentlich erst die
Herzen der Menschen, schafft Sympathie, wie es kein anderes Medium vermag.

Wer dabei war, als der Leiter der Stuttgarter Bachakademie, Helmuth Rilling,
im August 1995 das Requiem der Versöhnung in Stuttgart aufgeführt hat, ein
Gemeinschaftswerk von 14 internationalen Komponisten, weiß, was ich meine. Ich
bin gegenwärtig mit Yehudi Menuhin im Gespräch über ein Konzert, das im
Oktober in Sarajevo stattfinden soll. Könnte man sich eine schönere
Friedensbotschaft für diese leidgeprüfte Stadt vorstellen? Auch in Zeiten
knapper Kassen dürfen wir deshalb nie vergessen: Gerade diese Art von
Kulturaustausch ist kein überflüssiger Luxus. Er spricht die Menschen an und
bewegt sie.

Meine Damen und Herren, auch die europäische Einigung hat nicht nur eine
politisch-wirtschaftliche, sondern auch eine geistig-kulturelle Dimension. Sie
ist der Schlüssel für das Zusammenwachsen der Herzen. Nur so kann dem
Nationalismus dauerhaft ein Riegel vorgeschoben werden. Deutschland trägt
dafür aus seiner Geschichte heraus eine besondere Verantwortung.

Das neue, ungeteilte Europa bietet unserem Land aber auch besondere Chancen,
gerade für Kultur und Sprache. Wir haben sie erkannt und nehmen sie wahr,
soweit es unsere Kräfte nur irgendwie erlauben. Dabei konnten wir ­ auch das
muß man einmal sagen ­ auf den großen Leistungen der Spracharbeit der
ehemaligen DDR aufbauen. Jeder polnische Germanistikstudent war ein Jahr in
der DDR. Insgesamt sind dort rund 30000 ausländische Akademiker ausgebildet
worden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst erfüllt hier eine große und
wichtige Aufgabe der Nachbetreuung.

Unsere zusätzlichen Anstrengungen in Mittel- und Osteuropa und in den
GUS-Staaten sind enorm. Der Anteil Mittel- und Osteuropas und der GUS-Staaten
am Kulturhaushalt wurde seit 1989 von sechs auf 16 Prozent gesteigert. Seit
1992 wurden 19 neue Kulturabkommen geschlossen. 13 neue Goethe-Institute und
zwei DAAD-Außenstellen haben in diesen Ländern ihre Arbeit aufgenommen. Der
DAAD hat 1995, oft nicht in der Bedeutung, die er hat, anerkannt, den
Austausch von 13500 Studierenden, Graduierten und Wissenschaftlern gefördert.
130 DAAD-Lektoren bilden Germanisten und Deutschlehrer aus. Es gibt sage und
schreibe 1300 Hochschulkooperationen.

Die Förderung der deutschen Sprache im Ausland ist und bleibt für die
Bundesregierung ein Schwerpunktanliegen. Denn die Sprache ist nun einmal bei
weitem der wichtigste Schlüssel der Tür zu fremden Kulturen. Im
zusammenwachsenden Europa, in einer eng zusammenrückenden Weltgemeinschaft
gewinnt sie weiter an Bedeutung.

Von den etwa 20 Millionen Menschen, die weltweit Deutsch lernen, leben rund
zwei Drittel in Mittel- und Osteuropa und den GUS-Staaten. Natürlich wird
Englisch auch dort seine Sonderstellung behalten. Aber Mehrsprachigkeit war
immer das besondere Markenzeichen europäischer Zivilisation. In der Regel ist
in dieser Region in den Schulen Deutsch hinter Englisch und vor Französisch
die Nummer zwei in der Sprachausbildung.

