- Bulletin 96-96
- 26. November 1996
Bundespräsident Roman Herzog hielt anläßlich der Verleihung des Silbernen
Lorbeerblattes an die Medaillengewinner der Olympischen Sommerspiele und der
Sommer-Paralympics in Atlanta 1996 im Gästehaus Petersberg bei Bonn am 11.
November 1996 folgende Ansprache:
Herr Bundeskanzler,
Herr Bundesminister,
meine Damen und Herren,
heute geht es mir gut. Denn ich genieße heute ein Privileg, das man selten
hat. Ich bin unter lauter Siegern. 232 sind
heute unter uns – wobei ich nur an die sportlichen Siege denke. Ich sage
Ihnen allen ein herzliches Willkommen auf dem Petersberg. Ich freue mich,
Ihnen einmal persönlich zu begegnen. Die meisten von Ihnen kenne ich bisher
nur vom Bildschirm. Mit Ihnen habe ich im Sommer gehofft und gebangt.
Zugegeben, ich hatte dabei den etwas bequemeren Teil. Ich konnte die Krawatte
ausziehen, mich in den Sessel setzen und gemütlich den Wettkämpfen zusehen.
Aber Sie dürfen überzeugt sein, daß ich mehr als einmal dem Schlaganfall nahe
war.
Die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics haben unendlich viele
Menschen rund um den Globus in ihren Bann geschlagen. Genauer gesagt: – man
muß das ja immer personifizieren – Sie, die Sportler, haben uns in Ihren Bann
geschlagen. Und in Deutschland war – das wird wohl keine Übertreibung sein –
die ganze Nation in Gedanken bei Ihnen. Ihre Leistung und Ihr Kampfgeist haben
uns mitgerissen. Die Bereitschaft von Spitzenathleten, sich mit Disziplin und
unendlich vielen Entbehrungen einen Platz auf dem Siegertreppchen zu
erkämpfen, ist ein faszinierendes Phänomen und sicher auch ein Grund dafür,
daß Olympia buchstäblich alle Menschen begeistert und fasziniert.
Die olympische Idee, die oft totgesagt worden ist und wahrscheinlich auch in
der nächsten Generation noch totgesagt werden wird, hat dabei gezeigt, daß sie
nicht tot ist. Und weil ich auch olympische Tugenden praktizieren möchte, will
ich sagen: die Leistung derer, die keine Medaillenränge erreicht haben, ist
für mich nicht minder bemerkenswert, ob auf dem undankbaren vierten Platz oder
noch weiter hinten.
Es ist ja ganz bezeichnend für uns, wie wir denken und wie wir reden. Wir
sprechen vom "undankbaren vierten Platz". In Wirklichkeit sind wir es, die
undankbar sind, nicht der Platz. Denn vierter oder fünfter in der
Weltkonkurrenz zu werden, ist auch eine großartige Sache. Ich habe mir gerade
hierbei überlegt, wie froh ich wäre, wenn ich von mir sagen könnte, in
irgendeiner Sache sei ich auf der Welt der Viert- oder Fünftbeste. Das kann
auch nicht jeder von sich sagen. Seien Sie also herzlich willkommen. Sie sind
in großer Anzahl erschienen. Die Zahl 232 habe ich vorher schon genannt. Alle
bekommen Sie das Silberne Lorbeerblatt. Wenn Sie weiter so machen, dann werden
in vier Jahren die Silberbestände der Deutschen Bundesbank aufgebraucht sein.
Aber das macht nichts. Darüber soll sich Herr Tietmeyer Sorgen machen.
Ich möchte noch einen mehr technischen Hinweis geben, bevor wir zur "Tat"
schreiten. Dank der freundlichen Mithilfe des Westdeutschen Rundfunks, insbesondere
von Heribert Faßbender,
werden wir jede Sportart mit einer kleinen Rückblende auf Atlanta erleben. Das
wird uns auch emotional etwas einstimmen. Aber es kann auch Schwierigkeiten
geben. Denn natürlich kann dabei nur jeweils ein Sportler oder eine Sportlerin
gezeigt werden. Aber Sie stehen für alle anderen – auch wenn wir am liebsten
jeden in Aktion sehen würden. Und Sie werden neben der Leistung, die Sie in
Atlanta gezeigt haben, weitere Punkte nachweisen können,
nämlich Stehvermögen. Denn nach dem ersten optischen Zwischenspiel, das jetzt
kommt, wird auch noch der Herr Bundeskanzler reden.