- Bulletin 167-88
- 1. Dezember 1988
der bundesminister des innern, dr. friedrich
zimmermann, gab am 29. november 1988 vor der
presse in bonn zu den ergebnissen der volkszaehlung
1987 folgende erklaerung ab:
i.
am 25. mai 1987 war der stichtag der volkszaehlung.
nach achtzehn monaten sollten die ersten ergebnisse
der zaehlung bekanntgegeben werden.
ich freue mich, dass ich ihnen heute termingerecht die auf
grund der angaben der elf statistischen landesaemter
ermittelten eckwerte fuer das bundesgebiet insgesamt
vorstellen kann. diesen ersten ergebnissen werden in kuerze
zahlreiche veroeffentlichungen der statistischen aemter in
bund, laendern und gemeinden mit umfangreichen auswertungen
folgen.
die fuelle der mit der volkszaehlung 1987 gesammelten
daten ueber die einwohner der bundesrepublik deutschland,
die altersgliederung, die erwerbstaetigkeit und die berufe
der bevoelkerung, die feststellungen ueber gebaeude und
wohnungen sowie ueber betriebe und beschaeftigte werden dann
allen staatlichen und privaten stellen, die auf zuverlaessige
statistische planungs- und entscheidungsunterlagen
angewiesen sind, zur verfuegung stehen.
bevor ich mich zu den wichtigsten zaehlungsergebnissen
aeussere, zunaechst eine kurze politische wertung von
vorbereitung und durchfuehrung der volkszaehlung:
1.
an der volkszaehlung 1987 haben sich trotz zahlreicher
kritischer oeffentlich gefuehrter auseinandersetzungen
nahezu 100 prozent aller buergerinnen und buerger beteiligt.
die nichtteilnahmequote, falls man davon ueberhaupt
sprechen kann, liegt bundesweit unter 1 prozent. die
nichtteilnahmequote setzt sich nach den feststellungen der
statistischen aemter nicht etwa nur aus verweigerern oder
boykotteuren zusammen. vielmehr sind - wie bei allen
vorangegangenen volkszaehlungen - eine reihe von ein-
wohnern in der erhebungszeit wegen reisen, laengerer
urlaubsaufenthalte oder auf grund anderer umstaende
nicht erreicht worden. in diesen faellen wurde von der
im volkszaehlungsgesetz 1987 eingeraeumten moeglichkeit
der verwendung von melderegistereintragungen gebrauch
gemacht.
2.
den erfolg der volkszaehlung fuehre ich massgeblich darauf
zurueck, dass unsere mitbuergerinnen und mitbuerger viel
vernuenftiger sind als manche wahrhaben wollten. die
lebensgrundlagen einer gemeinschaft koennen nur dann
wirtschafts- und sozialpolitisch verantwortungsbewusst gestaltet
werden, wenn man weiss, wie viele menschen, in welchen
altersgruppen mit welchen berufen, in welchen orten leben
und taetig sind. durch eine offene und konsequente
aufklaerungsarbeit ist es der bundesregierung gelungen, die
bevoelkerung von der notwendigkeit der volkszaehlung zu
ueberzeugen.
3.
fuer den erfolg der volkszaehlung war deshalb massgebend,
dass die von der bundesregierung, von den landesregierungen,
von den statistischen aemtern und den gemeinden
geleistete oeffentlichkeitsarbeit entscheidend zu einem
besseren verstaendnis des zieles der volkszaehlung
beigetragen hat. spaetestens beim ausfuellen der fragebogen
wurde erkannt, wie harmlos die gestellten fragen
waren.
4.
die hauptlast der zaehlung vor ort trugen die ehrenamtlichen
zaehler. hunderttausende waren ehrenamtlich fuer ihre
mitbuerger unterwegs und haben die informationen gesammelt,
aus denen sich das zaehlwerk schliesslich zusammensetzt.
diesen buergerinnen und buergern gebuehrt ebenso wie den
mitarbeitern in den mehr als viertausend erhebungsstellen
im gemeindebereich dank und anerkennung.
5.
besonders danken darf ich allen gesellschaftlichen gruppen
und ihren repraesentanten, die mit ihrem votum fuer die
volkszaehlung die oeffentlichkeit nachdruecklich auf die
unverzichtbarkeit solider daten aufmerksam gemacht haben.
wichtig fuer den erfolg der volkszaehlung war, dass die
grossen parteien zusammengehalten haben und fuer die
volkszaehlung eingetreten sind. der bundespraesident hat mit
seiner klaren aussage zur notwendigkeit der volkszaehlung im
interesse aller sicher entscheidend zur versachlichung der
diskussion beigetragen.
ii.
die volkszaehlungsdaten haben vielfach ueberraschungen
ausgeloest und neue erkenntnisse aufgezeigt. nach den
zusammengestellten laenderdaten lauten die eckwerte wie
folgt:
1. einwohnerzahl
die einwohnerzahl der bundesrepublik deutschland betraegt
zum stichtag der volkszaehlung am 25. mai 1987
61082800. das sind 71000 oder 0,1 prozent weniger als
die fortschreibung ausgewiesen hatte. gegenueber der
letzten volkszaehlung 1970 hat zwar noch eine geringfuegige
zunahme um 432000 oder 0,7 prozent stattgefunden.
diese zunahme resultiert aus der stark gestiegenen zahl
der in der bundesrepublik deutschland lebenden auslaender.
die zahl der deutschen ist dagegen von 58,2 millionen im
jahr 1970 auf 56,9 millionen 1987 zurueckgegangen. das
sind fast 1,3 millionen deutsche weniger.
im laendervergleich zeigen sich zum teil erhebliche
unterschiede in der bevoelkerungsentwicklung. so verzeichnet
berlin eine zunahme der bevoelkerung um 7,1 prozent
gegenueber schleswig-holstein mit einem rueckgang von
2,2 prozent.