Die Mittel für die Förderung der deutschen Sprache wurden 1996 auf 73
Millionen D-Mark erhöht. Zugleich wurde die zeitliche Befristung des
Sonderprogramms aufgehoben. Die Nachfrage nach Deutschunterricht ist in diesen
Staaten wirklich so enorm, daß sie kaum gedeckt werden kann. 552 Lehrer sind
in die Region entsandt worden. Es fehlen nach den Anforderungen noch sage und
schreibe 1000. Ich möchte den Bundesländern von hier aus einmal sagen, daß wir
da gemeinsam, Bund und Länder, noch weit mehr tun müssen, aber auch tun können.

Meine Damen und Herren, wenn wir von den Nachfolgestaaten der ehemaligen
Sowjetunion sprechen, ist auch die Rückführung von Kulturgütern ein wichtiges
Thema für uns. Mit Rußland, der Ukraine und Georgien stehen wir in Gesprächen,
die wahrhaftig nicht einfach sind, aber es gibt Fortschritte. So hat uns die
georgische Regierung bei meinem dortigen Besuch vor kurzem zugesagt, 140000
Bücher zurückzuführen, die aus verschiedenen deutschen Bibliotheken stammen.
Sie sollen noch in diesem Jahr nach Deutschland zurückgebracht werden.

Ich glaube, daß man gerade hier im Deutschen Bundestag die Sensibilität dieses
Themas in allen angesprochenen Ländern versteht, und wir alle wissen sehr
genau, daß Geduld und Feinfühligkeit notwendig sind. Aber die betroffenen
Länder müssen wissen, daß das für uns eine wichtige Frage ist. Es geht nämlich
in diesem Zusammenhang ­ das muß man deutlich sagen ­ um Vertrauen, es geht um
Verläßlichkeit, und es geht auch um Freundschaft.

Die Trumpfkarte im Informationszeitalter ist ein hohes Bildungs-, Erziehungs-,
Wissenschafts- und Forschungsniveau. Dabei wird die internationale
Verflechtung immer wichtiger. Unsere Ausbildung muß sich weit stärker in die
internationale Entwicklung einfügen. Wir müssen bei unseren Studienangeboten
auch auf ausländische Standards und Erwartungshorizonte eingehen, sonst
geraten wir in die Isolierung.

In den USA studieren derzeit 450000 Ausländer, davon 82000 Chinesen. Zum
Vergleich: Bei uns sind es 5000 Chinesen. Ähnlich drastisch ist das Verhältnis
bei den japanischen Studenten: Auf 43000 in den USA kommen 1500 bei uns.
Ähnlich ist das Verhältnis bei den indischen Studenten: Es gibt 38000 in den
USA und nur 600 bei uns. Das muß uns zu denken geben.

Wir müssen natürlich auch darüber nachdenken, daß sehr oft die Besten nicht zu
uns kommen, sondern woanders hingehen. Das betrifft besonders den Bereich der
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gerade die Fächer, in denen
traditionell die Führungseliten ausgebildet werden. Wir müssen uns schon
fragen: Was bedeutet das für die Ausbildung des eigenen akademischen
Nachwuchses? Geht unsere Ausbildung an dem vorbei, was die heutige moderne
Welt verlangt?

Ich möchte damit niemanden auf die Anklagebank setzen und um Gottes willen
auch nicht unsere Hochschulen schlechtreden. Wir haben immer noch erstklassige
Voraussetzungen, erstklassige Hochschullehrer und erstklassige Forschung. Vier
Nobelpreisträger seit 1991 zeigen: Wir bringen immer noch Spitzenleistungen,
aber auf den Erfolgen der Vergangenheit können und dürfen wir uns nicht
ausruhen.

Wir brauchen im Hochschulbereich unbedingt eine stärkere Anpassung an die
internationalen Entwicklungen, und wir brauchen vor allem mehr Wettbewerb. In
den letzten Monaten hat es vielfältige Anstrengungen und Vorschläge des Bundes
und der Länder gegeben, wie die Internationalität unserer Hochschulen und die
internationale Kompatibilität ihrer Studiengänge ­ das ist mit das Wichtigste
­ und Abschlüsse gestärkt werden können.

Der Kollege Rüttgers und ich haben uns zu diesem Thema gemeinsam an die
Öffentlichkeit gewandt. Wir meinen, daß folgendes notwendig ist: die
Einrichtung spezieller internationaler zweisprachiger Studienangebote mit
internationalen Abschlüsssen als Pilotprojekte sowohl für deutsche als auch
für ausländische Studenten. Notwendig ist die Erweiterung des Konzepts
integrierter Studiengänge im Rahmen von Partnerschaften mit Hochschulen auch
in Übersee, insbesondere in Asien und Lateinamerika. Notwendig ist weiterhin
die Entwicklung maßgeschneiderter Aufbau- und Promotionsstudiengänge für
ausländische Studierende mit Bachelor-Abschluß.

Im Verhältnis zur Türkei ist uns ein wichtiger Fortschritt gelungen: Besonders
befähigte türkische Absolventen werden in Zukunft nach einer etwa zweijährigen
Studienzeit, in der bestimmte Studienleistungen nachgeholt werden müssen, mit
dem Ziel der Promotion an unseren Hochschulen zugelassen. Notwendig sind die
Entwicklung besonderer Pilotprojekte im Sinne von "Servicepaketen" für
ausländische Studierende mit sozialer, fachlicher und persönlicher Betreuung,
die Verstärkung des Gastdozentenaustausches und die Sicherstellung der
angemessenen Anerkennung deutscher Hochschulabschlüsse im Ausland.

Wir brauchen ­ bisher meinten wir, das nicht nötig zu haben, aber wir haben es
nötig ­ mehr Information und Werbung im Ausland, und wir brauchen
Verbesserungen im Bereich der deutschen Sprache als
Hochschulzugangsvoraussetzung. Briten und Franzosen haben dafür
standardisierte Prüfungsverfahren.

Schließlich brauchen wir ­ auch das müssen wir deutlich sagen ­ eine
Überprüfung der visa- und ausländerrechtlichen Regelungen für ausländische
Studierende. Wir müssen uns bemühen, ihnen das Hereinkommen und den Aufenthalt
hier zu erleichtern und nicht zu erschweren.

Ohne Anpassung unserer Bildungspolitik an die Realitäten des heutigen
weltweiten Wettbewerbs werden wir ins Hintertreffen geraten, wenn das nicht
schon geschehen ist, und deshalb muß schnell ein vernünftiges Paket geschnürt
werden. Das hat übrigens auch etwas mit Föderalismus zu tun und ist nicht in
erster Linie und allein Sache des Bundes.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie wissen es so gut wie ich: Auch in
umgekehrter Richtung des Hochschulaustausches gibt es Anlaß zur Sorge. Mit
weitem Abstand zu wenige deutsche Studenten studieren im Ausland, besonders in
Ländern außerhalb Europas und der USA. Die Gründe dafür sind vielfältig,
vielschichtig. Neben Problemen der Anerkennung ausländischer Studienzeiten bei
uns ist es oftmals auch mangelnde Mobilität, die viele junge Studierende vom
Auslandsaufenthalt abhält. Aber unsere Führungskräfte von morgen brauchen
Internationalität und Europafähigkeit, um den Herausforderungen gewachsen zu
sein, und Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen werden eben immer wichtiger.

Meine Damen und Herren, der Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa darf nicht dazu
führen, daß wir die Entwicklungen dort, wo sie am stürmischsten sind, in den
Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas, außer acht lassen. Staaten
wie Japan, Singapur und Korea sind hochinteressante Wissenschafts- und
Forschungspartner. Wir brauchen niemanden zu kopieren, aber lernen dürfen wir
allemal, zum Beispiel vom Bildungsbewußtsein, der Veränderungsbereitschaft,
der Disziplin und dem Arbeitsethos der dortigen Bevölkerungen.

Der DAAD hat 1995 Asien zum Schwerpunkt gemacht. Mit über 5500 geförderten
Studierenden und Wissenschaftlern rangiert Asien nach Westeuropa und Mittel-
und Osteuropa auf Platz 3. Die in diesem Jahr angelaufenen DAAD-Programme
bieten im Sinne des Asien-Konzepts der Bundesregierung eine Verknüpfung von
Hochschule, Industrie und Wirtschaft, zum Beispiel ein Austauschprogramm
zwischen dem DAAD und der Korea Science and Engineering Foundation.