2. zahl der auslaender
die zahl der auslaender stieg seit 1970 von 2,4 millionen auf
4,1 millionen, das ist eine steigerung von rund 70 prozent.
ihr anteil an der gesamtbevoelkerung liegt jetzt bei 6,8
prozent gegenueber 4 prozent im jahr 1970. zu beruecksichtigen
ist, dass sich die auslaenderzahl seit dem stichtag der
volkszaehlung 1987 bis zum 30. juni dieses jahres um
weitere 182000 erhoeht hat.
3. altersaufbau der bevoelkerung
teilweise erhebliche veraenderungen haben sich im
altersaufbau der bevoelkerung ergeben. der anteil der unter
15jaehrigen ist von 23 prozent im jahr 1970 auf 15 prozent
im jahr 1987 zurueckgegangen. in der altersgruppe der 15-
bis unter 65jaehrigen ist eine zunahme von 64 prozent auf
70 prozent zu verzeichnen. auch der anteil der aelteren
mitbuerger von 65 und mehr jahren hat sich von 13 prozent
auf 15 prozent erhoeht.
4. zahl der wohnungen
die zahl der wohnungen betraegt zum 25. mai 1987
26276 100. das bedeutet gegenueber der letzten gebaeude-
und wohnungszaehlung im jahr 1968, also vor 20 jahren,
eine zunahme um rund 35 prozent. die bisherigen
fortschreibungswerte, die noch auf diesen alten zahlen
aufbauten und deshalb relativ ungenau waren, muessen deutlich
um 3,8 prozent, das heisst um rund 1 million nach unten
korrigiert werden.
5. zahl der beschaeftigten
mit 26975700 ist die in der arbeitsstaettenzaehlung ermittelte
zahl der beschaeftigten oder genauer: die zahl der
beschaeftigungsverhaeltnisse um gut 10 prozent gegenueber 1970
gestiegen. deutlich ausgepraegt ist der hohe anteil des
dienstleistungsbereichs, wo sich die beschaeftigungszahlen
von 1970 bis 1987 nahezu verdoppelt haben.
iii.
zusammenfassend bestaetigen allein schon die wenigen hier
genannten eckwerte, dass die volkszaehlung dazu veranlasst,
bestimmte grundannahmen fuer die bewaeltigung politischer
problemfelder in einem anderen licht zu sehen oder neu zu
ueberdenken.
das gilt fuer fragen des finanzausgleichs mit seinen
weittragenden folgen fuer die finanzausstattung der
gebietskoerperschaften ebenso wie fuer den zuschnitt der
wahlkreise. das gilt in gleicher weise aber auch fuer die
schwerpunktthemen der nach den grundsaetzen sozialpolitischen
handelns ausgerichteten politik der bundes- und
landesregierungen.
ich nenne beispielsweise den wohnungsbau, die wirtschaftliche
strukturpolitik mit den dynamischen veraenderungen in
der struktur der arbeitsstaetten- und beschaeftigtenzahlen
einschliesslich der entwicklung der teilzeitbeschaeftigung
sowie die sozialpolitik im weitesten sinne.
besonders hinweisen moechte ich aber auch auf die bereiche
der innenpolitik, fuer die ich persoenlich verantwortung
trage. betroffen sind hier vornehmlich fragen der
auslaenderpolitik. die jetzt vorliegenden zahlen unterstreichen
die notwendigkeit der anstehenden novellierung des
auslaenderrechts.
die vorgelegten strukturdaten sind aber auch fuer die
bewertung der auswirkungen abnehmender bevoelkerungszahlen
und die aenderungen der altersstruktur fuer eine langfristige
politik massgeblich, die die bereitschaft und den willen zum
ausdruck bringt, verantwortung fuer die nachfolgenden
generationen zu tragen.
nach dieser generalinventur liegen jetzt klare und
unanfechtbare zahlen auf dem tisch. wirtschaft, verwaltung und
politik verfuegen nun ueber nachpruefbare planungsgrundlagen.
die qualitaet und aussagekraft der volkszaehlungsdaten
sind mit gut zu bewerten. sie entsprechen den ergebnissen
der volkszaehlung von 1970.
die volkszaehlungsgegner haben ihr ziel verfehlt und
konnten den erfolg der volkszaehlung nicht gefaehrden. der
volkszaehlungsboykott war zum scheitern verurteilt. die gerichte
haben die rechtmaessigkeit der vorschriften bestaetigt. das
volkszaehlungsgesetz und die durchfuehrung haben sich
bewaehrt.