Der im Austausch mit Japan überaus erfolgreiche Programmtyp "Sprache und
Praxis" kann jetzt auch in China angeboten werden. An der Tongji-Universität
in Schanghai wird der DAAD ein chinesisch-deutsches Hochschulkolleg mit den
Fächern Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sowie Jura einrichten, das
auf engste Wirtschaftskooperation ausgerichtet ist. An der Technischen
Hochschule Hanoi soll ein deutsch-vietnamesisches Zentrum zum
wissenschaftlich-technischen Austausch entstehen. In beiden Städten sind auch
neue Goethe-Institute geplant. Für Asien tun wir also wirklich etwas.

In Lateinamerika sind deutsche Sprache und Kultur durch die deutschen
Einwanderer seit Jahrhunderten tief verwurzelt. Lateinamerika erhält bereits
jetzt den größten Anteil der Mittel für die Dritte Welt. Nirgendwo sonst gibt
es ein so dichtes und effizientes Netz deutscher Auslandsschulen. Von 114
deutschen Schulen in aller Welt sind allein 37 mit über 40000 Schülern in
Lateinamerika. Unsere Auslandsschulen sind Zentren deutscher Kultur und
internationale Begegnungsstätten, und wer Schüler einer deutschen
Auslandsschule war, wird sein Leben lang normalerweise besondere Bindungen an
Deutschland haben.

Übrigens kommen diese Auslandsschulen auch der deutschen Wirtschaft und damit
dem Standort Deutschland zugute. Sie sind wichtig für den internationalen
Personaleinsatz deutscher Unternehmen.

Meine Damen und Herren, trotz der großen Sparzwänge wurde der Kulturhaushalt
1996 vom Rotstift doch wenigstens einigermaßen verschont. Auch von der im März
verfügten Haushaltssperre wurde er völlig freigestellt. Ich möchte dem
Haushaltsausschuß, den Berichterstattern und allen aus dem Hohen Hause für ihr
großes Verständnis und die Unterstützung meiner Bemühungen danken.

Natürlich haben die notwendigen Schwerpunktverlagerungen und
Rationalisierungen auch einige unliebsame Entscheidungen notwendig gemacht.
Fünf Goethe-Institute mußten wir schließen. Wie schwer uns das gefallen ist,
können Sie sich vorstellen. Es war ein nicht zu umgehender Schritt.

Die Bundesregierung ist aber entschlossen, bereits 1997 im Haushalt der
Mittlerorganisationen mit der Flexibilisierung Ernst zu machen, und wir wollen
auch auf Regierungsebene die Abläufe straffen. Eine bessere Zusammenführung
und Koordinierung der Kompetenzen in diesem Bereich tut not.

Meine Damen und Herren, wir wollen unserem Land in der Welt einen Platz
sichern, der den Wünschen und Hoffnungen unserer Bürger wie den berechtigten
Erwartungen unserer Nachbarn und Freunde entspricht. Dabei wird uns auch in
Zukunft die Auswärtige Kulturpolitik eine unentbehrliche Stütze sein. Sie hat
das internationale Vertrauen mit bewirkt, das uns die Wiedervereinigung
ermöglichte. Nach 1989 hat sie Europa und der Welt gezeigt, daß manche vorher
gehegten Sorgen unbegründet waren. Heute muß uns unter anderem auch die
Auswärtige Kulturpolitik helfen, in einer Welt im Wandel in weit größere
Verantwortung hineinzuwachsen.

Die Bundesregierung wird deshalb alle Anstrengungen unternehmen, um diese
Politik auch in Zukunft trotz aller Haushaltszwänge auf ­ das ist ganz
entscheidend ­ hohem Niveau fortzuführen. Dabei weiß sie sich von einem
breiten Konsens im Parlament und auch in der deutschen Öffentlichkeit
unterstützt.